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03 Mai 2013

PIETA (Kim Ki-duk, 2012)

Nach seiner depressiven Phase und dem daraus hervorgehenden Dokumentarfilm Arirang bezeichnete Kim Ki-duk Pieta als einen Neuanfang. Allerdings liegt dazwischen noch sein Film Amen, dessen ich bisher leider noch nicht habhaft werden konnte. Auf den ersten Blick unterscheidet sich Pieta kaum von seinen früheren Arbeiten, doch bei genauerer Betrachtung fallen schon einige Unterschiede auf. So zeigt er in Pieta ganz explizit die Schattenseiten des Kapitalismus, die Verlierer des Systems, die in baufälligen Blechhütten hausen und mit ihrem traditionellen Handwerk ihr karges Dasein fristen. Leben können sie davon nicht, so dass sie gezwungen sind, Geld zu leihen in dem Wissen, es nicht zurückzahlen zu können. Der skrupellose Geldeintreiber Kang-do hat daher seine ganz eigenen Methoden entwickelt, die geliehene Summe samt 10-fachem Zinsaufschlag zu bekommen. Die Schuldner werden verstümmelt, damit die bei Kreditgewährung abgeschlossene Unfallversicherung einspringt und enden meist als Bettler oder Alkoholiker. Oder sie suchen den Freitod.

Die Verortung der Geschichte in einer sozialen Randgruppe und zudem im alten Arbeiterviertel Cheonggyecheon in Seoul ist in dieser Form ungewöhnlich für Kim, waren seine bisherigen Filme doch meist losgelöst von sozialen Strukturen und stellten zwischenmenschliche Probleme und Beziehungen in den Mittelpunkt. Das für ihn so typische Thema der Abhängigkeit kommt in Pieta natürlich ebenfalls vor. Nachdem Kang-do akzeptiert hat, dass Min-sun seine Mutter ist, nimmt ihre Beziehung zunehmend die Formen einer Abhängigkeit an. Die damit einhergehende Läuterung Kang-dos im Schnelldurchgang ist nicht sonderlich glaubwürdig und wirkt arg konstruiert, doch ist dies der einzige Schwachpunkt des ansonsten rundum überzeugenden Films. 

Im Vergleich mit Werken wie Samaria, Seom oder gar Bad Guy wirkt Pieta wesentlich bodenständiger und damit auch massentauglicher, wobei die krassen Gewaltszenen, die allerdings meist nur angedeutet werden, vermutlich dafür sorgen werden, dass der Mainstream-Filmfreund auch mit Kims 18. Film nicht viel wird anfangen können.

19 Januar 2013

BOM YEOREUM GAEUL GYEOUL GEURIGO BOM/Frühling, Sommer, Herbst, Winter .. und Frühling (Kim Ki-duk, 2003)

Frühling, Sommer, Herbst, Winter .. und Frühling war vor einigen Jahren meine erste Begegnung mit Kim Ki-duk und legte den Grundstein für mein stetig wachsendes Interesse an seinen Arbeiten. Im Nachhinein bin ich froh, gerade diesen Film zuerst gesehen zu haben, ist es doch sein zugänglichster und zudem einer seiner schönsten. Kim hat ein archaisches Verständnis von Schuld und Sühne und nirgendwo bringt er das so treffend auf den Punkt wie hier. Jedes Vergehen wird geahndet, jeder Fehler unweigerlich bestraft.

Die Inszenierung erinnert an ein Theaterstück. Die gesamte Handlung spielt sich an und auf dem kleinen See ab. Die einzelnen Figuren betreten diesen Ort wie ein Theaterdarsteller die Bühne, durch ein Tor am Rande des Sees. Sie alle gehen hindurch, obwohl sie genauso außen herum gehen könnten, denn es gibt keine Mauern, die den Zutritt versperren. Ähnlich verhält es sich auch mit dem kleinen Tempel auf der Insel: innen gibt es Türen, aber keine Wände.

Bei der letzten Sichtung habe ich nur die geschnittene internationale Fassung gesehen, dieses Mal die ungeschnittene Originalfassung. Und so fiel mir erst jetzt auf, dass zwischen den auf den ersten Blick ähnlichen Handlungen der beiden Mönchsjungen ein erheblicher Unterschied besteht. Während der erste Junge (im ersten Frühling) die Tiere mehr aus Neugierde quält und später weint als er feststellt, dass zwei von ihnen daran gestorben sind, verrichtet der zweite Mönchsjunge (im zweiten Frühling) dies mit geradezu sadistischer Freude und sieht lachend zu, wie der Fisch und Frosch an den Steinen krepieren, die er ihnen in den Rachen gesteckt hat. Interessant vor allem deshalb, weil der erste Mönch später - wie wir wissen - zum Mörder wird und Kim zumindest indirekt einen Bezug zwischen dem Mord und dem Quälen der Tiere zu Beginn herstellt. Da fragt man sich zwangsläufig, wozu der zweite Junge fähig ist.

