31 August 2026

TOUCH OF EVIL (Orson Welles, 1958)

Just because he speaks a little guilty, that don't make him innocent.

Touch of Evil gilt gemeinhin als Film noir, lässt jedoch einige der typischen Merkmale vermissen, beispielsweise die Femme fatale. So richtig warm wurde ich mit dem Film nicht, ungeachtet seiner unbestreitbaren Qualitäten.

Die Eröffnungssequenz ist allerdings überragend: ein nahezu vierminütiger Kameralauf ohne sichtbaren Schnitt durch die nächtlichen Straßen der mexikanischen Grenzstadt Los Robles, beginnend mit dem Platzieren der Bombe im Kofferraum des Geschäftsmanns Linekar. Diese Szene ist schlicht phantastisch und erinnert eindrucksvoll daran, welch visionärer Filmemacher Orson Welles war.

Welles’ Darstellung des korrupten Polizisten Hank Quinlan ist eine Schau - schwer, massig, schmierig, moralisch verrottet, aber faszinierend in jeder Sekunde. Er ist klar die Hauptattraktion des Films und trägt ihn über manche Schwäche hinweg.

Die Kameraführung ist großartig, die Schwarzweißbilder atmosphärisch dicht und oft von beeindruckender Plastizität. Die Story hingegen wirkt stellenweise konstruiert und nicht immer überzeugend. Charlton Heston bleibt als mexikanischer Ermittler seltsam unnahbar und fügt sich nur bedingt ins Ensemble ein.

Unterm Strich ein technisch brillanter, stellenweise hypnotischer Film, der mich emotional dennoch nicht ganz erreicht hat.

28 August 2026

GODZILLA VS. KONG (Adam Wingard, 2021)

I love crazy ideas. They made me rich.

Nach dem enttäuschenden Godzilla: King of the Monsters zeigt die Formkurve wieder steil nach oben. Die Story ist zwar mindestens genauso absurd und die Figuren bleiben ebenso flach, doch Wingard vermeidet die zentralen Fehler seines Vorgängers und liefert nach Kong: Skull Island den bisherigen Höhepunkt des Franchise ab. Die Idee, Godzilla gegen Kong antreten zu lassen, ist nicht neu und wurde bereits in einem japanischen Film der 60er Jahre verwurstet, dessen Titel mir entfallen ist. Meine Sympathien liegen natürlich klar bei Kong: Merian C. Coopers King Kong von 1933 zählt zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen, während ich mit Godzilla nie viel anfangen konnte. Auch Wingard scheint ein Faible für den Riesenaffen zu haben, widmet er ihm doch deutlich mehr Screentime und lässt ihn zudem weniger aggressiv gegenüber Menschen auftreten als seinen Widersacher.

Um den Film richtig genießen zu können, gilt die oberste Prämisse: Hirn ausschalten und keinesfalls über die zahlreichen Logiklöcher oder die physikalisch völlig unrealistischen Actionszenen nachdenken. Wingard ersetzt die düstere Schwere des Vorgängers durch beschwingte Leichtigkeit und Humor. Anzahl und Dauer der Titanenkämpfe wurden reduziert, dafür gibt es klar ausgeleuchtete Sets statt schemenhafter Bildfragmente. Die Kämpfe sind abwechslungsreich, kurzweilig und nebenbei werden wieder einige Großstädte dem Erdboden gleichgemacht. Angereichert wird das Ganze durch Jules‑Verne‑Versatzstücke, die eine Reise in die Hollow Earth beinhalten – hier als Kongs Heimat und Ursprung der Titanen inszeniert. Diese Sequenzen bieten Gelegenheit für ausnehmend schöne Bilder einer fremdartigen, von bizarren Kreaturen bevölkerten Welt.

Wie im Vorgänger sind die menschlichen Protagonisten bloß Beiwerk, doch stört das diesmal kaum, denn außer Alexander Skarsgård hinterlässt ohnehin niemand einen bleibenden Eindruck. Immerhin kann Eiza González optisch Akzente setzen. Die eigentliche Schau sind jedoch die titelgebenden Giganten, und mit Mechagodzilla verfügt der Film über einen ebenso originellen wie furchteinflößenden Widersacher.

