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31 Oktober 2026

EL GRAN CALAVERA (Luis Buñuel, 1949)

Sehr unterhaltsame und kurzweilige Komödie um den reichen Ramón de la Mata, der nach dem Tod seiner Frau in fortwährende Alkohol-Exzesse verfällt und dabei unüberlegte Entscheidungen trifft, die sein Geschäft zu ruinieren drohen. Seine Familie lebt auf seine Kosten, ohne selbst zu arbeiten. Nach einer schweren Herzattacke überzeugt sein Bruder, der zugleich sein Arzt ist, die übrigen Familienmitglieder davon, in ein Armenviertel umzuziehen und Ramón vorzugaukeln, er sei bankrott, um ihn zur Besinnung zu bringen. Der Plan geht auf, doch nachdem er die Wahrheit erfahren hat, dreht Ramón den Spieß herum und lässt nunmehr seine Familie glauben, er sei tatsächlich bankrott, um sie zum Arbeiten zu bewegen. 

Buñuel arbeitete hier erstmals mit Fernando Soler zusammen, einem der größten Stars der damaligen mexikanischen Filmindustrie. Soler spielte nicht nur die Hauptrolle, sondern produzierte den Film mit. Der große Erfolg, den El gran calavera an den Kinokassen feierte, führte zu zwei weiteren Filmen, die der spanische Regisseur mit Soler drehen sollte. Und Soler ist es vor allem, der den Film mit seiner wunderbaren Darstellung über die gesamten 90 Minuten hinweg trägt.

Buñuel greift hier erstmals ein Thema auf, das ihn bis zum Ende seiner Karriere immer wieder beschäftigen sollte und zum Kern zahlreicher seiner späteren Werke wurde: die Arroganz und Überheblichkeit des gehobenen Bürgertums gegenüber den unteren Gesellschaftsschichten. Während er in seinen späteren Werken diese Kritik meist deutlich subtiler verpackte, griff er hier zum Holzhammer. Dennoch ist die Aussage, die der Film transportiert ebenso treffend wie zeitlos.

El gran calavera ist eine leichtfüßig inszenierte Komödie, die zwar konventionell erzählt und dadurch sehr vorhersehbar ist, ungeachtet dessen aber gut unterhält.

26 Oktober 2026

UNA MUJER SIN AMOR (Luis Buñuel, 1952)

Ein weiteres Melodram, das aber glücklicherweise auf humorige Elemente völlig verzichtet und dadurch deutlich ernster und seriöser wirkt. Auch zeigt Buñuel hier jene kritische Haltung gegenüber dem gehobenen Bürgertum, für die er  allgemein bekannt ist. 
 
Er selbst bezeichnet Una mujer sin amor in seiner Biographie als seinen schlechtesten Film, wobei ich nicht sicher bin, ob diese Aussage auf die Qualität des Films bezogen ist oder seinen äußerst mäßigen finanziellen Erfolg. Wie auch immer: besser als La hija del engaño ist Una mujer sin amor meiner Meinung nach allemal.
 
Die Geschichte um eine Frau, die sich zwischen familiärer Pflicht und ihren eigenen Gefühlen entscheiden muss, ist recht spannend erzählt und schnörkellos inszeniert. Vor allem darstellerisch weiß der Film zu überzeugen. Die Figuren wirken glaubwürdig, ihre Konflikte sind nachvollziehbar.
 
Zwar fehlt noch vieles von jener Eigenwilligkeit, die Buñuels spätere Meisterwerke auszeichnet, dennoch lassen sich bereits einzelne Motive erkennen, die ihn später immer wieder beschäftigen sollten. Insbesondere die kritische Betrachtung bürgerlicher Moralvorstellungen und familiärer Strukturen tritt bereits deutlich hervor.  
 
Una mujer sin amor gehört sicherlich nicht zu den großen Filmen Buñuels, ist aber deutlich besser, als sein Ruf vermuten lässt. Ein solides Melodram mit guten Darstellern und einer interessanten Geschichte, das gut unterhält. 

LA HIJA DEL ENGAÑO (Luis Buñuel, 1951)

Klassisches Melodram um den griesgrämigen und verbitterten Don Quintín, der seine Tochter im Säuglingsalter weggegeben hat, weil er überzeugt war, nicht ihr leiblicher Vater zu sein. Kurz vor ihrem Tod gesteht ihm seine verstoßene Frau jedoch, dass sie ihn belogen hat und das Mädchen tatsächlich seine Tochter ist. Quintín setzt nun alles daran, sie wiederzufinden.
 
Die Geschichte ist eigentlich ganz interessant und auch nicht schlecht umgesetzt. Die immer wieder eingestreuten Tanz- und Gesangseinlagen stellten jedoch meine Geduld auf eine harte Probe. Gleiches gilt für die humoristischen Einlagen um Angelito, den Angestellten Don Quintíns, die mehr als einmal die Grenze zum Slapstick überschreiten.
 
Fernando Soler überzeugt hingegen als verbitterter, von Hass erfüllter Mann, der bereits beim geringsten Anlass die Beherrschung verliert und nicht selten wütend mit seinem Revolver um sich schießt. Seine Darstellung gehört zweifellos zu den größten Stärken des Films. Sehr gelungen fand ich außerdem den Übergang zwischen den 1930er Jahren und der Gegenwart, den Buñuel durch das Öffnen und Schließen einer Schranktür, gefilmt aus der Innenperspektive, realisiert.

La hija del engaño ist sicherlich kein schlechter Film, rangiert innerhalb meiner bisherigen Buñuel-Reihe jedoch auf dem letzten Platz. Zu konventionell, zu vorhersehbar und stellenweise auch einfach zu albern.

25 Oktober 2026

THE YOUNG ONE (Luis Buñuel, 1960)

The young One ist ein sehr ungewöhnlicher Film und wirkt beinahe wie ein Fremdkörper im Werk des spanischen Regisseurs. Es handelt sich um seinen zweiten (und letzten) Film in englischer Sprache. Gedreht wurde er zwar in Mexiko, die Handlung ist jedoch in South Carolina angesiedelt. Zentrale Themen sind Rassismus und sexueller Kindesmissbrauch, zwei Aspekte des menschlichen Daseins, für die sich Buñuel in den 22 Filmen, die ich bisher von ihm gesehen habe, ansonsten überhaupt nicht interessiert hat. Wobei der Fokus hier klar auf dem Rassismus liegt. Der Missbrauch der 13-jährigen Evvie wird eher beiläufig abgehandelt.

