Samstag, 25. April 2026

DRIVE-AWAY DOLLS (Ethan Coen, 2024)

Ladies, you're a day late and a dick short.

Drive-Away Dolls ist der erste Film Ethan Coens ohne seinen Bruder und markiert den Auftakt seiner geplanten B‑Movie‑"Lesben-Trilogie", an der er gemeinsam mit seiner Frau arbeitet. Konsequenterweise sind fast alle Frauen, die im Laufe der Handlung auftauchen, dem eigenen Geschlecht zugeneigt - und Coen lässt kaum eine Gelegenheit aus, das dem Publikum genüsslich unter die Nase zu reiben.

Im Mittelpunkt stehen die beiden Freundinnen Jamie und Marian, die einen Roadtrip durch den Süden der USA unternehmen, um Marians Tante in Florida zu besuchen. Dafür nutzen sie einen Wagen aus einer Fahrzeugüberführung, in dessen Kofferraum sich - ohne ihr Wissen - nicht nur ein Koffer mit heißer Ware, sondern auch ein abgetrennter Kopf befindet. Die eigentlichen Empfänger des Autos setzen verständlicherweise alles daran, ihre Lieferung zurückzubekommen, stellen sich dabei allerdings ausgesprochen dämlich an.

Dass die Protagonistinnen lesbisch sind, spielt für die Handlung letztlich keine große Rolle, bietet Coen aber die Möglichkeit, einige amüsante Szenen einzubauen wie beispielsweise die mit dem weiblichen Football-Team. Auch die derberen Sexszenen funktionieren als bewusst überzogene Comedy‑Momente. Irritierend sind hingegen die immer wieder eingestreuten psychedelischen Sequenzen, deren Sinn sich mir nicht erschlossen hat, zumal die Figuren keinerlei Drogen konsumieren und das Thema im Film sonst keine Rolle spielt.

Die Story reißt einen nicht gerade vom Hocker, und wirklich spannend wird es selten. Zwar blitzt der typische Coen’sche Humor an einigen Stellen auf, doch insgesamt ist das hier meilenweit von der Qualität der „echten“ Coens entfernt. Dennoch muss ich gestehen, dass ich mich trotz aller Schwächen und des hohen Trash‑Faktors überraschend gut unterhalten fühlte. Ein ziemlich schräger, leichtfüßiger Genre‑Spaß, der nie vorgibt, mehr sein zu wollen - und das macht ihn wiederum recht sympathisch.

Donnerstag, 23. April 2026

MARTY SUPREME (Josh Safdie, 2025)

I have a purpose. You don't.

Josh Safdie Solo-Debüt, nachdem er zuvor gemeinsam mit seinem Bruder mehrere Filme gedreht hatte, von denen ich allerdings keinen kenne, entpuppt sich als ebenso bissige wie unterhaltsame Satire, die die Zuschauererwartungen gnadenlos unterläuft. Marty Supreme beginnt wie eine der üblichen Charakterstudien im Deckmantel eines Sportfilms, doch schon nach wenigen Minuten wird klar, dass Safdie keinerlei Interesse am Erzählen einer geradlinigen Story hat. Die Handlung schlägt permanent  Haken, bricht Erwartungen auf, unterläuft jede vermeintliche Vorhersehbarkeit und verwandelt den Film in eine wilde Achterbahnfahrt, deren Reiz genau darin liegt, dass man nie weiß, wohin sie als nächstes führt.

Getragen wird das Ganze von einem starken Timothée Chalamet, der mich schon bei Bones and all beeindrucken konnte. Er mimt den unsympathischen Großkotz mit einer derart überzeugenden Mischung aus Arroganz, Charisma und latenter Verzweiflung, dass man sich dabei ertappt, ihm selbst dann die Daumen zu drücken, wenn er wieder einmal rücksichtslos über andere hinwegmarschiert und sein Umfeld als Steigbügelhalter begreift. Diese Ambivalenz ist eine der größten Stärken des Films: Man will Marty nicht mögen, fiebert aber doch mit ihm mit und wünscht ihm, dass er sein Ziel erreicht.

Zwischen all dem Chaos streut Safdie immer wieder komische Momente ein, die zum Teil an den Humor der Coen-Brüder erinnern. Die absurden Situationen, in die Marty sich manövriert, wirken wie aus einem Fiebertraum, aber sie fügen sich erstaunlich organisch in den Gesamtton des Films ein. Das Ergebnis ist ein Werk, das gleichermaßen nervenaufreibend, witzig und überraschend ist und die doch recht stattliche Spieldauer von 150 Minuten wie im Flug vergehen lässt.