Unbedingt erwähnt werden muss das überragende Sounddesign. Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen Film mit einer derart beeindruckenden Atmos‑Tonspur gesehen respektive gehört zu haben. Die UHD von Godzilla vs. Kong bietet diesbezüglich absolute Referenzqualität und liefert über nahezu die gesamte Laufzeit ein präzises, raumfüllendes Feuerwerk aus allen 11 Lautsprechern sowie Tiefbass‑Attacken, die die Wände sprichwörtlich beben lassen. Alleine deshalb lohnt sich die Sichtung, wenn man über entsprechendes Equipment verfügt.

25 August 2026

GODZILLA: KING OF THE MONSTERS (Michael Dougherty, 2019)

You got a catchy name for this one?

Der dritte Filme des Monsterverse ist eine ziemliche Enttäuschung. Nach dem soliden Godzilla von Gareth Edwards und dem überaus gelungenen Kong: Skull Island wirkt Doughertys Beitrag wie ein Rückschritt.

Die Dialoge schwanken zwischen dümmlich und unbeholfen und sind manchmal unfreiwillig komisch. Das schwache Drehbuch erzählt eine wirre Story mit fragwürdigen Wendungen, die lediglich als Bindeglied zwischen den zahlreichen, zunehmend repetitiv wirkenden Monsterbegegnungen fungiert. Spätestens wenn Godzilla zum dritten Mal gegen Ghidorah antritt, stellt sich ein Gefühl von Ermüdung ein. Die Kämpfe ähneln sich, verlaufen in dunklen, schwer erkennbaren Bildern und verlieren dadurch viel von ihrer möglichen Wirkung.

Die Effekte sind größtenteils solide, doch verpuffen sie in der tristen, übermäßig vernebelten Optik. Man sieht, dass viel Aufwand in die technischen Aspekte geflossen ist - das Budget lag bei üppigen 200 Millionen Dollar - aber die Inszenierung weiß damit wenig anzufangen. Zwar vermittelt sie ein Gefühl der Dynamik, doch echte Spannung will sich nicht einstellen. Immerhin bringt Kyle Chandler als Hauptfigur eine gewisse Präsenz mit. Dafür nervt das pubertierende Teenager-Gör fast so wie der junge John Connor in Terminator 2.

Am Ende taugt der Film vor allem als Sounddemo: wuchtige Bassattacken, kreischende Monsterstimmen und ein Score, der den Subwoofer gut beschäftigt. Inhaltlich bleibt jedoch ein Gefühl der Lerre. Godzilla: King of the Monsters ist ein Effektgewitter ohne echte Spannung, das trotz seiner Größe kraftlos wirkt.

21 August 2026

CITIZEN KANE (Orson Welles 1941)

Rosebud.

Citizen Kane ist ohne Zweifel einer der innovativsten und einflussreichsten Filme der Geschichte. Ein Werk, das das Kino veränderte und unzählige Regisseure inspirierte und beeinflusste. Und doch macht es Welles seinem Publikum nicht leicht, den Film zu lieben. 

Die Handlung entfaltet sich überwiegend in Rückblenden, die nach und nach ein facettenreiches Bild des Zeitungsmagnaten Charles Foster Kane zeichnen. Das Besondere daran: Die Rückblenden werden nicht aus einer vermeintlich objektiven Perspektive erzählt, wie es klassische Dramaturgien oft tun, sondern durch die Erinnerungen verschiedener Zeitzeugen. Jeder von ihnen liefert seine eigene, subjektive Sicht auf den Verstorbenen und die Ereignisse. Dieser Ansatz wirkt deutlich realistischer als die üblichen filmischen Erzählmuster, denn eine objektive Wahrheit existiert ohnehin nicht. Entscheidend ist stets die Perspektive desjenigen, der etwas erlebt - geprägt durch Biografie, Charakter und persönliche Motive.

Auch visuell ist Citizen Kane revolutionär. Welles und sein Kameramann Gregg Toland arbeiten mit extremen Tiefenschärfen, ungewöhnlichen Kameraperspektiven, Spiegelungen und langen Einstellungen mit wenigen Schnitten. Diese Mittel dienen nicht nur der formalen Innovation, sondern charakterisieren auch die Figuren und ihre Beziehungen zueinander.