Die Inszenierung erinnert an ein Kammerspiel. Im Film spielen nur fünf Personen mit und die gesamte Handlung (abgesehen von Travers Flucht zu Beginn) spielt auf der kleinen Insel vor der Küste South Carolinas. Die Darsteller machen ihre Sache ordentlich und die Geschichte ist schnörkellos und dynamisch inszeniert. Jedoch fehlt es an den typischen Elementen, die normalerweise die Filme des Spaniers auszeichnen. Selbst der Reverend ist ein durch und durch ehrbarer Mann, der weder scheinheilig noch korrupt dargestellt wird. Meines Wissens auch ein Novum bei Buñuel.

Der eigentliche Aufreger bleibt der Missbrauch der jungen Evvie durch den mindestens dreimal so alten Miller. Nach dem Tod ihres Großvaters ist das Mädchen dem Wildhüter hilflos ausgeliefert. Buñuel behandelt diesen Aspekt allerdings auf eine Weise, die zumindest aus heutiger Sicht irritierend wirkt, indem er ausgedehnte Einstellungen von ihren nackten Füßen zeigt und sie dadurch als begehrenswert darstellt. Auch wenn ich die bekannte Vorliebe des Spaniers für entsprechende Motive grundsätzlich nachvollziehen kann, empfand ich sie in diesem Kontext eher als befremdlich.

Dabei ist Evvie gerade keine klassische Lolita-Figur. Sie wirkt über den gesamten Film hinweg passiv, verletzlich und kaum in der Lage, sich gegen Miller zur Wehr zu setzen bzw. sich ihn vom Leibe zu halten. Den einzigen echten Buñuel-Moment gibt es am Ende, wenn er Evvie zeigt, wie sie mit etwas wackligem Schritt in ihren High Heels stolziert, um dann in ein kindliches Hüpfspiel zu verfallen, das klarmacht, dass es sich bei ihr noch um ein Kind handelt.

Trotz aller kritischen Anmerkungen ist The young One ein durchaus unterhaltsamer und gelungener Film. Konventionell erzählt und spannend inszeniert, aber selbst für Kenner seines Schaffens wohl nur schwer als Film des Spaniers zu erkennen.

SUBIDA AL CIELO (Luis Buñuel, 1951)

Subida al Cielo könnte man durchaus als eine Art Roadmovie bezeichnen, spielt doch ein Großteil der Handlung während einer Busfahrt. Buñuel-typisch wird diese immer wieder durch teils realistische, teils bizarre Vorfälle unterbrochen und verzögert.  

Diese Episoden sind überwiegend witzig umgesetzt. So macht der Busfahrer auf dem Weg zum Ziel kurzerhand einen Abstecher zu seiner Mutter, um ihr zum Geburtstag zu gratulieren, was schließlich in einer ausgelassenen Feier inklusive Besäufnis mit nahezu allen Fahrgästen mündet. Und dann ist da noch die kesse Raquel, die alles daran setzt, den frisch verheirateten Oliverio zu verführen, was ihr letztlich auch gelingt.

Den Filmtitel, der wörtlich übersetzt „Aufstieg zum Himmel“ bedeutet, kann man auf zweierlei Weise interpretieren. Offensichtlich bezieht er sich auf den steilen Anstieg, den der Bus im Verlauf der Reise bewältigen muss. Darauf weist auch ein entsprechendes Straßenschild hin. Im übertragenen Sinne kann man den Titel jedoch auch auf Oliverios Mutter beziehen, die im Sterben liegt, während ihr Sohn versucht, den Notar aus der weit entfernten Stadt herbeizuholen, damit sie noch ihr Testament aufsetzen kann. Die verschiedenen Stationen der Reise behandeln dabei wichtige Aspekte des menschlichen Lebens und kreisen um Geburt, Sexualität, Gemeinschaft und Tod.

Bei den Dreharbeiten kam es zu diversen Schwierigkeiten, die unter anderem dazu führten, dass die ursprünglich geplante Szene mit der Beerdigung des kleinen Mädchens stark gekürzt werden musste. Dies erklärt auch die vergleichsweise kurze Laufzeit von gerade einmal 74 Minuten.

Subida al Cielo ist ein unterhaltsamer und stellenweise sehr amüsanter Film, der jedoch nicht unbedingt zu den stärksten Arbeiten des spanischen Regisseurs zählt. Sehenswert ist er dennoch, zumal er viele der Themen und Motive enthält, die Buñuel auch in seinen späteren Filmen immer wieder beschäftigen sollten.

24 Oktober 2026

ENSAYO DE UN CRIMEN (Luis Buñuel, 1955)

Menschen, die immer wieder daran scheitern, ein Vorhaben in die Tat umzusetzen, sind ein wiederkehrendes Motiv in den Arbeiten des spanischen Regisseurs. Ensayo de un crimen, der in Deutschland unter dem ebenso treffenden wie witzigen Titel "Das verbrecherische Leben des Archibaldo de la Cruz" veröffentlicht wurde, ist dafür ein besonders gelungenes Beispiel. Den Originaltitel könnte man mit "Essay für ein Verbrechen" oder auch mit "Probe für ein Verbrechen" übersetzen.

Der wohlhabende Archibaldo de la Cruz bekommt als Kind eine Spieluhr geschenkt, die ihrem Besitzer angeblich die Macht verleiht, Menschen durch den bloßen Wunsch zu töten. Prompt wünscht er seinem Kindermädchen den Tod, worauf dieses am Fenster stehend von dem Gewehrschuss eines Revolutionärs tödlich am Hals getroffen wird. Die tiefe Befriedigung, die Archibaldo dabei empfindet, weckt in ihm den Wunsch, jede attraktive Frau zu töten, die er in seinem späteren Erwachsenenleben kennenlernt. Doch aufgrund einer Reihe bizarrer Zufälle segnen die Damen jedes Mal das Zeitliche, bevor Archibaldo seinen Plan in die Tat umsetzen kann. 

Ein weiterer ganz wunderbarer Film des Spaniers, der ebenso amüsant wie spannend ist. Ernesto Alonso ist großartig als draufgängerischer Archibaldo, der zahlreichen Frauen den Kopf verdreht in der Absicht, sie bei nächster Gelegenheit zu töten. Die eigentlichen Verbrechen finden jedoch ausschließlich in seiner Fantasie statt, wodurch der Film immer wieder eine herrlich absurde Situationskomik entwickelt.

