Los Olvidados wirft einen ebenso schonungslosen wie verstörenden Blick auf die Armut in den Elendsvierteln von Mexiko-Stadt während der 50er Jahre. Realistisch und ohne Sentimentalität schildert der Film den Alltag von Kindern und Jugendlichen, die in einem Umfeld aufwachsen, das von Gewalt, Hunger und fehlender Perspektive geprägt ist.
Bei allem Bösen, was seine Charaktere tun, verurteilt Buñuel sie nicht. Er zeigt, er beobachtet, aber er richtet nicht. Die Kinder und Jugendlichen sind nicht von Natur aus böse oder verdorben, sondern vielmehr Opfer ihres Umfelds und der sozialen Verhältnisse. Lediglich der Anführer der Bande, Jaibo, nimmt hier eine Sonderstellung ein. Seine Rücksichtslosigkeit und Gewaltbereitschaft gehen weit über das hinaus, was bei seinen Freunden zu beobachten ist.
Vereinzelt versuchen die jungen Menschen, dem Elend zu entkommen. Julian etwa, der arbeitet, um seine Familie zu ernähren und sich um seinen dem Alkohol verfallenen Vater kümmert, oder Pedro, der so etwas wie die Identifikationsfigur für den Zuschauer ist und versucht, ein ehrlicher Mensch zu werden, dabei aber immer wieder an den Umständen oder der Rücksichtslosigkeit seines Freundes Jaibo scheitert. Letztlich gelingt aber niemandem der Ausbruch aus diesem Teufelskreis aus Armut und Gewalt. Über allem liegt der Schleier der Hoffnungslosigkeit.
Darstellerisch überzeugt der Film auf ganzer Linie. Die Leistungen der überwiegend sehr jungen Schauspieler wirken durchweg natürlich und authentisch, was den nahezu dokumentarischen Charakter des Films unterstreicht. Dennoch verzichtet Buñuel nicht völlig auf surrealistische Elemente. Besonders Pedros Albtraumsequenz ist hier zu erwähnen. Die Szene ist nicht nur wunderschön fotografiert, sondern vermittelt zugleich auf eindringliche Weise die Ängste und Sehnsüchte der Hauptfigur. Die fast schon obligatorische Fußszene gibt es übrigens auch hier, wenn man Pedros Mutter dabei zusehen darf, wie sie sich die Füße wäscht.
Zwei der Charaktere, Pedro und Meche, tauchen im zwei Jahre später entstandenen El Bruto wieder auf. Jener wäre wahrscheinlich eine Art Fortsetzung geworden, hätte man Buñuel nicht gezwungen, das Drehbuch völlig umzukrempeln. Los Olvidados bietet all das, was El Bruto schmerzlich vermissen lässt. Umso bedauerlicher, dass El Bruto nicht der Film geworden ist, der er hätte sein können.
Los Olvidados ist eine Low-Budget-Produktion, für deren Umsetzung Buñuel unter dem Einsatz einfachster Mittel nur 21 Drehtage benötigte. Das Ergebnis ist ein ungemein kraftvoller Film, der einen ungeschönten und authentischen Blick auf die Lebensbedingungen einer hoffnungslosen Generation in den Slums von Mexiko-Stadt gewährt. Zu authentisch für den gemeinen Mexikaner, was zur Folge hatte, dass die Vorführungen des Films bereits nach wenigen Tagen wieder abgesetzt wurden. Es bedurfte schon des Ritterschlages durch die Internationalen Filmfestspiele von Cannes, wo Buñuel für den Film als bester Regisseur ausgezeichnet wurde, um Los Olvidados die Anerkennung zu verschaffen, die er verdient hat. Auch heute noch ein sehr bewegender Film und ohne Zweifel eine der besten Arbeiten des spanischen Regisseurs.