Montag, 25. Mai 2026

SPELLBOUND (Alfred Hitchcock, 1945)

Good night and happy dreams - which we will analyze at breakfast.

Spellbound war einer der ersten Filme, der sich mit dem Thema der Psychoanalyse befasste. Auch wenn man ihm eine gewisse Naivität im Umgang damit bescheinigen kann, ist das Ergebnis ein sehenswerter und äußerst spannender Thriller, der mit guten Darstellern und pointierten Dialogen überzeugen kann. Nicht zu vergessen die ausnehmend schönen Bilder, wobei insbesondere die unter tatkräftiger Mitwirkung des spanischen Surrealisten Salvador Dalí entstandene Traumsequenz nachhaltig beeindrucken kann. 

Zudem geht Hitchcock hier weit weniger plakativ vor als bei dem knapp zwanzig Jahre später entstandenen Marnie, was sich ebenfalls positiv bemerkbar macht. Ein Vergleich mit Vorgenanntem drängt sich aufgrund der thematischen Nähe geradezu auf, und hier ist Spellbound der deutlich bessere und stimmigere Film. Sehr schön auch die Szene gegen Ende mit dem Revolver, der zunächst auf Ingrid Bergman und schließlich auf den Zuschauer gerichtet wird. Selten wurde ein Selbstmord stil- und wirkungsvoller in Szene gesetzt. 

Mittwoch, 20. Mai 2026

THE MECHANIC (Michael Winner, 1972)

Murder is only killing without a license.

Michael Winners Film ist weniger Thriller als ein kompromissloses Psychogramm eines Auftragskillers. Nach dem guten Beginn, nachdem man Arthur Bishop 15 Minuten lang dabei zugesehen hat, wie er in aller Seelenruhe einen Auftragsmord vorbereitet und durchführt, kommt die Story etwas schwer in die Gänge. Nach dem zweiten Mord folgt ein klassischer Mentor/Schüler-Part, bevor das Tempo dann merklich anzieht. Spätestens das Finale in der Gegend von Neapel macht dann aber einiges wett und entschädigt mit seinen spannend inszenierten Actionsequenzen für die ein oder andere Länge.

The Mechanic ist über weite Strecken ein hoffungsloser Film, der von einer nihilistischen Grundstimmung geprägt ist. Am deutlichsten wird das in der Szene, in der Arthur und Steve dem jungen Mädchen ungerührt bei seinem Selbstmord zusehen, obwohl es sich dabei erkennbar um einen verzweifelten Schrei nach Aufmerksamkeit respektive Steves Zuneigung handelt. Statt der jungen Frau zu helfen, rechnet Arthur ihr kühl vor, wie lange es etwa dauert, bis sie so viel Blut verloren hat, dass sie stirbt. So etwas wie Mitgefühl kennt er nicht. Um seiner Einsamkeit zumindest kurzfristig zu entfliehen und so etwas wie Zuneigung zu erfahren, bezahlt er eine Prostituierte, die nicht nur Sex mit ihm hat, sondern ihm auch einen fingierten Liebesbrief schreibt, der ihm ein Gefühl der Geborgenheit und des Gebrauchtwerdens vermitteln soll.

Auch wenn der von Charles Bronson souverän verkörperte Auftragsmörder eine durchaus interessante Figur ist, hat der Film mit der Schwäche zu kämpfen, dass die Entwicklung der Charaktere weniger einer inneren Logik zu folgen scheint als vielmehr der Dramaturgie geschuldet ist. Warum Arthur sich überhaupt auf den jungen Steve einlässt, nachdem er seinen Vater getötet hat, und ihn unter seine Fittiche nimmt, hat sich mir nicht erschlossen, zumal ihm klar sein musste, dass dies den Missmut seiner Auftraggeber nach sich ziehen würde. Auch fragte ich mich, warum er es zugelassen hat, dass Steve ihn nach Italien begleitet, nachdem er erfahren hatte, dass dieser ihn töten wollte.

Nichtsdestotrotz ist The Mechanic ein sehenswerter Film über einen Mann, der in seinem Alltag aus Gewalt, Isolation und moralischer Leere versucht, die Kontrolle über sein Leben zu behalten. Winners nüchterne Inszenierung und Bronsons stoisches Spiel verleihen dem Film eine bleierne Schwere, die ihn trotz erzählerischer Brüche bemerkenswert konsistent wirken lässt. Ein Film, der weniger durch seine Handlung oder oberflächliche Spannung überzeugt als durch die kalte und düstere Atmosphäre.

Montag, 18. Mai 2026

FALLING DOWN (Joel Schumacher, 1993)

I'm the bad guy?

Falling Down wird gerne vorschnell als Selbstjustizfilm etikettiert - eine Kategorisierung, die ich nie nachvollziehen konnte. Mit Selbstjustiz hat Bills Amoklauf nämlich herzlich wenig zu tun. Vielmehr erzählt der Film die Geschichte eines Mannes, der unter dem Druck seiner Lebensumstände - Scheidung, Kontaktverbot zu seiner Ex-Frau und der gemeinsamen Tochter, Verlust des Arbeitsplatzes - langsam, aber unaufhaltsam zerbricht. Der Stau zu Beginn des Films ist dabei weniger Auslöser als Katalysator: Hitze, Atemnot, lästige Fliegen, Baustellenlärm, ein visuelles und akustisches Kaleidoskop der Überforderung. Die Eröffnungssequenz ist schlichtweg genial, die Kameraführung brillant. Überhaupt zählt die Arbeit des polnischen Kameramanns Andrzej Bartkowiak zu den großen Stärken des Films und trägt erheblich dazu bei, dass Falling Down ein so großartiger Film geworden ist.

Michael Douglas trägt den Film mit einer souveränen, kontrolliert eskalierenden Darstellung, die Bills Irrationalität ebenso sichtbar macht wie seine innere Leere. Ihm gegenüber steht Robert Duvall als abgeklärter, müder Cop an seinem letzten Arbeitstag. Zwischen beiden Figuren gibt es überraschende Parallelen: Auch Duvalls Charakter hat seine Tochter verloren - nicht durch Scheidung, sondern durch einen plötzlichen Tod. Diese Spiegelung verleiht dem Film einen interessanten zusätzlichen Aspekt, ohne zu aufdringlich zu werden.

Die episodenhafte Erzählweise, die immer wieder in grotesk-komische Situationen kippt, verleiht dem Geschehen eine gewisse Leichtigkeit, die im starken Kontrast zur zunehmenden Verzweiflung des Protagonisten steht und auch zu den - durchaus schwerwiegenden - Folgen seiner Taten. So irrational Bills Verhalten auch ist, kann man ihn doch ein Stück weit verstehen. Dies geht aber nicht soweit, dass man echte Sympathie für ihn empfindet und gerade diese Ambivalenz ist eine der großen Stärken des Films. Was Bill letztlich genau vorhatte, ob er nur seine Ex-Frau oder auch seine Tochter töten wollte, und inwieweit sein Amoklauf vorher geplant oder eher einer sponatanen Errupttion geschuldet war, bleibt offen.

Falling Down ist ein Film über Kontrollverlust, gesellschaftlichen Druck und die Illusion, man könne sich aus einer ausweglosen Situation einfach „herauskämpfen“. Ein wütender, präzise inszenierter Großstadtalbtraum und ein Werk, das auch drei Jahrzehnte später nichts von seiner Wucht verloren hat. Großartig und brillant.

Freitag, 15. Mai 2026

MARNIE (Alfred Hitchcock, 1964)

Why don't you love me, Mama? 

Ich habe Marnie vor mehr als zwanzig Jahren mal gesehen und ihn in meinem damaligen Filmtagebucheintrag als belangloses Filmchen mit unsympathischen Charakteren abgewatscht. Interessanterweise stieß der Film seinerzeit auch bei vielen anderen Schreibern im Forum auf ähnlich wenig Gegenliebe. Nach der erneuten Sichtung empfand ich die Charaktere weiterhin als wenig sympathisch, doch ein "belangsloses Filmchen" ist Marnie ganz gewiss nicht. Im Gegenteil: gestern hat er mir sogar ausgesprochen gut gefallen. In jedem Fall hat er mehr Substanz, als ich ihm seinerzeit zugestanden hatte.

Der Film ist weniger ein Thriller als vielmehr ein detailliert gezeichnetes Psychogramm einer zutiefst gestörten Persönlichkeit, die von einem schrecklichen Ereignis in ihrere Kindheit traumatisiert ist und die genaue Erinnerung daran aus Selbstschutz verdrängt hat. Das bei Hitchcock des Öfteren thematisierte Bild der dominanten Mutter ist auch hier präsent. 

Marnie erzählt im Kern die Geschichte einer Frau, die verzweifelt versucht, sich selbst zu entkommen. Tippi Hedren trägt den Film mit einer Kombination aus Verletzlichkeit und Abwehr, die perfekt zu dieser zerrissenen Figur passt. Sean Connery spielt die Rolle des Mark Rutland mit einer Mischung aus väterlicher Fürsorge und manipulativer Besitzergreifung. Marnie ist sich dessen durchaus bewusst, wenn sie sagt: "You think I'm some kind of animal you've trapped.", worauf er unverhohlen erwidert: "I've tracked you and caught you, and by God, I'm gonna keep you!" Das bringt die Beziehung zwischen den beiden sehr treffend auf den Punkt, wobei man Mark zugute halten muss, dass er ungeachtet dessen auch echte Liebe für Marnie empfindet und ein aufrichtiges Interesse daran hat ihr zu helfen.