Interessant ist auch die Geschichte um die tschechisch-mexikanische Schauspielerin Miroslava Stern, die im Film die Rolle der Lavinia spielt. Kurz nach Abschluss der Dreharbeiten beging sie Selbstmord. Ihr Leichnam wurde eingeäschert, was damals in Mexiko noch eine außergewöhnliche Form der Bestattung war. Der beinahe surreal wirkende Aspekt ist dabei, dass Archibaldo im Film eine Schaufensterpuppe, die Lavinia zum Verwechseln ähnlich sieht, in einem Ofen verbrennt. Ironischerweise ist Lavinia zugleich die einzige Frau, die seine Mordabsichten unbeschadet überlebt. 

Nachdem Archibaldo zum wiederholten Male mit seinen Mordplänen gescheitert ist, wirft er am Ende die Spieluhr in einen Weiher, um sich von ihrem vermeintlichen Fluch zu befreien. Ob ihm dies tatsächlich gelingt, lässt Buñuel bewusst offen. Archibaldos gelöster Gesichtsausdruck und seine Bemerkung, das Leben sei nun plötzlich so einfach, sprechen allerdings dafür, dass er seine Obsession endlich überwunden haben könnte.

Ensayo de un crimen ist der ideale Einsteigerfilm für Menschen, die immer mal einen Film von Luis Buñuel sehen wollten, sich das bislang aber nicht getraut haben. Leichtfüßig, kurzweilig, amüsant und ungemein unterhaltsam. Ohne Zweifel eine der besten Arbeiten des Spaniers aus seiner mexikanischen Schaffensperiode.

23 Oktober 2026

LA FIÈVRE MONTE À EL PAO (Luis Buñuel, 1959)

La Fièvre monte à El Pao, der in Deutschland unter dem unsagbar dämlichen Titel "Für ihn verkauf' ich mich" veröffentlicht wurde, spielt wie schon der einige Jahre zuvor entstandene La Mort en ce jardin in einer fiktiven Militärdiktatur, die eine Insel im Atlantik nutzt, um dorthin ihre Häftlinge zu deportieren. Dabei wird unterschieden zwischen Strafgefangenen und politischen Gefangenen.

Wie beim oben genannten Vorgänger handelt es sich im weitesten Sinne um einen Abenteuerfilm, wobei der Schwerpunkt diesmal deutlich stärker auf politischen Intrigen und persönlichen Machtkämpfen liegt. Eine zentrale Rolle spielt dabei Inés Rojas, verkörpert von der äußerst charismatischen María Félix. Als Ehefrau des Gouverneurs der Insel bewegt sie sich geschickt innerhalb der bestehenden Machtstrukturen und unterhält darüber hinaus sexuelle Beziehungen zu zwei weiteren Männern, wodurch sie erheblichen Einfluss auf die Ereignisse nehmen kann. 

Der Film versteht es durchaus, Spannung ausfzubauen und die Konflikte zwischen den Figuren immer weiter zuzuspitzen. Gleichzeitig vermisste ich jedoch den typischen Buñuel-Faktor. Viele seiner späteren Werke besitzen eine ganz eigene Mischung aus surrealen Einfällen, bissiger Gesellschaftskritik und schwarzem Humor. Davon ist hier wenig zu spüren. Humor sucht man vergeblich. Wenn ich es nicht gewusst hätte, wäre ich vermutlich nicht darauf gekommen, dass er hier Regie geführt hat.

Dennoch handelt es sich um einen kurzweiligen und gut gemachten Film, der vor allem von seinen interessanten Figuren und den politischen Machtspielen lebt. Kein typischer Buñuel, aber durchaus sehenswert.

22 Oktober 2026

SUSANA (Luis Buñuel, 1951)

Ein immer wiederkehrendes Thema bei Buñuel sind Männer in fortgeschrittenem Alter, die jungen Frauen nachstellen. Susana dürfte diesbezüglich die erste filmische Umsetzung des Spaniers sein. Erzählt wird die Geschichte der 20-jährigen Susana, die aus einer staatlichen Besserungsanstalt flieht und Zuflucht auf der Hacienda des wohlhabenden Don Guadalupe findet. Schon bald versucht der Stallknecht Jesús die dralle Blondine zu verführen. Beinahe zeitgleich verdreht sie dem jungen Sohn des Hauses, Alberto, den Kopf, nur um sich schließlich auch noch an Don Guadalupe selbst heranzumachen. Die daraus entstehenden Rivalitäten und Eifersüchteleien, in die nach und nach auch Guadalupes Ehefrau Carmen und die Kammerzofe Felisa hineingezogen werden, sorgen dafür, dass die bis dahin harmonische Familie zusehends auseinanderbricht. 

Buñuel zeigt mit viel Witz und sichtbarer Freude an der Überzeichnung, wie sich drei triebgesteuerte Männer zum Gespött machen und bereit sind, für die Zuneigung der umschwärmten Susana nahezu alles aufs Spiel zu setzen. Diese wiederum lässt nichts unversucht, um ihre körperlichen Reize wirkungsvoll einzusetzen. Da wird das Dekolleté etwas tiefer gezogen oder dem Hausherrn ein nackter Oberschenkel präsentiert. Die Männer reagieren erwartungsgemäß wie Motten auf das Licht und verlieren dabei zunehmend jede Form von Vernunft.

Interessant ist auch die mögliche Interpretation, dass Susana den Teufel symbolisiert und die Hacienda heimsucht, um die Bewohner in Versuchung zu führen. Mit ihrer Ankunft wenden sich die Dinge zum Schlechten. Das betrifft nicht nur das Verhältnis der Personen untereinander, sondern auch das neu geborene Fohlen, das direkt nach ihrer Ankunft stirbt, die rätselhafte Erkrankung der Stute, die zeitgleich auftritt und wiederum jäh verschwindet, nachdem Susana das Haus verlassen hat und natürlich das kitschige und völlig groteske Ende, wenn die zuvor bis aufs Blut Zerstrittenen sich innerhalb weniger Minuten wieder versöhnen und plötzlich sogar die Sonne scheint. 

Doch auch ohne diese symbolische Ebene funktioniert Susana hervorragend. Buñuel entlarvt mit sichtlichem Vergnügen die Doppelmoral einer patriarchalischen Gesellschaft, deren vermeintlich tugendhafte Männer ihre Prinzipien bei der erstbesten Versuchung über Bord werfen. Nicht Susana richtet das Chaos an, sondern die Schwächen und Begierden der ihren körperlichen Reizen verfallenen Männer.

Ein ausgesprochen unterhaltsamer, überraschend humorvoller und zugleich bemerkenswert cleverer Film, der bereits viele Themen vorwegnimmt, die Buñuel in seinem späteren Werk immer wieder beschäftigen sollten.