Die Auflösung des Rätsels um „Rosebud“ ist schließlich ein Geniestreich. So banal sie im ersten Moment erscheinen mag, vermittelt sie dem Zuschauer mehr über Kane als die Erzählungen der Zeitzeugen zuvor. Sie macht deutlich, warum er sich zu dem Menschen entwickelte, der er war und wie ein einziger, verlorener Moment aus der Kindheit sein Leben überschattete. Der Verlust von Geborgenheit.

20 August 2026

PER QUALCHE DOLLARO IN PIU (Sergio Leone, 1965)

Alive or dead? It's your choice. 

Höher, schneller, weiter: Nach dem ungeachtet seiner Klasse eher spartanischen Per un pugno di dollari geht Per qualche dollaro in più in jeder Hinsicht einen Schritt weiter – wie schon der Titel nahelegt. Das dreimal so hohe Budget, das Leone nach dem Erfolg des Vorgängers zugestanden wurde, ermöglichte aufwändigere Sets, abwechslungsreichere Locations, bessere Effekte, größer angelegte Schießereien und insgesamt deutlich mehr Action.

Clint Eastwood tritt erneut in einer nahezu identischen Rolle auf, diesmal jedoch nicht mehr als bloßer Opportunist, sondern als eiskalter Kopfgeldjäger. Ihm zur Seite stellt Leone den von Lee Van Cleef verkörperten Colonel Mortimer – einen gleichermaßen kompetenten, aber moralisch anders motivierten Partner. Zwar ist auch Mortimer Kopfgeldjäger, doch sein eigentliches Ziel ist Rache aus familiären Gründen. Die berühmte Taschenuhr fungiert dabei als zentrales Bindeglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart und wird immer wieder geschickt als dramaturgisches Gimmick eingesetzt, um Spannung zu erzeugen. Ihre Funktion als akustisches Signal ist ein Paradebeispiel für Leones Fähigkeit, Requisiten erzählerisch aufzuladen.

Bei allem Zynismus und aller Brutalität kommt auch der Humor nicht zu kurz – ein wichtiges Element in Leones Schaffen, das auch bei den beiden folgenden Western eine bedeutende Rolle spielen sollte. Das Drehbuch verfasste Leone diesmal gemeinsam mit Luciano Vincenzoni, dessen Gespür für pointierte Dialoge und klare Figurenzeichnung dem Film spürbar zugutekommt.

Auch atmosphärisch macht Per qualche dollaro in più einen großen Sprung nach vorn. Morricones Score ist deutlich abwechslungsreicher als der des Vorgängers und integriert erneut typische Elemente wie Flöten, Maultrommeln und Alltagsgeräusche. Die symbiotische Verbindung zwischen Bild und Ton erreicht hier eine neue Qualität: Morricones Musik kommentiert nicht nur das Geschehen, sondern strukturiert es, steigert die Spannung und verleiht den ikonischen Bildern eine unverwechselbare emotionale Tiefe. Diese Zusammenarbeit zwischen Leone und Morricone – zwei Römern, die sich gegenseitig künstlerisch beflügelten – ist in dieser Form einzigartig

Der Showdown schließlich, inszeniert wie ein Duell in einer Arena, ist grandios. Die wechselnden Close-Ups, die kreisende Kamera, die sich stetig steigernde Spannung und Morricones Crescendo bilden ein audiovisuelles Finale, das bereits alle Qualitäten enthält, die man gemeinhin mit Leones Western verbindet. In dieser Disziplin kann ihm niemand das Wasser reichen.

Wenn Per un pugno di dollari das Genre des Spaghetti-Western begründete, wirkte Per qualche dollaro in più wie ein Katalysator. Er reaktivierte die ins Stocken geratene Karriere Lee van Cleefs, machte Klaus Kinski einem größeren Publikum bekannt (der daraufhin in diversen weiteren Italo-Western mitspielte), katapultierte Clint Eastwood endgültig zum Weltstar und etablierte Leone als meisterhaften Regisseur, der hier sein erstes voll ausgeformtes Meisterwerk ablieferte. Vier weitere sollten folgen.

16 August 2026

DOUBLE INDEMNITY (Billy Wilder, 1944)

It's a one-way trip and the last stop is the cemetery.

