Dienstag, 30. Juni 2026

1917 (Sam Mendes, 2019)

There is only one way this war ends: last man standing.

1917 zählt zu den sogenannten "One-Shot"-Filmen, also Werken, die den Eindruck vermitteln, vollständig in einer einzigen, ununterbrochenen Einstellung gedreht worden zu sein. Natürlich handelt es sich dabei um eine kunstvolle Illusion, doch abgesehen von der kurzen Phase der Bewusstlosigkeit Wills ist sie nahezu perfekt umgesetzt. Diese Erzähltechnik zwingt den Film in eine Art Echtzeit, wobei Mendes die Ohnmacht des Protagonisten nutzt, um elegant einige Stunden zu überspringen. 

Im Ergebnis ermöglicht diese Erzählweise es dem Zuschauer, sich noch besser in die Lage der Protagonisten hineinzuversetzen und den Horror des Krieges noch greifbarer zu machen. 1917 ist ein äußerst intensiver und beklemmender Film, der einen das Leiden der Hauptfguren beinahe körperlich spüren lässt. Besonders hervorzuheben sind die Sets und die Detailarbeit der Ausstattung. Die zahlreichen Gefallenen sind teils erschütternd kreativ in die Umgebung integriert. Szenen wie jene, in der Will sich abstützt, um aufzustehen, und dabei merkt, dass seine Hand in die zerfetzten Organe eines aufgeplatzten Brustkorbs greift, vergisst man nicht so schnell.

Mendes setzte bewusst auf junge, unverbrauchte Darsteller, die ihre Sache sehr gut machen, allen voran der Brite George MacKay. Die Kameraarbeit von Roger Deakins ist brillant wie von ihm gewohnt und wird durch den großartigen Score von Thomas Newman perfekt untermalt. Überhaupt ist das Sounddesign äußerst gelungen und trägt erheblich dazu bei, dass der Zuschauer sich auf die Schlachtfelder des 1. Weltkriegs versetzt fühlt. 
 
Beklemmend, erschreckend, verstörend: 1917 ist ein Film, der einen noch lange nach dem Abspann beschäftigt und so schnell nicht mehr loslässt. 

Montag, 29. Juni 2026

WHAT EVER HAPPENED TO BABY JANE? (Robert Aldrich, 1962)

You mean all this time we could have been friends?

Fesselnder Psycho‑Thriller um zwei alternde Diven, der seine Spannung weniger aus äußeren Ereignissen als aus dem psychischen Zerfall seiner Figuren und der sich daraus ergebenden Zuspitzung der Situation zieht. Die Eine - ein Kinderstar, längst vergessen, gefangen in der eigenen Vergangenheit und im Wahn, ihre verblasste Karriere wiederbeleben zu können. Die Andere - eine berühmte Schauspielerin, deren Karriere durch einen tragischen Unfall und die daraus resultierende Querschnittslähmung endete, nun aber durch die Wiederaufführung ihrer Filme im Fernsehen zu neuem Ruhm gelangt.

Die beiden rivalisierenden Schwestern machen sich gegenseitig das Leben schwer; Jane, die die hilflose Blanche zunehmend von der Außenwelt abschirmt, indem sie ihr zunächst das Telefon und später die Notrufklingel wegnimmt und sie unter immer stärkeren psychischen Druck setzt und Blanche, die immer wieder die Klingel bemüht, um Jane zu drangsalieren oder ihr ihren wiederaufgeflammten Ruhm durch die Fernsehausstrahlungen genüsslich unter die Nase reibt. Und dass sie keineswegs das unschuldige Opfer ist, das sie zunächst zu sein scheint, wird spätestens durch den Plottwist am Ende deutlich. 

Bette Davis liefert eine grandiose Leistung ab, voller Mut zur Hässlichkeit und Überzeichnung, zur völligen Hingabe an eine Figur, die zwischen Tragik und Groteske pendelt. Dabei gelingt es ihr, phasenweise so etwas wie Mitgefühl für Jane zu evozieren. Joan Crawford macht ihre Sache ebenfalls gut, bleibt aber stärker im Rahmen des klassischen Star‑Images - kontrolliert, adrett, fast schon zu beherrscht für das emotionale Chaos, das sie umgibt. Auch Victor Buono als Edwin Flagg ist eine Bereicherung: ein verschrobener, leicht opportunistischer junger Mann, der mit seiner Mischung aus Naivität und Berechnung perfekt in dieses Gefüge passt.