23 März 2011

SOOM/Breath (Kim Ki-duk, 2007)

Eine junge Frau, Yeon, erfährt durch eine Nachrichtensendung von den erfolglosen Selbstmordversuchen des verurteilten Mörders Jang Jin, der zusammen mit drei Leidensgenossen in der Todeszelle auf seine Hinrichtung wartet. Aufgrund einer Grenzerfahrung in ihrer Kindheit fühlt sie sich ihm verbunden, nimmt Kontakt zu ihm auf und beginnt eine Liebesbeziehung mit ihm, der ihr Mann, der sie wiederum mit einer anderen Frau betrügt, hilflos gegenübersteht.

Ich hatte mich entschieden, Kims bis heute letzten Film, Bi-Mong, vor seinem vorletzten, Soom, zu schauen, weil ich das Thema des Erstgenannten interessanter fand als das des Letztgenannten. Nach der ernüchternden Sichtung von Bi-Mong ahnte ich, dass meine Entscheidung unter dem Gesichtspunkt, den besseren Film zuerst zu sehen, falsch war. Und wie nun erwartet, ist Soom tatsächlich der weitaus bessere Film, weil er es ihm Gegensatz zu seinem Nachfolger versteht, mich für seine Figuren einzunehmen. 
 
Natürlich ist Yeons Verhalten zutiefst irrational, doch wie so oft in seinen Filmen schafft Kim es, dieser irrationalen Handlungsweise ein Schema, ein System zu geben und sie damit letztlich für den Zuschauer verständlich zu machen. So gelingt es Yeon am Ende nicht nur Jang Jin den Tod zu erleichtern, den er beinahe wehrlos durch seinen Zellenkumpan hinnimmt, sondern auch ihren inneren Frieden wiederzufinden und sich mit ihrem Mann auszusöhnen. Und somit ist Soom der einzige Film Kims, der ein Happy End hat. Dass ich das noch erleben darf...

19 März 2011

BI-MONG/Dream (Kim Ki-duk, 2008)


Nach dem tollen Shi gan ist Bi-Mong eine echte Enttäuschung. Die meiste Spielzeit verbringt man damit, zwei Menschen dabei zuzusehen wie sie versuchen, nicht gleichzeitig einzuschlafen. Das ist - da können sich die Darsteller noch so sehr mühen - einfach strunzlangweilig. 

Die Grundidee einer unheilvollen Verbindung, in der der Eine träumt, was die Andere schlafwandelnd ausführt, ist ja ganz nett, doch wenn man ein paar Filme von Kim gesehen hat, kann man 90 % des Handlungsverlaufs von Bi-Mong nach zehn Minuten ziemlich präzise vorhersagen. Überraschungen oder innovative Ansätze: Fehlanzeige. 

Fazit: Der schwächste Kim-Film, den ich bisher gesehen habe, und da ich bis auf einen alle kenne, wird sich daran auch nicht mehr viel ändern.  

18 März 2011

SHI GAN/Time (Kim Ki-duk, 2006)

Seh-hee ist krankhaft eifersüchtig. Sobald ihr Freund Ji-woo eine andere Frau auch nur ansieht, wird sie von Verlustängsten überwältigt. Aus Angst ihn zu verlieren, entschließt sie sich zu einer drastischen Maßnahme: von einem Tag auf den anderen verschwindet sie aus seinem Leben, unterzieht sich einer kosmetischen Operation, die ihr Gesicht total verändert und nähert sich Ji-woo dann nach sechs Monaten, in denen die OP-Narben verheilt sind, unerkannt, um ihn neu zu erobern. Doch bald merkt sie, dass ihre Rechnung nicht aufgeht, denn Ji-woo kann seine alte Liebe einfach nicht vergessen.