EL RIO Y LA MUERTE (Luis Buñuel, 1954)

In einem abgelegenen Dorf in Mexiko herrscht seit vielen Generationen eine erbitterte Feindschaft zwischen zwei Familien. Immer wieder kommt es aus nichtigen Anlässen zu Morden, die ihrerseits neue Rachegelüste bei der jeweils anderen Seite hervorrufen. Dabei ist es Tradition, dass ein Mörder, sofern er es schafft, den nahegelegenen Fluss zu überqueren, dort unbehelligt in der Isolation leben darf, solange er nicht in das Dorf zurückkehrt. Nach vielen Jahrzehnten ist von jeder Familie nur noch ein junger Mann übrig. Während Rómulo auf Vergeltung sinnt, arbeitet Anguiano als Arzt außerhalb des Dorfes und denkt gar nicht daran, sich mit seinem Widersacher zu duellieren. Doch schließlich gibt er dem Drängen seiner Mutter nach und kehrt zurück, um sich dem zu stellen, was die Dorfgemeinschaft von ihm erwartet. 

Buñuel baute zahlreiche Anekdoten in das Drehbuch ein, die er Zeitungsberichten entnommen hatte oder die ihm von Freunden und Bekannten erzählt worden waren. Die Gewalt ist in diesem Film allgegenwärtig. Um einen Mord zu begehen, braucht es oft nicht mehr als ein falsches Wort oder eine gekränkte Ehre. Dies ist zum Teil durchaus amüsant und mit der für Buñuel typischen Leichtfüßigkeit inszeniert. So ist El río y la muerte trotz seines ernsten Themas ein überraschend witziger Film, der die mexikanische Mentalität und das ihr eigene Macho-Gehabe pointiert aufs Korn nimmt.

Anguiano ist deutlich gebildeter als die übrigen Bewohner des Dorfes und bemüht sich, die Spirale aus Hass und Gewalt zu durchbrechen. Das führt erwartungsgemäß dazu, dass er als Feigling denunziert wird und sich seine Freunde von ihm abwenden. Letztlich setzt er sich aber mit seiner Haltung durch und so ist El río y la muerte ein weiterer Film des spanischen Regisseurs, der ein Happy End hat.

Unter dem Strich ein ausgesprochen kurzweiliger und unterhaltsamer, aber auch spannender Film, der zu den zugänglichsten Arbeiten des spanischen Regisseurs zählt. 

21 Oktober 2026

CELA S'APPELLE L'AURORE (Luis Buñuel, 1956)

Unmittelbar vor La Mort en ce jardin drehte Buñuel Cela s'appelle l'aurore, ein spannendes Drama um den Arzt Valerio, der sich auf Korsika um die gesundheitlichen Leiden der armen Arbeiterschaft kümmert. Seine Frau fühlt sich dort zunehmend isoliert und verfällt immer mehr in Depressionen, was sie schließlich dazu veranlasst, für einige Monate in ihre Heimat nach Nizza zurückzukehren. Unterdessen verliebt sich Valerio in die wohlhabende Witwe Clara.

Der Konflikt zwischen Arm und Reich, hier in erster Linie verkörpert durch den Industriellen Gorzone, ist ein Thema, mit dem sich der spanische Regisseur vor allem während seiner mexikanischen Schaffensphase immer wieder auseinandergesetzt hat. Dabei lässt Buñuel nie einen Zweifel daran, auf wessen Seite seine Sympathien liegen. So auch hier: Obwohl Valerio als Arzt durchaus zu den wohlhabenderen Bewohnern der Insel zählt, fühlt er sich den einfachen Arbeitern deutlich stärker verbunden als den gesellschaftlichen Eliten. Dies gipfelt schließlich darin, dass er seinen langjährigen Freund und ehemaligen Kriegskameraden Sandro in seinem Haus vor der Polizei versteckt, nachdem dieser Gorzone ermordet hat.  

Der Spanier arbeitete hier erstmals mit Georges Marchal und Julien Bertheau zusammen, auf deren Dienste er in den kommenden Jahren noch mehrfach zurückgreifen sollte. Insbesondere Letzterer ist ein häufiger Gast in den Filmen, die Buñuel nach seiner Rückkehr nach Europa in Frankreich gedreht hat.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Filmen des Spaniers hat Cela s'appelle l'aurore sogar so etwas wie ein Happy End, lösen sich doch Valerios Probleme nach und nach alle in Luft auf, sodass einer gemeinsamen Zukunft mit Clara am Ende nichts mehr im Wege steht. Ein für Buñuel ungewöhnlich optimistischer Ausklang.

Cela s'appelle l'aurore ist ein sehr spannender und ausgesprochen kurzweiliger Film mit einer guten Geschichte, überzeugenden Darstellern und vergleichsweise sorgfältig ausgearbeiteten Figuren. Keiner der ganz großen Buñuels, aber doch ein bemerkenswerter Beitrag zu seinem Schaffen, der im Allgemeinen nicht die Anerkennung erfährt, die er verdient hätte.

20 Oktober 2026

NAZARIN (Luis Buñuel,1956)

In Nazarin machte Buñuel wieder einmal die katholische Kirche zum Ziel seines Spotts, wenn auch in sehr viel zurückhaltender und milderer Form als in seinen späteren Filmen wie Simón del Desierto oder La voie lactée. Für die Titelrolle verpflichtete er erstmals den Spanier Francisco Rabal, den er als einen seiner Lieblingsschauspieler bezeichnete. Rabal verfügte schon in jungen Jahren über die für ihn typische charismatische Ausstrahlung und die Rolle des Priesters brachte ihm den internationalen Durchbruch.

Buñuel inszeniert Nazarin als eine Art Jesusfigur, die selbstlos und mittellos durch Mexiko pilgert, um dabei Gutes zu tun und versucht, den Menschen, denen sie unterwegs begegnet zu helfen. Doch statt Dankbarkeit und Anerkennung zu erfahren, stößt Nazarín meist auf Unverständnis, Misstrauen oder offenen Spott. Dabei ist sein Handeln stets aufrichtig und moralisch integer, gleichzeitig wirken seine Versuche, den Menschen zu helfen, häufig naiv. 

Letztlich ein zwar recht unterhaltsamer, für Buñuel-Verhältnisse aber auch vergleichsweise zahmer Film. Da verwundert es kaum, dass er beinahe den Preis des katholischen Filmbüros gewonnen hätte. Zumindest behauptet der Spanier das in seiner Biographie. 

