30 März 2008

THE BRIDGE ON THE RIVER KWAI (David Lean, 1957)

Madness... Madness...

Für mich persönlich schließt sich hier der Kreis, denn The Bridge on the River Kwai war vor vielen Jahren meine erste Begegnung mit David Lean und der Auslöser für die über die Jahre wachsende Faszination seiner Arbeiten. Aber auch in seinem Schaffen bedeutete der Film eine Zäsur, denn es war das erste seiner großen, epischen Werke und läutete eben jene Serie monumentaler Filme ein, deren Titel einem normalerweise als erstes in den Sinn kommen, wenn der Name David Lean fällt. Es war nach einer Reihe kleiner und mittelgroßer europäischer Produktionen sein erster Hollywood-Film, der sich auch budgetmäßig in ganz anderen Regionen bewegte wie seine vorherigen Arbeiten. Und nicht zuletzt markierte der Film auch einen Quantensprung was die Qualität angeht. Soviel Spaß mir seine frühen Filme auch in den letzten Wochen bereiteten – The Bridge on the River Kwai stellt sie allesamt locker in den Schatten. Es ist sicher nicht übertrieben, wenn man ihn zu den ganz großen Kriegsfilmen der Filmgeschichte zählt.

Das Drehbuch, basierend auf einem Roman den französischen Schriftstellers Pierre Boulle, verbindet gekonnt die beiden Handlungsstränge (der Bau der Brücke und die Einschleusung des Spezialteams, das sie zerstören soll) zu einem großen Ganzen. Dabei kommt Lean fast gänzlich ohne Actionszenen aus, lediglich die Sprengung der Brücke am Ende kann man dazu zählen. Davon abgesehen bezieht der Film seine Spannung aus den Beziehungen der einzelnen Personen untereinander. Dazu bedarf es keiner großen Schlachten oder blutiger Schusswechsel. 

Interessant sind vor allem die tragenden Charaktere, von denen - im Gegensatz zu vielen anderen Kriegsfilmen - keine der typischen Vorstellung eines Kriegshelden entspricht. Auch nicht der von Alec Guinness verkörperte Colonel Nicholson, der mit seinem unermüdlichen Einsatz dafür sorgt, dass seine Männer während der Gefangenschaft nicht seelisch zerbrechen, dafür aber in Kauf nimmt, dem Feind eine Brücke zu bauen, die er selbst gar nicht hinbekommen hätte. Es schmerzt schon fast mit anzusehen, wie er nach vollendeter Arbeit bei Sonnenuntergang mit zufriedenem Blick die Brücke inspiziert, stolz auf sein Werk, das schon am nächsten Tag wieder zerstört werden soll. So ist es nur konsequent, dass ausgerechnet er am Ende fast die Sprengung der Brücke verhindert und für den Tod des Einsatzteams verantwortlich ist. Vollends zur tragischen Figur wird er in dem Moment, in dem er sterbend im Fallen die Sprengung auslöst, wobei Lean offenlässt, ob er dies mit Absicht macht oder einfach nur zufällig auf den Auslöser fällt. Spätestens hier wird klar, dass es keine Gewinner geben kann. 

Am Ende sind alle tot, die Brücke ist zerstört und der Krieg geht weiter.  

28 März 2008

THE INCREDIBLE SHRINKING MAN (Jack Arnold, 1957)

Ein Klassiker aus frühen Kindertagen, bestimmt schon 25 Jahre nicht mehr gesehen. Der Zahn der Zeit hat erkennbar an ihm genagt, und doch kann er – ebenso wie Tarantula – auch heute noch begeistern. Die Effekte können sich immer noch sehen lassen, insbesondere die Szenen mit der Katze und der Spinne verfehlen ihre Wirkung nicht. Auffällig ist, wie beiläufig Arnold das eigentliche Schrumpfen abhandelt, der Sprung vom ausgewachsenen Mann zum einen Meter großen Zwerg nimmt nur wenige Filmminuten in Anspruch. Als teilweise störend empfand ich die ständigen Kommentare aus dem Off, die der Film gar nicht nötig hatte. Wieso fällt mir eigentlich immer Terrence Malick ein, wenn es um überflüssiges Gequassel aus dem Off geht?

Zum Ende hin reduziert sich Careys Existenz auf den nackten Kampf ums Überleben: die Auseinandersetzung Mensch gegen Bestie und die Suche nach Nahrung. Die zivilisierte Welt ist unendlich weit weg, ausgeblendet, sie existiert praktisch nicht mehr. Übrig bleiben der Mann und das Monster, das er schließlich mit einfachsten Waffen besiegt. David gegen Goliath. 

