Verhoevens bis dato letzter Film greift die Geschichte der italienischen Nonne Benedetta Carlini auf, die von zahlreichen Jesus‑Visionen heimgesucht wurde und eine lesbische Beziehung zu ihrer Mitbewohnerin Bartolomea hatte. Der Niederländer hat seit jeher ein Faible für starke Frauenfiguren, die sich gegen gesellschaftliche oder (in diesem Fall) religiöse Machtstrukturen behaupten müssen. Benedetta fügt sich nahtlos in diese Reihe ein, weil sie sowohl Opfer als auch Akteurin eines menschenfeindlichen Systems ist.
Gut gelungen ist die Darstellung des Klosteralltags, der sehr authentisch wirkt: Routinen, Hierarchien, strenge Regeln und ein Leben, das von Askese geprägt ist. Die Unterdrückung jeglichen sexuellen Verlangens ist nicht nur zutiefst unnatürlich, sondern spiegelt auch die verlogene Moral der katholischen Kirche wider, die bis in die heutige Zeit in Form des priesterlichen Zölibats überlebt hat.
Die gelungenen Sets und der chorlastige Score fügen sich stimmig ein und erzeugen eine düstere Atmosphäre, die den inneren Konflikt der Figuren unterstreicht. Bemerkenswert ist die kurze Szene, in der Benedetta dem Nuntius auf dessen Nachfrage sagt, dass er nach dem Tod ins Paradies komme. Er entlarvt dies sofort als Lüge, wohlwissend, dass auf ihn aufgrund seiner eigenen Bösartigkeit die Hölle wartet. Ein Moment, der die Heuchelei kirchlicher Machtstrukturen präzise auf den Punkt bringt und zeigt, wie sehr religiöse Autorität von Selbsttäuschung und moralischer Korruption durchzogen ist.
Verhoeven lässt bewusst offen, ob Benedetta tatsächlich über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügt oder alles nur clever inszeniert hat im Glauben, von Jesus besessen zu sein. Diese Ambivalenz ist eine der Stärken des Films, überlässt sie doch dem Zuschauer die finale Interpretation. Stellenweise gestaltet sich das Treiben etwas zäh, was nicht zuletzt daran liegt, dass im Verlauf der gut zwei Stunden relativ wenig passiert. Auch sind die Sexszenen für Verhoevens Verhältnisse relativ zurückhaltend inszeniert. Abgesehen von einigen nackten Frauenkörpern gibt es nicht viel zu sehen - das kennt man von den frühen Filmen des Niederländers anders.
Unter dem Strich ist Benedetta dennoch eine gelungene Aufarbeitung der Leidensgeschichte der italienischen Nonne. Immerhin hat Verhoeven ihr ein gütigeres Schicksal beschert als die Realität, in der sie die letzten 35 Jahre ihres Lebens im Gefängnis verbringen musste.
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