Freitag, 3. April 2026

WUTHERING HEIGHTS (Emerald Fennell, 2026)

Don't ever be sorry for me!

Fennells Umsetzung des berühmten Romans konzentriert sich fast ausschließlich auf die Beziehung zwischen Heathcliff und Catherine und lässt große Teile der literarischen Vorlage außen vor. Das Ergebnis ist ein kurzweiliges und unterhaltsames Filmchen, das jedoch kaum in der Lage ist, einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen.

Was ich an Fennells bisherigen Filmen schätze - ihren ausgeprägten Sinn für makabren Humor - zeigt sich auch hier gleich zu Beginn. Die Eröffnungsszene, in der der Zuschauer mit abgedunkeltem Bild und stöhnenden Geräuschen konfrontiert wird, suggeriert zunächst ausschweifende sexuelle Aktivitäten, entpuppt sich dann aber als Todeskampf eines Gehängten. Dieser Tonfall zieht sich durch den gesamten Film und trägt wesentlich zu seinem Unterhaltungswert bei, auch wenn er dramaturgisch nicht immer treffsicher eingesetzt wird.

Auf darstellerischer Ebene werden keine Großtaten vollbracht. Margot Robbie spielt solide und sieht wie gewohnt toll aus, doch Jacob Elordi mangelt es spürbar an Ausstrahlung und Charisma. Sein spröder, leicht gelangweilter Ausdruck, der in Saltburn noch hervorragend zu seiner Figur passte, wirkt hier eher deplatziert. Hong Chau hingegen ist toll, und auch Alison Oliver kann überzeugen. Ein echtes Highlight sind die knallbunten, sorgfältig komponierten Bilder des schwedischen Kameramanns Linus Sandgren, die Wuthering Heights zu einem visuell ausgesprochen reizvollen Film machen. Manchmal hat man sogar das Gefühl, dass die Kamera mehr zu erzählen weiß als das Drehbuch.

Unter dem Strich ein weiterer gelungener Film der britischen Jung-Regisseurin, bei der es lohnenswert erscheint, sie auch künftig im Auge zu behalten. 

Freitag, 20. März 2026

THE KILLING OF A SACRED DEER (Yorgos Lanthimos, 2017)

I don’t know if what is happening is fair, but it’s the only thing I can think of that’s close to justice.

The Killing of a sacred Deer ist für Lanthimos-Verhältnisse ein vergleichsweise straighter Film, der sich über weite Strecken fast wie ein konventioneller Horrorfilm anfühlt, wobei die Kälte und Präzision seiner Inszenierung jede Szene mit einer schwer zu greifenden Beklemmung aufladen. Die vielfach eingesetzten Weitwinkel-Aufnahmen erzeugen gleichzeitig eine klinische Nüchternheit und Distanz, die perfekt die moralische Ausweglosigkeit des Protagonisten unterstreicht.

Lanthimos erzählt eine Geschichte um Schuld und Sühne und legt dabei ein derart archaisches Verständnis an den Tag, dass ich mich phasenweise an die Werke Kim Ki-duks erinnert fühlte. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Barry Keoghan, der mich bereits bei Saltburn tief beeindruckt hatte, spielt die Figur des Martin verletztlich und bedrohlich zugleich und personifiziert den Racheengel auf ideale Art und Weise. Die Szene mit Nicole Kidman, in der er die Spaghetti isst, zählt zu den eindringlichsten des Films und erlaubt einen tiefen Einblick in sein von Rache und Verlustschmerz geprägtes Seelenleben.

The Killing of a sacred Deer ist sehr spannend, aber auch schwer auszuhalten und wahrlich nichts für Zartbesaitete. Man mag sich gar nicht erst in Stevens ausweglose Situation versetzen, in der er nur alles falsch machen kann, egal was er tut. Seine Versuche, anhand objektiver Kriterien seine Auswahl zu treffen - wunderbar auf den Punkt gebracht in dem Gespräch mit dem Lehrer - sind zum Scheitern verurteilt und schmerzhaft anzusehen. Dies mündet letztlich in einer besonders fiesen Variante des Russisches Roulette, wobei schon vorher feststeht, dass er in jedem Fall verlieren wird. Ein faszinierender Film, mitreißend und abstoßend zugleich.