What ever happened to Baby Jane? ist eine düstere Studie über zerbrochenen Ruhm und familiäre Abgründe, die vor allem durch ihren kammerspielartigen Charakter und eine klaustrophobische Grundstimmung besticht. Spannend bis zum gelungenen Ende, das offen lässt, ob Blanche die Tortur überlebt hat.

Freitag, 26. Juni 2026

WHO'S AFRAID OF VIRGINIA WOOLF? (Mike Nichols, 1966)

I swear, if you existed, I'd divorce you.

Mike Nichols‘ Verfilmung des berühmten Bühnenstücks von Edward Albee atmet erkennbar den Geist der Vorlage. Mit Richard Burton und Liz Taylor fand er die kongeniale Besetzung für die beiden Hauptrollen. Die beiden waren zur Zeit der Dreharbeiten bekanntlich verheiratet und genauso wie die von ihnen verkörperten Martha und George dem Alkohol verfallen. Man kann sich gut ausmalen, dass ihre Auseinandersetzungen im realen Leben zumindest teilweise vermutlich nicht so viel anders verlaufen sind als die Wortgefechte zwischen Martha und George. Die Beiden sind es dann auch, die den Reiz des Films ausmachen, wobei Taylors Darstellung sogar mit einem Academy Award prämiert wurde.

Nichols‘ Regie ist betont zurückhaltend, und er überlässt die Bühne ganz seinen Protagonisten. Und auch wenn ich die Leistung insbesondere der beiden Hauptdarsteller und die tadellose technische Umsetzung anerkennen muss, gelang es Nichols‘ Film nur bedingt, mein Interesse zu wecken. Ich sehe schlichtweg keinen Grund dafür, 90 Minuten lang einem betrunkenen Ehepaar und ihren von der Situation überforderten Gästen dabei zuzusehen, wie sie sich verbal und emotional zerfleischen, auch wenn die Wortgefechte teilweise recht unterhaltsam sind. Erwartungsgemäß eskaliert das Ganze zusehends. Am Ende sitzen die beiden Händchen haltend da, während George für Martha das titelgebende Lied singt. Derweil bricht ein neuer Tag an und es ist offensichtlich, dass die nächste Auseinandersetzung nicht lange auf sich warten lassen wird.

Donnerstag, 25. Juni 2026

FIGHT CLUB (David Fincher, 1999)

The things you own end up owning you.

David Fincher ist ohne Zweifel einer der einflussreichsten und besten Regisseure unserer Zeit, und Fight Club markiert wahrscheinlich den Höhepunkt seines Schaffens. Ein in jeder Hinsicht überwältigender Film, der geschickt mit den Ideen der Anarchie spielt, die jedoch nach anfangs eher harmlosen Späßen zunehmend in faschistoide Strukturen münden. Dabei gelingt Fincher die Gratwanderung zwischen Autorenkino und Hollywood‑Hochglanzproduktion. Er macht die innere Zerrissenheit einer ganzen Generation sichtbar und zeigt, wie verführerisch einfache Antworten sein können, wenn sich das eigene Leben wie ein Katalog aus Pflichten und Konsum anfühlt.

Besonders hervorzuheben ist die technische Brillanz des Films. Die Kameraarbeit von Jeff Cronenweth macht die innere Leere des Protagonisten visuell greifbar. Die Dust Brothers liefern einen Score, der den Puls des Films vorgibt - mal treibend, mal verstörend, immer passend. Und Finchers Regie hält alles zusammen wie ein präzise konstruiertes Uhrwerk.

Daneben überzeugen vor allem die Darsteller. Neben Edward Norton und Brad Pitt in seiner besten Rolle ist unbedingt Helena Bonham Carter zu nennen, die die depressive Marla Singer hinreißend verkörpert. Auch Meat Loaf glänzt in einer Nebenrolle als Robert Paulson.

Fight Club ist ein Meilenstein der Filmgeschichte - eine wilde Achterbahnfahrt voller Sarkasmus und Witz, stellenweise bitterböse, die einen von den dynamischen Anfangs‑Credits an in ihren Bann zieht und erst im wahnwitzigen Finale wieder loslässt. Vermutlich findet sich jeder junge Mann zwischen 30 und 40 ein Stück weit in Tyler Durden wieder. Einer der faszinierendsten Filme des vergangenen Jahrhunderts und ein Werk, das nie langweilig wird, egal wie oft man es gesehen hat.

Sonntag, 21. Juni 2026

NINE ½ WEEKS (Adrian Lyne, 1986)

It's too late.

