Freitag, 20. März 2026

THE KILLING OF A SACRED DEER (Yorgos Lanthimos, 2017)

I don’t know if what is happening is fair, but it’s the only thing I can think of that’s close to justice.

The Killing of a sacred Deer ist für Lanthimos-Verhältnisse ein vergleichsweise straighter Film, der sich über weite Strecken fast wie ein konventioneller Horrorfilm anfühlt, wobei die Kälte und Präzision seiner Inszenierung jede Szene mit einer schwer zu greifenden Beklemmung aufladen. Die vielfach eingesetzten Weitwinkel-Aufnahmen erzeugen gleichzeitig eine klinische Nüchternheit und Distanz, die perfekt die moralische Ausweglosigkeit des Protagonisten unterstreicht.

Lanthimos erzählt eine Geschichte um Schuld und Sühne und legt dabei ein derart archaisches Verständnis an den Tag, dass ich mich phasenweise an die Werke Kim Ki-duks erinnert fühlte. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Barry Keoghan, der mich bereits bei Saltburn tief beeindruckt hatte, spielt die Figur des Martin verletztlich und bedrohlich zugleich und personifiziert den Racheengel auf ideale Art und Weise. Die Szene mit Nicole Kidman, in der er die Spagetti ist, zählt zu den eindringlichsten des Films und erlaubt einen tiefen Einblick in sein von Rache und Verlustschmerz geprägtes Seelenleben.

The Killing of a sacred Deer ist sehr spannend, aber auch schwer auszuhalten und wahrlich nichts für Zartbesaitete. Man mag sich gar nicht erst in Stevens ausweglose Situation versetzen, in der er nur alles falsch machen kann, egal was er tut. Seine Versuche, anhand objektiver Kriterien seine Auswahl zu treffen - wunderbar auf den Punkt gebracht in dem Gespräch mit dem Lehrer - sind zum Scheitern verurteilt und schmerzhaft anzusehen. Dies mündet letztlich in einer besonders fiesen Variante des Russisch Roulette, wobei schon vorher festeht, dass er in dem in jedem Fall verlieren wird. Ein faszinierender Film, mitreißend und abstoßend zugleich.

Donnerstag, 19. März 2026

THE LOBSTER (Yorgos Lanthimos, 2015)

I always swallow after fellatio and I've got absolutely no problem with anal sex.

The Lobster war nach vier Filmen in griechischer Sprache und mit griechischen Darstellern Lanthimos erste internationale Produktion mit vorwiegend britischen/irischen Schauspielern, wobei Angeliki Papoulia, die Hauptdarstellerin der beiden Vorgängerfilme, hier auch wieder in einer wunderbar überzeichneten Rolle dabei ist. Gedreht wurde in Irland in englischer Sprache. Dieser Schritt trug letztlich dazu bei, Lanthimos' Filme einem breiteren Puplikum zugänglich zu machen. Seinem Stil blieb er dabei treu. The Lobster ist eine bitterböse Groteske, die - ähnlich wie der einige Jahre später entstandene Poor Things - gängige gesellschaftliche Normen entlarvt und durch gezielte Zuspitzung ad absurdum führt.

Die Story ist ebenso originell wie bizarr: In einer dystopischen Zukunft werden Singles in ein Hotel gebracht, wo sie innerhalb von 45 Tagen einen Partner finden müssen. Gelingt dies nicht, werden sie in ein Tier ihrer Wahl verwandelt. Zusätzliche Zeit können sie sich dadurch erkaufen, dass sie bei den regelmäßig veranstalteten Jagden in den umliegenden Wald geflohene Singles mit einem Betäubungsgewehr außer Gefecht setzen. Für jeden "erlegten" Single gibt es einen Extra-Tag.