Shi gan ist ein Film über Liebe und Verlust, vor allem aber auch ein Film über Identität. Er wirft die Frage auf, inwieweit sich die Identität eines Menschen ändert, wenn er sein Äußeres radikal verändert. Wobei es Seh-hee ja ausdrücklich nicht darum geht, schöner zu werden, sondern darum, ihrem Freund Abwechslung zu bieten, eben ein anderes Gesicht als dasjenige, das er seit Jahren kennt. Kim stellt auch die Frage, inwieweit eine durch plastische Chirurgie neu gestaltete "Persönlichkeit" in der Lage ist, das alte Ich zu verdrängen und vergessen zu machen. Genügt es, sich ein neues Gesicht und einen neuen Namen zu geben, in eine andere Wohnung zu ziehen, persönliche Gegenstände und alte Bilder zu vernichten, um ein neuer Mensch zu werden?

Kim geht hier aber noch einen Schritt weiter, indem er beginnt, Seh-hees Persönlichkeit vor der Operation von der nach der OP abzuspalten. Der von ihr erhoffte Effekt, nämlich dass Ji-woo die alte Seh-hee vergisst und sich in die neue Seh-hee verliebt, tritt nicht ein. Sie muss auf schmerzhafte Weise feststellen, dass die alte Seh-hee nicht tot ist bzw. von der neuen Seh-hee verdrängt wurde, sondern dass Ji-woo die alte Seh-hee immer noch liebt und sie (die neue Seh-hee) jederzeit für die alte verlassen würde. In der Folge entwickelt sie eine immer stärker werdende Eifersucht ihrem früheren Ich gegenüber, die in regelrechten Hass umschlägt. Sie beginnt, ihr altes Ich und ihr neues Ich als zwei getrennte Personen wahrzunehmen. Eine schöne Allegorie für ihre sich zunehmend verfestigende Persönlichkeitsstörung, die die Vernunft mehr und mehr verdrängt, ist auch der im Meer versinkende Skulpturenpark, der im Laufe des Films als zentrale Anlaufstelle fungiert und zudem für Seh-hees auseinanderdriftende Persönlichkeiten die letzte Gemeinsamkeit, die letzte Verankerung in der Realität ist. Am Ende ist nicht einmal klar, ob Ji-woo tatsächlich derjenige war, der vom Auto überfahren wurde, und als blutiger Matschklumpen vor ihr liegt. Letztlich spielt das auch keine Rolle, weil sie ihn ohnehin verloren hat.

Auf die Spitze treibt Kim das Ganze dann in der Schlusssequenz nach Seh-hees zweiter OP, als er in einer Zeitschleife ihre Persönlichkeiten komplett voneinander abtrennt und sie wie selbstständige Menschen behandelt. Dies gipfelt dann darin, dass Seh-hees erstes Ich mit ihrem dritten auf der Straße zusammenstößt und dabei das Bild fallen lässt, dass ihr zweites Ich zeigt. Und so endet der Film mit derselben Szene, mit der er begann.

Ein schlichtweg großartiges Werk, mit dem Kim an seine Glanzzeit vor dem schwachen Hwal anschließt und das zum Besten zählt, was er bisher gemacht hat. 

14 März 2011

SHILJE SANGHWANG/Real Fiction (Kim Ki-duk, 2000)

Ein Straßenmaler verdient sein Geld mit dem Zeichnen von Porträts von Passanten und ist dabei ständigen Demütigungen ausgesetzt. Sei es durch Kunden, die ihm nur die Hälfte des vereinbarten Preises zahlen, das Bild gar nicht erst nehmen und einfach gehen oder solche, die das Bild zwar kaufen, aber in seinem Blickfeld zerreißen und in den Müll werfen. Bis eines Tages eine junge Frau mit einer Kamera kommt, sich von ihm malen lässt und ihm als Bezahlung zu einem Penner führt, der auf einer Art Theaterbühne sitzt. Dieser macht ihm auf drastische Weise klar, dass es an der Zeit ist, Rache zu üben an allen, die ihn verletzt haben.

Kims fünfter Spielfilm ist sein experimentellster und zugleich persönlichster. Wie der namenlose Protagonist war auch Kim eine zeitlang Straßenmaler und es ist gut vorstellbar, dass er dabei ähnlichen Demütigungen ausgesetzt war wie die Hauptfigur im Film. Auch die Misshandlungen und Erniedrigungen während seiner Militärzeit machte Kim gleichermaßen durch, wie er einmal in einem Interview erklärt hat. Und bei den zahlreichen Verletzungen durch Frauen kann man sich gut vorstellen, dass auch sie von Kims eigenen Erlebnissen beeinflusst sind. Etwas unklar ist die Rolle der Kamerafrau, die dem Protagonisten auf seinem Amoklauf durch die Stadt folgt und ihn ständig filmt. Steht sie für die Medien bzw. die Kritiker, die Kims Filmen mit Unverständnis begegnen? Und wünscht er sich insgeheim gar, dem ein oder anderen besonders kritischen Geist den Schädel einzuschlagen, so wie sein Protagonist das bei der Kamerafrau tut? Die Szene ist wohl eher symbolisch gemeint, wobei Real Fiction ohnehin stark mit Symbolik aufgeladen ist. Doch auch als simple Rachegeschichte funktioniert der Film erstaunlich gut. Dies ist in erster Linie das Verdienst des Hauptdarstellers Ju Jin-Mo, der eine beeindruckende Leistung abliefert.

