29 Februar 2008

THE SOUND BARRIER (David Lean, 1952)

Erzählt wird die Geschichte des visionären Flugzeugbauers John Ridgefield, der sich in den Kopf gesetzt hat, die Schallmauer zu durchbrechen. Dafür ist ihm kein Opfer zu hoch. Weder der Tod seines Sohnes noch der seines Schwiegersohnes bei Testflügen trüben seinen Pioniergeist und auch nicht die Tatsache, dass sich seine Tochter vollkommen von ihm abwendet.

Die Vater-Tochter-Beziehung steht von Beginn an im Mittelpunkt des Films. Susan bewundert ihren Vater für das, was erreicht hat, verachtet ihn jedoch gleichzeitig für seine scheinbare Kälte und Gleichgültigkeit den menschlichen Opfern gegenüber, die seine Besessenheit fordert. Dies vor allem deshalb, weil sie seine Motivation nicht versteht und ihm daher insgeheim Ruhm und wirtschaftliche Interessen als Motiv unterstellt. Erst als ihr Vater ihr am Ende mit ungelenken Worten klarmachen kann, dass es ihm ausschließlich um die Umsetzung seiner Visionen geht, beginnt sie, ihn zu verstehen.

The Sound Barrier unterscheidet sich deutlich vom bisherigen Schaffen Leans. Nicht nur inhaltlich, auch formal. Während seine früheren Filme beinahe reine Dialogfilme sind, gibt es hier erstmals einige spannungsgeladene Actionszenen zu sehen. Diese sind ganz beachtlich, wenn man die Entstehungszeit berücksichtigt, jedoch nie selbstzweckhaft, sondern von eher dokumentarischem Charakter.

25 Februar 2008

MADELEINE (David Lean, 1950)

I do not regret things.

Die Geschichte um die wegen Mordes angeklagte Madeleine Smith beruht auf einer wahren Begebenheit, und wenn man den Berichten glauben darf, erregte der Prozess im Jahre 1857 landesweit großes Aufsehen. Zu welchen Teilen das Drehbuch nun den tatsächlichen Gegebenheiten entspricht oder Fiktion ist, vermag ich nicht zu sagen; fest steht nur, dass Lean eine außerordentlich fesselnde Geschichte erzählt, die zudem aufgrund des beeindruckenden Spiels mit Licht und Schatten und den düsteren Bildern auch optisch überzeugt. 

Was wie eine seiner typischen Romanzen beginnt, wandelt sich im zweiten Teil des Films zu einem spannenden Gerichtsthriller. Am Ende wird Madeleine zwar vom Vorwurf des Mordes freigesprochen (genauer: es wird festgestellt, dass man ihr den Mord nicht nachweisen kann), doch was wirklich geschehen ist, bleibt im Dunkeln. Zwar spricht nicht allzu viel dafür, dass sie ihren früheren Liebhaber getötet hat, zweifelsfrei ausgeschlossen wird es jedoch nicht.

Ann Todd war bei Drehbeginn mit Lean verheiratet, und so durfte sie nach The passionate Friends hier gleich nochmal die weibliche Hauptrolle übernehmen. Dass für die Besetzung eher ihre Qualitäten als Ehefrau denn als Schauspielerin ausschlaggebend waren, zeigt sich spätestens bei den Pausen während der Gerichtsverhandlung, wo sie ziemlich unglaubwürdig agiert. Immerhin drohte Madeleine im Falle eines Schuldspruchs die Todesstrafe, aber so etwas wie Angst ist bei ihr nicht einmal ansatzweise zu spüren. Ein Makel, den man verkraften kann, da er in wenigen kurzen Szenen offenbar wird, die übrige Spielzeit bringt sie einigermaßen souverän über die Bühne. 

24 Februar 2008

AG-O/CROCODILE (Kim Ki-duk, 1996)

Nachdem mich Address Unknown neulich nicht so überzeugen konnte, war ich dankbar, dass Arte mir mit der Ausstrahlung von Kims Debut Gelegenheit bot, mich mit ihm wieder zu "versöhnen". Dafür erstmal meinen Dank und auch natürlich dafür, dass man den Film im Originalton zeigte, auch wenn Bild- und Tonqualität ziemlich mies waren.