Lanthimos nutzt diese Ausgangslage weniger dafür, eine düstere Zukunftsvision zu entwerfen (die The Lobster natürlich auch ist), sondern in erster Linie, um vertraute Verhaltensmuster zu karikieren. Die Regeln des Hotels sind absurd, folgen aber einer Logik, die man aus dem Alltag kennt: Partnerschaft als gesellschaftliche Pflicht, eine Gemeinsamkeit als Grundlage für die Beziehung, ein Kind als Rettungsanker. Die Flüchlinge im Wald verkehren diese Regeln ins Gegenteil und sind dabei keinen Deut besser als das System, das sie kritisieren. Ihre Regeln sind mindestens genauso streng, die Strafen für Verstöße ebenso drastisch. Einige dieser Regeln porträtieren die heutzutage gerne angeführten Vorteile des Single-Daseins, die in der von Lanthimos dargestellten Überspitzung genauso lächerlich sind, wobei das im Film thematisierte Verbot von Zärtlichkeiten unter den Singles im realen Leben natürlich nicht dazu gehört. Aber der Rest passt. Der Protagonist David bricht dabei gleich alle Regeln: nach seiner Flucht in den Wald verliebt er sich in eine kurzsichtige Frau, die seine Liebe erwidert und für dieses Vergehen auf brutalste Weise von der Anführerin der Flüchtlinge bestraft wird. Um ihre Liebe zu retten und wieder eine Gemeinsamkeit zu haben - die nach den Regeln beider Systeme unabdingbar für eine stabile Beziehung zu sein scheint - entschließt er sich zu einem drastischen Schritt, wobei Lanthimos am Ende offen lässt, ob David dies tatsächlich vollzieht.

The Lobster ist trotz allem kein Film, der schlechte Stimmung macht oder deprimiert. Dafür ist er in seiner beißenden Gesellschaftskritik einfach zu überdreht und komisch. In jedem Fall aber ein Film, der - wie praktisch alle Filme des Griechen - den Zuschauer auch nach dem Abspann noch eine Weile beschäftigt.

Montag, 16. März 2026

ALPEIS (Yorgos Lanthimos, 2011)

Ein weiterer höchst bizarrer Film des Griechen, der wie ein Gegenentwurf zu Kynodontas wirkt und dabei doch völlig anders ist. Eine Gruppe bestehend aus zwei Frauen und zwei Männern bieten Familienangehörigen kürzlich Verstorbener an, gegen Bezahlung in die Rolle der Verstorbenen zu schlüpfen und sie damit bei der Trauerbewältigung zu unterstützen. Der Anführer der Gruppe, der hauptberuflich als Rettungssanitäter tätig ist, hat klare Regeln aufgestellt, an die sich alle zu halten haben. Dazu gehört neben der Verwendung von Decknamen der Grundsatz, keine sexuellen Beziehungen mit den "Klienten" einzugehen. Wenig überraschend wird diese Regel schon bald gebrochen. Auch darüber hinaus kommen die ersten Zersetzungstendenzen auf, die sich im weiteren Verlauf zunehmend manifestieren. Dabei steht eine Krankenschwester im Mittelpunkt, die körperliche Nähe und Zuneigung sucht und darüber hinaus unter einer starken Persönlichkeitsstörung leidet. 
 
Auch hier wieder harter Stoff von Lanthimos. Der Film kommt etwas schwer in die Gänge - erklärt wird natürlich wieder nur das Nötigste - wird aber mit zunehmender Dauer merklich intensiver. Je weiter der Film voranschreitet, desto stärker verschiebt sich der Fokus von der Gruppendynamik hin zur inneren Erosion der Krankenschwester, deren Bedürfnis nach Nähe in einem System aus Regeln und Rollenspielen zwangsläufig scheitern muss. Die Kamera bleibt dabei distanziert und beobachtend, was eine beklemmende Atmosphäre erzeugt, ähnlich wie beim Vorgänger.

Im letzten Drittel lösen sich die Grenzen zwischen Rolle und Realität vollends auf. Die Krankenschwester steigert sich immer mehr in die Identitäten der Verstorbenen hinein bis zu dem Punkt, an dem diese mit ihrer eigenen Persönlichkeit verschmelzen und letztere fast gar nicht mehr wahrnehmbar ist. Am Ende ist die Protagonistin im emotionalen Niemandsland angekommen, aus dem es kein Zurück mehr gibt.


Samstag, 14. März 2026

KYNODONTAS (Yorgos Lanthimos, 2009)

Ein zutiefst verstörender Film über einen Vater, der seine drei erwachsenen, namenlosen Kinder - ein Sohn und zwei Töchter - auf einem abgeschotteten Grundstück in der Nähe des Flughafens, in dem er arbeitet, gefangen hält. Seine Frau und Mutter der Kinder ist die Komplizin, die das böse Spiel konsequent mitspielt. Um ihren Nachwuchs vor den schlechten Einflüssen der Außenwelt zu schützen, haben die beiden eine Welt erschaffen ohne moderne Technik, mit absurden Regeln, einem merkwürdigen Belohnungssystem und emotionaler Isolation. Der Vergleich mit Shymalans The Village drängt sich geradezu auf. Auch wenn das alles im Detail nicht immer logisch ist, fällt dies kaum ins Gewicht. Die innere Konsistenz dieser abgeschlossenen kleinen Welt ergibt sich weniger aus rationalen Zusammenhängen als aus der Konsequenz, mit der Lanthimos das durchzieht.