Donnerstag, 19. März 2026

THE LOBSTER (Yorgos Lanthimos, 2015)

I always swallow after fellatio and I've got absolutely no problem with anal sex.

The Lobster war nach drei Filmen in griechischer Sprache und mit griechischen Darstellern Lanthimos erste internationale Produktion mit vorwiegend britischen/irischen Schauspielern, wobei Angeliki Papoulia, die Hauptdarstellerin der beiden Vorgängerfilme, hier auch wieder in einer wunderbar überzeichneten Rolle dabei ist. Gedreht wurde in Irland in englischer Sprache. Dieser Schritt trug letztlich dazu bei, Lanthimos' Filme einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Seinem Stil blieb er dabei treu. The Lobster ist eine bitterböse Groteske, die - ähnlich wie der einige Jahre später entstandene Poor Things - gängige gesellschaftliche Normen entlarvt und durch gezielte Zuspitzung ad absurdum führt.

Die Story ist ebenso originell wie bizarr: In einer dystopischen Zukunft werden Singles in ein Hotel gebracht, wo sie innerhalb von 45 Tagen einen Partner finden müssen. Gelingt dies nicht, werden sie in ein Tier ihrer Wahl verwandelt. Zusätzliche Zeit können sie sich dadurch erkaufen, dass sie bei den regelmäßig veranstalteten Jagden in den umliegenden Wald geflohene Singles mit einem Betäubungsgewehr außer Gefecht setzen. Für jeden "erlegten" Single gibt es einen Extra-Tag.

Lanthimos nutzt diese Ausgangslage weniger dafür, eine düstere Zukunftsvision zu entwerfen (die The Lobster natürlich auch ist), sondern in erster Linie, um vertraute Verhaltensmuster zu karikieren. Die Regeln des Hotels sind absurd, folgen aber einer Logik, die man aus dem Alltag kennt: Partnerschaft als gesellschaftliche Pflicht, eine Gemeinsamkeit als Grundlage für die Beziehung, ein Kind als Rettungsanker. Die Flüchtlinge im Wald verkehren diese Regeln ins Gegenteil und sind dabei keinen Deut besser als das System, das sie kritisieren. Ihre Regeln sind mindestens genauso streng, die Strafen für Verstöße ebenso drastisch. Einige dieser Regeln porträtieren die heutzutage gerne angeführten Vorteile des Single-Daseins, die in der von Lanthimos dargestellten Überspitzung genauso lächerlich sind, wobei das im Film thematisierte Verbot von Zärtlichkeiten unter den Singles im realen Leben natürlich nicht dazu gehört. Aber der Rest passt. Der Protagonist David bricht dabei gleich alle Regeln: nach seiner Flucht in den Wald verliebt er sich in eine kurzsichtige Frau, die seine Liebe erwidert und für dieses Vergehen auf brutalste Weise von der Anführerin der Flüchtlinge bestraft wird. Um ihre Liebe zu retten und wieder eine Gemeinsamkeit zu haben - die nach den Regeln beider Systeme unabdingbar für eine stabile Beziehung zu sein scheint - entschließt er sich zu einem drastischen Schritt, wobei Lanthimos am Ende offen lässt, ob David dies tatsächlich vollzieht.

The Lobster ist trotz allem kein Film, der schlechte Stimmung macht oder deprimiert. Dafür ist er in seiner beißenden Gesellschaftskritik einfach zu überdreht und komisch. In jedem Fall aber ein Film, der - wie praktisch alle Filme des Griechen - den Zuschauer auch nach dem Abspann noch eine Weile beschäftigt.