Erstklassige Darsteller, nervenzerreißende Spannung und eine düstere, unheilschwangere Atmosphäre prägen Billy Wilders Beitrag zum Film noir. Barbara Stanwyck und Fred MacMurray liefern sehr überzeugende Leistungen, doch Edward G. Robinson überragt sie beide. Als unermüdlicher Versicherungsermittler Barton Keyes spielt er mit einer Mischung aus Scharfsinn, moralischer Integrität und fiebriger Energie - eine der stärksten Darbietungen seiner Karriere.

Die rückblickende Erzählstruktur verleiht dem Film eine zusätzliche Schwere. Dass Walter Neff von Beginn an dem Untergang geweiht ist, verändert die Spannung grundlegend: Nicht ob der Plan scheitert, sondern wie er zerfällt, wird zum eigentlichen Motor der Handlung. Wilder nutzt diese Gewissheit meisterhaft, um die Atmosphäre stetig zu verdichten und die Figuren in einem Netz aus Schuld, Begierde und fatalistischen Entscheidungen zu verstricken. Ein Weg, der unweigerlich ins Verderben führen muss.

Visuell wie erzählerisch ist Double Indemnity makellos. Die kontrastreichen Schwarzweiß‑Bilder, das präzise Spiel mit Licht und Schatten, der geschickte Wechsel zwischen Nahaufnahmen und Totalen sowie die pointierten, messerscharfen Dialoge formen ein Werk von bestechender Klarheit. All diese Elemente machen den Film zu einem absoluten Höhepunkt im ohnehin reich an Glanzpunkten schimmernden Genre des klassischen Noir und Double Indemnity zu einer von Wilders besten Arbeiten. Meisterhaft und brillant!

11 August 2026

PER UN PUGNO DI DOLLARI (Sergio Leone, 1964)

Get three coffins ready!

Mit Per un pugno di dollari hat Sergio Leone - damals noch unter dem Pseudonym Bob Robertson - Filmgeschichte geschrieben. Sein erster Western, nachdem er drei Jahre zuvor mit dem Sandalenfilm Il colosso di Rodi einen Achtungserfolg verbuchen konnte, entfaltete einen derart prägenden und nachhaltigen Einfluss auf das Western‑Genre wie nur wenige Filme vor ihm. Leone definierte nicht nur die Ästhetik des Westerns neu, sondern schuf zugleich die Grundlage für ein ganzes Sub‑Genre.

Schon die äußerst gelungene Pop‑Art‑inspirierte Eröffnungssequenz, gestaltet von Iginio Lardani, macht klar, dass hier kein gewöhnlicher Western beginnt. Die grafisch‑abstrakten Silhouetten, die harte Farbgebung und die rhythmische Montage brechen bewusst mit den Konventionen des klassischen US‑Western. Unterlegt von Ennio Morricones atmosphärischem Score, durchsetzt mit zahlreichen Schussgeräuschen, wird die stilistische Richtung des gesamten Films schon vorgegeben. Leone kündigt bereits hier den radikalen Bruch mit Hollywoods Traditionen an, einen Bruch, der sich wie ein roter Faden durch den Film zieht und den Spaghetti‑Western als neue, eigenständige Form des Westerns etablieren sollte.

Doch der Einfluss des Films reicht weit über das Genre hinaus. Clint Eastwood, bis dahin ein eher unauffälliger Seriendarsteller, wurde durch seine Darstellung des unrasierten, wortkargen Antihelden mit Poncho zum Weltstar. Ennio Morricone etablierte sich mit seinem innovativen, experimentellen Score als einer der bedeutendsten Filmkomponisten der Geschichte. Und Sergio Leone selbst legte mit diesem Film den Grundstein für eine zwar kurze, aber außergewöhnlich einflussreiche Karriere, während der er ein Meisterwerk nach dem anderen schuf.

Natürlich ist Per un pugno di dollari nicht frei von Mängeln. Die Handlung übernimmt Leone nahezu vollständig aus Akira Kurosawas Yojimbo, was nach der Veröffentlichung zu einer Copyright‑Klage führte, die er verlor. Auch das Budget von gerade einmal 200.000 Dollar erlaubte keinen großen Produktionsaufwand. Doch Leone nutzte die begrenzten Mittel mit bemerkenswerter Kreativität: die staubigen, kargen Schauplätze, die reduzierte Ausstattung und die ikonische Bildsprache tragen entscheidend zur rauen Atmosphäre des Films bei.