Dienstag, 21. April 2026

TERROR ON THE PRAIRIE (Michael Polish, 2022)

Go to hell, you son of a bitch!

Ein B-Movie-Western, produziert von der ehemaligen MMA-Kämpferin Gina Carano, die nicht nur die Hauptrolle spielt, sondern offenbar auch sonst die kreative Hoheit über das Projekt hatte.

Die Grundidee der Story ist gar nicht schlecht, aber unverkennbar auf Carano zugeschnitten. Ihre Figur ist der alleinige Dreh- und Angelpunkt, während ihr Mann – eigentlich das Ziel der Räuberbande – fast zur Randfigur degradiert wird. Realismus sollte man ohnehin nicht erwarten. Dass eine Farmersfrau auf kurze Distanz kaum etwas trifft, kann man noch durchwinken. Aber dass eine bis an die Zähne bewaffnete Belagerungstruppe es nicht schafft, mit ihr, einem halbwüchsigen Jungen und einem Säugling fertigzuwerden, ist schon harter Tobak. Alle Beteiligten sind zudem erstaunlich hart im Nehmen. Selbst schwerstverwundet wird weitegekämpft als sei nichts gewesen. Ein frisch verlorenes Auge oder ein Bauchschuss? Kinderkram, mit dem man sich nicht lange aufhält.

Trotz all dieser Schwächen und der bestenfalls mittelmäßigen Darstellerleistungen ist das Ganze leidlich unterhaltsam. Carano sieht immer noch gut aus, inzwischen allerdings recht üppig - was in starkem Kontrast zu den kargen Lebensumständen der kleinen Farmerfamilie steht. Und Belagerungsszenarien haben für mich ohnehin ihren Reiz. Kann man sich also durchaus mal anschauen. Muss man aber nicht. 

Montag, 20. April 2026

OLD HENRY (Potsy Ponciroli, 2021)

You have no idea the hell storm you fixin' to let loose.

Ein Spätwestern im doppelten Sinne ist Old Henry von Potsy Ponciroli, ein Name, der mir bis dato gar nichts sagte. Angesiedelt 1906, als der "Wilde Westen" in seinen letzten Zügen lag, erzählt er eine einfache Geschichte mit einfachen Mitteln, das aber dafür umso effektiver. 

Die Konzentration des überwiegenden Teils der Handlung auf einen einzigen Schauplatz - die abgelegene Farm des Henry McCarty - verleiht Old Henry fast schon einen kammerspielartigen Charakter. Der Zuschauer weiß über den schwer verwundeten Curry nicht mehr als McCarty selbst, und mit dem Auftauchen des skrupellosen Sam Ketchum und seiner Männer entfaltet sich ein äußerst spannendes Katz-und-Maus-Spiel, dessen Ausgang dann doch überraschend ist. Zwar ahnt man früh, dass der auf den ersten Blick etwas naive Farmer nicht der ist, für den er sich ausgibt, doch zumindest mich hat die Enthüllung seiner wahren Identität eiskalt erwischt.

Getragen wird das Ganze von den großartigen Darstellern. Neben Tim Blake Nelson, der die Titelfigur mit stoischer Intensität spielt, sticht vor allem der charismatische Stephen Dorff als sein Widersacher hervor.  

Old Henry ist von der ersten bis zur letzten Minute spannend und bietet über die gesamte Laufzeit beste Unterhaltung. Ein kleiner, dreckiger, wunderbar konzentrierter Western – und ein echter Geheimtipp.

Montag, 13. April 2026

THE RAIN PEOPLE (Francis Ford Coppola, 1969)

You gotta care about yourself because nobody else will.

Die verheiratete Natalie verlässt mitten in der Nacht ihren Mann, nachdem sie erfahren hat, dass sie schwanger ist. Auf ihrem Roadtrip durch den mittleren Westen der USA gabelt sie den Tramper Jimmie auf, der nach einer schweren Verletzung beim Football eine Hirnschädigung davongetragen hat.