Montag, 16. März 2026

ALPEIS (Yorgos Lanthimos, 2011)

Ein weiterer höchst bizarrer Film des Griechen, der wie ein Gegenentwurf zu Kynodontas wirkt und dabei doch völlig anders ist. Eine Gruppe bestehend aus zwei Frauen und zwei Männern bieten Familienangehörigen kürzlich Verstorbener an, gegen Bezahlung in die Rolle der Verstorbenen zu schlüpfen und sie damit bei der Trauerbewältigung zu unterstützen. Der Anführer der Gruppe, der hauptberuflich als Rettungssanitäter tätig ist, hat klare Regeln aufgestellt, an die sich alle zu halten haben. Dazu gehört neben der Verwendung von Decknamen der Grundsatz, keine sexuellen Beziehungen mit den "Klienten" einzugehen. Wenig überraschend wird diese Regel schon bald gebrochen. Auch darüber hinaus kommen die ersten Zersetzungstendenzen auf, die sich im weiteren Verlauf zunehmend manifestieren. Dabei steht eine Krankenschwester im Mittelpunkt, die körperliche Nähe und Zuneigung sucht und darüber hinaus unter einer starken Persönlichkeitsstörung leidet. 
 
Auch hier wieder harter Stoff von Lanthimos. Der Film kommt etwas schwer in die Gänge - erklärt wird natürlich wieder nur das Nötigste - wird aber mit zunehmender Dauer merklich intensiver. Je weiter der Film voranschreitet, desto stärker verschiebt sich der Fokus von der Gruppendynamik hin zur inneren Erosion der Krankenschwester, deren Bedürfnis nach Nähe in einem System aus Regeln und Rollenspielen zwangsläufig scheitern muss. Die Kamera bleibt dabei distanziert und beobachtend, was eine beklemmende Atmosphäre erzeugt, ähnlich wie beim Vorgänger.

Im letzten Drittel lösen sich die Grenzen zwischen Rolle und Realität vollends auf. Die Krankenschwester steigert sich immer mehr in die Identitäten der Verstorbenen hinein bis zu dem Punkt, an dem diese mit ihrer eigenen Persönlichkeit verschmelzen und letztere fast gar nicht mehr wahrnehmbar ist. Am Ende ist die Protagonistin im emotionalen Niemandsland angekommen, aus dem es kein Zurück mehr gibt.


Samstag, 14. März 2026

KYNODONTAS (Yorgos Lanthimos, 2009)

Ein zutiefst verstörender Film über einen Vater, der seine drei erwachsenen, namenlosen Kinder - ein Sohn und zwei Töchter - auf einem abgeschotteten Grundstück in der Nähe des Flughafens, in dem er arbeitet, gefangen hält. Seine Frau und Mutter der Kinder ist die Komplizin, die das böse Spiel konsequent mitspielt. Um ihren Nachwuchs vor den schlechten Einflüssen der Außenwelt zu schützen, haben die beiden eine Welt erschaffen ohne moderne Technik, mit absurden Regeln, einem merkwürdigen Belohnungssystem und emotionaler Isolation. Der Vergleich mit Shyamalans The Village drängt sich geradezu auf. Auch wenn das alles im Detail nicht immer logisch ist, fällt dies kaum ins Gewicht. Die innere Konsistenz dieser abgeschlossenen kleinen Welt ergibt sich weniger aus rationalen Zusammenhängen als aus der Konsequenz, mit der Lanthimos das durchzieht.

Die Darsteller bewegen sich durch diese Szenerie mit einer gewissen Hölzernheit, die vermutlich zum Konzept gehört, und wirken dabei wie Marionetten, ihre Dialoge wie auswendig gelernte Phrasen, denen jede natürliche Regung abtrainiert wurde. Auch sexuelle Bedürfnisse scheinen sie kaum zu verspüren, wobei der Vater interessanterweise für seinen Sohn eine Sexpartnerin in Person einer Kollegin organisiert hat, die er regelmäßig für ihre Dienste an seinem Sohn bezahlt. Diese wiederum nutzt die Naivität der älteren Tochter aus, indem sie sich von ihr oral befriedigen lässt.