Ag-o wirkt in mancherlei Hinsicht noch etwas unreif, so ist der Schnitt beispielsweise etwas sprunghaft, die Übergänge zwischen einigen Szenen sind sehr abrupt. Dennoch ist Kims erster Spielfilm überaus sehenswert und weist schon viele der Qualitäten auf, die seine späteren Filme auszeichnen. Bemerkenswert ist, dass es hier kaum Figuren gibt, die richtig unsympathisch sind. Selbst Crocodile entpuppt sich im Laufe des Films als gar kein so übler Kerl, auch wenn er stark zu Gewaltausbrüchen neigt und vor allem zu Beginn wie ein Riesenarschloch rüberkommt. Mit dem Hauptdarsteller Jo Jae-hyeon arbeitete Kim später ja noch häufiger zusammen, u. a. in Seom, Bad Guy oder auch Address Unknown

 Ganz hervorragend auch die Schlusssequenz, die ich für eine der gelungensten in Kims Schaffen halte. Eine bedrückende Szene, die zugleich traurig, schockierend, aber auch wunderschön ist. 

MARS ATTACKS! (Tim Burton, 1996)

Wow, he just made the international sign of the donut.

Burtons Hommage an die Sci-Fi-Filme der 50er Jahre hat bei mir immer noch nicht richtig gezündet, gefiel mir aber immerhin weit besser als bei der Erstsichtung im Fernsehen vor einigen Jahren.

Bemerkenswert ist vor allem die Respektlosigkeit, mit der er zu Werke geht und dabei alles in den Dreck zieht, was dem Durchschnitts-Amerikaner heilig ist. Da wird mal kurz das Weiße Haus in Schutt und Asche gelegt oder der Präsident pulverisiert. Und Tom Jones besingt am Ende den Neuanfang.

Beim Design des Films orientierte sich Burton an den Motiven der bekannten Kaugummi-Sammelkarten, was dem Ganzen zusätzlichen Charme verleiht. Leider sind viele Gags auch reichlich flach, richtige Lacher gibt es nur wenige. Dennoch eine recht kurzweilige Angelegenheit.           

22 Februar 2008

THE PASSIONATE FRIENDS (David Lean, 1949)

Leans sechste Regiearbeit weist starke Gemeinsamkeiten mit Brief Encounter auf. Stellenweise wähnt man sich gar in einem Remake desselben. Die Namen der handelnden Personen sind zwar andere und auch ihre Beziehung untereinander differiert, aber die Grundkonstellation – eine verheiratete Frau zwischen zwei Männern – ist doch sehr ähnlich. Mit Trevor Howard ist sogar einer der Protagonisten wieder dabei, und das in beinahe der gleichen Rolle. 

Tatsächlich basiert The passionate Friends jedoch auf einer Vorlage H. G. Wells, die Ähnlichkeiten mit Brief Encounter sind wohl eher auf das generelle Interesse Leans an diesem Thema zurückzuführen, zumal die Entstehungszeit des Films in die Trennungsphase von seiner zweiten Frau fällt. Wenige Monate nach der Veröffentlichung heiratete er die Hauptdarstellerin Ann Todd.

Trotz aller Ähnlichkeiten geht Brief Encounter das Thema wesentlich behutsamer an als The passionate Friends. In Ersterem widerstehend die Liebenden letztlich der Versuchung und unterwerfen sich den gesellschaftlichen Konventionen. Laura Jesson entscheidet sich schweren Herzens aber bewusst für ihre Kinder und den Ehemann, während Mary Justin von ihrem Mann verstoßen wird und am Ende alleine und verlassen zurückbleibt, weil auch ihr Geliebter zu seiner Familie zurückkehrt. In ihrer Verzweiflung wirft sie sich vor den ankommenden Zug und wird im letzten Moment von ihrem Mann zurückgerissen, der sie dann doch wieder bei sich aufnimmt. Brief Encounter enthält eine sehr ähnliche Szene, auch hier will sich Laura vor einen Zug stürzen, entscheidet sich jedoch aus dem Verantwortungsbewusstsein ihren Kindern gegenüber und ohne das Eingreifen eines Dritten dagegen. Mary hingegen hat keine Kinder und nachdem sie ihre beiden Männer (scheinbar) verloren hat nichts mehr zu verlieren als das nackte Leben.