Bei der Umsetzung bewegt sich Hitchcock gelegentlich auf dem Niveau der Küchenpsychologie. Die Darstellung der Triggerpunkte wie Gewitter oder die Farbe rot, die Marnies Panikattacken auslösen, ist für meinen Geschmack etwas zu plakativ ausgefallen. Das Ganze ist auch nicht immer logisch, beispielsweise wenn Marnie einen Selbstmordversuch im Pool eines Kreuzfahrtschiffes unternimmt. Dies war Hitchcock wohl bewusst, weshalb er Mark die Frage in den Mund legt, warum Marnie nicht direkt ins Meer gesprungen sei. Man kann diese Aktion sicherlich auch als Schrei nach Aufmerksamkeit deuten und weniger als ernst gemeinten Versuch, sich das Leben zu nehmen. Die Auflösung in Form einer Rückblende auf die traumatischen Ereignisse in Marnies Kindheit bietet schließlich wenig Überraschung, ist aber gut umgesetzt und für die damalige Zeit erstaunlich drastisch ausgefallen.

Marnie erweist sich bei der Wiederbegegnung als deutlich vielschichtiger, als ich ihn in Erinnerung hatte. Trotz seiner mitunter holzhammerhaften Psychologisierung und einiger fragwürdiger dramaturgischer Entscheidungen entfaltet der Film eine nicht zu bestreitende Sogwirkung. Das liegt vor allem an den starken Darstellern und Hitchcocks unerschrockenem Blick auf eine zutiefst verwundete Seele.

Donnerstag, 14. Mai 2026

BUTTERFIELD 8 (Daniel Mann, 1960)

I am not like anyone. I am me.

BUtterfield 8 (die ungewöhnliche Großschreibung ist kein Versehen, sondern verweist auf die Telefonvermittlung „BU 8“) ist ein Melodram, das aus heutiger Sicht etwas aus der Zeit gefallen wirkt. Der Film ist stark in den Moralvorstellungen der 1950er Jahre verhaftet, in denen es als anrüchig galt, wenn eine Frau häufig wechselnde Männerbekanntschaften pflegte. Vor diesem Hintergrund erscheint die gesellschaftliche Ächtung, der die von Liz Taylor verkörperte Gloria ausgesetzt ist, im Jahr 2026 mitunter befremdlich.

Ähnliches gilt für die Figur der Firmenerbin Emily Ligett, die sich ihrem Ehemann unterordnet und demütig seine Zuneigung sucht, obwohl sie von seiner Untreue weiß und obwohl er zugleich von ihrem finanziellen Wohlstand profitiert. Diese Konstellationen wirken aus heutiger Perspektive überholt, gewinnen jedoch an Plausibilität, wenn man den Film im Kontext seiner Entstehungszeit sowie der zugrunde liegenden Romanvorlage aus dem Jahr 1935 betrachtet.

Interessant ist zudem die platonische Beziehung zwischen Gloria und Steve, in dem sie eine Art großen Bruder sieht - ein ruhender Gegenpol zu ihren ansonsten wilden und konfliktreichen Beziehungen. Dass die Geschichte keinen guten Ausgang nehmen wird, deutet sich früh an, sodass das Ende zwar konsequent, aber nicht überraschend erscheint.

Die zeitgenössische Kritik stand BUtterfield 8 überwiegend skeptisch gegenüber, während die Academy den Film deutlich wohlwollender bewertete und Liz Taylor den Oscar als beste Hauptdarstellerin verlieh - einen von lediglich zweien in ihrer Karriere. Bemerkenswert ist dies auch deshalb, weil Taylor den Film ursprünglich lediglich drehte, um ihre vertraglichen Verpflichtungen gegenüber MGM zu erfüllen und sich aus ihrem Vertrag zu lösen.

Ihre schauspielerische Leistung ist überzeugend und trägt den Film maßgeblich, auch wenn sich darüber streiten lässt, ob sie tatsächlich Oscar-würdig ist. Die übrigen Darsteller bleiben hingegen eher blass und erreichen meist nur durchschnittliches Niveau. Dennoch sorgt die Kombination aus interessanten Figuren und einem zügigen Erzähltempo dafür, dass BUtterfield 8 insgesamt als kurzweiliges und durchaus unterhaltsames Melodram überzeugt.

Mittwoch, 13. Mai 2026

NORTH BY NORTHWEST (Alfred Hitchcock, 1959)

You're the smartest girl I ever spent the night with on a train.

North by Northwest ist seit jeher einer meiner Favoriten im Schaffen des britischen Meister-Regisseurs. Das ist umso bemerkenswerter, weil ich Cary Grant normalerweise nicht sonderlich mag und ihn vorwiegend als Grimassenschneider kenne, der darum bemüht ist, möglichst witzig zu sein. Hier hingegen überzeugt er auf ganzer Linie als Werbefachmann Roger Thornhill, der durch einen unglücklichen Zufall für den Geheimagenten George Kaplan gehalten und zunächst von feindlichen Spionen und später auch von der Polizei gejagt wird. Das Motiv des unbescholtenen Bürgers, der unverhofft in Gefahr gerät, ist ja ein wiederkehrendes bei Hitchcock. Doch selten hat er dies so gekonnt in Szene gesetzt wie hier.

North by Northwest bildete die Blaupause für die ersten James-Bondfilme der 60er Jahre und die ein oder andere Sequenz wurde im Laufe der Reihe auch zitiert. Man denke beispielhaft nur an die Szenen im Zug in From Russia with Love oder die Auktion in Octopussy. Natürlich ist Thornhill kein James Bond, löst mehrere verfängliche Situationen aber dennoch mit trockenem Humor, Einfallsreichtum und der souveränen Gelassenheit des britischen Geheimagenten. Dabei wirkt Grant in den Actionszenen eher steif und unbeholfen, was aber gut zur Rolle passt. Eva Marie Saints Part als Eve Kendall könnte ebenfalls einem Bondfilm entstammen. Zwar nicht sonderlich attraktiv, dafür aber mit einer starken erotischen Ausstrahlung, changiert sie gekonnt zwischen Femme Fatale und einer von echten Gefühlen Getriebenen, die zwischen allen Stühlen sitzt. Und mit James Mason und Martin Landau gibt es zwei ebenso starke wie charismatische Gegenspieler. 

Das Drehbuch überzeugt mit zahlreichen überraschenden Wendungen, die den Zuschauer mehrfach auf dem falschen Fuß erwischen, und die episodenhafte Erzählweise in Kombination mit den ständigen Ortswechseln sorgt für eine durchgehend hohe Spannung, die schließlich in das berühmte Finale am Mount Rushmore kulminiert.

Hitchcock inszenierte das alles sehr dynamisch mit hohem Tempo, nahm sich aber auch mal die Zeit, eine Szene langsam aufzubauen, um währenddessen die Spannungsschraube unerbittlich anzuziehen. In Perfektion gelungen ist ihm dies in der berühmten Sequenz an der Bushaltestelle in den Maisfeldern des ländlichen Indiana, die Filmgeschichte geschrieben hat. Besonders beeindruckend ist, wie Hitchcock aus alltäglichen Orten - einer Bushaltestelle, einem Hotelzimmer, einem Zugabteil - Bühnen der Paranoia macht. Die eleganten Bildkompositionen werden kongenial untermalt von dem großartigen Score Bernhard Herrmanns.

North by Northwest ist ein Film, der mich bei jeder Sichtung immer wieder aufs Neue begeistert und an dem ich mich nicht sattsehen kann. Ein zeitloses Meisterwerk.

Sonntag, 10. Mai 2026

RAINTREE COUNTY (Edward Dmytryk, 1957)

To see the Raintree is not nearly as important as what you find looking for it.

Ausladendes Sezessionskriegs-Epos mit einem starken Montgomery Clift und einer nicht immer überzeugenden Liz Taylor in den Hauptrollen, das im Auftrag der MGM unter der Regie des ukrainisch-stämmigen Regisseurs Edward Dmytryk entstand. Nachdem MGM seinerzeit die Verfilmung von Gone with the Wind abgelehnt hatte, versuchte man knapp 20 Jahre später, mit einer ähnlichen Geschichte an den Erfolg jenes Epos anzuknüpfen, war dabei allerdings nicht sonderlich erfolgreich.

Die Geschichte um einen Mann zwischen zwei Frauen ist durchaus interessant, wobei insbesondere Susannas psychische Erkrankung zunehmend in den Mittelpunkt des Geschehens rückt. Den Sezessionskrieg nutzt Dmytryk in erster Linie als geschichtlichen Hintergrund, wobei auch Susannas entspanntes Verhältnis zur Sklaverei immer wieder thematisiert wird. Dies ist oberflächlich betrachtet nachvollziehbar, ist sie doch in den Südstaaten aufgewachsen. Dem gegenüber steht jedoch die Tatsache, dass sie nicht nur von einer Sklavin großgezogen wurde, sondern diese auch geliebt und als Ersatzmutter angesehen hat. Am Ende opfert sie sich für ihren Mann, um ihm ein unbeschwertes Leben zu ermöglichen, gepeinigt und verfolgt von den traumatischen Erlebnissen in ihrer Kindheit, die sie nie losgelassen haben. 