Mit fortschreitender Laufzeit zieht Lanthimos die Schraube langsam, aber unerbittlich an. Besonders schockierend sind die immer wieder völlig unvermittelt auftretenden Gewaltausbrüche, die ohne Vorankündigung über den Zuschauer hereinbrechen. Die Dramaturgie spitzt sich in dem Moment merklich zu, in dem die ältere Tochter heimlich die beiden Videokassetten mit den Kinofilmen Rocky und Jaws sieht und dadurch merkt, dass es noch eine andere Welt gibt als die von ihrem Vater geschaffene. Die logische Konsequenz: die Flucht aus dieser künstlichen Welt, die ihr Gefängnis ist.

Kynodontas ist kein schöner Film. Kein Film, dessen Sichtung man genießt und an dem man sich erfreut. Es ist ein Film, den man aushält, beobachtet und verarbeitet. Lanthimos zeigte hier zum ersten Mal, über welch immensen Fähigkeiten er als Filmemacher verfügt und setzte ein Statement, das nach dem Abspann noch lange nachhallt.

Donnerstag, 12. März 2026

KINETTA (Yorgos Lanthimos, 2005)

In jüngster Zeit habe ich die Arbeiten des griechischen Regisseurs Yorgos Lanthimos zu schätzen gelernt und so sah ich auch der Sichtung seines zweiten Spielfilms Kinetta mit Vorfreude entgegen. Leider ist der in hohem Maße experimentelle Film eine ziemliche Enttäuschung. Die Schwächen liegen dabei nicht nur im formalen Bereich. Die oft unerträglich wackelnde Handkamera macht insbesondere die ersten Minuten zu einer regelrechten Tortur und die zahlreichen Nahaufnahmen, bei denen die Kamera wiederholt sekundenlang den Fokus sucht, stellen eine ähnlich große Herausforderung dar. Dies wirkt schlichtweg dilettantisch. Gesprochen wird fast nichts. 

Auf der inhaltlichen Ebene werden die Leben dreier Menschen beleuchtet, die außerhalb der Saison im namensgebenden Ferienort leben: ein Polizist - ob es sich tatsächlich um einen solchen handelt, wird nicht ganz klar - mit einer Vorliebe für üppige russische Frauen und BMWs, ein Fotograf, der in einem Fotogeschäft arbeitet, und ein Zimmermädchen. Die drei treffen sich mehr oder weniger regelmäßig, um Mordfälle nachzustellen. Warum sie das tun, in welcher Beziehung sie zueinander stehen und welche Motivation sie jeweils antreibt, überlässt Lanthimos der Fantasie des Zuschauers. Am offensichtlichsten ist das Motiv noch beim Polizisten. Der Fotograf hat anscheinend ein Faible für bizarre Motive und Situationen, gut zu erkennen auch daran, dass er nach dem Selbstmordversuch des Zimmermädchens zuerst dessen leblos da liegenden Körper fotografiert, bevor er ihm hilft. Die bizarre Eröffnungssequenz lässt sich eventuell so deuten, dass der Auslöser für diese Faszination möglicherweise der Unfalltod eines nahen Angehörigen war. Beim Zimmermädchen wiederum macht sich nicht nur ein allgemeiner Lebensüberdruss bemerkbar, sondern auch eine Vorliebe dafür, gedemütigt zu werden und körperlicher Gewalt ausgesetzt zu sein. Mehrfach "übt" sie in ihrem Zimmer für sich alleine Szenen, in denen sie gewürgt oder geschlagen wird. Auch trägt sie bei jeder nachgestellten Szene eine Verletzung davon, was sie aber nicht davon abhält, sich erneut mit den beiden Männern für eine weitere Szene zu treffen.