The passionate Friends geht in beinahe allen Belangen einen Schritt weiter als der Vorgänger. Aber gerade die subtile Herangehensweise, das Gefangensein in gesellschaftlichen Zwängen und Moralvorstellungen, der Triumph des Geistes über das Herz sind die herausragenden Qualitäten, die diesen auszeichnen und ihm den Status eines Klassikers einbrachten. The passionate Friends blieb dies (zu Recht) verwehrt, denn obwohl er mich durchaus zu fesseln wusste, weckte er beileibe nicht die Emotionen wie Brief Encounter. Der wohl entscheidende Unterschied zwischen einem guten Film und einem Klassiker. 

19 Februar 2008

OLIVER TWIST (David Lean, 1948)

Die Sichtung habe ich eine zeitlang vor mir hergeschoben, weil mich Leans zweite Dickens-Adaption bei der Erstsichtung im Fernsehen vor einigen Jahren nicht überzeugen konnte. Leider bestätigte die gestrige Zweitsichtung den damals gewonnen Eindruck. Das ist aber weniger Leans Verschulden, denn objektiv lässt sich seiner Umsetzung wenig vorwerfen. Er hielt sich relativ eng an die Vorlage und kreierte mit den düsteren Schwarzweiß-Bildern eine unheimlich dichte Atmosphäre. Speziell die Anfangsszene, in der die schwangere Mutter Oliver Twists durch die Dunkelheit irrt, ist phänomenal inszeniert. Auch bei der Wahl seiner Darsteller leistete er sich keine Schwäche.

Woran liegt es nun, dass ich trotz allem keinen rechten Zugang zu dem Film finde? Das Problem ist vermutlich die eigentliche Story, denn ähnliche Probleme hatte ich auch mit Polanskis Version. Natürlich ist Dickens Roman ein Klassiker der Weltliteratur, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass ich die Geschichte schlichtweg langweilig finde. Da können sich alle Beteiligten noch so mühen – Oliver Twists Schicksal läßt mich völlig kalt. So bleibt das Ganze unter dem Strich eine zwiespältige Angelegenheit: objektiv gesehen eine weitere hervorragende Arbeit Leans, subjektiv betrachtet ein allenfalls durchschnittlicher Film, der mein Herz nicht erwärmen kann.           

18 Februar 2008

THE MANCHURIAN CANDIDATE (John Frankenheimer, 1962)

Raymond Shaw is the kindest, bravest, warmest, most wonderful human being I've ever known in my life.

Ein typischer Vertreter seiner Zeit: in der Hochphase des Kalten Krieges entstanden, die Nachwirkungen der McCarthy-Ära waren noch zu spüren. Angesiedelt direkt nach dem Ende des Koreakrieges, ist die vermeintliche Bedrohung durch den Kommunismus allgegenwärtig, Paranoia allerorten. Nur vor einem solchen Hintergrund sind die Ereignisse, die der Film schildert, denkbar. Die Figur des Senators Iselin ist natürlich an McCarthy angelehnt, wobei Frankenheimer hier noch einen Schritt weiter geht und ihn als willenlose Marionette seiner kalt berechnenden Frau zeigt, eine demagogische Kampfmaschine ohne einen Funken Verstand. Wie so oft in seinen Filmen erzählt Frankenheimer die Geschichte schnörkellos, geradeheraus, direkt auf den Punkt. Damit erzielt er eine immense Spannung, die schließlich in einem zwar vorhersehbaren, nichtsdestotrotz aber schockierenden Finale mündet.