Die Umsetzung des durchaus komplexen Stoffs lässt allerdings ein paar Wünsche offen. Atemberaubend schönen Bildern und guten Darstellern - abgesehen von Liz Taylor, deren aufgesetzt wirkendes Spiel schwer dahingehend einzuordnen ist, ob Absicht oder Überforderung dahintertersteckte - steht die sprunghaft fragmentarische Erzählweise gegenüber, die sicherlich nicht zuletzt der Notwendigkeit geschuldet ist, die ohnehin schon üppige Spielzeit nicht völlig aus dem Ruder laufen zu lassen. Und dennoch ist Dmytryks Film ein ambitioniertes, visuell beeindruckendes Drama, das eine melancholische Sogwirkung entfaltet, die nachhallt.

Sonntag, 3. Mai 2026

HONEY DON'T! (Ethan Coen, 2025)

I like girls!

Mit Honey Don’t! liefert Coen den zweiten Teil seiner „Lesben‑Trilogie“ ab - und der wirkt deutlich reifer, fokussierter und in sich stimmiger als sein Vorgänger. 

Inhaltlich haben die beiden Filme nichts miteinander zu tun, wohl aber teilen sie mit Margaret Qualley dieselbe Hauptdarstellerin. Sie spielt hier eine toughe Privatdetektivin, die mit lässiger Präsenz und trockenem Humor durch die Handlung führt und ihre Rolle rundum überzeugend ausfüllt. Neben ihr bevölkern mehrere markante Nebenfiguren das Setting und sorgen für das nötige Flair. Ein Hauch von Film noir zieht sich durch Honey Don’t! und macht ihn schon dadurch zu einer intensiveren und atmosphärischeren Erfahrung als Drive‑Away Dolls.

Trotzdem macht Coen keinen Hehl daraus, dass er weiterhin im Terrain des B‑Movies unterwegs ist. Seine Fixierung auf überwiegend lesbische Charaktere rückt die Reihe in die Nähe der Blaxploitation‑Filme der 70er Jahre. Natürlich mit einem anderen Fokus, aber mit ähnlicher Lust an Überzeichnung und Genre‑Spielereien.  

Das Ergebnis ist ein äußerst kurzweiliger und durchweg unterhaltsamer Streifen, der Lust auf mehr macht und mich dem dritten und wohl letzten Teil der Trilogie mit einer gewissen Vorfreude entgegenblicken lässt. Doch, hat mir ziemlich gut gefallen.

Samstag, 25. April 2026

DRIVE-AWAY DOLLS (Ethan Coen, 2024)

Ladies, you're a day late and a dick short.

Drive-Away Dolls ist der erste Film Ethan Coens ohne seinen Bruder und markiert den Auftakt seiner geplanten B‑Movie‑"Lesben-Trilogie", an der er gemeinsam mit seiner Frau arbeitet. Konsequenterweise sind fast alle Frauen, die im Laufe der Handlung auftauchen, dem eigenen Geschlecht zugeneigt - und Coen lässt kaum eine Gelegenheit aus, das dem Publikum genüsslich unter die Nase zu reiben.

Im Mittelpunkt stehen die beiden Freundinnen Jamie und Marian, die einen Roadtrip durch den Süden der USA unternehmen, um Marians Tante in Florida zu besuchen. Dafür nutzen sie einen Wagen aus einer Fahrzeugüberführung, in dessen Kofferraum sich - ohne ihr Wissen - nicht nur ein Koffer mit heißer Ware, sondern auch ein abgetrennter Kopf befindet. Die eigentlichen Empfänger des Autos setzen verständlicherweise alles daran, ihre Lieferung zurückzubekommen, stellen sich dabei allerdings ausgesprochen dämlich an.

Dass die Protagonistinnen lesbisch sind, spielt für die Handlung letztlich keine große Rolle, bietet Coen aber die Möglichkeit, einige amüsante Szenen einzubauen wie beispielsweise die mit dem weiblichen Football-Team. Auch die derberen Sexszenen funktionieren als bewusst überzogene Comedy‑Momente. Irritierend sind hingegen die immer wieder eingestreuten psychedelischen Sequenzen, deren Sinn sich mir nicht erschlossen hat, zumal die Figuren keinerlei Drogen konsumieren und das Thema im Film sonst keine Rolle spielt.

Die Story reißt einen nicht gerade vom Hocker, und wirklich spannend wird es selten. Zwar blitzt der typische Coen’sche Humor an einigen Stellen auf, doch insgesamt ist das hier meilenweit von der Qualität der „echten“ Coens entfernt. Dennoch muss ich gestehen, dass ich mich trotz aller Schwächen und des hohen Trash‑Faktors überraschend gut unterhalten fühlte. Ein ziemlich schräger, leichtfüßiger Genre‑Spaß, der nie vorgibt, mehr sein zu wollen - und das macht ihn wiederum recht sympathisch.

Donnerstag, 23. April 2026

MARTY SUPREME (Josh Safdie, 2025)

I have a purpose. You don't.

Josh Safdie Solo-Debüt, nachdem er zuvor gemeinsam mit seinem Bruder mehrere Filme gedreht hatte, von denen ich allerdings keinen kenne, entpuppt sich als ebenso bissige wie unterhaltsame Satire, die die Zuschauererwartungen gnadenlos unterläuft. Marty Supreme beginnt wie eine der üblichen Charakterstudien im Deckmantel eines Sportfilms, doch schon nach wenigen Minuten wird klar, dass Safdie keinerlei Interesse am Erzählen einer geradlinigen Story hat. Die Handlung schlägt permanent  Haken, bricht Erwartungen auf, unterläuft jede vermeintliche Vorhersehbarkeit und verwandelt den Film in eine wilde Achterbahnfahrt, deren Reiz genau darin liegt, dass man nie weiß, wohin sie als nächstes führt.

Getragen wird das Ganze von einem starken Timothée Chalamet, der mich schon bei Bones and all beeindrucken konnte. Er mimt den unsympathischen Großkotz mit einer derart überzeugenden Mischung aus Arroganz, Charisma und latenter Verzweiflung, dass man sich dabei ertappt, ihm selbst dann die Daumen zu drücken, wenn er wieder einmal rücksichtslos über andere hinwegmarschiert und sein Umfeld als Steigbügelhalter begreift. Diese Ambivalenz ist eine der größten Stärken des Films: Man will Marty nicht mögen, fiebert aber doch mit ihm mit und wünscht ihm, dass er sein Ziel erreicht.

Zwischen all dem Chaos streut Safdie immer wieder komische Momente ein, die zum Teil an den Humor der Coen-Brüder erinnern. Die absurden Situationen, in die Marty sich manövriert, wirken wie aus einem Fiebertraum, aber sie fügen sich erstaunlich organisch in den Gesamtton des Films ein. Das Ergebnis ist ein Werk, das gleichermaßen nervenaufreibend, witzig und überraschend ist und die doch recht stattliche Spieldauer von 150 Minuten wie im Flug vergehen lässt.

Dienstag, 21. April 2026

TERROR ON THE PRAIRIE (Michael Polish, 2022)

Go to hell, you son of a bitch!

Ein B-Movie-Western, produziert von der ehemaligen MMA-Kämpferin Gina Carano, die nicht nur die Hauptrolle spielt, sondern offenbar auch sonst die kreative Hoheit über das Projekt hatte.

Die Grundidee der Story ist gar nicht schlecht, aber unverkennbar auf Carano zugeschnitten. Ihre Figur ist der alleinige Dreh- und Angelpunkt, während ihr Mann – eigentlich das Ziel der Räuberbande – fast zur Randfigur degradiert wird. Realismus sollte man ohnehin nicht erwarten. Dass eine Farmersfrau auf kurze Distanz kaum etwas trifft, kann man noch durchwinken. Aber dass eine bis an die Zähne bewaffnete Belagerungstruppe es nicht schafft, mit ihr, einem halbwüchsigen Jungen und einem Säugling fertigzuwerden, ist schon harter Tobak. Alle Beteiligten sind zudem erstaunlich hart im Nehmen. Selbst schwerstverwundet wird weitegekämpft als sei nichts gewesen. Ein frisch verlorenes Auge oder ein Bauchschuss? Kinderkram, mit dem man sich nicht lange aufhält.

Trotz all dieser Schwächen und der bestenfalls mittelmäßigen Darstellerleistungen ist das Ganze leidlich unterhaltsam. Carano sieht immer noch gut aus, inzwischen allerdings recht üppig - was in starkem Kontrast zu den kargen Lebensumständen der kleinen Farmerfamilie steht. Und Belagerungsszenarien haben für mich ohnehin ihren Reiz. Kann man sich also durchaus mal anschauen. Muss man aber nicht. 

Montag, 20. April 2026

OLD HENRY (Potsy Ponciroli, 2021)

You have no idea the hell storm you fixin' to let loose.

Ein Spätwestern im doppelten Sinne ist Old Henry von Potsy Ponciroli, ein Name, der mir bis dato gar nichts sagte. Angesiedelt 1906, als der "Wilde Westen" in seinen letzten Zügen lag, erzählt er eine einfache Geschichte mit einfachen Mitteln, das aber dafür umso effektiver. 

