01 November 2026

LE FANTÔME DE LA LIBERTÉ (Luis Buñuel, 1974)

Ein vollkommen verrückter Film des spanischen Meisterregisseurs, der quasi die Quintessenz seines kompletten Schaffens bildet und ursprünglich auch als Schlusspunkt seines Werks vorgesehen war, bevor er sich dann einige Jahre später glücklicherweise überreden ließ, noch den wunderbaren Cet obscur objet du désir folgen zulassen.

Le Fantôme de la liberté hat weder ausgearbeitete Charaktere, noch eine zusammenhängende Handlung oder eine klare Struktur. Buñuel reiht eine Vielzahl surrealer Szenen aneinander, die in keinem Zusammenhang miteinander stehen. Dabei fängt er nach dem völlig abstrusen Beginn im Jahr 1808 vergleichsweise harmlos an, um sich dann im Laufe des Films in immer absurdere Episoden hineinzusteigern. Verbunden werden die einzelnen Sequenzen auf ebenso einfache wie geniale Weise, indem die handelnde Figur einer Szene auf eine weitere Person trifft, die dann wiederum zur Hauptperson in der nächsten Episode wird. 

Dieses Spiel wiederholt sich mehr als zwanzig Mal, was zur Folge hat, dass man im Laufe des Films auf eine Vielzahl von Personen trifft. Die überwiegend ganz normalen Alltagssituationen werden dabei durch surreale Elemente verfremdet, beispielsweise wenn ein Mann in einem Hotel eine Gruppe dort ebenfalls residierender Mönche auf sein Zimmer einlädt. Während die Mönche dort Wein trinken, ziehen sich der Mann und seine Angestellte, die ebenfalls in dem Zimmer wohnt, im Bad um. Anschließend lässt der Mann sein nacktes Hinterteil von der Frau, die inzwischen Domina-Kleidung trägt, vor den Augen der Mönche auspeitschen.

Eine der gelungensten Sequenzen ist die Suche nach dem angeblich verschwundenen kleinen Mädchen. Während die Eltern und die Klassenlehrerin sich über das Verschwinden unterhalten, ist das Mädchen die ganze Zeit anwesend. Anschließend suchen die Eltern sogar mit dem Mädchen gemeinsam das Polizeirevier auf, um eine Vermisstenanzeige zu stellen. Der aufnehmende Komissar erstellt eine detailiierte Beschreibung des vermissten Mädchens, indem er es aufmerksam betrachtet, während das Mädchen direkt vor ihm steht.

Buñuel und sein langjähriger Drehbuchschreiber Jean-Claude Carrière bieten eine solche Fülle verrückter Einfälle auf, dass man aus dem Staunen gar nicht mehr herauskommt. Und je länger der Film dauert, umso komischer und absurder werden die Situationen. Leider ist der Spaß nach 103 Minuten schon vorbei. Das Bild eines Straußenkopfes, begleitet von Schüssen aus dem Off, setzt den Schlusspunkt unter ein Werk, bei dem man sich wünscht, das Ganze wäre in dieser Art noch zwei Stunden länger gegangen.

Ein ganz wunderbarer Film des Spaniers, der einen der Höhepunkte seiner Arbeiten markiert und sein gesamtes Schaffen ebenso pointiert wie unterhaltsam zusammenfasst.