Sonntag, 28. Dezember 2025

KINDS OF KINDNESS (Giorgos Lanthimos, 2024)

If all the conditions are to be met then I ought to be dead.

Meine dritte Begegnung mit Lanthimos ist die bisher verstörendste. Über die Laufzeit von drei Stunden werden drei Geschichten erzählt, in denen jeweils diesselben Darsteller in unterschiedlichen Rollen auftreten und die über die mysteriöse Figur des R.M.F. lose miteinander verbunden sind. Die Episoden stellen die Themen Abhängigkeit, Kontrolle und Machtausübung in den Mittelpunkt, und zwar in Bezug auf den Arbeitgeber in der ersten, in Bezug auf Liebe in der zweiten und in Bezug auf Religion in der dritten Geschichte. Im Grunde also die zentralen Themen, die die Menschheit seit Jahrhunderten beschäftigen.

Während mich Poor Things phasenweise stark an Tim Burtons Filme erinnerte, kam mir bei Kinds of Kindness eher David Lynch in den Sinn, dessen Filme oft ebenso rätselhaft und verstörend sind wie die des Griechen. Lanthimos ist ein moderner Märchenerzähler und so wie die klassischen Märchen die Leser universelle Wahrheiten über das Leben lehren, geben auch seine Parabeln dem Zuschauer etwas mit, über das er nachdenken kann. Wirklich verstehen muss man das alles nicht und Lanthimos macht sich auch gar nicht die Mühe, alles bis ins Detail erklären zu wollen. Vielmehr wirft er dem verdutzten Zuschauer die Puzzleteile vor die Füße, die dieser dann gefälligst selbst zusammensetzen soll, mit dem Handicap, dass ein paar entscheidende Stücke fehlen. Schon der Titel ist ein Hohn. Wenn es etwas in Kinds of Kindness nicht gibt, dann sind das nette, sympathische Menschen. 

Neben einem wie immer gut aufgelegten Willem Dafoe und der bei Lanthimos omnipräsenten Emma Stone, die so etwas wie seine Muse zu sein scheint, kann vor allem der wandlungsfähige Jesse Jemons überzeugen. Ähnlich bizarr wie die Handlung ist die musikalische Untermalung von Jerskin Fendrix, die vorwiegend aus einzelnen Klaviertönen und kurzen Chorakkorden besteht. Für die Kamera war wie auch bei Lanthimos' vorherigen Filmen Robbie Ryan zuständig, der das Geschehen einmal mehr in ausgesprochen schöne Bilder kleidet.

Freitag, 26. Dezember 2025

HARD EIGHT (Paul Thomas Anderson, 1996)

This is a very fucked-up situation here.

Paul Thomas Anderson trat ins Blickfeld der Cineasten mit einem Paukenschlag. Hard Eight, der auch unter den Titeln Last Exit Reno und Sydney bekannt ist, ist ein echtes Brett. Eine faszinierende Charakterstudie mit einem überragenden Philip Baker Hall in der Hauptrolle, mit dem Anderson fortan noch mehrfach zusammenarbeiten sollte. Ebenso wie mit John C. Reilly und dem wunderbaren Philip Seymour Hoffman, der hier in einer Nebenrolle zu sehen ist. Und wie immer freute ich mich über das Wiedersehen und gleichzeitig machte mich der Gedanke an seinen tragischen Tod traurig, denn meiner Meinung nach handelte es sich um einen der begnadetsten Schauspieler seiner Zeit. Sehr schade, dass er nicht mehr unter uns weilt.

Im Zentrum des Films steht die anfangs rätselhafte Beziehung zwischen dem erfahrenen und gut situierten Spieler Sydney und dem heruntergekommen, völlig abgebrannten John, der versucht, 6.000 $ für die Beerdigung seiner Mutter zusammenzubringen. Warum Sydney sich überhaupt für John interessiert und ihn unter seine Fittiche nimmt, wird erst im Laufe der Handlung Stück für Stück enthüllt. Zwischen den beiden ungleichen Männern entwickelt sich so im Laufe der Zeit eine tiefe Freundschaft, wobei Sydney wie eine Art Vaterfigur für John agiert. Gegen Ende spitzen sich die Geschehnisse zu und die Handlung nimmt ordentlich Fahrt auf. Die für Andersons Verhältnisse vergleichsweise kurze Spieldauer trägt dazu bei, dass man als Zuschauer stets am Ball bleibt, auch wenn das Drehbuch nicht in jeder Hinsicht überzeugen kann. Diese kleine Schwäche machen die wunderbaren Darsteller aber locker wett. Insgesamt ein sehr beachtliches Debut eines der interessantesten Regisseure der Gegenwart. 

