Samstag, 26. März 2011

THE LONG RIDERS (Walter Hill, 1980)

First getting shot, then getting married - bad habits.

Hills Western werden ja allenthalben starke Parallelen zu den Filmen Peckinpahs nachgesagt, und da ich mit dessen Filmen meist ein Problem habe, wundert es mich nicht, dass ich auch zu The Long Riders nur schwer Zugang fand. Das liegt in erster Linie an den flachen Charakteren, die während der gesamten Spieldauer nicht viel mehr als zweidimensionale Abziehbilder bleiben; man erfährt im Grunde genommen nichts über sie. Lediglich David Carradines Cole Younger bildet hier eine Ausnahme und ist damit auch die interessanteste Figur des Films. 

Hills distanzierte und zurückhaltende Herangehensweise machte mir eine Identifikation mit den handelnden Personen schwer. Schlecht ist The Long Riders dennoch nicht, dafür sorgen alleine schon die nett inszenierten und erstaunlich blutigen Schießereien.   

Mittwoch, 23. März 2011

SOOM/Breath (Kim Ki-duk, 2007)

Eine junge Frau, Yeon, erfährt durch eine Nachrichtensendung von den erfolglosen Selbstmordversuchen des verurteilten Mörders Jang Jin, der zusammen mit drei Leidensgenossen in der Todeszelle auf seine Hinrichtung wartet. Aufgrund einer Grenzerfahrung in ihrer Kindheit fühlt sie sich ihm verbunden, nimmt Kontakt zu ihm auf und beginnt eine Liebesbeziehung mit ihm, der ihr Mann, der sie wiederum mit einer anderen Frau betrügt, hilflos gegenübersteht.

Ich hatte mich entschieden, Kims bis heute letzten Film, Bi-Mong, vor seinem vorletzten, Soom, zu schauen, weil ich das Thema des Erstgenannten interessanter fand als das des Letztgenannten. Nach der ernüchternden Sichtung von Bi-Mong ahnte ich, dass meine Entscheidung unter dem Gesichtspunkt, den besseren Film zuerst zu sehen, falsch war. Und wie nun erwartet, ist Soom tatsächlich der weitaus bessere Film, weil er es ihm Gegensatz zu seinem Nachfolger versteht, mich für seine Figuren einzunehmen. 
 
Natürlich ist Yeons Verhalten zutiefst irrational, doch wie so oft in seinen Filmen schafft Kim es, dieser irrationalen Handlungsweise ein Schema, ein System zu geben und sie damit letztlich für den Zuschauer verständlich zu machen. So gelingt es Yeon am Ende nicht nur Jang Jin den Tod zu erleichtern, den er beinahe wehrlos durch seinen Zellenkumpan hinnimmt, sondern auch ihren inneren Frieden wiederzufinden und sich mit ihrem Mann auszusöhnen. Und somit ist Soom der einzige Film Kims, der ein Happy End hat. Dass ich das noch erleben darf...

Sonntag, 20. März 2011

BURN AFTER READING (Ethan & Joel Coen, 2008)

My mother had an ass that could pull a bus!

In Burn After Reading greifen die Coen Brothers erneut das Motiv der kleinen, unerfahrenen Gelegenheitsganoven auf, hier in Person der in die Jahre gekommenen Fitness-Trainerin Linda Litzke, die Geld für ihre Schönheitsoperationen benötigt und ihres verblödeten Kollegen Chad Feldheimer. Ihr Scheitern ist natürlich vorgezeichnet, handelt es sich bei den angeblich brisanten Informationen lediglich um die Memoiren eines gefeuerten CIA-Mitarbeiters. 

Wie alle ähnlich gelagerten Filme der Coens lebt auch dieser hier von den skurrilen Charakteren, die ebenso trottelig wie liebenswert sind, den messerscharfen Dialogen und dem wahrlich beeindruckenden Cast, wobei mir John Malkovich und Tilda Swinton am besten gefallen haben.           

Samstag, 19. März 2011

BI-MONG/Dream (Kim Ki-duk, 2008)


Nach dem tollen Shi gan ist Bi-Mong eine echte Enttäuschung. Die meiste Spielzeit verbringt man damit, zwei Menschen dabei zuzusehen wie sie versuchen, nicht gleichzeitig einzuschlafen. Das ist - da können sich die Darsteller noch so sehr mühen - einfach strunzlangweilig. 