Die Darsteller bewegen sich durch diese Szenerie mit einer gewissen Hölzernheit, die vermutlich zum Konzept gehört, und wirken dabei wie Marionetten, ihre Dialoge wie auswendig gelernte Phrasen, denen jede natürliche Regung abtrainiert wurde. Auch sexuelle Bedürfnisse scheinen sie kaum zu verspüren, wobei der Vater interessanterweise für seinen Sohn eine Sexpartnerin in Person einer Kollegin organisiert hat, die er regelmäßig für ihre Dienste an seinem Sohn bezahlt. Diese wiederum nutzt die Naivität der älteren Tochter aus, indem sie sich von ihr oral befriedigen lässt.

Mit fortschreitender Laufzeit zieht Lanthimos die Schraube langsam, aber unerbittlich an. Besonders schockierend sind die immer wieder völlig unvermittelt auftretenden Gewaltausbrüche, die ohne Vorankündigung über den Zuschauer hereinbrechen. Die Dramaturgie spitzt sich in dem Moment merklich zu, in dem die ältere Tochter heimlich die beiden Videokassetten mit den Kinofilmen Rocky und Jaws sieht und dadurch merkt, dass es noch eine andere Welt gibt als die von ihrem Vater geschaffene. Die logische Konsequenz: die Flucht aus dieser künstlichen Welt, die ihr Gefängnis ist.

Kynodontas ist kein schöner Film. Kein Film, dessen Sichtung man genießt und an dem man sich erfreut. Es ist ein Film, den man aushält, beobachtet und verarbeitet. Lanthimos zeigte hier zum ersten Mal, über welch immensen Fähigkeiten er als Filmemacher verfügt und setzte ein Statement, das nach dem Abspann noch lange nachhallt.

Donnerstag, 12. März 2026

KINETTA (Yorgos Lanthimos, 2005)

In jüngster Zeit habe ich die Arbeiten des griechischen Regisseurs Yorgos Lanthimos zu schätzen gelernt und so sah ich auch der Sichtung seines zweiten Spielfilms Kinetta mit Vorfreude entgegen. Leider ist der in hohem Maße experimentelle Film eine ziemliche Enttäuschung. Die Schwächen liegen dabei nicht nur im formalen Bereich. Die oft unerträglich wackelnde Handkamera macht insbesondere die ersten Minuten zu einer regelrechten Tortur und die zahlreichen Nahaufnahmen, bei denen die Kamera wiederholt sekundenlang den Fokus sucht, stellen eine ähnlich große Herausforderung dar. Dies wirkt schlichtweg dilettantisch. Gesprochen wird fast nichts. 

Auf der inhaltlichen Ebene werden die Leben dreier Menschen beleuchtet, die außerhalb der Saison im namensgebenden Ferienort leben: ein Polizist - ob es sich tatsächlich um einen solchen handelt, wird nicht ganz klar - mit einer Vorliebe für üppige russische Frauen und BMWs, ein Fotograf, der in einem Fotogeschäft arbeitet, und ein Zimmermädchen. Die drei treffen sich mehr oder weniger regelmäßig, um Mordfälle nachzustellen. Warum sie das tun, in welcher Beziehung sie zueinander stehen und welche Motivation sie jeweils antreibt, überlässt Lanthimos der Fantasie des Zuschauers. Am offensichtlichsten ist das Motiv noch beim Polizisten. Der Fotograf hat anscheinend ein Faible für bizarre Motive und Situationen, gut zu erkennen auch daran, dass er nach dem Selbstmordversuch des Zimmermädchens zuerst dessen leblos da liegenden Körper fotografiert, bevor er ihm hilft. Die bizarre Eröffnungssequenz lässt sich eventuell so deuten, dass der Auslöser für diese Faszination möglicherweise der Unfalltod eines nahen Angehörigen war. Beim Zimmermädchen wiederum macht sich nicht nur ein allgemeiner Lebensüberdruss bemerkbar, sondern auch eine Vorliebe dafür, gedehmütigt zu werden und körperlicher Gewalt ausgesetzt zu sein. Mehrfach "übt" sie in ihrem Zimmer für sich alleine Szenen, in denen sie gewürgt oder geschlagen wird. Auch trägt sie bei jeder nachgestellten Szene eine Verletzung davon, was sie aber nicht davon abhält, sich erneut mit den beiden Männern für eine weitere Szene zu treffen.

