Dienstag, 27. Januar 2026

UNSANE (Steven Soderbergh, 2018)

I'm not fucking crazy!

Steven Soderbergh hat mit Unsane wieder einmal bewiesen, dass er keine Angst vor formalen Experimenten hat. Gedreht mit einem iPhone, roh, körnig, nah an den Figuren – eigentlich genau das Setting, das einem psychologischen Thriller guttun sollte. Und doch bleibt der Film hinter seinem eigenen Anspruch zurück.

Das Thema ist grundsätzlich interessant und geht in eine ähnliche Richtung wie der einige Jahre zuvor entstandene Side Effects. Unsane behandelt die perfide Praxis, Patienten gegen ihren Willen einzuweisen, um über Krankenkassenabrechnungen Profit zu generieren. Die Szenen, in denen Claire sich gegen ein System wehrt, das sie nicht ernst nimmt und gleichzeitig finanziell ausschlachtet, gehören zu den eindringlichsten des Films. In diesen Momenten wirkt der Film fast dokumentarisch – und genau dann ist er am stärksten.

Weniger überzeugend ist dagegen der Subplot um den Stalker, der sich als Pfleger in die Anstalt einschmuggelt. Das wirkt wie ein Fremdkörper, als hätte jemand in einen halbwegs realistischen Albtraum plötzlich einen pulpigen Thriller-Bösewicht hineingeschrieben. Die Idee ist nicht nur konstruiert, sie untergräbt auch das eigentlich spannende Thema des institutionellen Missbrauchs. 

Trotzdem – das muss man Soderbergh lassen – bleibt Unsane die meiste Zeit über spannend. Die klaustrophobische Kameraarbeit, das hektische Tempo und die ständige Unsicherheit darüber, was real ist und was nicht, sorgen dafür, dass man trotz aller Ungereimtheiten dranbleibt.

Am Ende bleibt ein Film, der viel will, manches erreicht und anderes verschenkt. Unsane ist kein Totalausfall, aber auch weit entfernt von Soderberghs stärksten Arbeiten. Ein interessantes Experiment mit einem wichtigen Thema – nur leider verpackt in eine Geschichte, die sich selbst zu oft im Weg steht.

Sonntag, 25. Januar 2026

X (Ti West, 2022)

One day we're gonna be too old to fuck.

Bekanntlich erzählt X die Fortsetzung von Pearl und entstand quasi direkt im Anschluss an das Sequel. Zentrales Thema ist der Verlust der Jugend und die damit einhergehende Vergänglichkeit der körperlichen FItness und Schönheit. Dies verarbeitet Ti West in einem wunderbaren Slasher-Film im Texas-Chainsaw-Massacre-Stil, angesiedelt in den Südstaaten der USA in den 70er Jahren. 
 
Im Mittelpunkt steht eine Gruppe junger Leute, die ein abgelegenes Farmhaus mieten, um dort einen Porno zu drehen. Auch wenn von Anfang an ziemlich klar ist, in welche Richtung sich die Handlung entwickeln wird, ist X sehr unterhaltsam, zumal West einige witzige Ideen und auch die ein oder andere Überraschung eingebaut hat. Mia Goth ist hier in einer Doppelrolle zu sehen und spielt sowohl die junge Maxine als auch die vom Alterungsprozess gezeichnete Pearl sehr überzeugend. Und auch wenn X nicht an die Klasse von Pearl herankommt, ist Ti West unter dem Strich doch ein äußerst kurzweiliger Slasher gelungen, der ausgezeichnet unterhält und die Zeit wie im Flug vergehen lässt. 

Mittwoch, 14. Januar 2026

PEARL (Ti West, 2022)

I made such a mess of things.