Herauszuheben ist unbedingt die phantastische Leistung Angela Lansburys, die dafür zu Recht eine Oscar-Nominierung erhalten hat. Auch Frank Sinatra agiert überzeugend. Laurence Harvey kommt mir irgendwie bekannt vor, ich weiß nur nicht woher. Die von Janet Leigh verkörperte Figur der Rose Chaney hatte ich anfangs im Verdacht, ebenfalls der kommunistischen Seite anzugehören, jedoch geht Frankenheimer im weiteren Verlauf des Films nicht mehr darauf ein, wobei mir nicht ganz klar ist, ob er den Charakter bewusst so ambivalent belassen wollte, oder ob diese Doppeldeutigkeit gar nicht beabsichtigt war. Ich unterstelle mal Ersteres; in jedem Fall trägt ihr anfangs ziemlich merkwürdiges Verhalten zur unheimlichen Atmosphäre des Films bei und gibt dem Zuschauer das Gefühl, niemandem mehr trauen zu können, gemäß dem Motto: jeder kann ein Kommunist sein. Was nun wiederum hervorragend den damaligen Zeitgeist widerspiegelt. Insofern erzeugt Frankenheimer beim Zuschauer eine ähnliche Unsicherheit wie McCarthy in Teilen der amerikanischen Öffentlichkeit Mitte der 50er Jahre.           

17 Februar 2008

THE TAILOR OF PANAMA (John Boorman, 2001)

Eine harmlose Agentensatire mit einer dämlichen Story und albernen Dialogen (zumindest in der deutschen Synchro). Und ein alternder Regisseur, der seinen Zenit schon vor mehr als 25 Jahren überschritten hat. Ich habe mich trotz der ansprechenden Besetzung königlich gelangweilt.  

14 Februar 2008

BATMAN BEGINS (Christopher Nolan, 2005)

Your compassion is a weakness your enemies will not share.

Schon als ich vor etwa sechs Jahren Memento zum ersten Mal gesehen sah, spürte ich, dass Christopher Nolan einmal ein ganz Großer wird. Sein Talent war nicht zu übersehen, und mit seinen bislang fünf Filmen bestätigte er meine damalige Ahnung. Einen zusätzlichen Sympathiebonus bekommt er von mir dafür, dass er im selben Jahr geboren ist wie ich.

Batman begins habe ich nun zum zweiten Mal gesehen. Im Vergleich zu den meisten anderen Comic-Verfilmungen tritt die Action (zumindest in der ersten Hälfte des Films) stark in den Hintergrund. Nolan hat sich viel Zeit genommen, die Charaktere detailliert auszuarbeiten, und so dauert es etwa eine Stunde, bis Batman (zu dem ich übrigens keinerlei Affinität habe, ich mag keine Comics und mit Burtons Batmanfilmen kann ich auch nicht viel anfangen) erstmals als solcher in Erscheinung tritt. Dem Film tut das gut, und auch im weiteren Verlauf hebt er sich mit seiner düsteren Grundstimmung wohltuend von den Genre-Kollegen ab. Glücklicherweise setzte man bei den Effekten überwiegend auf Miniaturen und Modelle, CGI wurde nur dort verwendet, wo es sinnvoll ist. Das Ergebnis sind Actionszenen, die deutlich bodenständiger wirken als bei vielen anderen Comic-Verfilmungen, obwohl sie natürlich weit davon entfernt sind, realistisch zu sein.

Das Set-Design ist beeindruckend. Die Kulissen von Gotham-City sind atemberaubend und erinnerten mich an Ridley Scotts Blade Runner, der mit einer ähnlich unheilvollen Grundstimmung aufwartet. Bei den von der Droge ausgelösten Halluzination kommt Nolan seine besondere Fähigkeit zugute, außergewöhnliche Geisteszustände in Bildern plastisch darzustellen. Seien es die Gedächtnisprobleme des Memento-Protagonisten, der unglaublich echt wirkende Sekundenschlaf während der Autofahrt in Insomnia oder eben hier die Wahnvorstellungen, ausgelöst von der Droge: es gibt kaum einen anderen Regisseur, der dies so überzeugend in Bilder kleiden kann. Faszinierend auch, wie beiläufig er die zahlreichen Rückblenden auf Bruce Waynes Vergangenheit einbaut; sie erfüllen ihren Zweck vollkommen, aber man nimmt sie kaum als solche wahr.

Christopher Nolan ist für mich die Regie-Entdeckung der letzten Jahre. Batman begins ist ein weiterer Beleg seiner Klasse. Ganz großes Blockbusterkino.           