Die Konzentration des überwiegenden Teils der Handlung auf einen einzigen Schauplatz - die abgelegene Farm des Henry McCarty - verleiht Old Henry fast schon einen kammerspielartigen Charakter. Der Zuschauer weiß über den schwer verwundeten Curry nicht mehr als McCarty selbst, und mit dem Auftauchen des skrupellosen Sam Ketchum und seiner Männer entfaltet sich ein äußerst spannendes Katz-und-Maus-Spiel, dessen Ausgang dann doch überraschend ist. Zwar ahnt man früh, dass der auf den ersten Blick etwas naive Farmer nicht der ist, für den er sich ausgibt, doch zumindest mich hat die Enthüllung seiner wahren Identität eiskalt erwischt.

Getragen wird das Ganze von den großartigen Darstellern. Neben Tim Blake Nelson, der die Titelfigur mit stoischer Intensität spielt, sticht vor allem der charismatische Stephen Dorff als sein Widersacher hervor.  

Old Henry ist von der ersten bis zur letzten Minute spannend und bietet über die gesamte Laufzeit beste Unterhaltung. Ein kleiner, dreckiger, wunderbar konzentrierter Western – und ein echter Geheimtipp.

Montag, 13. April 2026

THE RAIN PEOPLE (Francis Ford Coppola, 1969)

You gotta care about yourself because nobody else will.

Die verheiratete Natalie verlässt mitten in der Nacht ihren Mann, nachdem sie erfahren hat, dass sie schwanger ist. Auf ihrem Roadtrip durch den mittleren Westen der USA gabelt sie den Tramper Jimmie auf, der nach einer schweren Verletzung beim Football eine Hirnschädigung davongetragen hat.

"I used to wake up in the morning and it was my day. And now it belongs to you." sagt Natalie in einem der zahlreichen Telefonate, die sie von unterwegs mit ihrem Mann führt. Das bringt ihre Gefühle und damit den Grund für ihre Flucht gut auf den Punkt. Doch ihr Streben nach Freiheit und Unabhängigkeit endet schnell damit, dass sie sich gegen ihren Willen um den hilflos wirkenden Jimmie kümmern muss, der auf sich allein gestellt kaum lebensfähig zu sein scheint. Sie wird ihn einfach nicht mehr los, egal wie sehr sie sich bemüht. Nachdem sie den Polizisten Gordon kennengelernt hat, manövriert sie sich immer weiter in eine ausweglose Situation, bevor es zur finalen Eskalation kommt. Das Ende, wenn sie mit dem tödlich verwundeten Jimmie spricht, kann man durchaus dahingehend deuten, dass sie Frieden mit sich geschlossen und ihre Schwangerschaft und die damit einhergehenden Veränderungen in ihrem künftigen Leben akzeptiert hat. Die Worte könnten genauso gut an ihren Mann gerichtet sein. Und die Verantwortung für ein Kind hat sie quasi bereits dadurch übernommen, dass sie sich um Jimmie gekümmert hat. Was am Ende ihrer Reise und des damit verbundenen Lernprozesses steht, lässt Coppola bewusst offen, entlässt aber den Zuschauer immerhin mit dem Gefühl, dass sie die Dinge für Natalie zum Guten wenden werden.

Coppolas The Rain People ist ein typischer Vertreter der New-Hollywood-Ära und kann vor allem mit seinen hervorragenden Darstellern überzeugen. Insbesondere James Caan liefert mit der Rolle des geistig eingeschränkten Jimmie eine der besten Leistungen seiner Karriere ab und auch Shirley Knight gibt eine bravouröse Vorstellung. Mit einfachen Mitteln gedreht tritt der Regisseur einmal mehr den Beweis an, dass es für einen guten Film nicht mehr als eine interessante Story und gute Darsteller braucht. Hilfe hat er dabei von seinem Kumpel George Lucas erhalten, der zeitgleich an seinem Drehbuch zu THX 1138 arbeitete, während er Coppola assistierte. 

Am Ende bleibt The Rain People ein leiser und erstaunlich moderner Film über eine junge Frau, die vor sich selbst davonläuft und unterwegs feststellt, dass Verantwortung nicht immer eine Last sein muss. Coppola interessiert sich weniger für große Gesten als für die kleinen Verschiebungen im Inneren und  genau darin liegt die Stärke dieses oft übersehenen Frühwerks des Meisterregisseurs. 

Sonntag, 12. April 2026

THE POWER OF THE DOG (Jane Campion, 2021)

Then you tell them the truth. That I stink and I like it!

Jane Campions gefeiertes Drama wirkt über weite Strecken erstaunlich inkonsistent: Der Fokus verschiebt sich mehrfach, Figuren rücken vor und wieder zurück, und insgesamt entsteht der Eindruck, als hätten drei verschiedene Regisseure parallel an demselben Stoff gearbeitet, ohne sich über eine gemeinsame Linie zu einigen.

Dabei bringt der Film durchaus Qualitäten mit. Die Darsteller sind durchweg gut, allen voran der Australier Kodi Smit‑McPhee, der den introvertierten, feingeistigen Peter, der am Ende zum großen Schlag ausholt, sehr überzeugend mimt. Auch visuell ist The Power of the Dog sehr ansprechend. Das Setting im Montana der 1920er Jahre - gedreht in Neuseeland - erinnert an klassische Westernlandschaften, auch wenn die Story selbst nur wenig mit einem Western gemein hat. Die Kamera fängt weite Ebenen, karge Hügel und klaustrophobische Innenräume gleichermaßen eindrucksvoll ein. Die Bilder sind schön komponiert und gehören zweifellos zu den stärksten Elementen des Films.

Neben der sprunghaften Inszenierung leidet der Film auch unter seiner wenig glaubwürdigen Handlung. Die Art und Weise, wie sich für Peter letztlich alles passend zusammenfügt, wirkt konstruiert und dramaturgisch wenig überzeugend. Auch die Entwicklung der Charaktere ist nicht immer schlüssig. Am Ende bleibt ein Film, der mit einigen Pluspunkten aufwarten kann, aber nie wie aus einem Guss wirkt. Ich glaube, dass Jane Campion mit dem komplexen Stoff einfach überfordert war, und das merkt man Power of the Dog leider überdeutlich an.

Donnerstag, 9. April 2026

D'APRÈS UND HISTORIE VRAIE (Roman Polanski, 2017)

Die erfolgreiche Schriftstellerin Delphine leidet nach der Veröffentlichung ihres letzten Romans unter einer Schreibblockade und depressiven Verstimmungen. Als eines Tages eine namenlose Ghostwriterin, die sich selbst nur Elle nennt (französisch für „sie“), in ihr Leben tritt, freunden die beiden sich schnell an und ziehen zusammen, nachdem Elle ihre Wohnung verloren hat. Delphines anfängliches Zutrauen Elle gegenüber schlägt sukzessive in Misstrauen um. Während sich die geheimnisvolle Fremde zunehmend als echte Bedrohung manifestiert, versinkt Delphine immer tiefer in ihrer Psychose. Realität und Wahnvorstellung verschwimmen zusehends.

Im Gegensatz zu meiner Gewohnheit, alle Filme im O‑Ton zu schauen, habe ich D’après une histoire vraie meiner Partnerin zuliebe in der deutschen Synchro gesehen. Diese bringt das Problem mit sich, dass Elle dort tatsächlich „Elle“ heißt - also praktisch einen normalen Namen hat -, während das französische Wort elle einfach „sie“ bedeutet. Richtig wäre also gewesen, den Eva‑Green‑Charakter in der deutschen Version „Sie“ zu nennen. Das macht es etwas schwerer zu erkennen, was wirklich vor sich geht, auch wenn man irgendwann ahnt, dass Elle nur Delphines unterdrücktes Alter Ego ist. In Wahrheit veröffentlicht Delphine also am Ende (ohne es selbst zu wissen) ihre eigene Lebensgeschichte in der Meinung, Elles Geschichte zu erzählen, basierend auf den Interviews mit ihr.

Polanski schafft es, die Spannung die ganze Zeit über hochzuhalten und kann sich auf seine beiden starken Hauptdarstellerinnen verlassen, die ohne Einschränkung überzeugen. Sein Talent für beklemmende Kammerspiele - denn dabei handelt es sich im Grunde genommen - hat er in der Vergangenheit bereits mehrfach unter Beweis gestellt. In einigen Szenen fühlt man sich an Rob Reiners Misery erinnert. Polanski interessiert sich jedoch weniger für die äußere Handlung als für die fragile Innenwelt seiner Protagonistin - ein psychologisches Duett, das sich zunehmend in ein Duell verwandelt. Insgesamt eine runde und äußerst kurzweilige Angelegenheit. 

Freitag, 3. April 2026

WUTHERING HEIGHTS (Emerald Fennell, 2026)

Don't ever be sorry for me!

Fennells Umsetzung des berühmten Romans konzentriert sich fast ausschließlich auf die Beziehung zwischen Heathcliff und Catherine und lässt große Teile der literarischen Vorlage außen vor. Das Ergebnis ist ein kurzweiliges und unterhaltsames Filmchen, das jedoch kaum in der Lage ist, einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen.