Von der Idee her ist das alles nicht uninteressant, doch neben den zahlreichen handwerklichen Schwächen schafft Lanthimos es auch nicht, ein tieferes Interesse des Zuschauers für seine Figuren zu wecken. Darüber hinaus gibt es immer wieder völlig belanglose Szenen, die keinerlei Bedeutung haben, und das ohnehin schon träge Tempo weiter entschleunigen. Die Darsteller machen ihre Sache hingegen nicht schlecht. Unter dem Strich dann doch ein ziemlich belangloser Film, der in jeder Hinsicht meilenweit von den aktuellen Werken des Regisseurs entfernt ist.

Dienstag, 3. März 2026

THE FAVOURITE (Yorgos Lanthimos, 2018)

I like it when she puts her tongue inside me.

The Favourite markiert die erste Zusammenarbeit des griechischen Regisseurs mit seiner Muse Emma Stone, und seither ist die Frau aus Arizona fester Bestandteil des Lanthimos-Ensembles. Die Geschichte ist den realen Erlebnissen der englischen Königin Anne Stuart nachempfunden, die zu Beginn des 18. Jahrhunderts für einige Jahre an der Spitze des britischen Empire stand. Auch wenn es sich der Geschichtsschreibung nach zu urteilen wohl tatsächlich um eine physisch und psychisch sehr labile Persönlichkeit handelte, zeichnet Lanthimos ein stark überspitztes Porträt der Monarchin.

Das Setting sagte mir nicht sonderlich zu. Dennoch ist der Film in seiner schrägen Art durchaus witzig und amüsant. Die höfischen Intrigen wirken wie ein bewusst überdrehtes Kammerspiel, das sich weniger für historische Genauigkeit interessiert als für die Dynamik zwischen den drei Frauen, die alle auf ihre Weise um Nähe, Macht und Aufmerksamkeit ringen. Getragen wird das Ganze von den hervorragenden Darstellerinnen. Neben Emma Stone kann vor allem Olivia Colman überzeugen, die für die Rolle der Queen Anne zu Recht einen Oscar erhalten hat. Rachel Weisz komplettiert das Trio und sorgt dafür, dass die Machtspiele nie ins rein Groteske abrutschen, sondern immer eine menschliche Note behalten.

Trotz meiner Distanz zum barocken Ambiente bleibt The Favourite ein Film, der durch seine Mischung aus Boshaftigkeit, Melancholie und trockenem Humor nachhallt. Nicht zuletzt deshalb, weil Lanthimos die historische Vorlage nicht ehrfürchtig behandelt, sondern sie mit sichtbarem Vergnügen in seinem Sinne verbiegt.

Samstag, 28. Februar 2026

THE BALLAD OF BUSTER SCRUGGS (Ethan & Joel Coen, 2018)

First time?

The Ballad of Buster Scruggs markiert die vorläufig (?) letzte Zusammenarbeit der beiden Coen-Brüder, die seither mit Solo-Projekten unterwegs sind. Erzählt werden sechs von einander unabhängige Geschichten, die im weitesten Sinne dem Western-Genre zuzuordnen sind, wobei Stil, Erzählrhythmus und Tonalität der einzelnen Episoden sehr unterschiedlich ausfallen. Die Übergänge zwischen den Geschichten werden in Form eines Buchbandes umgesetzt, bei dem zu Beginn der nächsten Episode jeweils eine neue Seite aufgeschlagen wird.

Ursprünglich war The Ballad of Buster Scruggs als Serie mit sechs Episoden konzipiert, bevor die Brüder sich dazu entschlossen haben, daraus einen Spielfilm zu machen. Die erzählten Geschichten sind von unterschiedlicher Qualität, dabei durch die Bank kurzweilig und  unterhaltsam und zum Teil auch recht witzig. Insbesondere die richtig fiese dritte Episode Meal Ticket und die nachfolgende All Gold Canyon mit einem tollen Tom Waits in der Hauptrolle konnten mich begeistern. 

Bleibt zu hoffen, dass es bald wieder ein gemeinsames Projekt der Coens geben wird, denn auch The Ballad of Buster Scruggs unterstreicht die Klasse der Beiden - zumindest dann, wenn sie zusammenarbeiten.

Freitag, 27. Februar 2026

BROKKLYN'S FINEST (Antoine Fuqua, 2009)

I don't want God's forgiveness. I want his fuckin help!