Donnerstag, 25. Dezember 2025

LE COMTE DE MONTE-CRISTO (Matthieu Delaporte & Alexandre de La Patellière, 2024)

Gut gemachte Verfilmung des berühmten Dumas-Romans mit überzeugenden Darstellern und authentisch wirkenden Sets. Pierre Niney in der Titelrolle macht seine Sache ausgesprochen gut und die bezaubernde Anaïs Demoustier verfügt über eine charismatische Ausstrahlung. 

Die Laufzeit ist mit drei Stunden für meinen Geschmack etwas lang geraten, wobei das Beziehungsgeflecht der handelnden Personen natürlich eine gewisse Zeit für die Entfaltung benötigt. Dennoch gibt es speziell in der Phase der Racheplanung die ein oder andere Länge, doch zum Finale hin wird das Tempo wieder merklich angezogen. Beim Drehbuch wurde die Grundstruktur des Romans beibehalten, wobei sich das Autorenteam in den Details doch eine Menge Freiheiten nahm. Unter dem Strich eine weitere unterhaltsame Umsetzung der hinlänglich bekannten Vorlage, die die Welt aber auch nicht unbedingt gebraucht hätte. Schöne Feiertagsunterhaltung allemal.

Samstag, 20. Dezember 2025

OUTLAWS AND ANGELS (JT Mollner, 2016)

You see, Christ forgives...but I don't.

Normalerweise hätte ich um einen Film mit dem bescheuerten Titel Outlaws and Angels einen weiten Bogen gemacht. In dem Fall handelt es sich allerdings um das Regiedebut von JT Mollner, dessen Strange Darling kürzlich von mir wohlwollend rezipiert wurde, und auch das gelungene Drehbuch zu The long Walk stammt aus seiner Feder. Die Kritiken waren Outlaws and Angels alles andere als wohlgesonnen. Bei der von mir sehr geschätzten Plattform Rotten Tomatoes kommt der Film auf einen erbärmlichen Score von 30%. Und doch hatte ich eine Menge Spaß während der zwei Stunden, wozu sicherlich auch die Tatsache beigetragen hat, dass ich die Sichtung wieder einmal völlig unvorbereitet angegangen bin und keine Ahnung hatte, was mich erwarten würde. 

Was zu Beginn noch wie ein 0815-Western anmutet (eine Bank wird überfallen, es gibt Tote, auf die Bankräuber wird ein Kopfgeld ausgesetzt, diese fliehen durch die Wüste, Kopfgeldjäger heften sich an ihre Fersen), wandelt sich schnell in ein spannendes, mit zahlreichen überraschenden Wendungen aufwartendes Rache-Drama mit einem deftigen Gewaltgrad und deutlichen Anleihen beim klassischen Spagetti-Western. Die Darsteller sind mir allesamt unbekannt, machen ihre Sache aber sehr gut. Clint Eastwoods Tochter Francesca, die sich im Laufe der Handlung zur zentralen Figur der Geschichte wandelt, kann nicht nur mit optischen Reizen überzeugen, sondern vor allem mit einer tollen Ausstrahlung. Wie bei Strange Darling ist auch hier der inspirierende Einfluss Quentin Tarantinos  spürbar, auch wenn dieser natürlich nichts mit der Filmproduktion zu tun hatte. JT Mollner ist ganz offensichtlich ein großer Fan des Filmemachers auch Tennessee und das merkt man dem Film zu jeder Zeit an.

Unter dem Strich ein sehr kurzweiliges Vergnügen und gute Unterhaltung an einem verregneten Samstagabend.

Montag, 15. Dezember 2025

THE LONG WALK (Francis Lawrence, 2025)

Anyone can win.

Stephen Kings unter seinem Pseudonym Richard Bachmann 1979 veröffentlichter Roman hat mich schon als junger Mann so begeistert, dass ich das Buch seinerzeit innerhalb weniger Stunden verschlungen habe. Insbesondere aufgrund der Tatsache, dass die Geschichte mit wenig Aufwand filmisch umgesetzt werden kann, ist es erstaunlich, dass es 45 Jahre gedauert hat, bis sich jemand an die Umsetzung machte.