Von der Idee her ist das alles nicht uninteressant, doch neben den zahlreichen handwerklichen Schwächen schafft Lanthimos es auch nicht, ein tieferes Interesse des Zuschauers für seine Figuren zu wecken. Darüber hinaus gibt es immer wieder völlig belanglose Szenen, die keinerlei Bedeutung haben, und das ohnehin schon träge Tempo weiter entschleunigen. Die Darsteller machen ihre Sache hingegen nicht schlecht. Unter dem Strich dann doch ein ziemlich belangloser Film, der in jeder Hinsicht meilenweit von den aktuellen Werken des Regisseurs entfernt ist.

Dienstag, 3. März 2026

THE FAVOURITE (Yorgos Lanthimos, 2018)

I like it when she puts her tongue inside me.

The Favourite markiert die erste Zusammenarbeit des griechischen Regisseurs mit seiner Muse Emma Stone, und seither ist die Frau aus Arizona fester Bestandteil des Lanthimos-Ensembles. Die Geschichte ist den realen Erlebnissen der englischen Königin Anne Stuart nachempfunden, die zu Beginn des 18. Jahrhunderts für einige Jahre an der Spitze des britischen Empire stand. Auch wenn es sich der Geschichtsschreibung nach zu urteilen wohl tatsächlich um eine physisch und psychisch sehr labile Persönlichkeit handelte, zeichnet Lanthimos ein stark überspitztes Porträt der Monarchin.

Das Setting sagte mir nicht sonderlich zu. Dennoch ist der Film in seiner schrägen Art durchaus witzig und amüsant. Die höfischen Intrigen wirken wie ein bewusst überdrehtes Kammerspiel, das sich weniger für historische Genauigkeit interessiert als für die Dynamik zwischen den drei Frauen, die alle auf ihre Weise um Nähe, Macht und Aufmerksamkeit ringen. Getragen wird das Ganze von den hervorragenden Darstellerinnen. Neben Emma Stone kann vor allem Olivia Colman überzeugen, die für die Rolle der Queen Anne zu Recht einen Oscar erhalten hat. Rachel Weisz komplettiert das Trio und sorgt dafür, dass die Machtspiele nie ins rein Groteske abrutschen, sondern immer eine menschliche Note behalten.

Trotz meiner Distanz zum barocken Ambiente bleibt The Favourite ein Film, der durch seine Mischung aus Boshaftigkeit, Melancholie und trockenem Humor nachhallt. Nicht zuletzt deshalb, weil Lanthimos die historische Vorlage nicht ehrfürchtig behandelt, sondern sie mit sichtbarem Vergnügen in seinem Sinne verbiegt.

Samstag, 28. Februar 2026

THE BALLAD OF BUSTER SCRUGGS (Ethan & Joel Coen, 2018)

First time?

The Ballad of Buster Scruggs markiert die vorläufig (?) letzte Zusammenarbeit der beiden Coen-Brüder, die seither mit Solo-Projekten unterwegs sind. Erzählt werden sechs von einander unabhängige Geschichten, die im weitesten Sinne dem Western-Genre zuzuordnen sind, wobei Stil, Erzählrhythmus und Tonalität der einzelnen Episoden sehr unterschiedlich ausfallen. Die Übergänge zwischen den Geschichten werden in Form eines Buchbandes umgesetzt, bei dem zu Beginn der nächsten Episode jeweils eine neue Seite aufgeschlagen wird.

Ursprünglich war The Ballad of Buster Scruggs als Serie mit sechs Episoden konzipiert, bevor die Brüder sich dazu entschlossen haben, daraus einen Spielfilm zu machen. Die erzählten Geschichten sind von unterschiedlicher Qualität, dabei durch die Bank kurzweilig und  unterhaltsam und zum Teil auch recht witzig. Insbesondere die richtig fiese dritte Episode Meal Ticket und die nachfolgende All Gold Canyon mit einem tollen Tom Waits in der Hauptrolle konnten mich begeistern. 