Ein in höchstem Maße fesselnder Mix aus Charakterstudie und Horrorthriller mit einer starken Mia Goth in der Hauptrolle. Hatte ich bei Frankenstein noch ihre mangelnde Ausstrahlung bemängelt, scheint ihr die Rolle der träumerischen Pearl wie auf den Leib geschneidert. Im Laufe der 100 Minuten läuft sich zu großer Form auf und gibt eine wahrlich beängstigende Vorstellung. Zu loben ist unbedingt die tolle Kamera-Arbeit von Eliot Rockett, der Pearls Umgebung als eine märchenhafte Welt erscheinen lässt, in der sie quasi die böse Hexe ist. Dabei ist ihre Sehnsucht nach einem besseren Leben, nach sexueller Befreiung, nach Ruhm und Anerkennung, die sie in ihrer angestrebten Karriere als Tänzerin zu finden glaubt, absolut nachvollziehbar. Sie fühlt sich wie eine Gefangene auf der heimischen Farm, wartend auf ihren Ehemann, der in Europa für sein Land im Krieg ist, unterdrückt und gegängelt von ihrer strengen, vom Leben verhärmten Mutter, ihren schwerkranken Vater aufopferungsvoll pflegend. Da ist es nur eine Frage der Zeit bis das Fass zum Überlaufen kommt und Pearl auf ihre sehr eigene Art und Weise aus ihrem Gefängnis ausbricht.
 
Zeitlich angesiedelt in den letzten Monaten des ersten Weltkrieges erzählt Ti West eine mitreißende Schauermär um eine einsame junge Frau, die ihrem tristen Alltag mit allen Mitteln entkommen will. Ganz witzig sind die Verweise auf das zur Drehzeit noch allgegenwärtige Corona-Virus, hier thematisiert in Form der Spanischen Grippe, die seinerzeit mehr als 20 Millionen Menschen dahinraffte. Ob die Menschen in den USA damals tatsächlich im Alltag mit Gesichtsmasken herumgelaufen sind, entzieht sich meiner Kenntnis und ist wohl eher als Seitenhieb zu verstehen. Hervorragend gelungen ist auch das Ende, das den Film auf perfekte Weise abrundet. Ganz toll!

Dienstag, 13. Januar 2026

SINNERS (Ryan Coogler, 2025)

They're vampires.

Müder Abklatsch von From Dusk till Dawn, an dessen Struktur sich Coogler erkennbar orientiert. Wie auch beim großen Bruder werden in der ersten Hälfte die Charaktere vorgestellt, die allesamt uninteressant sind und nicht mehr als oberflächlich angelegte Abziehbilder bleiben. In der zweiten Hälfte kommt es dann in einer alten Mühle zum Showdown mit den Vampiren, der von hektischen Schnittfolgen und einer unübersichtlichen Choreographie geprägt ist.

Das Setting im Süden der USA zur Zeit der Prohibition in den 30er Jahren ist ganz nett und sorgt für einige schöne Aufnahmen. Die Darsteller machen ihre Sache ganz ordentlich. Zwischendurch muss man zahlreiche Gesangs- und Tanzeinlagen ertragen, was Sinners zu einer Mischung aus Horrorfilm und Musical macht. Blues-Fans kommen hier sicherlich auf ihre Kosten. Ich empfand das eher als anstrengend. Der Score von Ludwig Göransson vermittelt zwar eine gewisse Dynamik, ist aber in vielen Szenen völlig unpassend. So quält man sich durch überlange 138 Minuten in der Hoffnung, Zugang zu dem belanglosen Treiben zu finden. Ich habe bereits nach einer Stunde den Abspann herbeigesehnt. Das war leider nichts.  

 

Montag, 12. Januar 2026

THE KILLER (David Fincher, 2023)

Leave no loose ends, nothing to dangle.

Ein schnökelloser, aufs Wesentliche reduzierter Thriller mit einer klassischen Rachestory, die weder sonderlich originell noch übermässig spannend ist. Und doch ist es faszinierend, dem Protagonisten dabei zuzusehen, wie er alles genau plant, jeden gegnerischen Zug zu antizipieren versucht und es dennoch nicht schafft, sich an seine selbst auferlegten Regeln, die er mantra-artig wiederholt, zu halten. Michael Fassbender ist stark wie immer und erwartungsgemäß ist The Killer eine einzige One-Man-Show. Zumindest bis zu dem Moment, in dem Tilda Swinton auf den Plan tritt, aber da ist der Film schon fast zu Ende. 