Die Geschichte ist schnell erzählt: in einem dystopischen Amerika der Zukunft, das nach einem zermürbenden Bürgerkrieg verbunden mit wirtschaftlichem Niedergang inzwischen eine Militärdiktatur ist, wird jährlich der lange Marsch veranstaltet, an dem 50 junge Männer teilnehmen. Sie müssen eine Mindestgeschwindigkeit von 3 Meilen pro Stunde einhalten. Wer diese unterschreitet, erhält eine Verwarnung. Wird die Mindestgeschwindigkeit eine Stunde lang eingehalten, wird eine Verwarnung gestrichen. Bei drei Verwarnungen erhält der Deliquent das Ticket, wobei dies die euphemistische Umschreibung eines Kopfschusses ist. Es gibt keine Ziellinie. Die Teilnehmer marschieren so lange bis nur noch einer übrig ist.

Bei der Umsetzung bewegte sich Lawrence sehr nah an der Vorlage, wobei die "vier Musketiere" - eine Gruppe, die sich zu Beginn des Marsches dahingehend verabredet, sich gegenseitig zu helfen - hier natürlich, dem Zeitgeist geschuldet, multiethnisch zusammengesetzt ist. Auch die Hintergrundgeschichten der einzelnen Personen wurden etwas angepasst. Deutlich geändert wurde hingegen das Ende, was bedauerlich ist, denn dieses ist nicht schlüssig und erkennbar dem Bemühen geschuldet, den Zuschauer überraschen zu wollen. Abgesehen davon gibt es nichts zu bemängeln. Lawrence ist ein fesselnder und sich mit fortschreitender Spieldauer immer weiter zuspitzender Film gelungen, dessen Faszination in erster Linie aus der Figurenkonstellation und der sich daraus ergebenden Gruppendynamik erwächst. Für mich eine der bisher besten King-Verfilmungen, die es einem leicht macht, über das nicht so gelungene Ende großzügig hinwegzusehen.

Donnerstag, 11. Dezember 2025

POOR THINGS (Giorgos Lanthimos, 2023)

Why keep it in my mouth if it is revolting?

Eine ebenso originelle wie witzige Frankenstein-Variante um die nach ihrem Suizid wiederbelebte Bella, die von dem brillanten Chirurgen Godwin Baxter mit dem Hirn ihre ungeborenen Babys ausgestattet wurde. Lanthimos macht daraus einen optisch bisweilen stark an Tim Burton erinnernden Selbstfindungstrip der zu Beginn der Handlung auf dem geistigen Niveau eines Säuglings befindlichen Bella, nachdem es ihr gelungen ist, aus ihrer Gefangenschaft auszubrechen und das Anwesen Baxters zu verlassen, das Lanthimos wie eine Märchenwelt gestaltet hat und von bizarren Kreaturen bewohnt wird. Im Laufe ihrer Reise trifft sie auf verschiedene Männer, die alle auf die ein oder andere Weise von ihr Besitz ergreifen und sie wieder einsperren wollen. Ihre Freiheit findet sie, indem sie sich in einem Pariser Bordell prostituiert, was ihr die Möglichkeit gibt, ihre starken sexuellen Begierden auszuleben und dafür auch noch Geld zu kassieren.

Die (aus Bellas Sicht) triste Welt des Baxter-Anwesens stellt Lanthimos in Schwarzweiß-Bildern dar, während die große unbekannte Welt in knallig bunten Farben erstrahlt. Dabei kommen wieder viele optische Spielereien zum Einsatz wie die häufige Nutzung des Fischaugen-Objekts oder stark eingeschränkte Blickwinkel. Dies wirkt selbstzweckhaft und hat in den wenigsten Fällen einen Bezug zur Handlung, sondern scheint in in erster Linie dem Bemühen geschuldet, einen eigenständigen Stil zu kreieren. Dies äußerst sich auch in der Wahl des europäischen Widescreen-Bildformats von 1,66:1, das heutzutage kaum noch Verwendung findet.

Neben allem Humor ist Poor Things zutiefst femministisch und gleichzeitig eine Absage an zweifelhafte Traditionen und aus Sicht eines Kleinkindes nicht nachvollziehbarer Benimm- und Anstandsregeln. Sämtliche Männer, die Emma im Laufe ihrer Reise trifft, wollen entweder Sex mit ihr oder streben danach sie zu besitzen. Die einzig rühmliche Ausnahme bildet Godwins Schüler Max McCandles, der aufrichtige Gefühle für Emma empfindet und sie heiraten möchte. Am Ende lernt sie das personifizierte Böse in Person des Generals Alfred Blessington kennen und erfährt schließlich auch den Grund für ihren Selbstmord.