14 Oktober 2026

LOS OLVIDADOS (Luis Buñuel, 1950)

Los Olvidados wirft einen ebenso schonungslosen wie verstörenden Blick auf die Armut in den Elendsvierteln von Mexiko-Stadt während der 50er Jahre. Realistisch und ohne Sentimentalität schildert der Film den Alltag von Kindern und Jugendlichen, die in einem Umfeld aufwachsen, das von Gewalt, Hunger und fehlender Perspektive geprägt ist. 

Bei allem Bösen, was seine Charaktere tun, verurteilt Buñuel sie nicht. Er zeigt, er beobachtet, aber er richtet nicht. Die Kinder und Jugendlichen sind nicht von Natur aus böse oder verdorben, sondern vielmehr Opfer ihres Umfelds und der sozialen Verhältnisse. Lediglich der Anführer der Bande, Jaibo, nimmt hier eine Sonderstellung ein. Seine Rücksichtslosigkeit und Gewaltbereitschaft gehen weit über das hinaus, was bei seinen Freunden zu beobachten ist.

Vereinzelt versuchen die jungen Menschen, dem Elend zu entkommen. Julian etwa, der arbeitet, um seine Familie zu ernähren und sich um seinen dem Alkohol verfallenen Vater kümmert, oder Pedro, der so etwas wie die Identifikationsfigur für den Zuschauer ist und versucht, ein ehrlicher Mensch zu werden, dabei aber immer wieder an den Umständen oder der Rücksichtslosigkeit seines Freundes Jaibo scheitert. Letztlich gelingt aber niemandem der Ausbruch aus diesem Teufelskreis aus Armut und Gewalt. Über allem liegt der Schleier der Hoffnungslosigkeit.

Darstellerisch überzeugt der Film auf ganzer Linie. Die Leistungen der überwiegend sehr jungen Schauspieler wirken durchweg natürlich und authentisch, was den nahezu dokumentarischen Charakter des Films unterstreicht. Dennoch verzichtet Buñuel nicht völlig auf surrealistische Elemente. Besonders Pedros Albtraumsequenz ist hier zu erwähnen. Die Szene ist nicht nur wunderschön fotografiert, sondern vermittelt zugleich auf eindringliche Weise die Ängste und Sehnsüchte der Hauptfigur. Die fast schon obligatorische Fußszene gibt es übrigens auch hier, wenn man Pedros Mutter dabei zusehen darf, wie sie sich die Füße wäscht.

Zwei der Charaktere, Pedro und Meche, tauchen im zwei Jahre später entstandenen El Bruto wieder auf. Jener wäre wahrscheinlich eine Art Fortsetzung geworden, hätte man Buñuel nicht gezwungen, das Drehbuch völlig umzukrempeln. Los Olvidados bietet all das, was El Bruto schmerzlich vermissen lässt. Umso bedauerlicher, dass El Bruto nicht der Film geworden ist, der er hätte sein können.

Los Olvidados ist eine Low-Budget-Produktion, für deren Umsetzung Buñuel unter dem Einsatz einfachster Mittel nur 21 Drehtage benötigte. Das Ergebnis ist ein ungemein kraftvoller Film, der einen ungeschönten und authentischen Blick auf die Lebensbedingungen einer hoffnungslosen Generation in den Slums von Mexiko-Stadt gewährt. Zu authentisch für den gemeinen Mexikaner, was zur Folge hatte, dass die Vorführungen des Films bereits nach wenigen Tagen wieder abgesetzt wurden. Es bedurfte schon des Ritterschlages durch die Internationalen Filmfestspiele von Cannes, wo Buñuel für den Film als bester Regisseur ausgezeichnet wurde, um Los Olvidados die Anerkennung zu verschaffen, die er verdient hat. Auch heute noch ein sehr bewegender Film und ohne Zweifel eine der besten Arbeiten des spanischen Regisseurs.

13 Oktober 2026

LA MORT EN CE JARDIN (Luis Buñuel, 1956)

La Mort en ce jardin ist ein Abenteuerfilm klassischer Prägung, dessen Handlung in einem kleinen Bergarbeiterdort in einer nicht näher bezeichneten Militärdiktatur in Südamerika angesiedelt ist. Gedreht wurde allerdings in Mexiko. Buñuel arbeitete hier erstmals mit Michel Piccoli zusammen, mit dem er in den Folgejahren noch einige weitere Filme drehen und mit dem ihn fortan eine tiefe Freundschaft verbinden sollte. Weniger angetan war er von Simone Signoret, die hier die Nutte Djin spielt. Laut seiner Biographie gab es eine Menge Ärger mit ihr während der Dreharbeiten, weshalb Buñuel anschließend nie wieder mit ihr arbeitete.

Das Setting erinnert in seiner Ausgangsbasis etwas an Clouzots Le salaire de la peur. Die Story hingegen entwickelt sich in eine völlig andere Richtung und konzentriert sich vor allem in der zweiten Hälfte auf die Beziehungen der fünf Geflüchteten untereinander und deren zunehmende Zersetzung. Hunger, Durst und Hitze fordern ihren Tribut und resultieren in Panikattacken, Halluzinationen und stetig nachlassendem Überlebenswillen. Nur Chark, der sich schnell als Anführer der Gruppe etabliert, behält stets die Nerven. Was zunächst nach einer konventionellen Fluchtgeschichte aussieht, nimmt dann zum Ende hin eine dramatische und zumindest für mich unerwartete Wendung, auch wenn Buñuel eine solche Entwicklung in verschiedenen Szenen zuvor andeutet..

Eine interessante Randnotiz ist die Tatsache, dass Pater Lizardi dreimal seinen Willen gegen eine ursprünglich anderslautende Absicht durchsetzt und jedes Mal damit scheitert. Beim dritten Mal wird er gar erschossen. Dies lässt sich durchaus als eine von Buñuels kritischen Spitzen gegen religiöse Autoritäten interpretieren

Den poetisch anmutenden Originaltitel ersetzte man übrigens für die Veröffentlichung in Deutschland durch den ebenso platten wie reißerischen Titel "Pesthauch des Dschungels". 

Unter dem Strich ist La Mort en ce jardin ein äußerst kurzweiliger und spannender Film, der seine Geschichte über weite Strecken konventionell erzählt, zum Ende hin jedoch immer stärker Buñuels Handschrift erkennen lässt und sich dadurch deutlich von vergleichbaren Genrevertretern abhebt.

