Montag, 16. März 2026

ALPEIS (Yorgos Lanthimos, 2011)

Ein weiterer höchst bizarrer Film des Griechen, der wie ein Gegenentwurf zu Kynodontas wirkt und dabei doch völlig anders ist. Eine Gruppe bestehend aus zwei Frauen und zwei Männern bieten Familienangehörigen kürzlich Verstorbener an, gegen Bezahlung in die Rolle der Verstorbenen zu schlüpfen und sie damit bei der Trauerbewältigung zu unterstützen. Der Anführer der Gruppe, der hauptberuflich als Rettungssanitäter tätig ist, hat klare Regeln aufgestellt, an die sich alle zu halten haben. Dazu gehört neben der Verwendung von Decknamen der Grundsatz, keine sexuellen Beziehungen mit den "Klienten" einzugehen. Wenig überraschend wird diese Regel schon bald gebrochen. Auch darüber hinaus kommen die ersten Zersetzungstendenzen auf, die sich im weiteren Verlauf zunehmend manifestieren. Dabei steht eine Krankenschwester im Mittelpunkt, die körperliche Nähe und Zuneigung sucht und darüber hinaus unter einer starken Persönlichkeitsstörung leidet. 
 
Auch hier wieder harter Stoff von Lanthimos. Der Film kommt etwas schwer in die Gänge - erklärt wird natürlich wieder nur das Nötigste - wird aber mit zunehmender Dauer merklich intensiver. Je weiter der Film voranschreitet, desto stärker verschiebt sich der Fokus von der Gruppendynamik hin zur inneren Erosion der Krankenschwester, deren Bedürfnis nach Nähe in einem System aus Regeln und Rollenspielen zwangsläufig scheitern muss. Die Kamera bleibt dabei distanziert und beobachtend, was eine beklemmende Atmosphäre erzeugt, ähnlich wie beim Vorgänger.

Im letzten Drittel lösen sich die Grenzen zwischen Rolle und Realität vollends auf. Die Krankenschwester steigert sich immer mehr in die Identitäten der Verstorbenen hinein bis zu dem Punkt, an dem diese mit ihrer eigenen Persönlichkeit verschmelzen und letztere fast gar nicht mehr wahrnehmbar ist. Am Ende ist die Protagonistin im emotionalen Niemandsland angekommen, aus dem es kein Zurück mehr gibt.


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