Darstellerisch kann neben Emma Stone (Oscar-prämiert) in der Hauptrolle vor allem Willem Dafoe als Emmas Schöpfer überzeugen. Sein äußerlich entstellter, mit einem brillanten Geist ausgestatteter Godwin Baxter ist ein faszinierender Charakter mit unbändiger schöpferischer Kraft, der gottgleich über Leben und Tod entscheidet, dabei aber unverkennbar starke Vatergefühle für die Krone seiner Schöpfung, Bella, hegt. Lobenswert auch unbedingt die tolle Kamera-Arbeit des Iren Robbie Ryan, die die Handlung in opulenten, farbenprächtigen Bildern erstrahlen lässt und von dem eingewilligen Score von Jerskin Fendrix treffend untermalt wird, mit dem Lanthimos hier erstmals zusammenarbeitete.

Donnerstag, 4. Dezember 2025

WARFARE (Alex Garland & Ray Mendoza, 2025)

Look For The Blood And The Smoke!

Für seinen neuesten Film hat sich Alex Garland erneut Unterstützung beim Navy-Seal-Veteranen Ray Mendoza geholt, der den Briten bereits bei Civil War als militärischer Berater unterstützt hat. Dessen Erlebnisse während eines Einsatzes im Irakkrieg verarbeiteten die beiden zu einem Drehbuch, das die Grundlage für Warfare bildete. Der Film erzählt in Echtzeit, basierend auf den Erinnerungen der überlebenden Beteiligten, von einem Einsatz in der irakischen Stadt Ramadi vor knapp 20 Jahren, in dem sich eine Einheit der Navy Seals einem koordinierten irakischen Angriff ausgesetzt sieht und versucht, lebend aus dem besetzten Wohnhaus zu entkommen.

Warfare bietet einen extrem realistischen und äußerst intensiven Einblick in den Überlebenskampf der kleinen Gruppe und macht deren Schmerzen und Ängste für den Zuschauer beinahe physisch spürbar. Der komplette Verzicht auf eine musikalische Untermalung trägt ebenso zur hohen Authentizität bei wie die ständigen Schmerzens- und Verzweiflungsschreie der verletzten Soldaten. Dazu gibt es die üblichen Zutaten wie wacklige Kamera-Aufnahmen und zahlreiche Spielereien mit den Soundeffekten, die beispielsweise die Explosion einer Handgranate in unmittelbarer Nähe greifbar machen. Die Idee ist grundsätzlich nicht neu, verfolgte doch Ridley Scott mit Black Hawk Down anno 2001 einen sehr ähnlichen Ansatz, wenn auch nicht ganz so konsequent und auf das Wesentliche reduziert wie Garland, obwohl - das gehört auch zur Wahrheit - Black Hawk Down der deutlich bessere Film ist.

Politische Hintergründe, Fragen nach gut und böse und die zeitliche Verortung der Geschehnisse spielen keine Rolle. Es ging Garland ausschließlich darum, den Zuschauer möglichst intensiv an den Erlebnissen der Soldaten teilhaben zu lassen, und diese Rechnung geht auf. Nicht zuletzt aufgrund der knackig kurzen Spielzeit von 95 Minuten bietet Warfare ein äußerst intensives und ebenso mitreißendes wie schockierendes Filmerlebnis, das man so schnell nicht wieder vergisst.  

THE MENU (Mark Mylod, 2022)

I don't like your food.

Der Brite Mark Mylod ist hauptsächlich als Fernsehregisseur tätig mit gelegentlichen Ausflügen ins Kino. Keiner seiner bisherigen Filme sagt mir etwas, was nicht zuletzt vermutlich auf die Tatsache zurückzuführen ist, dass ich um Komödien für gewöhnlich einen großen Bogen mache. Nun weist The Menu zwar auch eine Reihe komödiantischer Elemente auf, ist aber eher im Bereich der Satire zu verorten.

Ralph Fiennes dominiert den Film mit einer mitreißenden Performance als wahnsinnig gewordener Meisterkoch, der seine Gäste zu einem Dinner eingeladen hat, bei denen sie selbst unwissentlich Teil des Desserts werden sollen. Das hat durchaus einen gewissen Unterhaltungswert, doch war mir das alles zu konstruiert. Die beteiligten Charaktere bedienen die gängigen Klischees und sind allesamt unsympathisch, lediglich die Escort-Dame Margot, die erkennbar mit dem Ambiente und dem Essen fremdelt, bietet Indentifikationspotential. Witzigerweise ist sie es auch, die der Situation durch einen brillanten Einfall als Einzige entkommt.

Auch wenn die Idee ganz nett ist, bietet The Menu allenfalls biedere Unterhaltung für einen langweiligen Abend. Unter dem Strich ein recht belangloses Filmchen, das keinen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen vermag. Da schaue ich mir lieber zum zwanzigsten Mal Murder by Death an.