In den letzten Minuten erliegt Arnold vollends dem Terrence-Malick-Syndrom und verliert sich in halbgaren philosophischen Betrachtungen, nachhaltig schaden kann dies dem Film jedoch nicht mehr.

 

14 März 2008

IN WHICH WE SERVE (Noel Coward & David Lean, 1942)

Da mir die fehlende DVD jetzt vorliegt, nutze ich die Gelegenheit, die Lücke in meiner David-Lean-Reihe zu schließen. In which we serve ist eigentlich ein Projekt Noel Cowards. Er produzierte, schrieb das Drehbuch (basierend auf einer wahren Begebenheit), spielte die Hauptrolle und führte Regie. Da er sich mit letzterem überfordert fühlte, engagierte er David Lean, der zu dieser Zeit hauptsächlich als Editor tätig war und ihm helfend unter die Arme greifen sollte, insbesondere was die technischen Dinge angeht. Es zeigte sich aber schnell, dass Lean weit mehr vom Drehen eines Films verstand als Coward und so überließ Coward ihm bald das Feld. Der Film ist also durchaus ein echter Lean und sein durchschlagender Erfolg bei Kritikern und Publikum legte den Grundstein für Leans anschließende außergewöhnliche Karriere.

Angesichts der Bedingungen, unter denen der Film entstand (mitten im 2. Weltkrieg, weite Teile Europas unter der Herrschaft der Deutschen, die Alliierten in der Defensive), und der Tatsache, dass die britische Marine bedingt durch die enge Zusammenarbeit einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Produktion hatte, ist erstaunlich, dass der Film relativ sachlich erzählt wird und weitgehend frei von Pathos ist. Natürlich wird hier und da die britische Marine gepriesen, und es gibt einige feierliche Ansprachen, deren Adressaten offensichtlich eher der britische Kinogänger und junge Rekruten als die jeweiligen Figuren im Film sind, aber insgesamt hält sich dies in erträglichem Rahmen und ist angesichts der realen Bedrohung der britischen Integrität zur Entstehungszeit sicherlich auch nachvollziehbar. In jedem Fall ist In which we serve in hohem Maße authentisch, was neben der Unterstützung durch die Marine auch darauf zurückzuführen ist, dass für die Kampfszenen teilweise echte Kriegsbilder verwendet wurden.

Interessant ist, dass schon einige Darsteller mitwirkten, mit denen Lean später noch öfter zusammenarbeiten sollte, wie beispielsweise John Mills oder Celia Johnson, wobei insbesondere Mills mit einer tadellosen Leistung überzeugt. Richard Attenborough gab hier sein Debut, ist aber nur kurz und in einer wenig schmeichelhaften Rolle zu sehen.  

10 März 2008

THEY DRIVE BY NIGHT (Raoul Walsh, 1940)

They drive by Night erzählt – durchaus sozialkritisch – vom Leben der einfachen LKW-Fahrer Ende der 30er Jahre, die für halsabschneiderische Unternehmer Waren von einem Ort zum anderen transportieren. Es ist ein hartes Brot: ständig von zu Hause weg, Tag und Nacht unterwegs, ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit brummt man im Halbschlaf von einer Stadt zur nächsten und kann froh sein, wenn man für die geleistete Arbeit überhaupt sein Geld bekommt. So auch die beiden Brüder Fabrini, die sich mit der Fahrt abwechseln. Während der eine fährt, schläft der andere. Ihrem Geld laufen sie seit Wochen hinterher, was wiederum dazu führt, dass sie Schulden an den Tankstellen haben und die Raten für ihren LKW nicht zahlen können. Richtig ausschlafen können die beiden nie, und so ist es nur eine Frage der Zeit, bis die ständige Übermüdung in einem schweren Unfall resultiert, der dazu führt, dass Paul (Humphrey Bogart in einer eher kleinen Rolle) seinen rechten Arm verliert. Bezeichnend ist die Reaktion seiner Frau, die glücklich darüber ist, dass ihr Mann nun keinen LKW mehr fahren kann und nicht mehr ständig unterwegs ist.