Was ich an Fennells bisherigen Filmen schätze - ihren ausgeprägten Sinn für makabren Humor - zeigt sich auch hier gleich zu Beginn. Die Eröffnungsszene, in der der Zuschauer mit abgedunkeltem Bild und stöhnenden Geräuschen konfrontiert wird, suggeriert zunächst ausschweifende sexuelle Aktivitäten, entpuppt sich dann aber als Todeskampf eines Gehängten. Dieser Tonfall zieht sich durch den gesamten Film und trägt wesentlich zu seinem Unterhaltungswert bei, auch wenn er dramaturgisch nicht immer treffsicher eingesetzt wird.

Auf darstellerischer Ebene werden keine Großtaten vollbracht. Margot Robbie spielt solide und sieht wie gewohnt toll aus, doch Jacob Elordi mangelt es spürbar an Ausstrahlung und Charisma. Sein spröder, leicht gelangweilter Ausdruck, der in Saltburn noch hervorragend zu seiner Figur passte, wirkt hier eher deplatziert. Hong Chau hingegen ist toll, und auch Alison Oliver kann überzeugen. Ein echtes Highlight sind die knallbunten, sorgfältig komponierten Bilder des schwedischen Kameramanns Linus Sandgren, die Wuthering Heights zu einem visuell ausgesprochen reizvollen Film machen. Manchmal hat man sogar das Gefühl, dass die Kamera mehr zu erzählen weiß als das Drehbuch.

Unter dem Strich ein weiterer gelungener Film der britischen Jung-Regisseurin, bei der es lohnenswert erscheint, sie auch künftig im Auge zu behalten. 

Freitag, 20. März 2026

THE KILLING OF A SACRED DEER (Yorgos Lanthimos, 2017)

I don’t know if what is happening is fair, but it’s the only thing I can think of that’s close to justice.

The Killing of a sacred Deer ist für Lanthimos-Verhältnisse ein vergleichsweise straighter Film, der sich über weite Strecken fast wie ein konventioneller Horrorfilm anfühlt, wobei die Kälte und Präzision seiner Inszenierung jede Szene mit einer schwer zu greifenden Beklemmung aufladen. Die vielfach eingesetzten Weitwinkel-Aufnahmen erzeugen gleichzeitig eine klinische Nüchternheit und Distanz, die perfekt die moralische Ausweglosigkeit des Protagonisten unterstreicht.

Lanthimos erzählt eine Geschichte um Schuld und Sühne und legt dabei ein derart archaisches Verständnis an den Tag, dass ich mich phasenweise an die Werke Kim Ki-duks erinnert fühlte. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Barry Keoghan, der mich bereits bei Saltburn tief beeindruckt hatte, spielt die Figur des Martin verletztlich und bedrohlich zugleich und personifiziert den Racheengel auf ideale Art und Weise. Die Szene mit Nicole Kidman, in der er die Spaghetti isst, zählt zu den eindringlichsten des Films und erlaubt einen tiefen Einblick in sein von Rache und Verlustschmerz geprägtes Seelenleben.

The Killing of a sacred Deer ist sehr spannend, aber auch schwer auszuhalten und wahrlich nichts für Zartbesaitete. Man mag sich gar nicht erst in Stevens ausweglose Situation versetzen, in der er nur alles falsch machen kann, egal was er tut. Seine Versuche, anhand objektiver Kriterien seine Auswahl zu treffen - wunderbar auf den Punkt gebracht in dem Gespräch mit dem Lehrer - sind zum Scheitern verurteilt und schmerzhaft anzusehen. Dies mündet letztlich in einer besonders fiesen Variante des Russischen Roulette, wobei schon vorher feststeht, dass er in jedem Fall verlieren wird. Ein faszinierender Film, mitreißend und abstoßend zugleich.

Donnerstag, 19. März 2026

THE LOBSTER (Yorgos Lanthimos, 2015)

I always swallow after fellatio and I've got absolutely no problem with anal sex.

The Lobster war nach drei Filmen in griechischer Sprache und mit griechischen Darstellern Lanthimos erste internationale Produktion mit vorwiegend britischen/irischen Schauspielern, wobei Angeliki Papoulia, die Hauptdarstellerin der beiden Vorgängerfilme, hier auch wieder in einer wunderbar überzeichneten Rolle dabei ist. Gedreht wurde in Irland in englischer Sprache. Dieser Schritt trug letztlich dazu bei, Lanthimos' Filme einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Seinem Stil blieb er dabei treu. The Lobster ist eine bitterböse Groteske, die - ähnlich wie der einige Jahre später entstandene Poor Things - gängige gesellschaftliche Normen entlarvt und durch gezielte Zuspitzung ad absurdum führt.

Die Story ist ebenso originell wie bizarr: In einer dystopischen Zukunft werden Singles in ein Hotel gebracht, wo sie innerhalb von 45 Tagen einen Partner finden müssen. Gelingt dies nicht, werden sie in ein Tier ihrer Wahl verwandelt. Zusätzliche Zeit können sie sich dadurch erkaufen, dass sie bei den regelmäßig veranstalteten Jagden in den umliegenden Wald geflohene Singles mit einem Betäubungsgewehr außer Gefecht setzen. Für jeden "erlegten" Single gibt es einen Extra-Tag.

Lanthimos nutzt diese Ausgangslage weniger dafür, eine düstere Zukunftsvision zu entwerfen (die The Lobster natürlich auch ist), sondern in erster Linie, um vertraute Verhaltensmuster zu karikieren. Die Regeln des Hotels sind absurd, folgen aber einer Logik, die man aus dem Alltag kennt: Partnerschaft als gesellschaftliche Pflicht, eine Gemeinsamkeit als Grundlage für die Beziehung, ein Kind als Rettungsanker. Die Flüchtlinge im Wald verkehren diese Regeln ins Gegenteil und sind dabei keinen Deut besser als das System, das sie kritisieren. Ihre Regeln sind mindestens genauso streng, die Strafen für Verstöße ebenso drastisch. Einige dieser Regeln porträtieren die heutzutage gerne angeführten Vorteile des Single-Daseins, die in der von Lanthimos dargestellten Überspitzung genauso lächerlich sind, wobei das im Film thematisierte Verbot von Zärtlichkeiten unter den Singles im realen Leben natürlich nicht dazu gehört. Aber der Rest passt. Der Protagonist David bricht dabei gleich alle Regeln: nach seiner Flucht in den Wald verliebt er sich in eine kurzsichtige Frau, die seine Liebe erwidert und für dieses Vergehen auf brutalste Weise von der Anführerin der Flüchtlinge bestraft wird. Um ihre Liebe zu retten und wieder eine Gemeinsamkeit zu haben - die nach den Regeln beider Systeme unabdingbar für eine stabile Beziehung zu sein scheint - entschließt er sich zu einem drastischen Schritt, wobei Lanthimos am Ende offen lässt, ob David dies tatsächlich vollzieht.

The Lobster ist trotz allem kein Film, der schlechte Stimmung macht oder deprimiert. Dafür ist er in seiner beißenden Gesellschaftskritik einfach zu überdreht und komisch. In jedem Fall aber ein Film, der - wie praktisch alle Filme des Griechen - den Zuschauer auch nach dem Abspann noch eine Weile beschäftigt.

Montag, 16. März 2026

ALPEIS (Yorgos Lanthimos, 2011)

Ein weiterer höchst bizarrer Film des Griechen, der wie ein Gegenentwurf zu Kynodontas wirkt und dabei doch völlig anders ist. Eine Gruppe bestehend aus zwei Frauen und zwei Männern bieten Familienangehörigen kürzlich Verstorbener an, gegen Bezahlung in die Rolle der Verstorbenen zu schlüpfen und sie damit bei der Trauerbewältigung zu unterstützen. Der Anführer der Gruppe, der hauptberuflich als Rettungssanitäter tätig ist, hat klare Regeln aufgestellt, an die sich alle zu halten haben. Dazu gehört neben der Verwendung von Decknamen der Grundsatz, keine sexuellen Beziehungen mit den "Klienten" einzugehen. Wenig überraschend wird diese Regel schon bald gebrochen. Auch darüber hinaus kommen die ersten Zersetzungstendenzen auf, die sich im weiteren Verlauf zunehmend manifestieren. Dabei steht eine Krankenschwester im Mittelpunkt, die körperliche Nähe und Zuneigung sucht und darüber hinaus unter einer starken Persönlichkeitsstörung leidet. 
 
Auch hier wieder harter Stoff von Lanthimos. Der Film kommt etwas schwer in die Gänge - erklärt wird natürlich wieder nur das Nötigste - wird aber mit zunehmender Dauer merklich intensiver. Je weiter der Film voranschreitet, desto stärker verschiebt sich der Fokus von der Gruppendynamik hin zur inneren Erosion der Krankenschwester, deren Bedürfnis nach Nähe in einem System aus Regeln und Rollenspielen zwangsläufig scheitern muss. Die Kamera bleibt dabei distanziert und beobachtend, was eine beklemmende Atmosphäre erzeugt, ähnlich wie beim Vorgänger.

Im letzten Drittel lösen sich die Grenzen zwischen Rolle und Realität vollends auf. Die Krankenschwester steigert sich immer mehr in die Identitäten der Verstorbenen hinein bis zu dem Punkt, an dem diese mit ihrer eigenen Persönlichkeit verschmelzen und letztere fast gar nicht mehr wahrnehmbar ist. Am Ende ist die Protagonistin im emotionalen Niemandsland angekommen, aus dem es kein Zurück mehr gibt.