11 Oktober 2026

LA VOIE LACTÉE (Luis Buñuel, 1969)

La voie lactée ist der dreizehnte Film meiner Buñuel-Reihe und mit Abstand der herausforderndste und sperrigste. Die Geschichte um die beiden Landstreicher Jean und Pierre, die sich von Frankreich aus auf den Jakobsweg nach Santiago de Compostela begeben, dient dabei letztlich nur als lose Klammer für eine Vielzahl von Begegnungen und Episoden. Losgelöst von jedem zeitlichen Kontext treffen die beiden Pilger auf historische, biblische und zeitgenössische Figuren, sodass Vergangenheit, Gegenwart und Mythologie immer wieder miteinander verschmelzen.

Typisch für Buñuel vermischen sich zudem Realität, Erinnerung und Wunschdenken. So erzählt Pierre beispielsweise von seiner Mutter, während gleichzeitig eine Szene mit Jesus und dessen Mutter gezeigt wird. An anderer Stelle wünscht sich Jean, dass der Autofahrer, der ihnen die Mitnahme verweigert hat, gegen einen Baum fährt, worauf dieser tatsächlich wenige Sekunden später tödlich verunglückt. 

Inhaltlich erweist sich La voie lactée vor allem als Generalabrechnung mit Religion im Allgemeinen und der katholischen Kirche im Besonderen. Immer wieder diskutieren die Figuren über theologische Streitfragen und Glaubensdogmen. Die oftmals skurrilen Begegnungen machen dabei deutlich, wie absurd es sein kann, wenn Menschen selbst angesichts offensichtlicher Widersprüche verbissen an ihren Überzeugungen festhalten.

Trotz zahlreicher humorvoller Momente gehört La voie lactée zweifellos zu den anspruchsvollsten Filmen des spanischen Regisseurs. Viele Szenen erschließen sich nicht unmittelbar, manche vermutlich erst nach einer intensiveren Beschäftigung mit den religiösen und philosophischen Hintergründen. Die Einordnung einzelner Episoden fiel mir teilweise schwer, da ich weder sonderlich bibelfest bin noch mich mit den zahlreichen theologischen Schriften und Glaubensstreitigkeiten auskenne, auf die Buñuel immer wieder Bezug nimmt. Dies ändert allerdings nichts daran, dass das Geschehen über die gesamte Laufzeit hinweg äußerst kurzweilig und vergnüglich bleibt und mir der Film ausgesprochen viel Spaß bereitet hat.

06 Oktober 2026

El Bruto (Luis Buñuel, 1952)

Während seiner Zeit in Mexiko beschäftigte sich Buñuel immer wieder mit den Themen Armut und soziale Ungleichheit. Auch El Bruto greift diese Motive auf und stellt den Schlachthausarbeiter Pedro in den Mittelpunkt, der im Auftrag seines Ziehvaters, des wohlhabenden Hausbesitzers Andrés Cabrera, die Bewohner eines Gebäudekomplexes zur Räumung bewegen soll. Diese weigern sich jedoch hartnäckig auszuziehen, woraufhin die Situation zunehmend eskaliert.

Richtig gepackt hat mich der Film nicht. Das liegt unter anderem an einigen Darstellern, die stellenweise zum Overacting neigen. Insbesondere Pedro Armendáriz und Katy Jurado, die wenig später auch in Hollywood erfolgreich werden sollte, übertreiben etwas. Dadurch wirken manche Szenen unfreiwillig komisch und verlieren an Glaubwürdigkeit.

Dem Vernehmen nach sollen zudem die Produzenten erheblichen Einfluss auf das Drehbuch ausgeübt haben, was dazu geführt haben soll, dass der fertige Film nur noch bedingt Buñuels ursprünglichen Vorstellungen entsprach. Ob dies tatsächlich der Hauptgrund für die eher durchwachsene Wirkung des Films ist, lässt sich natürlich schwer beurteilen. Auffällig ist jedoch, dass El Bruto im Vergleich zu vielen anderen Arbeiten des Spanieres deutlich konventioneller wirkt und dessen Handschrift nur gelegentlich erkennen lässt.

Wie auch immer: Trotz seiner interessanten sozialen Thematik und einiger gelungener Momente ist El Bruto ein mäßig unterhaltsamer Film, der mich insgesamt nicht vom Hocker gerissen hat.

04 Oktober 2026

EL (Luis Buñuel, 1953)

In seiner Biographie bezeichnet Buñuel El als einen seiner Lieblingsfilme. Das verwundert, handelt es sich doch um einen eher ungewöhnlichen Eintrag in seinem Œuvre. Ein spannender Psychothriller um den paranoiden Geschäftsmann Francisco, der zunächst seinem Geschäftspartner dessen Frau Gloria kurz vor der geplanten Hochzeit ausspannt, um sie dann - von krankhafter Eifersucht besessen - zunehmend als sein Eigentum zu betrachten. Ein Stoff, dessen Umsetzung man sich auch gut bei Hitchcock hätte vorstellen können. 

Witzig und auch typisch für Buñuel ist hingegen die Art und Weise, wie Francisco auf Gloria aufmerksam wird. Bei einer Fußwaschung von jungen Ministranten fallen ihm die in High Heels steckenden Füße einer Besucherin auf. Davon ist er so fasziniert, dass er der Besitzerin nachstellt. 
 
Ich habe ohnehin den Eindruck, dass Buñuel seiner Vorliebe für weibliche Füße und High Heels in den 1950er- und 1960er-Jahren deutlich häufiger Ausdruck verliehen hat als in seinen späteren Werken. Bereits in El ángel exterminador sind mir die zahlreichen Aufnahmen weiblicher Füße aufgefallen, und in Le Journal d'une femme de chambre lebt Monsieur Rabour seinen Fetisch für Damenschuhe und High Heels ganz offen aus. Auch in Viridiana finden sich mehrere Einstellungen von Silvia Pinals nackten Füßen. Dabei geht Buñuel allerdings wesentlich subtiler vor als beispielsweise Quentin Tarantino, der derartige Motive in seinen Filmen oftmals regelrecht zelebriert.
 
Unabhängig davon ist El ein äußerst kurzweiliger und spannender Film, dessen Handlung sich über die Laufzeit von gut neunzig Minuten immer weiter zuspitzt. Arturo de Córdova überzeugt als von paranoiden Wahnvorstellungen getriebener Ehemann, der seiner Frau das Leben zur Hölle macht. Dabei entgeht sie zweimal nur knapp ihrer Ermordung. Das Ende setzt dann einen bitteren Schlusspunkt. Zwar scheint Francisco in einem Kloster endlich seinen Frieden gefunden zu haben, doch sein bizarrer Gang in der Schlusssequenz deutet an, dass seine psychischen Probleme keineswegs überwunden sind. 
 