11 Februar 2008

GREAT EXPECTATIONS (David Lean, 1946)

Leans erste Dickens-Adaption markiert zugleich den Start seiner langjährigen Zusammenarbeit mit Alec Guiness, mit dem er insgesamt sechs Filme drehen sollte. Der Beginn in den Sümpfen ist derart düster und unheimlich, dass man sich in einem Horrorfilm wähnt. Die Story fesselt von der ersten Minute an, und auch im weiteren Verlauf gelingt es Lean, eine atmosphärische Dichte zu erzeugen, die ihresgleichen sucht. Das faszinierende Spiel mit Licht und Schatten, das schon den Vorgänger auszeichnete, kommt insbesondere in den Innenräumen des Anwesens Miss Havishams zur Geltung. 

Darstellerisch wieder weitgehend überzeugend, mit einer Ausnahme: Valerie Hobson in der Rolle der erwachsenen Estella kann ihrer jugendlichen Vorgängerin Jean Simmons, die die Rolle im ersten Teil des Films spielt, nicht annähernd das Wasser reichen. Simmons diabolischer Blick verrät die Freude, die sie empfindet, wenn sie Pip vor den Kopf stoßen kann, lässt dabei unterschwellig jedoch auch einen Hauch von Wohlwollen erahnen. Dagegen verblasst Hobson regelrecht mit einer Performance, die dem Rollenprofil nur notdürftig gerecht wird.

Über das Ende kann man sicherlich streiten. Einerseits sind mir die Charaktere im Laufe des Films schon ans Herz gewachsen, so dass ich froh über die Lösung war. Andererseits wirkt sie aufgesetzt, unglaubwürdig und der Erwartungshaltung des Publikums geschuldet. Wobei ich der erwachsenen Estella (Valerie Hobson) die Männerhasserin eh nicht so richtig abnehme, von daher passt's irgendwie schon wieder, wenn man den Männerhass und die Unfähigkeit zur Liebe nur als zum reinen Selbstschutz vorgeschoben betrachtet. 

09 Februar 2008

DAS WILDE LEBEN (Achim Bornhak, 2007)

Ein anspruchsloser aber doch recht unterhaltsamer Film über die wilden Jahre Uschi Obermaiers. Im Prinzip handelt es sich um eine Aneinanderreihung einzelner Episoden, die überwiegend sehr kurzweilig sind. Der Zeitgeist der 60er und 70er Jahre wurde gut eingefangen, die Darsteller überzeugen. 

Kein Film, der lange im Gedächtnis bleibt, aber der bezaubernden Natalia Avelon bei ihren amourösen Aktivitäten zuzusehen, macht schon Spaß.  

08 Februar 2008

SUCHWIIN BULMYEONG/ADDRESS UNKNOWN (Kim Ki-duk, 2001)

Von Kim bin ich ja einiges gewohnt, aber Suchwiin bulmyeong ist selbst für seine Verhältnisse ein außergewöhnlich harter und düsterer Film. Sein filmisches Schaffen dreht sich seit jeher um psychisch gestörte Personen, aber meist konzentriert er sich dabei auf eine Einzelperson oder eine ungesunde Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau. Hier muss es dagegen gleich ein ganzes Dorf sein, das am Rad dreht. Keine der handelnden Personen ist auch nur halbwegs normal, alle leiden an einer tiefen Psychose, viele sind zudem extrem aggressiv – aus den unterschiedlichsten Gründen. Dabei geht Kim derart plakativ zu Werke, dass jede Subtilität auf der Strecke bleibt.

Das Leben im Dorf ist geprägt von der nahegelegenen US-Militärbasis (der Film spielt 1970), und im Laufe der Handlung wird auch ein junger Soldat in die Geschehnisse verwickelt. Während allerdings die Gründe für das irrationale Verhalten der Einheimischen nachvollziehbar sind, ist die Wandlung des scheuen US-Soldaten zum drogenabhängigen Psychopathen schwer verständlich, wozu auch die schwache Leistung Mitch Malums beiträgt. Ein schwacher Darsteller in einem Kim-Film ist mir bisher noch nicht untergekommen, bezeichnenderweise ist es ein US-Amerikaner, der für diesen Ausreißer sorgt. Die koreanischen Darsteller hingegen sind wieder einmal hervorragend gewählt und verkörpern ihre Rollen so perfekt, dass man nie den Eindruck hat, hier seien Schauspieler am Werk.