Im weiteren Verlauf entwickelt sich die Story dann in Richtung eines Eifersuchtsdramas inklusive Mord, bevor es dann zum großen Showdown im Gerichtssaal kommt. Was im ersten Moment etwas inkonsistent erscheint, passt letztlich doch erstaunlich gut zusammen und ergibt einen unterhaltsamen Film, der zudem mit George Raft über einen starken und charismatischen Hauptdarsteller verfügt. In der Rolle hätte ich mir auch gut Bogart vorstellen können, der in der zweiten Hälfte des Films doch stark in den Hintergrund tritt. Auch Ida Lupino weiß zu gefallen, die dann später in High Sierra wieder mit Bogart und Regisseur Walsh zusammenarbeitete.

Lobend erwähnt sei an dieser Stelle die gelungene DVD-Umsetzung von Warner, die diesen doch wenig bekannten, fast 70 Jahre alten Film nicht nur in guter Bild- und Tonqualität, sondern sogar mit interessanten Extras bietet.  

09 März 2008

PALE RIDER (Clint Eastwood, 1985)

Ein Standard-Western von Eastwood, der ihn wieder einmal in seiner Paraderolle des geheimnisvollen Fremden zeigt. Meilenweit von der Klasse eines High Plains Drifter oder gar Unforgiven entfernt, unterhält Pale Rider doch sehr ordentlich. 

Viel Außergewöhnliches gibt es hier allerdings nicht zu bestaunen. Ungewöhnlich ist höchstens, dass die Zerstörung der Umwelt durch die rabiaten Goldsuchmethoden LaHoods thematisiert wird. Die Story bietet wenig Neues, ist aber brauchbar und leidlich spannend, die schönen Landschaftsaufnahmen erfreuen das Auge. Der Showdown ist leider etwas enttäuschend. 

Nicht unbedingt eine Glanztat Eastwoods, aber unter dem Strich ein ordentlicher Western.  

05 März 2008

SUMMERTIME (David Lean, 1955)

When in Italy, you should meet Italians!

Der Name ist Programm: Summertime ist wie eine Urlaubsreise in das sommerliche Venedig: locker, leicht und unbeschwert. Gedreht ausschließlich an Originalschauplätzen, fühlt man sich direkt nach der Einfahrt des Zuges zurückversetzt in das Venedig der 50er Jahre. Man erforscht mit Jane Hudson (Katharine Hepburn) die Stadt, sieht sich Sehenswürdigkeiten an und erfreut sich an den warmen, sommerlichen Bildern und schönen Menschen. Für einige Lacher zu Beginn sorgt das ältere amerikanische Ehepaar, das sich auf einer Stresstour durch sämtliche westeuropäische Länder befindet, mit generalstabsmäßig geplantem Tagesprogramm. Schon bevor die beiden den Mund aufmachen, wirken sie wie ein Fremdkörper.

Inhaltlich widmet sich Lean wieder seinem Lieblingsthema und schickt dieses Mal eine amerikanische Sekretärin auf die Suche nach dem persönlichen Glück, das ihr – wie immer bei Lean – natürlich verwehrt bleibt. Immerhin reicht es für ein paar schöne Tage mit dem italienischen Ladenbesitzer Renato, bevor sie sich zur vorzeitigen Heimreise zwingt, die der Erkenntnis geschuldet ist, dass ihr der Abschied immer schwerer fallen würde, je länger sie mit Renato zusammen wäre. Wieder einmal siegt also der Verstand über das Herz.

Die Schlussszene ist großartig, wenn Janes Blick sehnsüchtig über den Bahnsteig gleitet, in der Hoffnung, Renato zu entdecken, obwohl sie ihm untersagt hat, sie zum Bahnhof zu begleiten. Als ihre Blicke sich endlich finden, fährt der Zug bereits los. Renato versucht noch, ihr ein Abschiedsgeschenk zu geben, aber er schafft es nicht, mit der Geschwindigkeit des Zuges mitzuhalten, und ihre ausgestreckten Hände können einander nicht mehr erreichen.  

04 März 2008

HOBSON’S CHOICE (David Lean, 1954)

Leans zweite Komödie ist ein veritabler Rohrkrepierer und in etwa so witzig wie eine zünftige Magenverstimmung. Gelegenheit zum Lachen gibt es während der gesamten Spielzeit nicht, und so dauerte es nicht lange, bis ich von dem albernen Treiben auf dem Bildschirm regelrecht genervt war. 