Fincher kleidet das in die gewohnt schönen Bilder und er schafft es einmal mehr, vergleichsweise belanglose Alltagssituationen durch ausnehmend elegante Kamerafahrten und eine raffinierte Schnitt-Technik zu etwas Besonderem zu machen. Für die passende akkustische Untermalung sorgte Trent Reznor, mit dem Fincher schon mehrfach zusammengearbeitet hat. Zugespitzt könnte man sagen, dass bei The Killer Style over Substance regiert, denn es ist weniger eine fesselnde Story, die begeistert, sondern die formale Eleganz und formvollendete Schönheit des Dargebotenen. Das ist zweifellos einer der größten Stärken des Mannes aus Colorado. Kaum einer beherrscht das so wie er. Und doch würde man dem Film damit Unrecht tun, denn zwei Stunden spannende und kurzweilige Unterhaltung bietet er allemal. Eine herausragende Stellung unter Finchers Filmen wird ihm indes nicht zuteil. Eine routinierte Standardarbeit und doch besser als Vieles, was Jahr für Jahr das Licht der Leinwand erblickt. Und nebenbei bemerkt habe ich schon lange keinen Film mehr mit derart penetrantem Product-Placement gesehen. Zumindest in dieser Hinsicht sticht The Killer heraus. 

Samstag, 10. Januar 2026

BAD LIEUTENANT (Abel Ferrara, 1992)

I'm a fucking Catholic!

Uninspirierte und ziemlich langweile Charakterstudie mit einem souveränen Harvey Keitel als drogenabhängiger und korrupter Polizist, der statt seiner Arbeit nachzugehen, ziellos durch New York mäandert, sich dabei betrinkt, Drogen konsumiert, Sex hat, seine Macht missbraucht und immer tiefer in Wettschulden versinkt. Im Grunde sucht er Erlösung aus seinem elenenden Dasein, die ihm dann in der letzten Szene endlich zuteil wird. 

Abel Ferrara macht aus der grundsätzlich spannenden Idee einen langatmigen und ziemlich drögen Film, dessen Sichtung alles andere als ein Vergnügen ist. Es fehlt schlichtweg an einer vernünftigen Story oder zumindest einer klaren Struktur. Bad Lieutenant bietet eine lose Aufeinanderfolge unzusammenhängender Szenen, die vor allem den Sinn zu haben scheinen, den Zuschauer zu schocken und vor den Kopf zu stoßen. Das ist anfangs noch interessant, wirkt aber zunehmend repetitiv und ermüdend. Keitel ist stark wie immer, kann den Film aber trotz einer äußerst intensiven Vorstellung auch nicht retten.

Freitag, 9. Januar 2026

FRANKENSTEIN (Guillermo del Toro, 2025)

What manner of creature is that?

An Verfilmungen des berühmten Romans von Mary Shelley mangelt es wahrlich nicht. Daher stellt sich die Frage, was del Toro daran reizte, seine eigene Version auf die Leinwand zu bringen. Kurz gesagt räumt er den Gefühlen der Kreatur deutlich mehr Raum ein als das in den bisherigen Umsetzungen der Fall war, auch wenn Branaghs Version von 1994 sich bereits bemühte, ein differenziertes Bild der Kreatur zu zeichnen. Allerdings ging er nicht so weit wie jetzt der mexikanische Regisseur, der die Story aus zwei Perspektiven erzählt. Dies wird schon zu Beginn direkt nach dem Prolog deutlich, wenn die Einblendung "Victor's Tale" den Schluss nahelegt, dass nach der Geschichte aus Frankensteins Sicht auch die Sichtweise der Kreatur dargelegt wird. 
 
Diesen Ansatz fand ich durchaus originell. Die Umsetzung lässt leider zu wünschen übrig. Das fängt schon bei der unglücklichen Wahl der Darsteller an und setzt sich bei den schwachen CGI fort. Beispielhaft sei hier der Kampf mit den Wölfen genannt, der den Eindruck vermittelt, man sei in Sachen Technik auf den Stand der 90er Jahre zurück katapultiert worden. Oscar Isaac kann in der Titelrolle nur in Ansätzen überzeugen. Meist wirkt er wie eine billige Kenneth-Branagh-Kopie. Der Australier Jacob Elordi macht seine Sache als Kreatur recht ordentlich, dafür verfügt Mia Goth in der Rolle der Elizabeth über keinerlei Ausstrahlung. Zu allem Überfluss taucht irgendwann auch noch Christoph Waltz auf, der in meinen Augen einer der nervigsten und meist überschätzten Schauspieler der Gegenwart ist. Er spielt immer nur sich selbst, unabhängig davon, was die Rolle verlangt. So auch hier. Zum Glück segnet sein Charakter hier recht zügig das Zeitliche. 