"I used to wake up in the morning and it was my day. And now it belongs to you." sagt Natalie in einem der zahlreichen Telefonate, die sie von unterwegs mit ihrem Mann führt. Das bringt ihre Gefühle und damit den Grund für ihre Flucht gut auf den Punkt. Doch ihr Streben nach Freiheit und Unabhängigkeit endet schnell damit, dass sie sich gegen ihren Willen um den hilflos wirkenden Jimmie kümmern muss, der auf sich allein gestellt kaum lebensfähig zu sein scheint. Sie wird ihn einfach nicht mehr los, egal wie sehr sie sich bemüht. Nachdem sie den Polizisten Gordon kennengelernt hat, manövriert sie sich immer weiter in eine ausweglose Situation, bevor es zur finalen Eskalation kommt. Das Ende, wenn sie mit dem tödlich verwundeten Jimmie spricht, kann man durchaus dahingehend deuten, dass sie Frieden mit sich geschlossen und ihre Schwangerschaft und die damit einhergehenden Veränderungen in ihrem künftigen Leben akzeptiert hat. Die Worte könnten genauso gut an ihren Mann gerichtet sein. Und die Verantwortung für ein Kind hat sie quasi bereits dadurch übernommen, dass sie sich um Jimmie gekümmert hat. Was am Ende ihrer Reise und des damit verbundenen Lernprozesses steht, lässt Coppola bewusst offen, entlässt aber den Zuschauer immerhin mit dem Gefühl, dass sie die Dinge für Natalie zum Guten wenden werden.

Coppolas The Rain People ist ein typischer Vertreter der New-Hollywood-Ära und kann vor allem mit seinen hervorragenden Darstellern überzeugen. Insbesondere James Caan liefert mit der Rolle des geistig eingeschränkten Jimmie eine der besten Leistungen seiner Karriere ab und auch Shirley Knight gibt eine bravouröse Vorstellung. Mit einfachen Mitteln gedreht tritt der Regisseur einmal mehr den Beweis an, dass es für einen guten Film nicht mehr als eine interessante Story und gute Darsteller braucht. Hilfe hat er dabei von seinem Kumpel George Lucas erhalten, der zeitgleich an seinem Drehbuch zu THX 1138 arbeitete, während er Coppola assistierte. 

Am Ende bleibt The Rain People ein leiser und erstaunlich moderner Film über eine junge Frau, die vor sich selbst davonläuft und unterwegs feststellt, dass Verantwortung nicht immer eine Last sein muss. Coppola interessiert sich weniger für große Gesten als für die kleinen Verschiebungen im Inneren und  genau darin liegt die Stärke dieses oft übersehenen Frühwerks des Meisterregisseurs. 

Sonntag, 12. April 2026

THE POWER OF THE DOG (Jane Campion, 2021)

Then you tell them the truth. That I stink and I like it!

Jane Campions gefeiertes Drama wirkt über weite Strecken erstaunlich inkonsistent: Der Fokus verschiebt sich mehrfach, Figuren rücken vor und wieder zurück, und insgesamt entsteht der Eindruck, als hätten drei verschiedene Regisseure parallel an demselben Stoff gearbeitet, ohne sich über eine gemeinsame Linie zu einigen.

Dabei bringt der Film durchaus Qualitäten mit. Die Darsteller sind durchweg gut, allen voran der Australier Kodi Smit‑McPhee, der den introvertierten, feingeistigen Peter, der am Ende zum großen Schlag ausholt, sehr überzeugend mimt. Auch visuell ist The Power of the Dog sehr ansprechend. Das Setting im Montana der 1920er Jahre - gedreht in Neuseeland - erinnert an klassische Westernlandschaften, auch wenn die Story selbst nur wenig mit einem Western gemein hat. Die Kamera fängt weite Ebenen, karge Hügel und klaustrophobische Innenräume gleichermaßen eindrucksvoll ein. Die Bilder sind schön komponiert und gehören zweifellos zu den stärksten Elementen des Films.

Neben der sprunghaften Inszenierung leidet der Film auch unter seiner wenig glaubwürdigen Handlung. Die Art und Weise, wie sich für Peter letztlich alles passend zusammenfügt, wirkt konstruiert und dramaturgisch wenig überzeugend. Auch die Entwicklung der Charaktere ist nicht immer schlüssig. Am Ende bleibt ein Film, der mit einigen Pluspunkten aufwarten kann, aber nie wie aus einem Guss wirkt. Ich glaube, dass Jane Campion mit dem komplexen Stoff einfach überfordert war, und das merkt man Power of the Dog leider überdeutlich an.