Schuld daran sind nicht nur die dämliche Story, sondern vor allem auch die ausnahmslos völlig unsympathischen Charaktere, die man schon nach kurzer Zeit allesamt zum Teufel wünscht. Es tut schon fast körperlich weh, wenn man sieht, wie sich gestandene Darsteller wie Charles Laughton oder John Mills zum Affen machen. Slapstick auf unterstem Niveau.

Ein von vorne bis hinten misslungener Streifen, zu dem mir beim besten Willen nichts Positives einfällt. Man mag gar nicht glauben, dass David Lean hier Regie geführt hat. Seine mit Abstand schwächste Arbeit.  

02 März 2008

EL LABERINTO DEL FAUNO (Guillermo del Toro, 2006)

Am Ende ist Ofelia glücklich. Ein Lächeln liegt auf ihren Lippen als sie stirbt. Mit ihrem Tod vollzieht sie den Übertritt in eine andere Welt, eine Welt, in der sie die Prinzessin ist, wiedervereint mit ihren Eltern, die beide vor ihr gestorben sind. Eine Welt ohne Tod, Folter und die Grauen des spanischen Bürgerkrieges. Um diese Welt zu erreichen, werden ihr Prüfungen auferlegt, die sie bestehen muss. Sie wird in Versuchung geführt und erliegt ihr, indem sie die verbotenen Früchte isst, aber sie lernt aus ihrem Fehler und entscheidet beim zweiten Mal richtig, indem sie nicht ihren Bruder opfert, sondern scheinbar sich selbst. Dieses Selbstopfer ist in Wahrheit gar keins, denn es ist von vorneherein klar, dass sie sterben muss, um in die andere Welt (= den Himmel? das Paradies?) zu gelangen und den Frieden zu finden, den sie in ihrem irdischen Leben nicht finden kann. Daher sehnt sie sich nach dem Tod, um im Jenseits mit ihrer Familie wiedervereint zu werden und ihrem Peiniger ein für allemal zu entkommen.

El Laberinto del Fauno ist ein sehr religiöser Film mit zahlreichen Referenzen auf die biblische Geschichte. Die Versuchung durch die verbotenen Früchte habe ich schon erwähnt. Die Rose auf dem Berg, von der Ofelia erzählt, könnte für Gott stehen, der den Menschen, die sich ihm öffnen, die Unsterblichkeit verheißt, die Felsen und giftigen Dornen für den schwierigen Weg, der zu ihm führt oder auch die Hürden, die das Leben für den Einzelnen bereithält. Die Aussage zu Beginn des Films, dass die Prinzessin die alte Welt verlassen hat, ist ganz einfach die Umschreibung ihrer Geburt. Sie verlässt das Paradies (oder wie auch immer man diesen Ort bezeichnen mag), um eine gewisse Zeit in einer sterblichen, menschlichen Hülle auf der Erde zu verbringen mit dem Ziel, irgendwann wieder in den Urzustand zurückzukehren. Ihr Vater, der schon lange vor ihr gestorben ist, erwartet sie dort bereits, und auch ihre Mutter ist nun dort. Und natürlich ist sie dort eine Prinzessin, denn welche Tochter ist für ihre Eltern keine "Prinzessin" oder umgekehrt: für welches Kind sind seine Eltern (zumindest bis zu einem gewissen Alter) nicht die tollsten Menschen der Welt, sozusagen "König" und "Königin"?

Das vielleicht Bemerkenswerteste an del Toros Film ist seine innere Geschlossenheit. Die beiden völlig verschiedenen Welten – hier die grausame Realität des ausklingenden Bürgerkrieges, dort die nicht minder grausame, aber dennoch märchenhaft schöne Phantasiewelt – passen perfekt zueinander und die jeweiligen Übergänge sind derart nahtlos, dass man sie als völlig selbstverständlich hinnimmt. Das Drehbuch ist nicht nur höchst originell, sondern auch noch schlüssig und konsequent bis ins letzte Detail. Hinzu kommt, dass mich der Film seit der Sichtung vor etwa 10 Stunden überhaupt nicht mehr losläßt. Seither kreisen meine Gedanken ständig um del Toros Werk, so dass ich meine ursprüngliche Absicht, heute Abend einen weiteren Film zu schauen, aufgeben musste, weil ich mich schlichtweg nicht darauf konzentrieren könnte. Ein in jeder Hinsicht herausragendes Werk, das mit seiner stellenweise unnötigen Brutalität und der völlig überzogenen „Selbstvernähung" der Wunde durch den Hauptmann lediglich ein paar klitzekleine Wermutstropfen bereithält.