Unter dem Strich ist Guillermo del Toros Frankenstein eine entbehrliche Neuverfilmung, die zwar über einen originellen Ansatz verfügt, letztlich aber zu viele handwerkliche Schwächen aufweist und zudem mit einer Spielzeit von 150 Minuten viel zu lang geraten ist.

Dienstag, 6. Januar 2026

PHANTOM THREAD (Paul Thomas Anderson, 2017)

I think it's the expectations and assumptions of others that cause heartache. 

Normalerweise schätze ich Anderson Filme sehr, aber Phantom Thread macht es dem Zuschauer sehr schwer, ihn richtig zu mögen. In Erinnerung wird er vor allem deshalb bleiben, weil es lange Zeit offiziell der letzte Film von Daniel Day-Lewis war, wobei dies inzwischen dadurch überholt ist, dass er im vergangenen Jahr die Hauptrolle im Regidebut seines Sohnes übernommen hat. 

Phantom Thread erzählt die durchaus interessante Geschichte einer kranken Liebe zwischen dem berühmten Modedesigner Reynolds Woodcock und der Kellnerin Alma Elson, die zunächst seine Muse, dann seine Geliebte und schließlich seine Ehefrau wird. Da der hochsensible und feingeistige Reynolds nicht zu der Art von Beziehung fähig ist, die Alma sich wünscht, versucht sie zunächst ihn durch Manipulation zu ändern, kommt dabei aber schnell an ihre Grenzen. Schließlich stößt sie mehr oder weniger zufällig auf eine elegante Möglichkeit, ihn in eine Lage zu versetzen, in der er ihr völlig ausgeliefert ist und sich ihrer Liebe und Fürsorge gar nicht entziehen kann. "I want you flat on your back. Helpless, tender, open with only me to help" sagt sie einmal.

Dies kleidet Anderson in betörend schöne Bilder, die das London der 50er Jahre in all seiner Schönheit auf die Leinwand bringen. Auch darstellerisch gibt es wenig zu meckern. Daniel Day-Lewis ist ohne Zweifel einer der besten Schauspieler seiner Zeit und dominiert jeden Film, in dem er mitspielt. So auch hier. Dagegen kommt Vicky Krieps als Alma naturgemäß nicht an, kann aber dennoch überzeugen, ebenso wie Lesley Manville als Reynolds dominante Schwester Cyril. Natürlich wird auch hier wieder das für Anderson so typische Thema der disfunktionalen Familie behandelt, dieses Mal hauptsächlich in Person von Reynolds verstorbener Mutter. Die Erinnerung an sie lässt ihn nicht los und ohne seine Schwester Cyril, die mit ihm zusammenlebt und alles Wichtige regelt, scheint er kaum lebensfähig zu sein.

Soweit ist das alle stimmig und doch wollte keine richtige Begeisterung bei mir aufkommen, weil alles so furchtbar träge und langatmig erzählt wird. Phantom Thread ist mit einer Spieldauer von etwas mehr als zwei Stunden einer der kürzesten Filme Andersons, wirkt aber deutlich länger als beispielsweise Magnolia, bei dem die drei Stunden wie im Flug vergehen. Als der Abspann lief, fühlte ich mich regelrecht erschöpft. Irgendwie schade, denn die Geschichte ist durchaus interessant und formal gibt es auch nichts zu beanstanden. 

Sonntag, 4. Januar 2026

ONE BATTLE AFTER ANOTHER (Paul Thomas Anderson, 2025)

No more lunatics!