Die Grundidee einer unheilvollen Verbindung, in der der Eine träumt, was die Andere schlafwandelnd ausführt, ist ja ganz nett, doch wenn man ein paar Filme von Kim gesehen hat, kann man 90 % des Handlungsverlaufs von Bi-Mong nach zehn Minuten ziemlich präzise vorhersagen. Überraschungen oder innovative Ansätze: Fehlanzeige. 

Fazit: Der schwächste Kim-Film, den ich bisher gesehen habe, und da ich bis auf einen alle kenne, wird sich daran auch nicht mehr viel ändern.  

Freitag, 18. März 2011

SHI GAN/Time (Kim Ki-duk, 2006)

Seh-hee ist krankhaft eifersüchtig. Sobald ihr Freund Ji-woo eine andere Frau auch nur ansieht, wird sie von Verlustängsten überwältigt. Aus Angst ihn zu verlieren, entschließt sie sich zu einer drastischen Maßnahme: von einem Tag auf den anderen verschwindet sie aus seinem Leben, unterzieht sich einer kosmetischen Operation, die ihr Gesicht total verändert und nähert sich Ji-woo dann nach sechs Monaten, in denen die OP-Narben verheilt sind, unerkannt, um ihn neu zu erobern. Doch bald merkt sie, dass ihre Rechnung nicht aufgeht, denn Ji-woo kann seine alte Liebe einfach nicht vergessen.

Shi gan ist ein Film über Liebe und Verlust, vor allem aber auch ein Film über Identität. Er wirft die Frage auf, inwieweit sich die Identität eines Menschen ändert, wenn er sein Äußeres radikal verändert. Wobei es Seh-hee ja ausdrücklich nicht darum geht, schöner zu werden, sondern darum, ihrem Freund Abwechslung zu bieten, eben ein anderes Gesicht als dasjenige, das er seit Jahren kennt. Kim stellt auch die Frage, inwieweit eine durch plastische Chirurgie neu gestaltete "Persönlichkeit" in der Lage ist, das alte Ich zu verdrängen und vergessen zu machen. Genügt es, sich ein neues Gesicht und einen neuen Namen zu geben, in eine andere Wohnung zu ziehen, persönliche Gegenstände und alte Bilder zu vernichten, um ein neuer Mensch zu werden?

Kim geht hier aber noch einen Schritt weiter, indem er beginnt, Seh-hees Persönlichkeit vor der Operation von der nach der OP abzuspalten. Der von ihr erhoffte Effekt, nämlich dass Ji-woo die alte Seh-hee vergisst und sich in die neue Seh-hee verliebt, tritt nicht ein. Sie muss auf schmerzhafte Weise feststellen, dass die alte Seh-hee nicht tot ist bzw. von der neuen Seh-hee verdrängt wurde, sondern dass Ji-woo die alte Seh-hee immer noch liebt und sie (die neue Seh-hee) jederzeit für die alte verlassen würde. In der Folge entwickelt sie eine immer stärker werdende Eifersucht ihrem früheren Ich gegenüber, die in regelrechten Hass umschlägt. Sie beginnt, ihr altes Ich und ihr neues Ich als zwei getrennte Personen wahrzunehmen. Eine schöne Allegorie für ihre sich zunehmend verfestigende Persönlichkeitsstörung, die die Vernunft mehr und mehr verdrängt, ist auch der im Meer versinkende Skulpturenpark, der im Laufe des Films als zentrale Anlaufstelle fungiert und zudem für Seh-hees auseinanderdriftende Persönlichkeiten die letzte Gemeinsamkeit, die letzte Verankerung in der Realität ist. Am Ende ist nicht einmal klar, ob Ji-woo tatsächlich derjenige war, der vom Auto überfahren wurde, und als blutiger Matschklumpen vor ihr liegt. Letztlich spielt das auch keine Rolle, weil sie ihn ohnehin verloren hat.

Auf die Spitze treibt Kim das Ganze dann in der Schlusssequenz nach Seh-hees zweiter OP, als er in einer Zeitschleife ihre Persönlichkeiten komplett voneinander abtrennt und sie wie selbstständige Menschen behandelt. Dies gipfelt dann darin, dass Seh-hees erstes Ich mit ihrem dritten auf der Straße zusammenstößt und dabei das Bild fallen lässt, dass ihr zweites Ich zeigt. Und so endet der Film mit derselben Szene, mit der er begann.