Den Kultstatus, den Adrian Lynes flaches Erotik‑Drama bis heute bei manchen genießt, kann ich nur schwer nachvollziehen.

Kim Basinger spielt die naive, unsichere Elizabeth zwar recht überzeugend, doch weder ist sie besonders attraktiv, noch besitzt sie eine spürbare erotische Ausstrahlung. Keine guten Voraussetzungen für die Hauptrolle in einem Erotik-Drama. Mickey Rourke agiert solide, aber irgendwie mit angezogener Handbremse. Immerhin merkt man dem Film die angeblichen Spannungen zwischen den beiden während des Drehs nicht an; die Chemie scheint zu funktionieren, auch wenn sie dramaturgisch kaum genutzt wird.

Das Grundproblem von Lynes Film ist jedoch ein anderes: Er ist schlicht langweilig. Im Kern passiert einfach zu wenig und so plätschert das Geschehen belanglos vor sich hin. Statt einer sich zuspitzenden Entwicklung reiht der Film triviale Szenen aneinander, die weder Spannung noch emotionale Tiefe erzeugen. Die knapp zwei Stunden ziehen sich wie Kaugummi.

Hinzu kommt, dass der Film sich selbst viel ernster nimmt, als es sein dünnes Drehbuch hergibt. Die Beziehung zwischen Elizabeth und John bleibt oberflächlich, ihre Dynamik schematisch. Weder entsteht psychologische Spannung, noch erotische Intensität - zwei Elemente, die ein Film dieses Genres zwingend bräuchte. Letztlich wirkt Nine 1/2 Weeks wie eine entschärfte, weichgespülte Variante von Ultimo tango a Parigi. Eine Art Letzter Tango für Anspruchslose sozusagen.

Samstag, 20. Juni 2026

BLADE RUNNER (Ridley Scott, 1982)

It's too bad she won't live! But then again, who does?

Ich habe keinen Lieblingsfilm im klassischen Sinne. Wenn mich jemand danach fragen würde, könnte ich diese Frage nicht beantworten. Würde mich aber jemand auffordern, einen Film zu nennen, der besser ist als Ridley Scotts Blade Runner, müsste ich ebenso passen. Blade Runner kommt also dem, was man als meinen Lieblingsfilm bezeichnen könnte, zumindest sehr nahe.

Die erneute Sichtung des Final Cut in meinem neu eingerichteten Heimkino in 4K war eine Offenbarung. Von der ersten Einstellung bis zum Ende des Abspanns entfaltet sich ein audiovisuelles Erlebnis, das selbst nach Jahrzehnten nichts von seiner Wucht verloren hat.

Die Geschichte selbst, die auf Philip K. Dicks Roman "Do Androids dream of electric Sheep" basiert, ist für sich alleine schon höchst bemerkenswert: tiefgründig, philosophisch, durchzogen von Fragen nach Identität, Bewusstsein und Moral. Was unterscheidet den Menschen von der Maschine? Wo beginnt Empathie, wo endet sie? Und das Zusammenspiel aus Film-noir‑Anleihen, dem düsteren, von riesigen Reklametafeln notdürftig erhellten Moloch Los Angeles und dem unvergleichlichen Score von Vangelis erhebt Blade Runner endgültig in den Film-Olymp. Die Sets sind sensationell, der Look stilbildend und nicht zuletzt wegweisend für das Genre des Cyberpunk

Interessant ist vor allem auch die Figuren-Konstellation. Deckard, der gegen seinen Willen aus dem Ruhestand geholt und gezwungen wird, Replikanten zu jagen, führt diesen Auftrag nur widerwillig aus und verliebt sich dabei in die Replikatin Rachael, die zunächst nichts von ihrer genetischen Herkunft weiß. Eine zentrale Rolle im Film spielt die Fähigkeit zur Empathie, eigentlich ein Unterscheidungsmerkmal zwischen Mensch und Replikant, das mittels des Voight-Kampff-Tests herausgearbeitet werden kann. Und doch sind die Replikanten alles andere als gefühlslos, wie u. a. die Szene nahelegt, in der Roy die tote Pris zärtlich auf den Mund küsst oder auch Roys Entscheidung, Deckard das Leben zu retten, wobei man dies wiederum auch als weiteres Indiz dafür werten könnte, dass Deckard tatsächlich ein Replikant ist - und Roy dies weiß. 