Donnerstag, 9. April 2026

D'APRÈS UND HISTORIE VRAIE (Roman Polanski, 2017)

Die erfolgreiche Schriftstellerin Delphine leidet nach der Veröffentlichung ihres letzten Romans unter einer Schreibblockade und depressiven Verstimmungen. Als eines Tages eine namenlose Ghostwriterin, die sich selbst nur Elle nennt (französisch für „sie“), in ihr Leben tritt, freunden die beiden sich schnell an und ziehen zusammen, nachdem Elle ihre Wohnung verloren hat. Delphines anfängliches Zutrauen Elle gegenüber schlägt sukzessive in Misstrauen um. Während sich die geheimnisvolle Fremde zunehmend als echte Bedrohung manifestiert, versinkt Delphine immer tiefer in ihrer Psychose. Realität und Wahnvorstellung verschwimmen zusehends.

Im Gegensatz zu meiner Gewohnheit, alle Filme im O‑Ton zu schauen, habe ich D’après une histoire vraie meiner Partnerin zuliebe in der deutschen Synchro gesehen. Diese bringt das Problem mit sich, dass Elle dort tatsächlich „Elle“ heißt - also praktisch einen normalen Namen hat -, während das französische Wort elle einfach „sie“ bedeutet. Richtig wäre also gewesen, den Eva‑Green‑Charakter in der deutschen Version „Sie“ zu nennen. Das macht es etwas schwerer zu erkennen, was wirklich vor sich geht, auch wenn man irgendwann ahnt, dass Elle nur Delphines unterdrücktes Alter Ego ist. In Wahrheit veröffentlicht Delphine also am Ende (ohne es selbst zu wissen) ihre eigene Lebensgeschichte in der Meinung, Elles Geschichte zu erzählen, basierend auf den Interviews mit ihr.

Polanski schafft es, die Spannung die ganze Zeit über hochzuhalten und kann sich auf seine beiden starken Hauptdarstellerinnen verlassen, die ohne Einschränkung überzeugen. Sein Talent für beklemmende Kammerspiele - denn dabei handelt es sich im Grunde genommen - hat er in der Vergangenheit bereits mehrfach unter Beweis gestellt. In einigen Szenen fühlt man sich an Rob Reiners Misery erinnert. Polanski interessiert sich jedoch weniger für die äußere Handlung als für die fragile Innenwelt seiner Protagonistin - ein psychologisches Duett, das sich zunehmend in ein Duell verwandelt. Insgesamt eine runde und äußerst kurzweilige Angelegenheit. 

Freitag, 3. April 2026

WUTHERING HEIGHTS (Emerald Fennell, 2026)

Don't ever be sorry for me!

Fennells Umsetzung des berühmten Romans konzentriert sich fast ausschließlich auf die Beziehung zwischen Heathcliff und Catherine und lässt große Teile der literarischen Vorlage außen vor. Das Ergebnis ist ein kurzweiliges und unterhaltsames Filmchen, das jedoch kaum in der Lage ist, einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen.

Was ich an Fennells bisherigen Filmen schätze - ihren ausgeprägten Sinn für makabren Humor - zeigt sich auch hier gleich zu Beginn. Die Eröffnungsszene, in der der Zuschauer mit abgedunkeltem Bild und stöhnenden Geräuschen konfrontiert wird, suggeriert zunächst ausschweifende sexuelle Aktivitäten, entpuppt sich dann aber als Todeskampf eines Gehängten. Dieser Tonfall zieht sich durch den gesamten Film und trägt wesentlich zu seinem Unterhaltungswert bei, auch wenn er dramaturgisch nicht immer treffsicher eingesetzt wird.

Auf darstellerischer Ebene werden keine Großtaten vollbracht. Margot Robbie spielt solide und sieht wie gewohnt toll aus, doch Jacob Elordi mangelt es spürbar an Ausstrahlung und Charisma. Sein spröder, leicht gelangweilter Ausdruck, der in Saltburn noch hervorragend zu seiner Figur passte, wirkt hier eher deplatziert. Hong Chau hingegen ist toll, und auch Alison Oliver kann überzeugen. Ein echtes Highlight sind die knallbunten, sorgfältig komponierten Bilder des schwedischen Kameramanns Linus Sandgren, die Wuthering Heights zu einem visuell ausgesprochen reizvollen Film machen. Manchmal hat man sogar das Gefühl, dass die Kamera mehr zu erzählen weiß als das Drehbuch.

Unter dem Strich ein weiterer gelungener Film der britischen Jung-Regisseurin, bei der es lohnenswert erscheint, sie auch künftig im Auge zu behalten.