Andersons aktuelles Werk ist eine Mischung aus bissiger Satire und Thriller, in deren Mittelpunkt einmal mehr eine Vater-Kind-Geschichte steht. Meist geht es bei Anderson um eine Vater-Sohn-Beziehung, hier geht es um die Beziehung zwischen einer jungen Frau und ihren beiden Vätern: einmal ihrem leiblichen Vater, von dessen Existenz sie zunächst nichts weiß und ihrem Ziehvater, der sie schon als Säugling unter seine Fittiche genommen hat, in der Meinung, ihr leiblicher Vater zu sein, nachdem ihre Mutter sich aus dem Staub gemacht hatte.

Das Ganze spielt vor dem politischen Hintergrund der Einwanderungsproblematik an der Südgrenze der USA und thematisiert dabei den allgegenwärtigen Kampf zwischen links und rechts ebenso wie den Missbrauch der Staatsgewalt. Und auch wenn diese Themen nach wie vor aktuell sind, hat man den Eindruck, dass sich Anderson dafür nur am Rande interessiert und er dies vielmehr als Aufhänger nutzt, um eine etwas wirre Geschichte um eine linke Terroristengruppe zu erzählen, die in einer nicht genau zu verortenden Zeit Anschläge auf staatliche Institutionen verübt. Die Story basiert zudem lose auf einem mir unbekannten Roman aus den 90er Jahren und ist letztlich ziemlich belanglos. One Battle after another lebt vielmehr von seinem skurrilen Humor und den schrillen Charakteren, wobei Sean Penn den Vogel abschießt. Sein Colonel Steven J. Lockjaw verkommt zu einer reinen Comicfigur, was dem Unterhaltungsfaktor äußerst zuträglich ist. Großartig auch Leonardo DiCaprio in der Rolle des etwas ungeschickten, aber aufopferungsvoll kämpfenden Vaters, der verzweifelt versucht, seine Tochter zu retten.

Während der 2 1/2 Stunden fragt man sich immer wieder, was das Ganze soll, nimmt das bisweilen recht bizarre Geschehen aufgrund des enorm hohen Unterhaltungsfaktors aber dennoch gerne an. Ich habe mich jedenfalls köstlich amüsiert. PTA beweist damit einmal mehr, dass er einer der ganz großen Hollywood-Regisseure ist.

Sonntag, 28. Dezember 2025

KINDS OF KINDNESS (Giorgos Lanthimos, 2024)

If all the conditions are to be met then I ought to be dead.

Meine dritte Begegnung mit Lanthimos ist die bisher verstörendste. Über die Laufzeit von drei Stunden werden drei Geschichten erzählt, in denen jeweils diesselben Darsteller in unterschiedlichen Rollen auftreten und die über die mysteriöse Figur des R.M.F. lose miteinander verbunden sind. Die Episoden stellen die Themen Abhängigkeit, Kontrolle und Machtausübung in den Mittelpunkt, und zwar in Bezug auf den Arbeitgeber in der ersten, in Bezug auf Liebe in der zweiten und in Bezug auf Religion in der dritten Geschichte. Im Grunde also die zentralen Themen, die die Menschheit seit Jahrhunderten beschäftigen.

Während mich Poor Things phasenweise stark an Tim Burtons Filme erinnerte, kam mir bei Kinds of Kindness eher David Lynch in den Sinn, dessen Filme oft ebenso rätselhaft und verstörend sind wie die des Griechen. Lanthimos ist ein moderner Märchenerzähler und so wie die klassischen Märchen die Leser universelle Wahrheiten über das Leben lehren, geben auch seine Parabeln dem Zuschauer etwas mit, über das er nachdenken kann. Wirklich verstehen muss man das alles nicht und Lanthimos macht sich auch gar nicht die Mühe, alles bis ins Detail erklären zu wollen. Vielmehr wirft er dem verdutzten Zuschauer die Puzzleteile vor die Füße, die dieser dann gefälligst selbst zusammensetzen soll, mit dem Handicap, dass ein paar entscheidende Stücke fehlen. Schon der Titel ist ein Hohn. Wenn es etwas in Kinds of Kindness nicht gibt, dann sind das nette, sympathische Menschen. 