Antoine Fuquas siebter Spielfilm gehört ohne Frage zu den stärkeren Arbeiten des Regisseurs. Er erzählt in drei lose miteinander verwobenen Episoden von drei New Yorker Polizisten, die alle auf ihre Weise an den Rändern ihrer Belastbarkeit angekommen sind. Fuqua interessiert sich weniger für die Mechanik des Thrillers als für die innere Erosion seiner Figuren, und so ist Brooklyn’s Finest mehr Drama als Actionfilm.

Die Struktur erinnert an den klassischen Ensemble-Film. Fuqua entfaltet ein Panorama aus Müdigkeit, moralischen Kompromissen und kleinen, unscheinbaren Entscheidungen, die sich langsam zu etwas Unausweichlichem verdichten und auf die Eskalation zulaufen. In manchen Momenten wirkt der Film wie ein Magnolia für Hartgesottene: ein Mosaik aus Schicksalen, das weniger auf große Überraschungen aus ist als auf das stille, stetige Abgleiten seiner Protagonisten.

Punkten kann Brooklyn’s Finest vor allem mit seinen Figuren und den Darstellern, die ihre Sache allesamt hervorragend machen. Richard Gere spielt einen kurz vor der Rente stehenden Cop, der längst innerlich gekündigt hat, dem Alkohol verfallen ist und sein inneres Glück bei einer Nutte sucht. Ethan Hawke zeigt einen Polizisten, der unter der Last seiner Verantwortung und dem Willen, seiner Familie ein besseres Leben zu bieten zerbricht; und Don Cheadle balanciert als Undercover-Cop überzeugend zwischen Loyalität und Selbstschutz. Auch toll: Wesley Snipes, der inmitten all seiner B-Movies hier nochmal Akzente setzen kann.

Fuqua inszeniert das alles mit einer gewissen Schwere, aber ohne nerviges Pathos. Die Straßen, die Wohnungen, die Gesichter - alles trägt die Spuren der Abnutzung und des langsamen Verfalls. Brooklyn’s Finest lebt weniger von seiner Handlung als von diesem Gefühl des langsamen Ausfransens. Am Ende bleibt der Eindruck von drei Männern, die längst wissen, dass es für sie keine einfachen Wege mehr gibt, und die trotzdem weitergehen, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt. 

Samstag, 21. Februar 2026

THE KEEP (Michael Mann, 1983)

Your new home: how do you like it?

Michael Mann ist ganz ohne Zweifel einer der herausragenden Regisseure der Gegenwart und darüber hinaus einer meiner absoluten Lieblinge. Was ihn seinerzeit geritten, diesen konfusen Mix aus Horror, Kriegsfilm und Mystery zu drehen, wird mir auf ewig ein Rätsel bleiben. Umso erstaunlicher, dass es ihm gelungen ist, eine beeindruckende Riege namhafter Schauspieler für das Projekt zu gewinnen: Scott Glenn, Ian McKellen, Gabriel Byrne, Jürgen Prochnow, etc..

Dem Vernehmen nach soll die ursprüngliche Fassung auf Druck der Produzenten auf die Hälfte gekürzt worden sein, doch mir fehlt die Phantasie mir vorzustellen, dass The Keep mit mehr Spielzeit auch nur ein halbwegs guter Film geworden wäre. Das Teil ist von vorne bis hinten Murks und langweilt trotz der sehr kompakten Spieldauer von gerade einmal 96 Minuten. Die Darsteller mühen sich redlich, haben aber gegen das von Mann höchstpersönlich verfasste Drehbuch keine Chance. Die Special Effects sind selbst angesichts der Entstehungszeit an der Grenze zur Lächerlichkeit und zu allem Überfluss wird das Ganze von einem äußerst nervigen Score der deutschen Band Tangerine Dream untermalt, in dem die für die 80er so typischen Keyboards dominieren. 

Ein fürchterlicher Film und so ziemlich das Schlechteste, was ich in den letzten Jahren gesehen habe. Dass dies von einem Meister wie Michael Mann zu verantworten ist, mag man kaum glauben. Aber wie sagte Les Claypool einst so treffend: "We all crap in our pants once in a while".

Dienstag, 17. Februar 2026

SALTBURN (Emerald Fennell, 2023)

I'm sorry, my performance wasn't good enough.

Saltburn ist eine schrille Parabel auf die Macht der Manipulation, weitaus schriller noch als Fennells Debut. Anfangs mäandert die Handlung eher ziellos umher, was zumindest meine Geduld auf eine harte Probe stellte, bevor die Story dann Fahrt aufnimmt und sich Stück für Stück in eine zunächst nicht vermutete Richtung entwickelt. Die bizarren, völlig überzeichneten Charaktere, von denen keiner Gefahr läuft, als Abbild einer real existierenden Person durchzugehen, verschieben Saltburn in den Bereich der Grosteske. Ernstnehmen kann man das Treiben beim besten Willen nicht, aber unterhaltsam ist es trotzdem.

