19 Oktober 2026

MEAN STRETS (Martin Scorsese, 1973)

Honorable men go with honorable men.

Mean Streets habe ich mittlerweile zum zweiten Mal gesehen. Auch wenn er mir diesmal etwas besser gefallen hat als bei der Erstsichtung, weist er doch eine Reihe von Schwächen auf, die man von Scorseses späteren Filmen nicht kennt. In erster Linie mangelt es dem Film an einem ausgereiften Drehbuch. Über weite Strecken besteht die Handlung aus lose aneinandergereihten Episoden, die erst relativ spät Fahrt aufnehmen und echte Spannung entwickeln.

Robert De Niro spielt hier den jungen Rebellen und Heißsporn Johnny, eine Rolle, die sich in ähnlicher Form den Filmen des New Yorker Regisseurs relativ häufig wiederfindet, dann aber meist mit Joe Pesci besetzt ist. Doch Johnny ist anders: Arbeiten hält er für überflüssig, Geld leiht er sich bei jedem, der nicht rechtzeitig das Weite sucht, und an eine Rückzahlung verschwendet er keinen Gedanken. Der Konflikt mit seinem Gläubiger Michael spitzt sich im Verlauf der Handlung immer weiter zu und steuert zwangsläufig auf eine Eskalation zu.

Sowohl die Handlung als auch viele Dialoge wirken häufig improvisiert und selten durchdacht, was kaum überrascht, da Scorsese zahlreiche eigene Erlebnisse und Beobachtungen in den Film einfließen ließ. Gerade die erste Hälfte zieht sich dadurch stellenweise etwas zäh dahin und mäandert oftmals scheinbar ziellos umher. Andererseits verleiht genau dies dem Film eine große Authentizität. Man hat zu jeder Zeit das Gefühl, echten Menschen bei ihrem Alltag zuzusehen und nicht Filmfiguren, die einem klassischen Handlungsbogen folgen müssen. Zusammen mit der Vielzahl zeitgenössischer Musikstücke entsteht so ein äußerst lebendiges und glaubwürdiges Bild des italienisch geprägten New Yorker Milieus der frühen 1970er Jahre. Was auch immer man Mean Streets vorwerfen mag, in Bezug auf Atmosphäre, Zeitkolorit und die Schilderung des Kleinganovenmilieus überzeugt der Film auf ganzer Linie. 

Dennoch würde ich ihn innerhalb von Scorseses Filmografie eher im unteren Drittel ansiedeln. Gut und durchaus unterhaltsam, aber noch weit entfernt von jener erzählerischen Präzision und Souveränität, die seine späteren Meisterwerke auszeichnen sollten. 

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