Ein schlichtweg großartiges Werk, mit dem Kim an seine Glanzzeit vor dem schwachen Hwal anschließt und das zum Besten zählt, was er bisher gemacht hat. 

Montag, 14. März 2011

SHILJE SANGHWANG/Real Fiction (Kim Ki-duk, 2000)

Ein Straßenmaler verdient sein Geld mit dem Zeichnen von Porträts von Passanten und ist dabei ständigen Demütigungen ausgesetzt. Sei es durch Kunden, die ihm nur die Hälfte des vereinbarten Preises zahlen, das Bild gar nicht erst nehmen und einfach gehen oder solche, die das Bild zwar kaufen, aber in seinem Blickfeld zerreißen und in den Müll werfen. Bis eines Tages eine junge Frau mit einer Kamera kommt, sich von ihm malen lässt und ihm als Bezahlung zu einem Penner führt, der auf einer Art Theaterbühne sitzt. Dieser macht ihm auf drastische Weise klar, dass es an der Zeit ist, Rache zu üben an allen, die ihn verletzt haben.

Kims fünfter Spielfilm ist sein experimentellster und zugleich persönlichster. Wie der namenlose Protagonist war auch Kim eine zeitlang Straßenmaler und es ist gut vorstellbar, dass er dabei ähnlichen Demütigungen ausgesetzt war wie die Hauptfigur im Film. Auch die Misshandlungen und Erniedrigungen während seiner Militärzeit machte Kim gleichermaßen durch, wie er einmal in einem Interview erklärt hat. Und bei den zahlreichen Verletzungen durch Frauen kann man sich gut vorstellen, dass auch sie von Kims eigenen Erlebnissen beeinflusst sind. Etwas unklar ist die Rolle der Kamerafrau, die dem Protagonisten auf seinem Amoklauf durch die Stadt folgt und ihn ständig filmt. Steht sie für die Medien bzw. die Kritiker, die Kims Filmen mit Unverständnis begegnen? Und wünscht er sich insgeheim gar, dem ein oder anderen besonders kritischen Geist den Schädel einzuschlagen, so wie sein Protagonist das bei der Kamerafrau tut? Die Szene ist wohl eher symbolisch gemeint, wobei Real Fiction ohnehin stark mit Symbolik aufgeladen ist. Doch auch als simple Rachegeschichte funktioniert der Film erstaunlich gut. Dies ist in erster Linie das Verdienst des Hauptdarstellers Ju Jin-Mo, der eine beeindruckende Leistung abliefert.

Real Fiction gewährt einen tiefen Blick in eine verwundete Seele, die das Filmemachen als Katharsis begreift.

Sonntag, 13. März 2011

YASAENG DONGMUL BOHOGUYEOG/Wild Animals (Kim Ki-duk, 1997)

Ein sehr beachtliches Frühwerk von Kim Ki-duk. Im Vergleich zu dem stellenweise etwas unbeholfen wirkenden Erstling Ag-o ist sein zweiter Film deutlich runder und in sich stimmiger. Der Film ist in Paris angesiedelt und damit der einzige des Regisseurs, der außerhalb Koreas spielt. Ganz offensichtlich hat Kim sich hier von seinem Paris-Aufenthalt zu Beginn der 90er Jahre beeinflussen lassen. Damals lebte er als Künstler dort und bestritt seinen Lebensunterhalt, indem er seine selbstgemalten Bilder auf der Straße verkaufte. 

Ich hoffe nur inständig, dass sein Aufenthalt dort von weniger Gewalt geprägt war, als man dies nach Sichtung von Wild Animals vermuten könnte. Bei jeder sich bietenden Möglichkeit wird hier drauflos geprügelt. Im Gegensatz zu Address Unknown, wo mich die ständigen Gewaltausbrüche bald nur noch nervten, sind sie hier jedoch besser in die Handlung integriert, wobei man auch sagen muss, dass die Handlungen der Akteure weitgehend rational erklärbar sind, so absurd sie im ersten Moment auch sein mögen. 

Und so ist Wild Animals ein erstaunlich bodenständiger Film, strahlt aber dennoch eine rohe, unbändige Kraft aus und bietet damit eine Qualität, die den aktuelleren Filmen des Koreaners zunehmend abhanden zu kommen scheint.