Real Fiction gewährt einen tiefen Blick in eine verwundete Seele, die das Filmemachen als Katharsis begreift.

13 März 2011

YASAENG DONGMUL BOHOGUYEOG/Wild Animals (Kim Ki-duk, 1997)

Ein sehr beachtliches Frühwerk von Kim Ki-duk. Im Vergleich zu dem stellenweise etwas unbeholfen wirkenden Erstling Ag-o ist sein zweiter Film deutlich runder und in sich stimmiger. Der Film ist in Paris angesiedelt und damit der einzige des Regisseurs, der außerhalb Koreas spielt. Ganz offensichtlich hat Kim sich hier von seinem Paris-Aufenthalt zu Beginn der 90er Jahre beeinflussen lassen. Damals lebte er als Künstler dort und bestritt seinen Lebensunterhalt, indem er seine selbstgemalten Bilder auf der Straße verkaufte. 

Ich hoffe nur inständig, dass sein Aufenthalt dort von weniger Gewalt geprägt war, als man dies nach Sichtung von Wild Animals vermuten könnte. Bei jeder sich bietenden Möglichkeit wird hier drauflos geprügelt. Im Gegensatz zu Address Unknown, wo mich die ständigen Gewaltausbrüche bald nur noch nervten, sind sie hier jedoch besser in die Handlung integriert, wobei man auch sagen muss, dass die Handlungen der Akteure weitgehend rational erklärbar sind, so absurd sie im ersten Moment auch sein mögen. 

Und so ist Wild Animals ein erstaunlich bodenständiger Film, strahlt aber dennoch eine rohe, unbändige Kraft aus und bietet damit eine Qualität, die den aktuelleren Filmen des Koreaners zunehmend abhanden zu kommen scheint. 

06 Februar 2009

PARAN DAEMUN/Birdcage Inn (Kim Ki-duk, 1998)

Im Vergleich zu Kims rohem Erstling Crocodile ist sein dritter Film (den zweiten, Wild Animals, kenne ich leider noch nicht) ein Rückschritt. Deutlich glatter, geradliniger und gewöhnlicher und zudem für Kims Verhältnisse auch außerordentlich geschwätzig erzählt er zwar eine interessante Geschichte, der allerdings die rechte Würze fehlt. Nach dem kürzlich gesichteten Hwal nun der nächste "Kim light". 

Nicht zuletzt aufgrund der ungewöhnlich vielen Dialoge für Neueinsteiger sicherlich einer seiner zugänglichsten Filme. Seine sperrigen Werke sind mir dennoch lieber.

10 Januar 2009

HWAL/Der Bogen (Kim Ki-duk, 2005)

Ich würde mich durchaus als Freund der Kim'schen Arbeiten bezeichnen, doch Hwal fand ich ungeachtet seiner kurzen Spieldauer eher langweilig. 

Zwar gibt es auch hier wieder das für ihn so typische Verhältnis einer Abhängigkeit, zwar bietet Hwal interessante und äußerst verschlossene Charaktere, doch im Gegensatz zu seinen früheren Filmen passiert hier kaum etwas. Die Handlung lässt sich problemlos in zwei Sätze fassen. Und auch die Bildkomposition erreicht bei weitem nicht das sonst übliche Niveau.  

Hwal wirkte auf mich wie eine extrem weichgespülte Version von Seom. Natürlich ist das Ganze wieder sehr symbolbeladen, die Wandlung des jungen Mädchens zur Frau ist mit dem Pfeil und dem austretenden Blut sehr schön umgesetzt. In Ansätzen durchaus gelungen, aber insgesamt war mir Hwal einfach zu brav.  

24 Februar 2008

AG-O/CROCODILE (Kim Ki-duk, 1996)

Nachdem mich Address Unknown neulich nicht so überzeugen konnte, war ich dankbar, dass Arte mir mit der Ausstrahlung von Kims Debut Gelegenheit bot, mich mit ihm wieder zu "versöhnen". Dafür erstmal meinen Dank und auch natürlich dafür, dass man den Film im Originalton zeigte, auch wenn Bild- und Tonqualität ziemlich mies waren.