Die Grundkonstellation wäre an sich auch interessant genug für einen guten Film, nur lässt Kim dieses Mal das Skalpell in der Schublade und packt stattdessen den Holzhammer aus. Die dargestellte Gewalt ist derart repetitiv, dass sie mich nach anfänglicher Faszination bald nur noch ermüdete. Spätestens nach einer Stunde ist man der ständigen Prügelei überdrüssig. Bei jeder Gelegenheit und oft auch völlig grundlos wird drauflos geprügelt. Was bei einer etwas subtileren Herangehensweise durchaus eine Metapher für die Unfähigkeit zur echten Kommunikation (irgendwas gequasselt wird ständig) sein könnte, wirkt hier nur noch plump. Man stumpft zunehmend ab und nimmt gegen Ende selbst die extremsten Gewalttaten wie das Verstümmeln der Brust der eigenen Mutter durch den Sohn oder die Selbstverstümmelung des Auges mit einem Messer kaum noch als solche wahr. Vielleicht tue ich Kim jetzt unrecht, aber Suchwiin bulmyeong ist von den sieben seiner Filme, die ich bisher kenne, sein schlechtester. Obwohl er weit davon entfernt ist, ein schlechter Film zu sein, dafür bietet er dann doch noch zuviel Erquickliches. Die guten Ansätze sind da, nur nutzt Kim sie nicht in der ihm sonst eigenen Souveränität. Schade eigentlich. 

05 Februar 2008

SHOOTER (Antoine Fuqua, 2007)

These boys killed my dog.

Der Name Antoine Fuqua riss mich in der Vergangenheit nicht zu Begeisterungsstürmen hin. Nach dem ganz ansehnlichen The Replacement Killers brachte er nicht mehr viel Sehenswertes zustande, dem belanglosen Training Day folgte der noch viel belanglosere Tears of the Sun bevor er mit dem unsäglichen King Arthur eine DER Gurken der letzten Jahre ablieferte. 

Umso überraschender, dass ihm mit Shooter ein richtig feines Filmchen gelungen ist, ein schnörkel- und kompromissloser Actionfilm, der ohne viel Tamtam direkt zur Sache kommt. Die Inszenierung verzichtet weitgehend auf neumodische Spielereien und orientiert sich mehr am klassischen Actionfilm der 80er Jahre. Die Shoot-Outs sind erstaunlich blutig, die Story zweckdienlich, wenn auch alles andere als realistisch. Der völlige Verzicht auf Nebenplots hält den Zuschauer in Atem und lässt ihn kaum Luft holen.

Shooter wirkt auf mich, als hätte man Andrew Davis' famosen The Fugitive mit einem typischen Stallone- oder Schwarzenegger-Film der 80er gekreuzt – mit Danny Glover hat man sogar einen der Heroen vergangener Tage aus der Versenkung geholt. Das Ergebnis ist zum Glück kein räudiger Bastard sondern ein äußerst spannendes und schön anzusehendes Actiongewitter, das ich Fuqua in dieser Qualität gar nicht zugetraut hätte. 

03 Februar 2008

BRIEF ENCOUNTER (David Lean, 1945)

This misery can't last.

Bei Leans letzter Zusammenarbeit mit Drehbuchautor Noel Coward greift er zum ersten Mal ein Thema auf, das ihn später noch häufiger beschäftigen sollte: das der unerfüllten Sehnsucht nach der wahren Liebe. Eine Seelenverwandtschaft Laura Jessons mit Rosy Ryan (Ryan's Daughter) oder Adela Quested (A Passage to India) lässt sich nicht leugnen. Allerdings gibt Laura sich nicht in letzter Konsequenz ihren Gefühlen hin, sondern lässt im entscheidenden Moment ihren Verstand die Oberhand behalten. Gezwungen von ihren Moralvorstellungen (oder denen ihrer Umwelt) sowie ihrem Pflichtgefühl gegenüber Ehemann und Kindern, folgt sie nicht dem Ruf ihres Herzens. Ihr Handeln bleibt letztlich ohne große Konsequenzen (ihr Mann ahnt zwar, dass etwas vorgefallen ist, nimmt sie aber dankbar wieder auf), während Adela Quested und vor allem Rosy Ryan sich selbst zugrunde richten. Allerdings sind die jeweiligen Situationen der drei Frauen auch nur bedingt vergleichbar. Den „sicheren Hafen" Ehe, in den Laura sich zurückziehen kann, hat Adela Quested beispeilsweise nicht. Interessant ist in dem Zusammenhang auch die Tatsache, dass David Lean insgesamt sechsmal verheiratet war. Kein Wunder, dass ihn das Thema immer wieder in seinen Filmen beschäftigte.