Zu loben ist unbedingt die Leistung des Hauptdarstellers Barry Keoghan, der den unterwürfigen, scheinbar tumben, in Wahrheit aber stets extrem kalkulierten und berechnenden Oliver Quick als faszinierenden Charakter porträtiert, der am Ende alle kalt stellt und am Ziel seiner Träume angekommen ist.

Saltburn ist ein Film, auf den man sich einlassen muss, auch wenn das über weite Strecken schwerfällt und darüber hinaus auch ein Film, der in den Tagen danach an einem nagt und sich immer wieder ins Gedächtnis drängt. Fand ich Saltburn während und unmittelbar nach der Sichtung nicht sonderlich gelungen, setzte sich in den folgenden Tagen immer mehr die Erkenntnis durch, dem Film mit dieser Einordnung Unrecht getan zu haben. Ich glaube, dass er seine wahre Klasse erst bei einer zweiten Sichtung entfalten kann. In jedem Fall eine weitere interessante Arbeit einer (dienst-)jungen Regisseurin, die im Auge zu behalten sich lohnen dürfte.

Sonntag, 15. Februar 2026

PROMISING YOUNG WOMAN (Emerald Fennell, 2020)

Don't underestimate a girl with a plan!

Emerald Fennells Promising Young Woman ist ein Film, der zweifelfrei als Kind der #MeToo‑Debatte Ende der 2010er Jahre zu erkennen ist. In ihrem Spielfilmdebut setzt die ehemalige Schauspielerin auf eine schrille Mischung aus Thriller, Satire und Popästhetik. Die Grundidee ist originell und witzig zugleich, die Umsetzung kann aber nicht immer völlig überzeugen. Insbesondere die Szenen, in denen Cassie vorgibt betrunken zu sein und sich von "hilfsbereiten" Männern abschleppen lässt, die natürlich nur Sex mit ihr und ihre scheinbar hilflose Situation ausnutzen wollen, wirken zu konstruiert, um glaubwürdig zu sein. In der Realität wäre die Reaktion der Männer wohl eine andere und Cassie würde mit ihrer Nummer vermutlich nicht immer ungeschoren davon kommen. Und das plötzlich auftauchende Handyvideo der Vergewaltigungsszene von vor sieben Jahren kommt so unverhofft daher wie das Kaninchen aus dem Hut. Letztlich dient es nur dazu, den bis dahin sympathisch wirkenden Ryan, der drauf und dran ist, Cassies Herz zu erobern und sie aus ihrer Lethargie zu reißen, als Beteiligten zu entlarven. Darüber hinaus hat es keine Funktion.

Trotz dieser Taschenspierlertricks ist das Ganze sehr spannend und darüber hinaus auch ausgesprochen stylisch inszeniert. Carey Mulligan in der Hauptrolle macht ihre Sache gut und in der letzten halben Stunde spitzen sich die Ereignisse nochmal deutlich zu. Das Ende kommt dann recht unerwartet und setzt einen gelungenen Schlusspunkt. Doch, hat mir gut gefallen.

Mittwoch, 11. Februar 2026

BOOGIE NIGHTS (Paul Thomas Anderson, 1997)

Everyone's blessed with one special thing.

Boogie Nights ist ein höchst unterhaltsames Porträt der goldenen Ära der amerikanischen Pornoszene der späten Siebziger, personifiziert durch den Aufstieg des jungen Eddie mit dem Künstlernamen Dirk Diggler, der über herausragende Steher-Qualitäten verfügt und von Mark Wahlberg perfekt verkörpert wird. Die Rolle scheint ihm wie auf den Leib geschneidert. Der Film wirkt dabei weniger wie ein Milieustück als wie ein Blick in eine Gemeinschaft, die sich selbst als eine bizarr anmutende Familie versteht und in vielen Szenen fühlt man sich tatsächlich wie bei einem schrillen, aber warmherzigen Familientreffen. Anderson enthält sich jeder Wertung bezüglich des Tuns seiner Protagonisten und zeigt sie als eine Gruppe liebenswerter und sympathischer Charaktere, die letztlich alle nur nach Erfolg und persönlichem Glück streben. Die Ausnahme bildet der pädophile Geldgeber "Colonel James", der aus der "Familie" verstoßen wird und im Gefängnis landet, nachdem seine Vorliebe bekannt geworden ist.