Samstag, 14. März 2026

KYNODONTAS (Yorgos Lanthimos, 2009)

Ein zutiefst verstörender Film über einen Vater, der seine drei erwachsenen, namenlosen Kinder - ein Sohn und zwei Töchter - auf einem abgeschotteten Grundstück in der Nähe des Flughafens, in dem er arbeitet, gefangen hält. Seine Frau und Mutter der Kinder ist die Komplizin, die das böse Spiel konsequent mitspielt. Um ihren Nachwuchs vor den schlechten Einflüssen der Außenwelt zu schützen, haben die beiden eine Welt erschaffen ohne moderne Technik, mit absurden Regeln, einem merkwürdigen Belohnungssystem und emotionaler Isolation. Der Vergleich mit Shyamalans The Village drängt sich geradezu auf. Auch wenn das alles im Detail nicht immer logisch ist, fällt dies kaum ins Gewicht. Die innere Konsistenz dieser abgeschlossenen kleinen Welt ergibt sich weniger aus rationalen Zusammenhängen als aus der Konsequenz, mit der Lanthimos das durchzieht.

Die Darsteller bewegen sich durch diese Szenerie mit einer gewissen Hölzernheit, die vermutlich zum Konzept gehört, und wirken dabei wie Marionetten, ihre Dialoge wie auswendig gelernte Phrasen, denen jede natürliche Regung abtrainiert wurde. Auch sexuelle Bedürfnisse scheinen sie kaum zu verspüren, wobei der Vater interessanterweise für seinen Sohn eine Sexpartnerin in Person einer Kollegin organisiert hat, die er regelmäßig für ihre Dienste an seinem Sohn bezahlt. Diese wiederum nutzt die Naivität der älteren Tochter aus, indem sie sich von ihr oral befriedigen lässt.

Mit fortschreitender Laufzeit zieht Lanthimos die Schraube langsam, aber unerbittlich an. Besonders schockierend sind die immer wieder völlig unvermittelt auftretenden Gewaltausbrüche, die ohne Vorankündigung über den Zuschauer hereinbrechen. Die Dramaturgie spitzt sich in dem Moment merklich zu, in dem die ältere Tochter heimlich die beiden Videokassetten mit den Kinofilmen Rocky und Jaws sieht und dadurch merkt, dass es noch eine andere Welt gibt als die von ihrem Vater geschaffene. Die logische Konsequenz: die Flucht aus dieser künstlichen Welt, die ihr Gefängnis ist.

Kynodontas ist kein schöner Film. Kein Film, dessen Sichtung man genießt und an dem man sich erfreut. Es ist ein Film, den man aushält, beobachtet und verarbeitet. Lanthimos zeigte hier zum ersten Mal, über welch immensen Fähigkeiten er als Filmemacher verfügt und setzte ein Statement, das nach dem Abspann noch lange nachhallt.

Donnerstag, 12. März 2026

KINETTA (Yorgos Lanthimos, 2005)

In jüngster Zeit habe ich die Arbeiten des griechischen Regisseurs Yorgos Lanthimos zu schätzen gelernt und so sah ich auch der Sichtung seines zweiten Spielfilms Kinetta mit Vorfreude entgegen. Leider ist der in hohem Maße experimentelle Film eine ziemliche Enttäuschung. Die Schwächen liegen dabei nicht nur im formalen Bereich. Die oft unerträglich wackelnde Handkamera macht insbesondere die ersten Minuten zu einer regelrechten Tortur und die zahlreichen Nahaufnahmen, bei denen die Kamera wiederholt sekundenlang den Fokus sucht, stellen eine ähnlich große Herausforderung dar. Dies wirkt schlichtweg dilettantisch. Gesprochen wird fast nichts. 

Auf der inhaltlichen Ebene werden die Leben dreier Menschen beleuchtet, die außerhalb der Saison im namensgebenden Ferienort leben: ein Polizist - ob es sich tatsächlich um einen solchen handelt, wird nicht ganz klar - mit einer Vorliebe für üppige russische Frauen und BMWs, ein Fotograf, der in einem Fotogeschäft arbeitet, und ein Zimmermädchen. Die drei treffen sich mehr oder weniger regelmäßig, um Mordfälle nachzustellen. Warum sie das tun, in welcher Beziehung sie zueinander stehen und welche Motivation sie jeweils antreibt, überlässt Lanthimos der Fantasie des Zuschauers. Am offensichtlichsten ist das Motiv noch beim Polizisten. Der Fotograf hat anscheinend ein Faible für bizarre Motive und Situationen, gut zu erkennen auch daran, dass er nach dem Selbstmordversuch des Zimmermädchens zuerst dessen leblos da liegenden Körper fotografiert, bevor er ihm hilft. Die bizarre Eröffnungssequenz lässt sich eventuell so deuten, dass der Auslöser für diese Faszination möglicherweise der Unfalltod eines nahen Angehörigen war. Beim Zimmermädchen wiederum macht sich nicht nur ein allgemeiner Lebensüberdruss bemerkbar, sondern auch eine Vorliebe dafür, gedemütigt zu werden und körperlicher Gewalt ausgesetzt zu sein. Mehrfach "übt" sie in ihrem Zimmer für sich alleine Szenen, in denen sie gewürgt oder geschlagen wird. Auch trägt sie bei jeder nachgestellten Szene eine Verletzung davon, was sie aber nicht davon abhält, sich erneut mit den beiden Männern für eine weitere Szene zu treffen.

Von der Idee her ist das alles nicht uninteressant, doch neben den zahlreichen handwerklichen Schwächen schafft Lanthimos es auch nicht, ein tieferes Interesse des Zuschauers für seine Figuren zu wecken. Darüber hinaus gibt es immer wieder völlig belanglose Szenen, die keinerlei Bedeutung haben, und das ohnehin schon träge Tempo weiter entschleunigen. Die Darsteller machen ihre Sache hingegen nicht schlecht. Unter dem Strich dann doch ein ziemlich belangloser Film, der in jeder Hinsicht meilenweit von den aktuellen Werken des Regisseurs entfernt ist.

Dienstag, 3. März 2026

THE FAVOURITE (Yorgos Lanthimos, 2018)

I like it when she puts her tongue inside me.

The Favourite markiert die erste Zusammenarbeit des griechischen Regisseurs mit seiner Muse Emma Stone, und seither ist die Frau aus Arizona fester Bestandteil des Lanthimos-Ensembles. Die Geschichte ist den realen Erlebnissen der englischen Königin Anne Stuart nachempfunden, die zu Beginn des 18. Jahrhunderts für einige Jahre an der Spitze des britischen Empire stand. Auch wenn es sich der Geschichtsschreibung nach zu urteilen wohl tatsächlich um eine physisch und psychisch sehr labile Persönlichkeit handelte, zeichnet Lanthimos ein stark überspitztes Porträt der Monarchin.

Das Setting sagte mir nicht sonderlich zu. Dennoch ist der Film in seiner schrägen Art durchaus witzig und amüsant. Die höfischen Intrigen wirken wie ein bewusst überdrehtes Kammerspiel, das sich weniger für historische Genauigkeit interessiert als für die Dynamik zwischen den drei Frauen, die alle auf ihre Weise um Nähe, Macht und Aufmerksamkeit ringen. Getragen wird das Ganze von den hervorragenden Darstellerinnen. Neben Emma Stone kann vor allem Olivia Colman überzeugen, die für die Rolle der Queen Anne zu Recht einen Oscar erhalten hat. Rachel Weisz komplettiert das Trio und sorgt dafür, dass die Machtspiele nie ins rein Groteske abrutschen, sondern immer eine menschliche Note behalten.

Trotz meiner Distanz zum barocken Ambiente bleibt The Favourite ein Film, der durch seine Mischung aus Boshaftigkeit, Melancholie und trockenem Humor nachhallt. Nicht zuletzt deshalb, weil Lanthimos die historische Vorlage nicht ehrfürchtig behandelt, sondern sie mit sichtbarem Vergnügen in seinem Sinne verbiegt.

Samstag, 28. Februar 2026

THE BALLAD OF BUSTER SCRUGGS (Ethan & Joel Coen, 2018)

First time?

The Ballad of Buster Scruggs markiert die vorläufig (?) letzte Zusammenarbeit der beiden Coen-Brüder, die seither mit Solo-Projekten unterwegs sind. Erzählt werden sechs von einander unabhängige Geschichten, die im weitesten Sinne dem Western-Genre zuzuordnen sind, wobei Stil, Erzählrhythmus und Tonalität der einzelnen Episoden sehr unterschiedlich ausfallen. Die Übergänge zwischen den Geschichten werden in Form eines Buchbandes umgesetzt, bei dem zu Beginn der nächsten Episode jeweils eine neue Seite aufgeschlagen wird.

Ursprünglich war The Ballad of Buster Scruggs als Serie mit sechs Episoden konzipiert, bevor die Brüder sich dazu entschlossen haben, daraus einen Spielfilm zu machen. Die erzählten Geschichten sind von unterschiedlicher Qualität, dabei durch die Bank kurzweilig und  unterhaltsam und zum Teil auch recht witzig. Insbesondere die richtig fiese dritte Episode Meal Ticket und die nachfolgende All Gold Canyon mit einem tollen Tom Waits in der Hauptrolle konnten mich begeistern. 