Ein äußerst gelungener Psychothriller, der innerhalb von Buñuels Filmografie eine interessante Sonderstellung einnimmt und einmal mehr dessen Gespür für menschliche Obsessionen und Abgründe offenbart.

VIRIDIANA (Luis Buñuel, 1961)

Die erzählte Geschichte ist vergleichsweise simpel und stellt die titelgebende Novizin Viridiana in den Mittelpunkt. Zunächst muss sie sich den Avancen ihres lüsternen Onkels Don Jaime erwehren, der in ihr eine große Ähnlichkeit zu seiner verstorbenen Frau zu erkennen glaubt. Nach dessen Selbstmord tritt sie gemeinsam mit ihrem Cousin Jorge das Erbe an. Im Gegensatz zu Jorge, der vor allem das verwahrloste Gut modernisieren und wirtschaftlich rentabel machen möchte, will Viridiana nach ihrem Austritt aus dem Kloster Gutes tun und Bettlern sowie Obdachlosen eine Unterkunft bieten.

Viridiana benötigt zunächst etwas Zeit, um in die Gänge zu kommen. Die Annäherungsversuche Don Jaimes erinnern dabei frappierend an jene des Don Lope aus dem knapp zwanzig Jahre später entstandenen Tristana, was nicht zuletzt daran liegt, dass beide Figuren von Fernando Rey verkörpert werden. Der erste Teil des Films wirkt insgesamt noch vergleichsweise konventionell, bevor Buñuel die Handlung nach und nach in für ihn typische provokante Bahnen lenkt.

Die zweite Hälfte des Films erweist sich dabei als deutlich unterhaltsamer. Insbesondere die Verballhornung des christlichen Abendmahls durch die ausufernden Ausschweifungen der Bettler zählt zu den Höhepunkten des Films. Gegen Ende läuft die Situation schließlich völlig aus dem Ruder. Während Viridiana und Jorge abwesend sind, übernehmen die Bettler das Kommando, plündern das Anwesen und feiern eine exzessive Party. Viridiana selbst entgeht nach ihrer Rückkehr nur knapp einer Vergewaltigung. 

Buñuel führt hier eindrucksvoll die Naivität seiner Hauptfigur vor Augen. Viridiana glaubt, mit christlicher Nächstenliebe und Selbstlosigkeit das Leben ihrer Schützlinge verbessern zu können. Die Bettler erweisen sich jedoch keineswegs als moralisch überlegene Opfer der Gesellschaft, sondern zeigen dieselben Schwächen, Laster und egoistischen Verhaltensweisen wie die Angehörigen der Oberschicht. Buñuel demontiert damit gleichermaßen bürgerliche Moralvorstellungen wie romantische Vorstellungen von Armen und Benachteiligten.

Alles in allem handelt es sich sicherlich um einen deutlich zugänglicheren Film als viele von Buñuels spätere Werke. Diese sind mir persönlich dennoch lieber. Den Aufruhr, den Viridiana seinerzeit verursachte und der sogar zu einem Verbot in Spanien sowie heftigen Protesten seitens des Vatikans führte, kann man heute allerdings nur noch bedingt nachvollziehen. Die provokanten Spitzen gegen Religion und gesellschaftliche Konventionen wirken aus heutiger Sicht vergleichsweise harmlos. Als scharfsinnige Satire auf christliche Wohltätigkeit und menschliche Heuchelei funktioniert der Film aber auch heute noch.

03 Oktober 2026

CET OBSCUR OBJET DU DÉSIR (Luis Buñuel, 1977)

Buñuels letzter Film stellt den alten, wohlhabenden Geschäftsmann Mathieu in den Mittelpunkt der Erzählung, der sich Hals über Kopf in sein 18-jähriges Hausmädchen Conchita verliebt. Dieses weist seine Liebe einerseits zurück, gibt ihm andererseits aber immer wieder das Gefühl, seine Gefühle zu erwidern. Dies schickt Mathieu auf eine emotionale Achterbahnfahrt, die im Verlauf der Handlung immer extremere Züge annimmt. 

Grundlage ist ein mir bislang unbekannter Roman, der bereits mehrfach verfilmt wurde und dem spanischen Regisseur einmal mehr die ideale Gelegenheit bietet, sich über das gehobene Bürgertum und die von ihm häufig thematisierte Vorliebe älterer Männer für junge Frauen lustig zu machen. Der interessanteste Aspekt des Films ist dabei zweifellos die Tatsache, dass Buñuel die Rolle der Conchita von zwei völlig unterschiedlichen Darstellerinnen verkörpern lässt: von der eher verschlossenen, zurückhaltenden und groß gewachsenen Französin Carole Bouquet sowie der temperamentvollen, kleinen, deutlich freizügiger auftretenden Spanierin Ángela Molina. Zwei Frauentypen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten.

Beide Figuren werden jedoch im französisch-spanischen Original von derselben Synchronsprecherin gesprochen (Molina sprach kein französisch und musste daher synchronisiert werden), sodass sie trotz aller optischen Unterschiede dieselbe Stimme besitzen. Auch ihr Kleindungsstil unterscheidet sich deutlich. Während Bouquet meist dezent und hochgeschlossen auftritt, gibt sich Molina wesentlich freizügiger. Die anderen Figuren im Film reagieren in keiner Weise auf den Wechsel der Schauspielerinnen und sehen ganz offensichtlich beide als diesselbe Person an.  

Man könnte erwarten, dass Buñuel die beiden Darstellerinnen nutzt, um konsequent die unterschiedlichen Seiten Conchitas zu repräsentieren: die Mathieu zugewandte Frau, die ihm Hoffnung macht, einerseits, und diejenige, die ihn zurückweist und provoziert, andererseits. Dies ist jedoch nicht der Fall. Vielmehr wechseln die Darstellerinnen mitunter mitten in einer Szene. Durch diese Vorgehensweise verweigert der spanische Regisseur dem Zuschauer eine eindeutige Interpretation und unterstreicht einen zentralen Gedanken des Films: Das Objekt von Mathieus Begierde ist eben nicht klar umrissen und eindeutig greifbar, sondern bleibt verschwommen, widersprüchlich und letztlich unnahbar, wie es bereits der Filmtitel andeutet.  

Zwischendurch finden sich immer wieder die für Buñuel so typischen surrealen Momente. So erklärt der Besitzer der Bar, in der Conchita zuvor gearbeitet hat, bei einem Besuch unmissverständlich, dass sie in seinem Haus unerwünscht sei, nur um sie bei ihrer nächsten Ankunft freundlich zu begrüßen und ihr ein Glas Champagner anzubieten. In beiden Szenen wird Conchita von Bouquet dargestellt. 