Neben einem wie immer gut aufgelegten Willem Dafoe und der bei Lanthimos omnipräsenten Emma Stone, die so etwas wie seine Muse zu sein scheint, kann vor allem der wandlungsfähige Jesse Jemons überzeugen. Ähnlich bizarr wie die Handlung ist die musikalische Untermalung von Jerskin Fendrix, die vorwiegend aus einzelnen Klaviertönen und kurzen Chorakkorden besteht. Für die Kamera war wie auch bei Lanthimos' vorherigen Filmen Robbie Ryan zuständig, der das Geschehen einmal mehr in ausgesprochen schöne Bilder kleidet.

Freitag, 26. Dezember 2025

HARD EIGHT (Paul Thomas Anderson, 1996)

This is a very fucked-up situation here.

Paul Thomas Anderson trat ins Blickfeld der Cineasten mit einem Paukenschlag. Hard Eight, der auch unter den Titeln Last Exit Reno und Sydney bekannt ist, ist ein echtes Brett. Eine faszinierende Charakterstudie mit einem überragenden Philip Baker Hall in der Hauptrolle, mit dem Anderson fortan noch mehrfach zusammenarbeiten sollte. Ebenso wie mit John C. Reilly und dem wunderbaren Philip Seymour Hoffman, der hier in einer Nebenrolle zu sehen ist. Und wie immer freute ich mich über das Wiedersehen und gleichzeitig machte mich der Gedanke an seinen tragischen Tod traurig, denn meiner Meinung nach handelte es sich um einen der begnadetsten Schauspieler seiner Zeit. Sehr schade, dass er nicht mehr unter uns weilt.

Im Zentrum des Films steht die anfangs rätselhafte Beziehung zwischen dem erfahrenen und gut situierten Spieler Sydney und dem heruntergekommen, völlig abgebrannten John, der versucht, 6.000 $ für die Beerdigung seiner Mutter zusammenzubringen. Warum Sydney sich überhaupt für John interessiert und ihn unter seine Fittiche nimmt, wird erst im Laufe der Handlung Stück für Stück enthüllt. Zwischen den beiden ungleichen Männern entwickelt sich so im Laufe der Zeit eine tiefe Freundschaft, wobei Sydney wie eine Art Vaterfigur für John agiert. Gegen Ende spitzen sich die Geschehnisse zu und die Handlung nimmt ordentlich Fahrt auf. Die für Andersons Verhältnisse vergleichsweise kurze Spieldauer trägt dazu bei, dass man als Zuschauer stets am Ball bleibt, auch wenn das Drehbuch nicht in jeder Hinsicht überzeugen kann. Diese kleine Schwäche machen die wunderbaren Darsteller aber locker wett. Insgesamt ein sehr beachtliches Debut eines der interessantesten Regisseure der Gegenwart. 

Donnerstag, 25. Dezember 2025

LE COMTE DE MONTE-CRISTO (Matthieu Delaporte & Alexandre de La Patellière, 2024)

Gut gemachte Verfilmung des berühmten Dumas-Romans mit überzeugenden Darstellern und authentisch wirkenden Sets. Pierre Niney in der Titelrolle macht seine Sache ausgesprochen gut und die bezaubernde Anaïs Demoustier verfügt über eine charismatische Ausstrahlung. 

Die Laufzeit ist mit drei Stunden für meinen Geschmack etwas lang geraten, wobei das Beziehungsgeflecht der handelnden Personen natürlich eine gewisse Zeit für die Entfaltung benötigt. Dennoch gibt es speziell in der Phase der Racheplanung die ein oder andere Länge, doch zum Finale hin wird das Tempo wieder merklich angezogen. Beim Drehbuch wurde die Grundstruktur des Romans beibehalten, wobei sich das Autorenteam in den Details doch eine Menge Freiheiten nahm. Unter dem Strich eine weitere unterhaltsame Umsetzung der hinlänglich bekannten Vorlage, die die Welt aber auch nicht unbedingt gebraucht hätte. Schöne Feiertagsunterhaltung allemal.

Samstag, 20. Dezember 2025

OUTLAWS AND ANGELS (JT Mollner, 2016)

You see, Christ forgives...but I don't.

