Why don't you love me, Mama?
Der Film ist weniger ein Thriller als vielmehr ein detailliert gezeichnetes Psychogramm einer zutiefst gestörten Persönlichkeit, die von einem schrecklichen Ereignis in ihrere Kindheit traumatisiert ist und die genaue Erinnerung daran aus Selbstschutz verdrängt hat. Das bei Hitchcock des Öfteren thematisierte Bild der dominanten Mutter ist auch hier präsent.
Marnie erzählt im Kern die Geschichte einer Frau, die verzweifelt versucht, sich selbst zu entkommen. Tippi Hedren trägt den Film mit einer Kombination aus Verletzlichkeit und Abwehr, die perfekt zu dieser zerrissenen Figur passt. Sean Connery spielt die Rolle des Mark Rutland mit einer Mischung aus väterlicher Fürsorge und manipulativer Besitzergreifung. Marnie ist sich dessen durchaus bewusst, wenn sie sagt: "You think I'm some kind of animal you've trapped.", worauf er unverhohlen erwidert: "I've tracked you and caught you, and by God, I'm gonna keep you!" Das bringt die Beziehung zwischen den beiden sehr treffend auf den Punkt.
Bei der Umsetzung bewegt sich Hitchcock gelegentlich auf dem Niveau der Küchenpsychologie. Die Darstellung der Triggerpunkte wie Gewitter oder die Farbe rot, die Marnies Panikattacken auslösen, ist für meinen Geschmack etwas zu plakativ ausgefallen. Das Ganze ist auch nicht immer logisch, beispielsweise wenn Marnie einen Selbstmordversuch im Pool eines Kreuzfahrtschiffes unternimmt. Dies war Hitchcock wohl bewusst, weshalb er Mark die Frage in den Mund legt, warum Marnie nicht direkt ins Meer gesprungen sei. Man kann diese Aktion sicherlich auch als Schrei nach Aufmerksamkeit deuten und weniger als ernst gemeinten Versuch, sich das Leben zu nehmen. Die Auflösung in Form einer Rückblende auf die traumatischen Ereignisse in Marnies Kindheit bietet schließlich wenig Überraschung, ist aber gut umgesetzt und für die damalige Zeit erstaunlich drastisch ausgefallen.
Marnie erweist sich bei der Wiederbegegnung als deutlich vielschichtiger, als ich ihn in Erinnerung hatte. Trotz seiner mitunter holzhammerhaften Psychologisierung und einiger fragwürdiger dramaturgischer Entscheidungen entfaltet der Film eine nicht zu bestreitende Sogwirkung. Das liegt vor allem an den starken Darstellern und Hitchcocks unerschrockenem Blick auf eine zutiefst verwundete Seele.
.png)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen