It's too bad she won't live! But then again, who does?
Die erneute Sichtung des Final Cut in meinem neu eingerichteten Heimkino in 4K war eine Offenbarung. Von der ersten Einstellung bis zum Ende des Abspanns entfaltet sich ein audiovisuelles Erlebnis, das selbst nach Jahrzehnten nichts von seiner Wucht verloren hat.
Die Geschichte selbst, die auf Philip K. Dicks Roman "Do Androids dream of electric Sheep" basiert, ist für sich alleine schon höchst bemerkenswert: tiefgründig, philosophisch, durchzogen von Fragen nach Identität, Bewusstsein und Moral. Was unterscheidet den Menschen von der Maschine? Wo beginnt Empathie, wo endet sie? Und das Zusammenspiel aus Film-noir‑Anleihen, dem düsteren, von riesigen Reklametafeln notdürftig erhellten Moloch Los Angeles und dem unvergleichlichen Score von Vangelis erhebt Blade Runner endgültig in den Film-Olymp. Die Sets sind sensationell, der Look stilbildend und nicht zuletzt wegweisend für das Genre des Cyberpunk.
Interessant ist vor allem auch die Figuren-Konstellation. Deckard, der gegen seinen Willen aus dem Ruhestand geholt und gezwungen wird, Replikanten zu jagen, führt diesen Auftrag nur widerwillig aus und verliebt sich dabei in die Replikatin Rachael, die zunächst nichts von ihrer genetischen Herkunft weiß. Eine zentrale Rolle im Film spielt die Fähigkeit zur Empathie, eigentlich ein Unterscheidungsmerkmal zwischen Mensch und Replikant, das mittels des Voight-Kampff-Tests herausgearbeitet werden kann. Und doch sind die Replikanten alles andere als gefühlslos, wie u. a. die Szene nahelegt, in der Roy die tote Pris zärtlich auf den Mund küsst oder auch Roys Entscheidung, Deckard das Leben zu retten, wobei man dies wiederum auch als weiteres Indiz dafür werten könnte, dass Deckard tatsächlich ein Replikant ist - und Roy dies weiß.
Die Welt, in der die Handlung angesiedelt ist, ist abstoßend und faszinierend zugleich. Es wird nie richtig hell; die Sonne ist nur einmal kurz vom Tyrell-Gebäude aus zu sehen, ansonsten vom allgegenwärtigen Smog verschluckt. Ständiger Regen, überfüllte Straßen, ein Schmelztiegel aus Sprachen und Kulturen - bevölkert von jenen, die nicht das Glück hatten, auf eine der Off-World-Kolonien auswandern zu können. Die Erde wirkt ausgelaugt und verbraucht. Echte Tiere sind selten und teuer geworden; stattdessen halten sich die Menschen künstliche Ersatzwesen - ein weiterer Hinweis darauf, wie sehr die Grenze zwischen Natur und Konstruktion verschwimmt.
Bemerkenswert ist auch der Aufwand, mit dem diese Welt erschaffen wurde. Die Vielzahl an Details - leuchtende Regenschirme, sprechende Ampeln, überdimensionierte Werbehologramme - lässt sich bei der ersten Sichtung kaum erfassen. Blade Runner ist ein Film, der zum erneuten Hinsehen einlädt. Bei jeder Sichtung entdeckt man neue Facetten, kleine visuelle Ideen, subtile Hinweise auf den kulturellen und ökologischen Verfall.
Blade Runner ist ganz ohne Zweifel einer der innovativsten, originellsten und einflussreichsten Filme seines Jahrhunderts. Visionär, einzigartig und seiner Zeit um Jahrzehnte voraus, hat er Entwicklungen vorweggenommen, die heute selbstverständlich erscheinen: Überwachung, künstliche Intelligenz, ökologische Zerstörung, urbane Überbevölkerung.
Blade Runner ist kein Film, den man sich einfach nur anschaut. Er ist ein Film, den man erlebt, in dem man versinkt. Ein Werk, das mit jeder Sichtung wächst, das sich jeder Rangliste entzieht und das mich auch nach Jahrzehnten noch staunen lässt.
Ein düsteres, melancholisches Meisterwerk, das mich immer wieder daran erinnert, warum ich Filme liebe.
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