Per un pugno di dollari ist weit mehr als nur der Auftakt der Dollar‑Trilogie. Er ist ein stilistischer Befreiungsschlag, ein filmhistorischer Wendepunkt und ein Paradebeispiel dafür, wie aus begrenzten Mitteln große Kunst entstehen kann. Leone, Morricone und Eastwood formten hier gemeinsam eine neue Ikonografie des Westerns: dreckig, zynisch, stilisiert und unverwechselbar. Auch wenn der Film noch nicht ganz die Perfektion der folgenden Leone-Western erreicht, bleibt er ein beeindruckendes, wegweisendes Werk, das das Genre für immer verändert hat.

09 August 2026

BENEDETTA (Paul Verhoeven, 2021)

Verhoevens bis dato letzter Film greift die Geschichte der italienischen Nonne Benedetta Carlini auf, die von zahlreichen Jesus‑Visionen heimgesucht wurde und eine lesbische Beziehung zu ihrer Mitbewohnerin Bartolomea hatte. Der Niederländer hat seit jeher ein Faible für starke Frauenfiguren, die sich gegen gesellschaftliche oder (in diesem Fall) religiöse Machtstrukturen behaupten müssen. Benedetta fügt sich nahtlos in diese Reihe ein, weil sie sowohl Opfer als auch Akteurin eines menschenfeindlichen Systems ist.

Gut gelungen ist die Darstellung des Klosteralltags, der sehr authentisch wirkt: Routinen, Hierarchien, strenge Regeln und ein Leben, das von Askese geprägt ist. Die Unterdrückung jeglichen sexuellen Verlangens ist nicht nur zutiefst unnatürlich, sondern spiegelt auch die verlogene Moral der katholischen Kirche wider, die bis in die heutige Zeit in Form des priesterlichen Zölibats überlebt hat.

Die gelungenen Sets und der chorlastige Score fügen sich stimmig ein und erzeugen eine düstere Atmosphäre, die den inneren Konflikt der Figuren unterstreicht. Bemerkenswert ist die kurze Szene, in der Benedetta dem Nuntius auf dessen Nachfrage sagt, dass er nach dem Tod ins Paradies komme. Er entlarvt dies sofort als Lüge, wohlwissend, dass auf ihn aufgrund seiner eigenen Bösartigkeit die Hölle wartet. Ein Moment, der die Heuchelei kirchlicher Machtstrukturen präzise auf den Punkt bringt und zeigt, wie sehr religiöse Autorität von Selbsttäuschung und moralischer Korruption durchzogen ist.

Verhoeven lässt bewusst offen, ob Benedetta tatsächlich über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügt oder alles nur clever inszeniert hat im Glauben, von Jesus besessen zu sein. Diese Ambivalenz ist eine der Stärken des Films, überlässt sie doch dem Zuschauer die finale Interpretation. Stellenweise gestaltet sich das Treiben etwas zäh, was nicht zuletzt daran liegt, dass im Verlauf der gut zwei Stunden relativ wenig passiert. Auch sind die Sexszenen für Verhoevens Verhältnisse relativ zurückhaltend inszeniert. Abgesehen von einigen nackten Frauenkörpern gibt es nicht viel zu sehen - das kennt man von den frühen Filmen des Niederländers anders.

Unter dem Strich ist Benedetta dennoch eine gelungene Aufarbeitung der Leidensgeschichte der italienischen Nonne. Immerhin hat Verhoeven ihr ein gütigeres Schicksal beschert als die Realität, in der sie die letzten 35 Jahre ihres Lebens im Gefängnis verbringen musste.

06 August 2026

ONCE UPON A TIME IN AMERICA (Sergio Leone, 1984)

It was a great friendship.

Sergio Leones letzter Film breitet in 229 Minuten eine epische Geschichte über Freundschaft, Verrat und vertane Lebenszeit aus, die ebenso faszinierend wie zeitlos ist. Von Beginn an entfalten die beeindruckenden Bilder in Kombination mit Ennio Morricones unvergleichlichem Score eine starke Sogwirkung, der man sich nicht entziehen kann. Schon die ersten Einstellungen machen klar, dass Leone hier nicht nur einen Gangsterfilm, sondern ein melancholisches Erinnerungsstück inszeniert.