Ag-o wirkt in mancherlei Hinsicht noch etwas unreif, so ist der Schnitt beispielsweise etwas sprunghaft, die Übergänge zwischen einigen Szenen sind sehr abrupt. Dennoch ist Kims erster Spielfilm überaus sehenswert und weist schon viele der Qualitäten auf, die seine späteren Filme auszeichnen. Bemerkenswert ist, dass es hier kaum Figuren gibt, die richtig unsympathisch sind. Selbst Crocodile entpuppt sich im Laufe des Films als gar kein so übler Kerl, auch wenn er stark zu Gewaltausbrüchen neigt und vor allem zu Beginn wie ein Riesenarschloch rüberkommt. Mit dem Hauptdarsteller Jo Jae-hyeon arbeitete Kim später ja noch häufiger zusammen, u. a. in Seom, Bad Guy oder auch Address Unknown

 Ganz hervorragend auch die Schlusssequenz, die ich für eine der gelungensten in Kims Schaffen halte. Eine bedrückende Szene, die zugleich traurig, schockierend, aber auch wunderschön ist. 

08 Februar 2008

SUCHWIIN BULMYEONG/ADDRESS UNKNOWN (Kim Ki-duk, 2001)

Von Kim bin ich ja einiges gewohnt, aber Suchwiin bulmyeong ist selbst für seine Verhältnisse ein außergewöhnlich harter und düsterer Film. Sein filmisches Schaffen dreht sich seit jeher um psychisch gestörte Personen, aber meist konzentriert er sich dabei auf eine Einzelperson oder eine ungesunde Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau. Hier muss es dagegen gleich ein ganzes Dorf sein, das am Rad dreht. Keine der handelnden Personen ist auch nur halbwegs normal, alle leiden an einer tiefen Psychose, viele sind zudem extrem aggressiv – aus den unterschiedlichsten Gründen. Dabei geht Kim derart plakativ zu Werke, dass jede Subtilität auf der Strecke bleibt.

Das Leben im Dorf ist geprägt von der nahegelegenen US-Militärbasis (der Film spielt 1970), und im Laufe der Handlung wird auch ein junger Soldat in die Geschehnisse verwickelt. Während allerdings die Gründe für das irrationale Verhalten der Einheimischen nachvollziehbar sind, ist die Wandlung des scheuen US-Soldaten zum drogenabhängigen Psychopathen schwer verständlich, wozu auch die schwache Leistung Mitch Malums beiträgt. Ein schwacher Darsteller in einem Kim-Film ist mir bisher noch nicht untergekommen, bezeichnenderweise ist es ein US-Amerikaner, der für diesen Ausreißer sorgt. Die koreanischen Darsteller hingegen sind wieder einmal hervorragend gewählt und verkörpern ihre Rollen so perfekt, dass man nie den Eindruck hat, hier seien Schauspieler am Werk.

Die Grundkonstellation wäre an sich auch interessant genug für einen guten Film, nur lässt Kim dieses Mal das Skalpell in der Schublade und packt stattdessen den Holzhammer aus. Die dargestellte Gewalt ist derart repetitiv, dass sie mich nach anfänglicher Faszination bald nur noch ermüdete. Spätestens nach einer Stunde ist man der ständigen Prügelei überdrüssig. Bei jeder Gelegenheit und oft auch völlig grundlos wird drauflos geprügelt. Was bei einer etwas subtileren Herangehensweise durchaus eine Metapher für die Unfähigkeit zur echten Kommunikation (irgendwas gequasselt wird ständig) sein könnte, wirkt hier nur noch plump. Man stumpft zunehmend ab und nimmt gegen Ende selbst die extremsten Gewalttaten wie das Verstümmeln der Brust der eigenen Mutter durch den Sohn oder die Selbstverstümmelung des Auges mit einem Messer kaum noch als solche wahr. Vielleicht tue ich Kim jetzt unrecht, aber Suchwiin bulmyeong ist von den sieben seiner Filme, die ich bisher kenne, sein schlechtester. Obwohl er weit davon entfernt ist, ein schlechter Film zu sein, dafür bietet er dann doch noch zuviel Erquickliches. Die guten Ansätze sind da, nur nutzt Kim sie nicht in der ihm sonst eigenen Souveränität. Schade eigentlich.