Wie so oft bei Buñuel bleiben am Ende zahlreiche Fragen offen. Welche Bedeutung die immer wieder auftretenden Terroranschläge linker Gruppierungen besitzen bleibt ebenso unklar wie die Frage, wie es mit der Beziehung zwischen Mathieu und Conchita weitergeht beziehungsweise ob beide die Bombenexplosion am Ende, die sich in ihrer unmittelbaren Nähe ereignet, überhaupt überleben.

Ein wieder einmal höchst unterhaltsamer und gleichermaßen rätselhafter Film des spanischen Meisterregisseurs, der sich wunderbar in sein Gesamtwerk einfügt und es auf perfekte Weise abrundet.

22 September 2026

SIMÓN DEL DESIERTO, Luis Buñuel 1965)

Simón del Desierto basiert auf der historischen Figur des Symeon Stylites, der der Überlieferung zufolge mehr als dreißig Jahre lang asketisch auf einer Säule lebte, um Gott näherzukommen, und bereits zu Lebzeiten als Heiliger verehrt wurde. Mit einer Laufzeit von lediglich 45 Minuten gehört der Film zu den kürzeren Werken Buñuels. Buñuel schreibt dazu in seiner Biographie, dass dem Produzenten das Geld ausgegangen sei und er deswegen mehrere Szenen, die er geplant hatte, nicht mehr drehen konnte. 

Die Tatsache, dass Simón während nahezu der gesamten Handlung auf seiner Säule verharrt, gibt die Struktur des Films weitgehend vor. Im Laufe der Zeit suchen ihn die unterschiedlichsten Menschen auf. Sie bitten um Hilfe, erhoffen sich Wunder, verspotten ihn, verehren ihn oder versuchen, ihn vom Weg der Askese abzubringen. Aus diesen Begegnungen entwickelt Buñuel eine Reihe kleiner Episoden, die oftmals sehr komisch, mindestens aber stets unterhaltsam sind. Gleichzeitig zeigen sie seine unverkennbare Freude daran, religiösen Fanatismus, Leichtgläubigkeit und Doppelmoral bloßzustellen. 

Der eigentliche Bruch erfolgt kurz vor dem Ende. Nachdem der Satan, verkörpert von der verführerischen und zumeist barbusigen Silvia Pinal, bereits mehrfach erfolglos versucht hatte, Simón in Versuchung zu führen, gelingt ihm/ihr dies schließlich doch. Plötzlich findet sich der Säulenheilige nicht mehr in der Wüste, sondern in einem New Yorker Nachtclub der Gegenwart wieder, also der 1960er Jahre. Dort tanzt die Jugend ausgelassen und hemmungslos zu moderner Musik. Dieser radikale Zeitsprung wirkt ebenso überraschend wie surreal und zählt zu den denkwürdigsten Schlusssequenzen in Buñuels Filmografie.

Simón del Desierto ist mit seinen surrealen Szenen, satirischen Spitzen und bewusst eingesetzten Anachronismen eine deutlich subtilere Religionskritik als The Life of Brian. Während die Monty Python-Komödie ihren Spott offen und direkt formuliert, arbeitet Buñuel wesentlich feiner und hintergründiger. Nicht zuletzt aufgrund der kurzen Spielzeit eine äußerst kurzweilige Angelegenheit.

20 September 2026

BELLE DE JOUR (Luis Buñuel, 1967)

Die Sichtung von Belle de Jour zeigte mir wieder einmal, dass man für Buñuels Filme eine gewisse Reife mitbringen sollte. Ich hatte den Film vor etwa zwanzig Jahren im Fernsehen gesehen und konnte ihn seinerzeit überhaupt nicht einordnen. Séverines Verhalten erschien mir damals wenig schlüssig, und ich weiß noch, dass ich mich über weite Strecken ziemlich langweilte.

Nach der erneuten Sichtung gestern war ich hingegen völlig fasziniert. Während ich früher vor allem die Handlung wahrnahm und vergeblich nach einer nachvollziehbaren Motivation für die Hauptfigur suchte, erschlossen sich mir diesmal die Themen und Zwischentöne des Films wesentlich besser. Buñuel interessiert sich weniger für psychologische Erklärungen als für Begierden, Fantasien und gesellschaftliche Zwänge.

Eine zentrale Rolle spielen dabei Rollenspiele und die sadomasochistische Fantasien Séverines, die Buñuel jedoch nie sensationsheischend oder voyeuristisch ausstellt. Vielmehr nutzt er sie, um die innere Zerrissenheit seiner Protagonistin sichtbar zu machen: Als Kind missbraucht - nur in einer ganz kurzen Szene angedeutet - liebt sie ihren Mann aufrichtig, ist aber zu Sex mit ihm nicht in der Lage. Stattdessen verdingt sie sich als Prostituierte und lebt ihre Phantasien auf diese Weise und auch in ihren bizarren Träumen aus. Die Grenzen zwischen Wunschvorstellung und Realität verschwimmen dabei zunehmend, sodass der Zuschauer nie ganz sicher sein kann, was tatsächlich geschieht und was lediglich Séverines Fantasie entspringt. 

Das Thema als solches ist ohnehin zeitlos. Der Konflikt zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und verdrängten Sehnsüchten dürfte heute kaum weniger aktuell sein als zur Entstehungszeit des Films. Gerade deshalb hat Belle de Jour auch nach mehreren Jahrzehnten nichts von seiner Faszination verloren.  

Bei der Besetzung der Titelrolle ist Buñuel ein echter Glücksgriff gelungen. Catherine Deneuve besitzt jene kühle, distanzierte Ausstrahlung, die perfekt zu der verschlossenen und schwer greifbaren Séverine passt. Hinter ihrer makellosen Fassade lässt sie zugleich stets eine gewisse Verletzlichkeit erkennen. Es fällt schwer, sich eine andere Schauspielerin in dieser Rolle vorzustellen.

Auch inszenatorisch befindet sich Buñuel hier auf der Höhe seines Könnens. Mit bemerkenswerter Leichtigkeit verbindet er Gesellschaftssatire, psychologisches Drama und surrealistische Elemente zu einem faszinierenden Ganzen und schafft es dabei noch, einen ebenso rätselhaften wie verstörenden Schlusspunkt zu setzen. 

Einer der besten Filme des Spaniers, der hier übrigens einen kurzen Cameo-Auftritt als Gast in einem Café absolviert.