Gleich zu Beginn gibt Anderson den Rhythmus vor: die lange Kamerafahrt von der Straße hinein in die Disco führt uns an den wichtigsten Figuren vorbei und bringt sie dem Zuschauer näher. Nicht über Dialoge, sondern über Blicke, Bewegungen, kleine Gesten, Wortfetzen. Eine ähnliche Szene gibt es später nochmal bei der Poolparty. Bemerkenswert ist Andersons großes Interesse für diese Figuren, von denen keine auf ein oberflächlich gezeichnetes Abziehbild reduziert wird. Vielmehr werden sie als liebenswerte Menschen mit all ihren Stärken und Schwächen, ihren Problemen und Ängsten gezeichnet.

Ein wiederkehrendes Motiv in Andersons Filmen ist das Vater-Sohn-Verhältnis. Nachdem Eddie sich mit seiner Mutter überworfen hat - sein Vater nimmt das Zerwürfnis passiv hin und greift nicht ein - findet er in dem Pornoproduzenten Jack Horner (grandios: Burt Reynolds) eine Art Ersatzvater, der ihn unter seine Fittiche nimmt und ihn zu seinem Hauptdarsteller macht. Reynolds verleiht Jack eine Mischung aus Autorität, Fürsorge und leiser Melancholie, die den Film entscheidend mitprägt. Ohne Zweifel eine der besten Leistungen seiner Karriere. Auch das übrige Ensemble kann mit guten Leistungen überzeugen. Dass mit Nina Hartley und Ron Jeremy zwei reale Größen der damaligen Szene in Nebenrollen auftauchen, verstärkt den Eindruck, in eine Zeit einzutauchen, die Anderson mit viel Gespür rekonstruiert hat. Das Flair der späten Siebziger ist überall spürbar: in der Ausstattung, im Licht, im Rhythmus und nicht zuletzt im großartigen Score, der erheblich zur wunderbar melancholischen Atmosphäre beiträgt.

Boogie Nights ist weniger ein Film über die Pornobranche als solche als vielmehr ein klassischer Ensemble-Film, der - wie auch der nachfolgende Magnolia - über eine ganze Armada an interessanten Figuren verfügt. Ein präzise beobachtetes, warmherziges und leichtfüßiges Zeitporträt, das wunderbar unterhält und die Zeit wie im Flug vergehen lässt.

 

Donnerstag, 5. Februar 2026

MAXXXINE (Ti West, 2024)

I always wanted to be famous.

Nach dem tollen Pearl und dem ordentlichen X war ich gespannt, ob Ti West auch mit dem abschließenden Teil der Reihe würde überzeugen können, doch leider ist MaXXXine eine ziemliche Enttäuschung. 

Die Story ist ebenso banal wie einfallslos. Während Pearl eine schöne Reflexion über Befreiung und die Sehnsucht nach einem besseren Leben war und X zumindest noch als gelungene Texas Chainsaw-Massacre-Hommage durchgeht, bietet MaXXXine nichts, was irgendwie erinnerungswürdig wäre, abgesehen von den zahlreichen Anspielungen und Zitaten diverser Hollywood-Filme respektive -Figuren. Mia Goth müht sich redlich, doch gegen das schwache Drehbuch kommt sie nicht an. Zwar wird - zumindest in der ersten Filmhälfte - ein gewisser Spannungsbogen gehalten, doch insbesondere im letzten Drittel verliert sich der Streifen in einem immer schwächer werdenden Plot, in dessen Mittelpunkt ein Exorzismus steht, um dann in einem ebenso platten wie vorhersehbaren 08/15-Finale zu enden. 

Man muss West allerdings zugute halten, dass das alles recht stylisch inszeniert ist. Der grelle Look in der Ästhetik der 80er-Jahre weiß durchaus zu gefallen, kann aber nicht kaschieren, dass der Film im Kern erstaunlich konventionell bleibt. So bleibt MaXXXine letztlich Stückwerk und eine halbgare Mischung zwischen ironischer Genre-Spielerei und wenig originellem Thriller mit einem unglaubwürdigen Plot. Die beiden Vorgängerfilme hätten einen besseren Abschluss der Reihe verdient gehabt.

Samstag, 31. Januar 2026

LICORICE PIZZA (Paul Thomas Anderson, 2021)

What does your penis look like?

