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20 August 2026

PER QUALCHE DOLLARO IN PIU (Sergio Leone, 1965)

Alive or dead? It's your choice. 

Höher, schneller, weiter: Nach dem ungeachtet seiner Klasse eher spartanischen Per un pugno di dollari geht Per qualche dollaro in più in jeder Hinsicht einen Schritt weiter – wie schon der Titel nahelegt. Das dreimal so hohe Budget, das Leone nach dem Erfolg des Vorgängers zugestanden wurde, ermöglichte aufwändigere Sets, abwechslungsreichere Locations, bessere Effekte, größer angelegte Schießereien und insgesamt deutlich mehr Action.

Clint Eastwood tritt erneut in einer nahezu identischen Rolle auf, diesmal jedoch nicht mehr als bloßer Opportunist, sondern als eiskalter Kopfgeldjäger. Ihm zur Seite stellt Leone den von Lee Van Cleef verkörperten Colonel Mortimer – einen gleichermaßen kompetenten, aber moralisch anders motivierten Partner. Zwar ist auch Mortimer Kopfgeldjäger, doch sein eigentliches Ziel ist Rache aus familiären Gründen. Die berühmte Taschenuhr fungiert dabei als zentrales Bindeglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart und wird immer wieder geschickt als dramaturgisches Gimmick eingesetzt, um Spannung zu erzeugen. Ihre Funktion als akustisches Signal ist ein Paradebeispiel für Leones Fähigkeit, Requisiten erzählerisch aufzuladen.

Bei allem Zynismus und aller Brutalität kommt auch der Humor nicht zu kurz – ein wichtiges Element in Leones Schaffen, das auch bei den beiden folgenden Western eine bedeutende Rolle spielen sollte. Das Drehbuch verfasste Leone diesmal gemeinsam mit Luciano Vincenzoni, dessen Gespür für pointierte Dialoge und klare Figurenzeichnung dem Film spürbar zugutekommt.

Auch atmosphärisch macht Per qualche dollaro in più einen großen Sprung nach vorn. Morricones Score ist deutlich abwechslungsreicher als der des Vorgängers und integriert erneut typische Elemente wie Flöten, Maultrommeln und Alltagsgeräusche. Die symbiotische Verbindung zwischen Bild und Ton erreicht hier eine neue Qualität: Morricones Musik kommentiert nicht nur das Geschehen, sondern strukturiert es, steigert die Spannung und verleiht den ikonischen Bildern eine unverwechselbare emotionale Tiefe. Diese Zusammenarbeit zwischen Leone und Morricone – zwei Römern, die sich gegenseitig künstlerisch beflügelten – ist in dieser Form einzigartig

Der Showdown schließlich, inszeniert wie ein Duell in einer Arena, ist grandios. Die wechselnden Close-Ups, die kreisende Kamera, die sich stetig steigernde Spannung und Morricones Crescendo bilden ein audiovisuelles Finale, das bereits alle Qualitäten enthält, die man gemeinhin mit Leones Western verbindet. In dieser Disziplin kann ihm niemand das Wasser reichen.

Wenn Per un pugno di dollari das Genre des Spaghetti-Western begründete, wirkte Per qualche dollaro in più wie ein Katalysator. Er reaktivierte die ins Stocken geratene Karriere Lee van Cleefs, machte Klaus Kinski einem größeren Publikum bekannt (der daraufhin in diversen weiteren Italo-Western mitspielte), katapultierte Clint Eastwood endgültig zum Weltstar und etablierte Leone als meisterhaften Regisseur, der hier sein erstes voll ausgeformtes Meisterwerk ablieferte. Drei weitere sollten folgen.

11 August 2026

PER UN PUGNO DI DOLLARI (Sergio Leone, 1964)

Get three coffins ready!

Mit Per un pugno di dollari hat Sergio Leone - damals noch unter dem Pseudonym Bob Robertson - Filmgeschichte geschrieben. Sein erster Western, nachdem er drei Jahre zuvor mit dem Sandalenfilm Il colosso di Rodi einen Achtungserfolg verbuchen konnte, entfaltete einen derart prägenden und nachhaltigen Einfluss auf das Western‑Genre wie nur wenige Filme vor ihm. Leone definierte nicht nur die Ästhetik des Westerns neu, sondern schuf zugleich die Grundlage für ein ganzes Sub‑Genre.