Normalerweise hätte ich um einen Film mit dem bescheuerten Titel Outlaws and Angels einen weiten Bogen gemacht. In dem Fall handelt es sich allerdings um das Regiedebut von JT Mollner, dessen Strange Darling kürzlich von mir wohlwollend rezipiert wurde, und auch das gelungene Drehbuch zu The long Walk stammt aus seiner Feder. Die Kritiken waren Outlaws and Angels alles andere als wohlgesonnen. Bei der von mir sehr geschätzten Plattform Rotten Tomatoes kommt der Film auf einen erbärmlichen Score von 30%. Und doch hatte ich eine Menge Spaß während der zwei Stunden, wozu sicherlich auch die Tatsache beigetragen hat, dass ich die Sichtung wieder einmal völlig unvorbereitet angegangen bin und keine Ahnung hatte, was mich erwarten würde. 

Was zu Beginn noch wie ein 0815-Western anmutet (eine Bank wird überfallen, es gibt Tote, auf die Bankräuber wird ein Kopfgeld ausgesetzt, diese fliehen durch die Wüste, Kopfgeldjäger heften sich an ihre Fersen), wandelt sich schnell in ein spannendes, mit zahlreichen überraschenden Wendungen aufwartendes Rache-Drama mit einem deftigen Gewaltgrad und deutlichen Anleihen beim klassischen Spagetti-Western. Die Darsteller sind mir allesamt unbekannt, machen ihre Sache aber sehr gut. Clint Eastwoods Tochter Francesca, die sich im Laufe der Handlung zur zentralen Figur der Geschichte wandelt, kann nicht nur mit optischen Reizen überzeugen, sondern vor allem mit einer tollen Ausstrahlung. Wie bei Strange Darling ist auch hier der inspirierende Einfluss Quentin Tarantinos  spürbar, auch wenn dieser natürlich nichts mit der Filmproduktion zu tun hatte. JT Mollner ist ganz offensichtlich ein großer Fan des Filmemachers auch Tennessee und das merkt man dem Film zu jeder Zeit an.

Unter dem Strich ein sehr kurzweiliges Vergnügen und gute Unterhaltung an einem verregneten Samstagabend.

Montag, 15. Dezember 2025

THE LONG WALK (Francis Lawrence, 2025)

Anyone can win.

Stephen Kings unter seinem Pseudonym Richard Bachmann 1979 veröffentlichter Roman hat mich schon als junger Mann so begeistert, dass ich das Buch seinerzeit innerhalb weniger Stunden verschlungen habe. Insbesondere aufgrund der Tatsache, dass die Geschichte mit wenig Aufwand filmisch umgesetzt werden kann, ist es erstaunlich, dass es 45 Jahre gedauert hat, bis sich jemand an die Umsetzung machte.

Die Geschichte ist schnell erzählt: in einem dystopischen Amerika der Zukunft, das nach einem zermürbenden Bürgerkrieg verbunden mit wirtschaftlichem Niedergang inzwischen eine Militärdiktatur ist, wird jährlich der lange Marsch veranstaltet, an dem 50 junge Männer teilnehmen. Sie müssen eine Mindestgeschwindigkeit von 3 Meilen pro Stunde einhalten. Wer diese unterschreitet, erhält eine Verwarnung. Wird die Mindestgeschwindigkeit eine Stunde lang eingehalten, wird eine Verwarnung gestrichen. Bei drei Verwarnungen erhält der Deliquent das Ticket, wobei dies die euphemistische Umschreibung eines Kopfschusses ist. Es gibt keine Ziellinie. Die Teilnehmer marschieren so lange bis nur noch einer übrig ist.