Die äußerst komplexe Geschichte ist angelegt als Elegie in drei Akten. Die Erzählweise ist nicht-chronologisch und springt immer wieder zwischen den drei Zeitebenen (1922, 1933 und 1968) hin und her. Dabei sind die Übergänge ausnehmend schön gestaltet, beispielsweise, wenn Noodles durch das Fenster in der Toilette Deborah beim Tanzen zuschaut oder das ewig lange klingelnde Telefon zu Beginn des Films. Leone nutzt diese Übergänge nicht nur als stilistische Spielerei, sondern als emotionales Bindeglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Schuld und Sehnsucht.

Die Darsteller sind allesamt wunderbar. Robert De Niro und James Woods liefern jeweils eine der besten Leistungen ihrer Karriere ab, Joe Pesci ist toll wie immer und auch die übrigen Darsteller machen ihre Sache gut. Die Kinderdarsteller sind ebenfalls hervorragend gewählt. Sie sehen den Schauspielern, die sie im jugendlichen Alter repräsentieren, nicht nur sehr ähnlich, sondern überzeugen darüber hinaus auch noch durchweg mit sehr guten Leistungen. Gerade die zumindest anfangs unbeschwerten Szenen der Kindheit verleihen den späteren Tragödien eine besonders bittere Note.

Unabhängig von der moralischen Verderbtheit seiner Protagonisten ist Once upon a Time in America nämlich ein sehr trauriger Film, lässt er sie doch alle letztlich als Verlierer zurück. Lediglich Deborah, die eine erfolgreiche Schauspielerin wird, könnte man als Gewinnerin bezeichnen, doch vermittelt sie im letzten Gespräch mit Noodles auch nicht den Eindruck, ein glückliches Leben zu führen. Ruhm und Erfolg verdecken im besten Fall die tiefen Wunden, die die Vergangenheit bei ihr hinterlassen hat.

Von Beginn an liegt eine tiefe Schwermut über dem Geschehen und erzeugt in Kombination mit den bereits genannten Faktoren eine ebenso düstere wie faszinierende Stimmung, die während der ausufernden Spielzeit niemals so etwas wie Langeweile aufkommen lässt. Once upon a Time in America ist ein herausragender Vertreter des Gangsterfilms und ein würdiger Abschluss für die leider viel zu kurze Karriere des italienischen Meisterregisseurs, den ich zutiefst verehre, seit ich im jugendlichen Alter C'era una volta il West zum ersten Mal gesehen habe. Ein zeitloses Meisterwerk.

01 August 2026

FOLLOWING (Christopher Nolan, 1998)

You take it away to show them what they had.

Nolans Debut ist ein clever konstruierter Thriller um einen Arbeitslosen, der fremde Menschen verfolgt. Eine simple Ausgangslage, die sich zunehmend ins Dramatische verschiebt. Die stimmungsvollen Schwarzweiß‑Bilder, teils mit wackeliger Handkamera festgehalten, vermitteln ein Gefühl der Nähe und der Teilhabe des Zuschauers an den Vorgängen.  

Es handelt sich um eine Low-Budget-Produktion, die der Brite mit Freunden und Verwandten für rund 6.000 Dollar realisierte. Bei den Darstellern handelt es sich allesamt um Laien, die hier ihr Spielfilmdebut gaben. Lediglich Nolans Onkel, der den Polizisten spielt, konnte bereits auf Erfahrung als Schauspieler zurückgreifen.

Stilistisch finden sich Anleihen beim Film noir, und auch Hitchcock ist präsent: Voyeurismus, psychologische Verunsicherung, ein Protagonist, der sich in immer stärkerem Maße in der Opferrolle wiederfindet und das Gefühl, dass ihn jede Entscheidung weiter in die falsche Richtung führt.

Die für Nolans folgende Filme wie Memento oder The Prestige typische nicht‑chronologische Erzählweise kommt auch hier schon zum Einsatz und ist ein zentrales Spannungswerkzeug. Er wirft dem Zuschauer kleine Informationsbrocken hin, die andeuten, dass sich die Lage für den Protagonisten nicht zum Guten entwickeln wird, ohne konkrete Rückschlüsse zuzulassen. Dieses Spiel mit Erwartung und Fragmentierung erzeugt eine immense Spannung, die zum Ende hin immer mehr anzieht. 

Nolan erzählt die Geschichte kompakt, fokussiert und ohne Schnickschnack in gerade einmal 70 Minuten. Ein sehr beachtliches Erstlingswerk des Briten.