Schon die äußerst gelungene Pop‑Art‑inspirierte Eröffnungssequenz, gestaltet von Iginio Lardani, macht klar, dass hier kein gewöhnlicher Western beginnt. Die grafisch‑abstrakten Silhouetten, die harte Farbgebung und die rhythmische Montage brechen bewusst mit den Konventionen des klassischen US‑Western. Unterlegt von Ennio Morricones atmosphärischem Score, durchsetzt mit zahlreichen Schussgeräuschen, wird die stilistische Richtung des gesamten Films schon vorgegeben. Leone kündigt bereits hier den radikalen Bruch mit Hollywoods Traditionen an, einen Bruch, der sich wie ein roter Faden durch den Film zieht und den Spaghetti‑Western als neue, eigenständige Form des Westerns etablieren sollte.

Doch der Einfluss des Films reicht weit über das Genre hinaus. Clint Eastwood, bis dahin ein eher unauffälliger Seriendarsteller, wurde durch seine Darstellung des unrasierten, wortkargen Antihelden mit Poncho zum Weltstar. Ennio Morricone etablierte sich mit seinem innovativen, experimentellen Score als einer der bedeutendsten Filmkomponisten der Geschichte. Und Sergio Leone selbst legte mit diesem Film den Grundstein für eine zwar kurze, aber außergewöhnlich einflussreiche Karriere, während der er ein Meisterwerk nach dem anderen schuf.

Natürlich ist Per un pugno di dollari nicht frei von Mängeln. Die Handlung übernimmt Leone nahezu vollständig aus Akira Kurosawas Yojimbo, was nach der Veröffentlichung zu einer Copyright‑Klage führte, die er verlor. Auch das Budget von gerade einmal 200.000 Dollar erlaubte keinen großen Produktionsaufwand. Doch Leone nutzte die begrenzten Mittel mit bemerkenswerter Kreativität: die staubigen, kargen Schauplätze, die reduzierte Ausstattung und die ikonische Bildsprache tragen entscheidend zur rauen Atmosphäre des Films bei.

Per un pugno di dollari ist weit mehr als nur der Auftakt der Dollar‑Trilogie. Er ist ein stilistischer Befreiungsschlag, ein filmhistorischer Wendepunkt und ein Paradebeispiel dafür, wie aus begrenzten Mitteln große Kunst entstehen kann. Leone, Morricone und Eastwood formten hier gemeinsam eine neue Ikonografie des Westerns: dreckig, zynisch, stilisiert und unverwechselbar. Auch wenn der Film noch nicht ganz die Perfektion der drei folgenden Leone-Western erreicht, bleibt er ein beeindruckendes, wegweisendes Werk, das das Genre für immer verändert hat.

06 August 2026

ONCE UPON A TIME IN AMERICA (Sergio Leone, 1984)

It was a great friendship.

Sergio Leones letzter Film breitet in 229 Minuten eine epische Geschichte über Freundschaft, Verrat und vertane Lebenszeit aus, die ebenso faszinierend wie zeitlos ist. Von Beginn an entfalten die beeindruckenden Bilder in Kombination mit Ennio Morricones unvergleichlichem Score eine starke Sogwirkung, der man sich nicht entziehen kann. Schon die ersten Einstellungen machen klar, dass Leone hier nicht nur einen Gangsterfilm, sondern ein melancholisches Erinnerungsstück inszeniert.

Die äußerst komplexe Geschichte ist angelegt als Elegie in drei Akten. Die Erzählweise ist nicht-chronologisch und springt immer wieder zwischen den drei Zeitebenen (1922, 1933 und 1968) hin und her. Dabei sind die Übergänge ausnehmend schön gestaltet, beispielsweise, wenn Noodles durch das Fenster in der Toilette Deborah beim Tanzen zuschaut oder das ewig lange klingelnde Telefon zu Beginn des Films. Leone nutzt diese Übergänge nicht nur als stilistische Spielerei, sondern als emotionales Bindeglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Schuld und Sehnsucht.

Die Darsteller sind allesamt wunderbar. Robert De Niro und James Woods liefern jeweils eine der besten Leistungen ihrer Karriere ab, Joe Pesci ist toll wie immer und auch die übrigen Darsteller machen ihre Sache gut. Die Kinderdarsteller sind ebenfalls hervorragend gewählt. Sie sehen den Schauspielern, die sie im jugendlichen Alter repräsentieren, nicht nur sehr ähnlich, sondern überzeugen darüber hinaus auch noch durchweg mit sehr guten Leistungen. Gerade die zumindest anfangs unbeschwerten Szenen der Kindheit verleihen den späteren Tragödien eine besonders bittere Note.