Bleibt zu hoffen, dass es bald wieder ein gemeinsames Projekt der Coens geben wird, denn auch The Ballad of Buster Scruggs unterstreicht die Klasse der Beiden - zumindest dann, wenn sie zusammenarbeiten.

Freitag, 27. Februar 2026

BROOKLYN'S FINEST (Antoine Fuqua, 2009)

I don't want God's forgiveness. I want his fuckin help!

Antoine Fuquas siebter Spielfilm gehört ohne Frage zu den stärkeren Arbeiten des Regisseurs. Er erzählt in drei lose miteinander verwobenen Episoden von drei New Yorker Polizisten, die alle auf ihre Weise an den Rändern ihrer Belastbarkeit angekommen sind. Fuqua interessiert sich weniger für die Mechanik des Thrillers als für die innere Erosion seiner Figuren, und so ist Brooklyn’s Finest mehr Drama als Actionfilm.

Die Struktur erinnert an den klassischen Ensemble-Film. Fuqua entfaltet ein Panorama aus Müdigkeit, moralischen Kompromissen und kleinen, unscheinbaren Entscheidungen, die sich langsam zu etwas Unausweichlichem verdichten und auf die Eskalation zulaufen. In manchen Momenten wirkt der Film wie ein Magnolia für Hartgesottene: ein Mosaik aus Schicksalen, das weniger auf große Überraschungen aus ist als auf das stille, stetige Abgleiten seiner Protagonisten.

Punkten kann Brooklyn’s Finest vor allem mit seinen Figuren und den Darstellern, die ihre Sache allesamt hervorragend machen. Richard Gere spielt einen kurz vor der Rente stehenden Cop, der längst innerlich gekündigt hat, dem Alkohol verfallen ist und sein inneres Glück bei einer Nutte sucht. Ethan Hawke zeigt einen Polizisten, der unter der Last seiner Verantwortung und dem Willen, seiner Familie ein besseres Leben zu bieten zerbricht, und Don Cheadle balanciert als Undercover-Cop überzeugend zwischen Loyalität und Selbstschutz. Auch toll: Wesley Snipes, der inmitten all seiner B-Movies hier nochmal Akzente setzen kann.

Fuqua inszeniert das alles mit einer gewissen Schwere, aber ohne nerviges Pathos. Die Straßen, die Wohnungen, die Gesichter - alles trägt die Spuren der Abnutzung und des langsamen Verfalls. Brooklyn’s Finest lebt weniger von seiner Handlung als von diesem Gefühl des langsamen Ausfransens. Am Ende bleibt der Eindruck von drei Männern, die längst wissen, dass es für sie keine einfachen Wege mehr gibt, und die trotzdem weitergehen, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt. 

Samstag, 21. Februar 2026

THE KEEP (Michael Mann, 1983)

Your new home: how do you like it?

Michael Mann ist ganz ohne Zweifel einer der herausragenden Regisseure der Gegenwart und darüber hinaus einer meiner absoluten Lieblinge. Was ihn seinerzeit geritten, diesen konfusen Mix aus Horror, Kriegsfilm und Mystery zu drehen, wird mir auf ewig ein Rätsel bleiben. Umso erstaunlicher, dass es ihm gelungen ist, eine beeindruckende Riege namhafter Schauspieler für das Projekt zu gewinnen: Scott Glenn, Ian McKellen, Gabriel Byrne, Jürgen Prochnow, etc..

Dem Vernehmen nach soll die ursprüngliche Fassung auf Druck der Produzenten auf die Hälfte gekürzt worden sein, doch mir fehlt die Phantasie mir vorzustellen, dass The Keep mit mehr Spielzeit auch nur ein halbwegs guter Film geworden wäre. Das Teil ist von vorne bis hinten Murks und langweilt trotz der sehr kompakten Spieldauer von gerade einmal 96 Minuten. Die Darsteller mühen sich redlich, haben aber gegen das von Mann höchstpersönlich verfasste Drehbuch keine Chance. Die Special Effects sind selbst angesichts der Entstehungszeit an der Grenze zur Lächerlichkeit und zu allem Überfluss wird das Ganze von einem äußerst nervigen Score der deutschen Band Tangerine Dream untermalt, in dem die für die 80er so typischen Keyboards dominieren. 

Ein fürchterlicher Film und so ziemlich das Schlechteste, was ich in den letzten Jahren gesehen habe. Dass dies von einem Meister wie Michael Mann zu verantworten ist, mag man kaum glauben. Aber wie sagte Les Claypool einst so treffend: "We all crap in our pants once in a while".

Dienstag, 17. Februar 2026

SALTBURN (Emerald Fennell, 2023)

I'm sorry, my performance wasn't good enough.

Saltburn ist eine schrille Parabel auf die Macht der Manipulation, weitaus schriller noch als Fennells Debüt. Anfangs mäandert die Handlung eher ziellos umher, was zumindest meine Geduld auf eine harte Probe stellte, bevor die Story dann Fahrt aufnimmt und sich Stück für Stück in eine zunächst nicht vermutete Richtung entwickelt. Die bizarren, völlig überzeichneten Charaktere, von denen keiner Gefahr läuft, als Abbild einer real existierenden Person durchzugehen, verschieben Saltburn in den Bereich der Groteske. Ernstnehmen kann man das Treiben beim besten Willen nicht, aber unterhaltsam ist es trotzdem.

Zu loben ist unbedingt die Leistung des Hauptdarstellers Barry Keoghan, der den unterwürfigen, scheinbar tumben, in Wahrheit aber stets extrem kalkulierten und berechnenden Oliver Quick als faszinierenden Charakter porträtiert, der am Ende alle kalt stellt und am Ziel seiner Träume angekommen ist.

Saltburn ist ein Film, auf den man sich einlassen muss, auch wenn das über weite Strecken schwerfällt und darüber hinaus auch ein Film, der in den Tagen danach an einem nagt und sich immer wieder ins Gedächtnis drängt. Fand ich Saltburn während und unmittelbar nach der Sichtung nicht sonderlich gelungen, setzte sich in den folgenden Tagen immer mehr die Erkenntnis durch, dem Film mit dieser Einordnung Unrecht getan zu haben. Ich glaube, dass er seine wahre Klasse erst bei einer zweiten Sichtung entfalten kann. In jedem Fall eine weitere interessante Arbeit einer (dienst-)jungen Regisseurin, die im Auge zu behalten sich lohnen dürfte.

Sonntag, 15. Februar 2026

PROMISING YOUNG WOMAN (Emerald Fennell, 2020)

Don't underestimate a girl with a plan!

Emerald Fennells Promising Young Woman ist ein Film, der zweifelfrei als Kind der #MeToo‑Debatte Ende der 2010er Jahre zu erkennen ist. In ihrem Spielfilmdebüt setzt die ehemalige Schauspielerin auf eine schrille Mischung aus Thriller, Satire und Popästhetik. Die Grundidee ist originell und witzig zugleich, die Umsetzung kann aber nicht immer völlig überzeugen. Insbesondere die Szenen, in denen Cassie vorgibt betrunken zu sein und sich von "hilfsbereiten" Männern abschleppen lässt, die natürlich nur Sex mit ihr und ihre scheinbar hilflose Situation ausnutzen wollen, wirken zu konstruiert, um glaubwürdig zu sein. In der Realität wäre die Reaktion der Männer wohl eine andere und Cassie würde mit ihrer Nummer vermutlich nicht immer ungeschoren davon kommen. Und das plötzlich auftauchende Handyvideo der Vergewaltigungsszene von vor sieben Jahren kommt so unverhofft daher wie das Kaninchen aus dem Hut. Letztlich dient es nur dazu, den bis dahin sympathisch wirkenden Ryan, der drauf und dran ist, Cassies Herz zu erobern und sie aus ihrer Lethargie zu reißen, als Beteiligten zu entlarven. Darüber hinaus hat es keine Funktion.

Trotz dieser Taschenspielertricks ist das Ganze sehr spannend und darüber hinaus auch ausgesprochen stylisch inszeniert. Carey Mulligan in der Hauptrolle macht ihre Sache gut und in der letzten halben Stunde spitzen sich die Ereignisse nochmal deutlich zu. Das Ende kommt dann recht unerwartet und setzt einen gelungenen Schlusspunkt. Doch, hat mir gut gefallen.

Mittwoch, 11. Februar 2026

BOOGIE NIGHTS (Paul Thomas Anderson, 1997)

Everyone's blessed with one special thing.

Boogie Nights ist ein höchst unterhaltsames Porträt der goldenen Ära der amerikanischen Pornoszene der späten Siebziger, personifiziert durch den Aufstieg des jungen Eddie mit dem Künstlernamen Dirk Diggler, der über herausragende Steher-Qualitäten verfügt und von Mark Wahlberg perfekt verkörpert wird. Die Rolle scheint ihm wie auf den Leib geschneidert. Der Film wirkt dabei weniger wie ein Milieustück als wie ein Blick in eine Gemeinschaft, die sich selbst als eine bizarr anmutende Familie versteht und in vielen Szenen fühlt man sich tatsächlich wie bei einem schrillen, aber warmherzigen Familientreffen. Anderson enthält sich jeder Wertung bezüglich des Tuns seiner Protagonisten und zeigt sie als eine Gruppe liebenswerter und sympathischer Charaktere, die letztlich alle nur nach Erfolg und persönlichem Glück streben. Die Ausnahme bildet der pädophile Geldgeber "Colonel James", der aus der "Familie" verstoßen wird und im Gefängnis landet, nachdem seine Vorliebe bekannt geworden ist.