Licorice Pizza ist ein Film ohne stringente Handlung, in dem aber trotzdem ständig etwas passiert. Paul Thomas Anderson wirft den Zuschauer mitten ins San Fernando Valley der frühen 70er. Statt einer fokussierten Handlung gibt es eher ein zielloses Herumstreifen — aber eines, das erstaunlich viel Spaß macht.

Die beiden Hauptdarsteller, Alana Haim und Cooper Hoffman, beide zum ersten Mal auf der großen Leinwand, sind absolut liebenswert. Die Chemie zwischen den beiden stimmt und die von ihnen verkörperten Figuren wirken glaubwürdig. Man kauft ihnen jede Unsicherheit, jede Überheblichkeit und jeden spontanen Einfall ab. Die Ähnlichkeit Hoffmanns zu seinem großen Vater ist frappierend und auch von dessen Talent scheint er eine Menge mitbekommen zu haben. In vielen Szenen hat man das Gefühl, einem sehr jungen Philip Seymour Hoffman zuzusehen.

Die Handlung mäandert fröhlich vor sich hin: mal eine clevere Geschäftsidee, mal ein schräger Nebencharakter, mal ein komplett überflüssiger, aber herrlich unterhaltsamer Subplot. Das wirkt oft beliebig aber nie langweilig. Im Gegenteil: Der Film lebt von diesen kleinen Abzweigungen, die sich anfühlen wie zufällige Erinnerungen, die einem plötzlich wieder einfallen. Der Vergleich zu Tarantinos Once Upon a Time in Hollywood drängt sich sofort auf. Weniger auf der inhaltlichen Ebene, sondern weil beide Filme dieses gemütliche Flanieren durch eine vergangene Ära zelebrieren. Bei Anderson ist das weniger cool und weniger stilisiert, dafür wärmer, verspielter und auch witziger.

Das Setting der frühen 70er ist ganz wunderbar. Alles wirkt leicht verwaschen, sonnengebleicht, ein bisschen improvisiert. Dazu der tolle Score von Jonny Greenwood. Die Atmosphäre nimmt einen sofort gefangen und katapultiert den Zuschauer 50 Jahre zurück in eine Welt, die sich so ganz anders anfühlt als die Gegenwart. Ich glaube, dass es Anderson in erster Linie darum ging, dieses Gefühl einfangen - und das gelingt ihm hervorragend. Licorice Pizza ist witzig, charmant, ziemlich chaotisch und herrlich unaufgeräumt. Ein Film wie ein warmer Sommertag.

Dienstag, 27. Januar 2026

UNSANE (Steven Soderbergh, 2018)

I'm not fucking crazy!

Steven Soderbergh hat mit Unsane wieder einmal bewiesen, dass er keine Angst vor formalen Experimenten hat. Gedreht mit einem iPhone, roh, körnig, nah an den Figuren – eigentlich genau das Setting, das einem psychologischen Thriller guttun sollte. Und doch bleibt der Film hinter seinem eigenen Anspruch zurück.

Das Thema ist grundsätzlich interessant und geht in eine ähnliche Richtung wie der einige Jahre zuvor entstandene Side Effects. Unsane behandelt die perfide Praxis, Patienten gegen ihren Willen einzuweisen, um über Krankenkassenabrechnungen Profit zu generieren. Die Szenen, in denen Claire sich gegen ein System wehrt, das sie nicht ernst nimmt und gleichzeitig finanziell ausschlachtet, gehören zu den eindringlichsten des Films. In diesen Momenten wirkt der Film fast dokumentarisch – und genau dann ist er am stärksten.

Weniger überzeugend ist dagegen der Subplot um den Stalker, der sich als Pfleger in die Anstalt einschmuggelt. Das wirkt wie ein Fremdkörper, als hätte jemand in einen halbwegs realistischen Albtraum plötzlich einen pulpigen Thriller-Bösewicht hineingeschrieben. Die Idee ist nicht nur konstruiert, sie untergräbt auch das eigentlich spannende Thema des institutionellen Missbrauchs. 

Trotzdem – das muss man Soderbergh lassen – bleibt Unsane die meiste Zeit über spannend. Die klaustrophobische Kameraarbeit, das hektische Tempo und die ständige Unsicherheit darüber, was real ist und was nicht, sorgen dafür, dass man trotz aller Ungereimtheiten dranbleibt.

Am Ende bleibt ein Film, der viel will, manches erreicht und anderes verschenkt. Unsane ist kein Totalausfall, aber auch weit entfernt von Soderberghs stärksten Arbeiten. Ein interessantes Experiment mit einem wichtigen Thema – nur leider verpackt in eine Geschichte, die sich selbst zu oft im Weg steht.