Bleibt zu hoffen, dass es bald wieder ein gemeinsames Projekt der Coens geben wird, denn auch The Ballad of Buster Scruggs unterstreicht die Klasse der Beiden - zumindest dann, wenn sie zusammenarbeiten.

Freitag, 27. Februar 2026

BROOKLYN'S FINEST (Antoine Fuqua, 2009)

I don't want God's forgiveness. I want his fuckin help!

Antoine Fuquas siebter Spielfilm gehört ohne Frage zu den stärkeren Arbeiten des Regisseurs. Er erzählt in drei lose miteinander verwobenen Episoden von drei New Yorker Polizisten, die alle auf ihre Weise an den Rändern ihrer Belastbarkeit angekommen sind. Fuqua interessiert sich weniger für die Mechanik des Thrillers als für die innere Erosion seiner Figuren, und so ist Brooklyn’s Finest mehr Drama als Actionfilm.

Die Struktur erinnert an den klassischen Ensemble-Film. Fuqua entfaltet ein Panorama aus Müdigkeit, moralischen Kompromissen und kleinen, unscheinbaren Entscheidungen, die sich langsam zu etwas Unausweichlichem verdichten und auf die Eskalation zulaufen. In manchen Momenten wirkt der Film wie ein Magnolia für Hartgesottene: ein Mosaik aus Schicksalen, das weniger auf große Überraschungen aus ist als auf das stille, stetige Abgleiten seiner Protagonisten.

Punkten kann Brooklyn’s Finest vor allem mit seinen Figuren und den Darstellern, die ihre Sache allesamt hervorragend machen. Richard Gere spielt einen kurz vor der Rente stehenden Cop, der längst innerlich gekündigt hat, dem Alkohol verfallen ist und sein inneres Glück bei einer Nutte sucht. Ethan Hawke zeigt einen Polizisten, der unter der Last seiner Verantwortung und dem Willen, seiner Familie ein besseres Leben zu bieten zerbricht, und Don Cheadle balanciert als Undercover-Cop überzeugend zwischen Loyalität und Selbstschutz. Auch toll: Wesley Snipes, der inmitten all seiner B-Movies hier nochmal Akzente setzen kann.

Fuqua inszeniert das alles mit einer gewissen Schwere, aber ohne nerviges Pathos. Die Straßen, die Wohnungen, die Gesichter - alles trägt die Spuren der Abnutzung und des langsamen Verfalls. Brooklyn’s Finest lebt weniger von seiner Handlung als von diesem Gefühl des langsamen Ausfransens. Am Ende bleibt der Eindruck von drei Männern, die längst wissen, dass es für sie keine einfachen Wege mehr gibt, und die trotzdem weitergehen, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt. 

Samstag, 21. Februar 2026

THE KEEP (Michael Mann, 1983)

Your new home: how do you like it?

Michael Mann ist ganz ohne Zweifel einer der herausragenden Regisseure der Gegenwart und darüber hinaus einer meiner absoluten Lieblinge. Was ihn seinerzeit geritten, diesen konfusen Mix aus Horror, Kriegsfilm und Mystery zu drehen, wird mir auf ewig ein Rätsel bleiben. Umso erstaunlicher, dass es ihm gelungen ist, eine beeindruckende Riege namhafter Schauspieler für das Projekt zu gewinnen: Scott Glenn, Ian McKellen, Gabriel Byrne, Jürgen Prochnow, etc..