Optisch und technisch markiert Brief Encounter einen weiteren Fortschritt in der Entwicklung Leans. Bisher zweifellos sein schönster Film, die Kameraführung ist exzellent und schafft eine beinahe Film-Noir-artige Stimmung. Zudem kann er sich auf eine ausnahmslos überzeugende Darstellerriege verlassen, allen vora Celia Johnson und Trevor Howard. Die Chemie stimmt zwischen den beiden, und dies ist eine Grundvoraussetzung dafür, dass der Film funktioniert.

Ich will nicht bestreiten, dass ich im Vorfeld angesichts der Story eine gewisse Skepsis hegte, inwieweit Lean die schwierige Gratwanderung zwischen ehrlichem Gefühlskino und prätentiösem Kitsch gelingen würde, aber es zeigte sich schnell, dass meine Bedenken unbegründet waren. Er meisterte die Herausforderung ohne Probleme und hat mit Brief Encounter eine ehrlichen, mitreißenden und bewegenden Film geschaffen. Das einzige, was mir missfallen hat, sind die vielen Bemerkungen Lauras aus dem Off. Gewisse Erläuterungen sind sicher hilfreich, zumal die Handlung nichtlinear und in Rückblenden erzählt wird, aber viele Erklärungen sind auch einfach unnötig und nehmen dem Film etwas von seiner Atmosphäre. Beispielsweise wäre die Szene, in der sich Laura vor den Zug stürzen will, auch ohne ihren Kommentar eindeutig zu deuten gewesen, das muss man nicht noch mit Worten erklären. Von dieser kleinen Schwäche abgesehen eine runde Sache. 

01 Februar 2008

BLITHE SPIRIT (David Lean, 1945)

Leans zweite Arbeit basiert ebenfalls auf einem Bühnenstück Noel Cowards, aber im Vergleich zum Vorgänger wirkt Blithe Spirit bei weitem nicht so statisch. Zwar ist auch hier der Großteil der Handlung auf wenige Locations beschränkt, aber zwischendurch gibt es immer wieder Außenaufnahmen und Ortswechsel, die Dynamik vermitteln und für Abwechselung sorgen. Sicherlich waren auch bei dieser Produktion die Mittel knapp (schließlich entstand der Film mitten im Krieg), doch kaschierte Lean das sehr geschickt. Auch die Effekte sind ganz ansehnlich, wobei die grüne Schminke der Geister den ein oder anderen zusätzlichen Lacher mit sich bringt.

Komödien mag ich in den seltensten Fällen, aber wenn schon Komödie, dann wenigstens eine, die so vom typisch britischen schwarzen Humor durchsetzt ist wie Blithe Spirit. Die Dialoge sind geistreich, witzig und stellenweise recht makaber. Für die damalige Zeit wird hier erfreulich respektlos mit dem Thema Tod respektive den Toten umgegangen. Und in dem Moment, in dem „Miss Marple“ als Madame Arcati auftauchte, hatte der Film bei mir eh schon gewonnen. In seiner schrulligen Art fühlte ich mich an MacKendricks The Ladykillers oder auch Hitchcocks The Trouble with Harry erinnert, die beide 10 Jahre später entstanden sind.

Blithe Spirit markiert einen deutlichen Fortschritt im direkten Vergleich mit dem Vorgänger und machte mir großen Spaß, woran sicherlich auch die weitaus bessere Bildqualität der DVD ihren Anteil hatte. Für einen 60 Jahre alten Film sieht das Bild verdammt gut aus. Die 90 Minuten vergingen wie im Flug.