Donnerstag, 11. Dezember 2025

POOR THINGS (Giorgos Lanthimos, 2023)

Why keep it in my mouth if it is revolting?

Eine ebenso originelle wie witzige Frankenstein-Variante um die nach ihrem Suizid wiederbelebte Bella, die von dem brillanten Chirurgen Godwin Baxter mit dem Hirn ihre ungeborenen Babys ausgestattet wurde. Lanthimos macht daraus einen optisch bisweilen stark an Tim Burton erinnernden Selbstfindungstrip der zu Beginn der Handlung auf dem geistigen Niveau eines Säuglings befindlichen Bella, nachdem es ihr gelungen ist, aus ihrer Gefangenschaft auszubrechen und das Anwesen Baxters zu verlassen, das Lanthimos wie eine Märchenwelt gestaltet hat und von bizarren Kreaturen bewohnt wird. Im Laufe ihrer Reise trifft sie auf verschiedene Männer, die alle auf die ein oder andere Weise von ihr Besitz ergreifen und sie wieder einsperren wollen. Ihre Freiheit findet sie, indem sie sich in einem Pariser Bordell prostituiert, was ihr die Möglichkeit gibt, ihre starken sexuellen Begierden auszuleben und dafür auch noch Geld zu kassieren.

Die (aus Bellas Sicht) triste Welt des Baxter-Anwesens stellt Lanthimos in Schwarzweiß-Bildern dar, während die große unbekannte Welt in knallig bunten Farben erstrahlt. Dabei kommen wieder viele optische Spielereien zum Einsatz wie die häufige Nutzung des Fischaugen-Objekts oder stark eingeschränkte Blickwinkel. Dies wirkt selbstzweckhaft und hat in den wenigsten Fällen einen Bezug zur Handlung, sondern scheint in in erster Linie dem Bemühen geschuldet, einen eigenständigen Stil zu kreieren. Dies äußerst sich auch in der Wahl des europäischen Widescreen-Bildformats von 1,66:1, das heutzutage kaum noch Verwendung findet.

Neben allem Humor ist Poor Things zutiefst femministisch und gleichzeitig eine Absage an zweifelhafte Traditionen und aus Sicht eines Kleinkindes nicht nachvollziehbarer Benimm- und Anstandsregeln. Sämtliche Männer, die Emma im Laufe ihrer Reise trifft, wollen entweder Sex mit ihr oder streben danach sie zu besitzen. Die einzig rühmliche Ausnahme bildet Godwins Schüler Max McCandles, der aufrichtige Gefühle für Emma empfindet und sie heiraten möchte. Am Ende lernt sie das personifizierte Böse in Person des Generals Alfred Blessington kennen und erfährt schließlich auch den Grund für ihren Selbstmord.

Darstellerisch kann neben Emma Stone (Oscar-prämiert) in der Hauptrolle vor allem Willem Dafoe als Emmas Schöpfer überzeugen. Sein äußerlich entstellter, mit einem brillanten Geist ausgestatteter Godwin Baxter ist ein faszinierender Charakter mit unbändiger schöpferischer Kraft, der gottgleich über Leben und Tod entscheidet, dabei aber unverkennbar starke Vatergefühle für die Krone seiner Schöpfung, Bella, hegt. Lobenswert auch unbedingt die tolle Kamera-Arbeit des Iren Robbie Ryan, die die Handlung in opulenten, farbenprächtigen Bildern erstrahlen lässt und von dem eingewilligen Score von Jerskin Fendrix treffend untermalt wird, mit dem Lanthimos hier erstmals zusammenarbeitete.

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