Gleich zu Beginn gibt Anderson den Rhythmus vor: die lange Kamerafahrt von der Straße hinein in die Disco führt uns an den wichtigsten Figuren vorbei und bringt sie dem Zuschauer näher. Nicht über Dialoge, sondern über Blicke, Bewegungen, kleine Gesten, Wortfetzen. Eine ähnliche Szene gibt es später nochmal bei der Poolparty. Bemerkenswert ist Andersons großes Interesse für diese Figuren, von denen keine auf ein oberflächlich gezeichnetes Abziehbild reduziert wird. Vielmehr werden sie als liebenswerte Menschen mit all ihren Stärken und Schwächen, ihren Problemen und Ängsten gezeichnet.

Ein wiederkehrendes Motiv in Andersons Filmen ist das Vater-Sohn-Verhältnis. Nachdem Eddie sich mit seiner Mutter überworfen hat - sein Vater nimmt das Zerwürfnis passiv hin und greift nicht ein - findet er in dem Pornoproduzenten Jack Horner (grandios: Burt Reynolds) eine Art Ersatzvater, der ihn unter seine Fittiche nimmt und ihn zu seinem Hauptdarsteller macht. Reynolds verleiht Jack eine Mischung aus Autorität, Fürsorge und leiser Melancholie, die den Film entscheidend mitprägt. Ohne Zweifel eine der besten Leistungen seiner Karriere. Auch das übrige Ensemble kann mit guten Leistungen überzeugen. Dass mit Nina Hartley und Ron Jeremy zwei reale Größen der damaligen Szene in Nebenrollen auftauchen, verstärkt den Eindruck, in eine Zeit einzutauchen, die Anderson mit viel Gespür rekonstruiert hat. Das Flair der späten Siebziger ist überall spürbar: in der Ausstattung, im Licht, im Rhythmus und nicht zuletzt im großartigen Score, der erheblich zur wunderbar melancholischen Atmosphäre beiträgt.

Boogie Nights ist weniger ein Film über die Pornobranche als solche als vielmehr ein klassischer Ensemble-Film, der - wie auch der nachfolgende Magnolia - über eine ganze Armada an interessanten Figuren verfügt. Ein präzise beobachtetes, warmherziges und leichtfüßiges Zeitporträt, das wunderbar unterhält und die Zeit wie im Flug vergehen lässt.

 

Donnerstag, 5. Februar 2026

MAXXXINE (Ti West, 2024)

I always wanted to be famous.

Nach dem tollen Pearl und dem ordentlichen X war ich gespannt, ob Ti West auch mit dem abschließenden Teil der Reihe würde überzeugen können, doch leider ist MaXXXine eine ziemliche Enttäuschung. 

Die Story ist ebenso banal wie einfallslos. Während Pearl eine schöne Reflexion über Befreiung und die Sehnsucht nach einem besseren Leben war und X zumindest noch als gelungene Texas Chainsaw-Massacre-Hommage durchgeht, bietet MaXXXine nichts, was irgendwie erinnerungswürdig wäre, abgesehen von den zahlreichen Anspielungen und Zitaten diverser Hollywood-Filme respektive -Figuren. Mia Goth müht sich redlich, doch gegen das schwache Drehbuch kommt sie nicht an. Zwar wird - zumindest in der ersten Filmhälfte - ein gewisser Spannungsbogen gehalten, doch insbesondere im letzten Drittel verliert sich der Streifen in einem immer schwächer werdenden Plot, in dessen Mittelpunkt ein Exorzismus steht, um dann in einem ebenso platten wie vorhersehbaren 08/15-Finale zu enden. 

Man muss West allerdings zugute halten, dass das alles recht stylisch inszeniert ist. Der grelle Look in der Ästhetik der 80er-Jahre weiß durchaus zu gefallen, kann aber nicht kaschieren, dass der Film im Kern  konventionell bleibt. So bleibt MaXXXine letztlich Stückwerk und eine halbgare Mischung zwischen ironischer Genre-Spielerei und wenig originellem Thriller mit einem unglaubwürdigen Plot. Die beiden Vorgängerfilme hätten einen besseren Abschluss der Reihe verdient gehabt.

Samstag, 31. Januar 2026

LICORICE PIZZA (Paul Thomas Anderson, 2021)

What does your penis look like?

Licorice Pizza ist ein Film ohne stringente Handlung, in dem aber trotzdem ständig etwas passiert. Paul Thomas Anderson wirft den Zuschauer mitten ins San Fernando Valley der frühen 70er. Statt einer fokussierten Handlung gibt es eher ein zielloses Herumstreifen — aber eines, das erstaunlich viel Spaß macht.

Die beiden Hauptdarsteller, Alana Haim und Cooper Hoffman, beide zum ersten Mal auf der großen Leinwand, sind absolut liebenswert. Die Chemie zwischen den beiden stimmt und die von ihnen verkörperten Figuren wirken glaubwürdig. Man kauft ihnen jede Unsicherheit, jede Überheblichkeit und jeden spontanen Einfall ab. Die Ähnlichkeit Hoffmanns zu seinem großen Vater ist frappierend und auch von dessen Talent scheint er eine Menge mitbekommen zu haben. In vielen Szenen hat man das Gefühl, einem sehr jungen Philip Seymour Hoffman zuzusehen.

Die Handlung mäandert fröhlich vor sich hin: mal eine clevere Geschäftsidee, mal ein schräger Nebencharakter, mal ein komplett überflüssiger, aber herrlich unterhaltsamer Subplot. Das wirkt oft beliebig aber nie langweilig. Im Gegenteil: Der Film lebt von diesen kleinen Abzweigungen, die sich anfühlen wie zufällige Erinnerungen, die einem plötzlich wieder einfallen. Der Vergleich zu Tarantinos Once Upon a Time in Hollywood drängt sich sofort auf. Weniger auf der inhaltlichen Ebene, sondern weil beide Filme dieses gemütliche Flanieren durch eine vergangene Ära zelebrieren. Bei Anderson ist das weniger cool und weniger stilisiert, dafür wärmer, verspielter und auch witziger.

Das Setting der frühen 70er ist ganz wunderbar. Alles wirkt leicht verwaschen, sonnengebleicht, ein bisschen improvisiert. Dazu der tolle Score von Jonny Greenwood. Die Atmosphäre nimmt einen sofort gefangen und katapultiert den Zuschauer 50 Jahre zurück in eine Welt, die sich so ganz anders anfühlt als die Gegenwart. Ich glaube, dass es Anderson in erster Linie darum ging, dieses Gefühl einzufangen - und das gelingt ihm hervorragend. Licorice Pizza ist witzig, charmant, ziemlich chaotisch und herrlich unaufgeräumt. Ein Film wie ein warmer Sommertag.

Dienstag, 27. Januar 2026

UNSANE (Steven Soderbergh, 2018)

I'm not fucking crazy!

Steven Soderbergh hat mit Unsane wieder einmal bewiesen, dass er keine Angst vor formalen Experimenten hat. Gedreht mit einem iPhone, roh, körnig, nah an den Figuren – eigentlich genau das Setting, das einem psychologischen Thriller guttun sollte. Und doch bleibt der Film hinter seinem eigenen Anspruch zurück.

Das Thema ist grundsätzlich interessant und geht in eine ähnliche Richtung wie der einige Jahre zuvor entstandene Side Effects. Unsane behandelt die perfide Praxis, Patienten gegen ihren Willen einzuweisen, um über Krankenkassenabrechnungen Profit zu generieren. Die Szenen, in denen Claire sich gegen ein System wehrt, das sie nicht ernst nimmt und gleichzeitig finanziell ausschlachtet, gehören zu den eindringlichsten des Films. In diesen Momenten wirkt der Film fast dokumentarisch – und genau dann ist er am stärksten.

Weniger überzeugend ist dagegen der Subplot um den Stalker, der sich als Pfleger in die Anstalt einschmuggelt. Das wirkt wie ein Fremdkörper, als hätte jemand in einen halbwegs realistischen Albtraum plötzlich einen pulpigen Thriller-Bösewicht hineingeschrieben. Die Idee ist nicht nur konstruiert, sie untergräbt auch das eigentlich spannende Thema des institutionellen Missbrauchs. 

Trotzdem – das muss man Soderbergh lassen – bleibt Unsane die meiste Zeit über spannend. Die klaustrophobische Kameraarbeit, das hektische Tempo und die ständige Unsicherheit darüber, was real ist und was nicht, sorgen dafür, dass man trotz aller Ungereimtheiten dranbleibt.

Am Ende bleibt ein Film, der viel will, manches erreicht und anderes verschenkt. Unsane ist kein Totalausfall, aber auch weit entfernt von Soderberghs stärksten Arbeiten. Ein interessantes Experiment mit einem wichtigen Thema – nur leider verpackt in eine Geschichte, die sich selbst zu oft im Weg steht.