Unabhängig von der moralischen Verderbtheit seiner Protagonisten ist Once upon a Time in America nämlich ein sehr trauriger Film, lässt er sie doch alle letztlich als Verlierer zurück. Lediglich Deborah, die eine erfolgreiche Schauspielerin wird, könnte man als Gewinnerin bezeichnen, doch vermittelt sie im letzten Gespräch mit Noodles auch nicht den Eindruck, ein glückliches Leben zu führen. Ruhm und Erfolg verdecken im besten Fall die tiefen Wunden, die die Vergangenheit bei ihr hinterlassen hat.

Von Beginn an liegt eine tiefe Schwermut über dem Geschehen und erzeugt in Kombination mit den bereits genannten Faktoren eine ebenso düstere wie faszinierende Stimmung, die während der ausufernden Spielzeit niemals so etwas wie Langeweile aufkommen lässt. Once upon a Time in America ist ein herausragender Vertreter des Gangsterfilms und ein würdiger Abschluss für die leider viel zu kurze Karriere des italienischen Meisterregisseurs, den ich zutiefst verehre, seit ich im jugendlichen Alter C'era una volta il West zum ersten Mal gesehen habe. Ein zeitloses Meisterwerk.

06 Mai 2015

IL COLOSSO DI RODI (Sergio Leone, 1961)

Bei Il Colosso di Rodi (Der Koloss von Rhodos) handelt es sich um das Regiedebüt des großen Sergio Leone, nachdem er bis dahin in zahlreichen Filmen als Regieassistent und Second-Unit-Director etc. gearbeitet hatte. Wer mein Geschreibsel schon etwas länger verfolgt, dem dürfte nicht entgangen sein, dass der Italiener zu meinen absoluten Lieblingsregisseuren zählt und ich den Mann zutiefst verehre. Und das schon seit mehreren Jahrzehnten, denn bereits als Heranwachsender habe ich insbesondere seine Western geliebt.

Sein Spielfilmdebüt fällt im Vergleich mit seinen späteren Filmen doch deutlich ab und dies liegt nicht nur daran, dass er hier noch nicht auf die Dienste Ennio Morricones zurückgreifen konnte, dessen großartige Musik ein stilbildendes Element der übrigen Leone-Filme ist. Schon bei früheren Sichtungen konnte ich auch große inszenatorische Unterschiede ausmachen zu seinen sechs darauf folgenden Filmen. Im Vergleich zu jenen wirkt Il Colosso di Rodi beinahe identitätslos und beliebig. Im Grunde genommen handelt es sich um einen typischen Sandalenfilm, wie sie in den 60er Jahren zuhauf in Italien produziert wurden. Am ehesten ist Leones Handschrift noch bei den ausgedehnten Folterszenen zu erkennen, die er regelrecht zelebrierte und deren Inszenierung ihm offenkundig großen Spaß bereitete. Beispielhaft seien das Tröpfeln der Säure auf die Rücken der gefesselten Männer genannt oder auch die Verhörszene, in der dem Anführer der Aufständischen eine gusseiserne Glocke über den Körper gestülpt und diese so lange bearbeitet wird, bis dem armen Kerl das Blut aus den Ohren läuft. 

Ansonsten hat Il Colosso di Rodi nicht sonderlich viel zu bieten. Die Entwicklung der Geschichte ist weder originell noch zwingend, die Handlung mäandert eher ziellos umher. Auch darstellerisch wird bestenfalls Mittelmaß geboten. Die Hauptrolle spielt Rory Calhoun, der sich bis dahin vor allem als Western-Darsteller hervorgetan hatte. Die Kulissen hingegen sind ganz ansehnlich und auch die zahlreichen Massenszenen verfehlen ihre Wirkung nicht. So richtig monumental wird’s aber nie – der Abstand zu den Hollywood-Streifen jener Zeit ist dann doch gewaltig. Eine positive Erwähnung sind allerdings die Effekte wert. Das große Erdbeben zum Schluss wurde sehr effektvoll in Szene gesetzt und bringt Leones Debüt dann doch noch zu einem versöhnlichen Abschluss. Und so ist Il Colosso di Rodi ein zwar recht unterhaltsamer, aber auch mit großem Abstand Leones schwächster Film. Eine Auftragsarbeit, die ihm jedoch den Weg zu einer außergewöhnlichen, wenn auch leider nicht übermäßig produktiven Karriere ebnete. Dies alleine ist Grund genug, ihn immer mal wieder einer Sichtung zu unterziehen.