Bei der Umsetzung bewegte sich Lawrence sehr nah an der Vorlage, wobei die "vier Musketiere" - eine Gruppe, die sich zu Beginn des Marsches dahingehend verabredet, sich gegenseitig zu helfen - hier natürlich, dem Zeitgeist geschuldet, multiethnisch zusammengesetzt ist. Auch die Hintergrundgeschichten der einzelnen Personen wurden etwas angepasst. Deutlich geändert wurde hingegen das Ende, was bedauerlich ist, denn dieses ist nicht schlüssig und erkennbar dem Bemühen geschuldet, den Zuschauer überraschen zu wollen. Abgesehen davon gibt es nichts zu bemängeln. Lawrence ist ein fesselnder und sich mit fortschreitender Spieldauer immer weiter zuspitzender Film gelungen, dessen Faszination in erster Linie aus der Figurenkonstellation und der sich daraus ergebenden Gruppendynamik erwächst. Für mich eine der bisher besten King-Verfilmungen, die es einem leicht macht, über das nicht so gelungene Ende großzügig hinwegzusehen.

Donnerstag, 11. Dezember 2025

POOR THINGS (Giorgos Lanthimos, 2023)

Why keep it in my mouth if it is revolting?

Eine ebenso originelle wie witzige Frankenstein-Variante um die nach ihrem Suizid wiederbelebte Bella, die von dem brillanten Chirurgen Godwin Baxter mit dem Hirn ihre ungeborenen Babys ausgestattet wurde. Lanthimos macht daraus einen optisch bisweilen stark an Tim Burton erinnernden Selbstfindungstrip der zu Beginn der Handlung auf dem geistigen Niveau eines Säuglings befindlichen Bella, nachdem es ihr gelungen ist, aus ihrer Gefangenschaft auszubrechen und das Anwesen Baxters zu verlassen, das Lanthimos wie eine Märchenwelt gestaltet hat und von bizarren Kreaturen bewohnt wird. Im Laufe ihrer Reise trifft sie auf verschiedene Männer, die alle auf die ein oder andere Weise von ihr Besitz ergreifen und sie wieder einsperren wollen. Ihre Freiheit findet sie, indem sie sich in einem Pariser Bordell prostituiert, was ihr die Möglichkeit gibt, ihre starken sexuellen Begierden auszuleben und dafür auch noch Geld zu kassieren.

Die (aus Bellas Sicht) triste Welt des Baxter-Anwesens stellt Lanthimos in Schwarzweiß-Bildern dar, während die große unbekannte Welt in knallig bunten Farben erstrahlt. Dabei kommen wieder viele optische Spielereien zum Einsatz wie die häufige Nutzung des Fischaugen-Objekts oder stark eingeschränkte Blickwinkel. Dies wirkt selbstzweckhaft und hat in den wenigsten Fällen einen Bezug zur Handlung, sondern scheint in in erster Linie dem Bemühen geschuldet, einen eigenständigen Stil zu kreieren. Dies äußerst sich auch in der Wahl des europäischen Widescreen-Bildformats von 1,66:1, das heutzutage kaum noch Verwendung findet.

Neben allem Humor ist Poor Things zutiefst femministisch und gleichzeitig eine Absage an zweifelhafte Traditionen und aus Sicht eines Kleinkindes nicht nachvollziehbarer Benimm- und Anstandsregeln. Sämtliche Männer, die Emma im Laufe ihrer Reise trifft, wollen entweder Sex mit ihr oder streben danach sie zu besitzen. Die einzig rühmliche Ausnahme bildet Godwins Schüler Max McCandles, der aufrichtige Gefühle für Emma empfindet und sie heiraten möchte. Am Ende lernt sie das personifizierte Böse in Person des Generals Alfred Blessington kennen und erfährt schließlich auch den Grund für ihren Selbstmord.

Darstellerisch kann neben Emma Stone (Oscar-prämiert) in der Hauptrolle vor allem Willem Dafoe als Emmas Schöpfer überzeugen. Sein äußerlich entstellter, mit einem brillanten Geist ausgestatteter Godwin Baxter ist ein faszinierender Charakter mit unbändiger schöpferischer Kraft, der gottgleich über Leben und Tod entscheidet, dabei aber unverkennbar starke Vatergefühle für die Krone seiner Schöpfung, Bella, hegt. Lobenswert auch unbedingt die tolle Kamera-Arbeit des Iren Robbie Ryan, die die Handlung in opulenten, farbenprächtigen Bildern erstrahlen lässt und von dem eingewilligen Score von Jerskin Fendrix treffend untermalt wird, mit dem Lanthimos hier erstmals zusammenarbeitete.