Die Welt, in der die Handlung angesiedelt ist, ist abstoßend und faszinierend zugleich. Es wird nie richtig hell; die Sonne ist nur einmal kurz vom Tyrell-Gebäude aus zu sehen, ansonsten vom allgegenwärtigen Smog verschluckt. Ständiger Regen, überfüllte Straßen, ein Schmelztiegel aus Sprachen und Kulturen - bevölkert von jenen, die nicht das Glück hatten, auf eine der Off-World-Kolonien auswandern zu können. Die Erde wirkt ausgelaugt und verbraucht. Echte Tiere sind selten und teuer geworden; stattdessen halten sich die Menschen künstliche Ersatzwesen - ein weiterer Hinweis darauf, wie sehr die Grenze zwischen Natur und Konstruktion verschwimmt.

Bemerkenswert ist auch der Aufwand, mit dem diese Welt erschaffen wurde. Die Vielzahl an Details - leuchtende Regenschirme, sprechende Ampeln, überdimensionierte Werbehologramme - lässt sich bei der ersten Sichtung kaum erfassen. Blade Runner ist ein Film, der zum erneuten Hinsehen einlädt. Bei jeder Sichtung entdeckt man neue Facetten, kleine visuelle Ideen, subtile Hinweise auf den kulturellen und ökologischen Verfall.

Blade Runner ist ganz ohne Zweifel einer der innovativsten, originellsten und einflussreichsten Filme seines Jahrhunderts. Visionär, einzigartig und seiner Zeit um Jahrzehnte voraus, hat er Entwicklungen vorweggenommen, die heute selbstverständlich erscheinen: Überwachung, künstliche Intelligenz, ökologische Zerstörung, urbane Überbevölkerung.

Blade Runner ist kein Film, den man sich einfach nur anschaut. Er ist ein Film, den man erlebt, in dem man versinkt. Ein Werk, das mit jeder Sichtung wächst, das sich jeder Rangliste entzieht und das mich auch nach Jahrzehnten noch staunen lässt.

Ein düsteres, melancholisches Meisterwerk, das mich immer wieder daran erinnert, warum ich Filme liebe.

Sonntag, 14. Juni 2026

300 (Zack Snyder, 2006)

Remember us!

Zwanzig Jahre nach der Veröffentlichung habe ich mir Snyders martialische Schlachtplatte auch mal zu Gemüte geführt. Comic-Verfilmungen interessieren mich meist nicht sonderlich und so hatte ich mit der Sichtung keine Eile. 

300 ist ein Film, der nicht ernst genommen werden, sondern ausschließlich unterhalten will. Er setzt kompromisslos auf Überwältigung: schweißglänzende, muskelbepackte Körper, pathetische Ansprachen mit tief grollenden Stimmen, ein durchgestylter Look, dessen harte Kontraste und Farbfilter unübersehbar an Sin City erinnern, der ja ebenfalls auf einem Miller-Comic basiert, eine testosterongeschwängerte Atmosphäre und gut choreografierte Schlachten, die sich für meinen Geschmack etwas zu oft in Zeitlupe verlieren. Dazu kommen Fontänen aus CGI-Blut, und zur Auflockerung gibt es auch mal ein paar harte weibliche Nippel zu sehen. Untermalt wird dies alles von einem äußerst dynamischen Score des Marilyn-Manson-Gitarristen Tyler Bates.

Etwas ärgerlich und absolut unnötig ist der dümmliche Subplot um Leonidas Gattin, der wie ein Fremdkörper wirkt und meines Wissens in der Vorlage von Miller auch nicht existiert. Auch die Animationen der diversen Kreaturen können häufig nicht überzeugen, sieht man ihnen die Herkunft aus dem Computer doch überdeutlich an. Die 4K-Auflösung legt zudem schonungslos offen, dass die Kulissen, in denen sich die Darsteller scheinbar bewegen, nicht real sind. Insbesondere die Szene zu Beginn in dem Kornfeld sieht amateurhaft aus und kann ihre digitale Herkunft nicht verleugnen.

Trotz all dieser Angriffsflächen vergingen die zwei Stunden wie im Flug. 300 funktioniert hervorragend, wenn man bereit ist, das Hirn während der Sichtung in den Standby-Modus zu schicken, die Surround-Anlage aufzudrehen und sich einfach vom audiovisuellen Bombast mitreißen zu lassen. Unter diesen Bedingungen macht der Film erstaunlich viel Spaß und ich hätte dem Spektakel problemlos noch eine halbe Stunde länger zuschauen können.