Dem Vernehmen nach soll die ursprüngliche Fassung auf Druck der Produzenten auf die Hälfte gekürzt worden sein, doch mir fehlt die Phantasie mir vorzustellen, dass The Keep mit mehr Spielzeit auch nur ein halbwegs guter Film geworden wäre. Das Teil ist von vorne bis hinten Murks und langweilt trotz der sehr kompakten Spieldauer von gerade einmal 96 Minuten. Die Darsteller mühen sich redlich, haben aber gegen das von Mann höchstpersönlich verfasste Drehbuch keine Chance. Die Special Effects sind selbst angesichts der Entstehungszeit an der Grenze zur Lächerlichkeit und zu allem Überfluss wird das Ganze von einem äußerst nervigen Score der deutschen Band Tangerine Dream untermalt, in dem die für die 80er so typischen Keyboards dominieren. 

Ein fürchterlicher Film und so ziemlich das Schlechteste, was ich in den letzten Jahren gesehen habe. Dass dies von einem Meister wie Michael Mann zu verantworten ist, mag man kaum glauben. Aber wie sagte Les Claypool einst so treffend: "We all crap in our pants once in a while".

Dienstag, 17. Februar 2026

SALTBURN (Emerald Fennell, 2023)

I'm sorry, my performance wasn't good enough.

Saltburn ist eine schrille Parabel auf die Macht der Manipulation, weitaus schriller noch als Fennells Debüt. Anfangs mäandert die Handlung eher ziellos umher, was zumindest meine Geduld auf eine harte Probe stellte, bevor die Story dann Fahrt aufnimmt und sich Stück für Stück in eine zunächst nicht vermutete Richtung entwickelt. Die bizarren, völlig überzeichneten Charaktere, von denen keiner Gefahr läuft, als Abbild einer real existierenden Person durchzugehen, verschieben Saltburn in den Bereich der Groteske. Ernstnehmen kann man das Treiben beim besten Willen nicht, aber unterhaltsam ist es trotzdem.

Zu loben ist unbedingt die Leistung des Hauptdarstellers Barry Keoghan, der den unterwürfigen, scheinbar tumben, in Wahrheit aber stets extrem kalkulierten und berechnenden Oliver Quick als faszinierenden Charakter porträtiert, der am Ende alle kalt stellt und am Ziel seiner Träume angekommen ist.

Saltburn ist ein Film, auf den man sich einlassen muss, auch wenn das über weite Strecken schwerfällt und darüber hinaus auch ein Film, der in den Tagen danach an einem nagt und sich immer wieder ins Gedächtnis drängt. Fand ich Saltburn während und unmittelbar nach der Sichtung nicht sonderlich gelungen, setzte sich in den folgenden Tagen immer mehr die Erkenntnis durch, dem Film mit dieser Einordnung Unrecht getan zu haben. Ich glaube, dass er seine wahre Klasse erst bei einer zweiten Sichtung entfalten kann. In jedem Fall eine weitere interessante Arbeit einer (dienst-)jungen Regisseurin, die im Auge zu behalten sich lohnen dürfte.

Sonntag, 15. Februar 2026

PROMISING YOUNG WOMAN (Emerald Fennell, 2020)

Don't underestimate a girl with a plan!

Emerald Fennells Promising Young Woman ist ein Film, der zweifelfrei als Kind der #MeToo‑Debatte Ende der 2010er Jahre zu erkennen ist. In ihrem Spielfilmdebüt setzt die ehemalige Schauspielerin auf eine schrille Mischung aus Thriller, Satire und Popästhetik. Die Grundidee ist originell und witzig zugleich, die Umsetzung kann aber nicht immer völlig überzeugen. Insbesondere die Szenen, in denen Cassie vorgibt betrunken zu sein und sich von "hilfsbereiten" Männern abschleppen lässt, die natürlich nur Sex mit ihr und ihre scheinbar hilflose Situation ausnutzen wollen, wirken zu konstruiert, um glaubwürdig zu sein. In der Realität wäre die Reaktion der Männer wohl eine andere und Cassie würde mit ihrer Nummer vermutlich nicht immer ungeschoren davon kommen. Und das plötzlich auftauchende Handyvideo der Vergewaltigungsszene von vor sieben Jahren kommt so unverhofft daher wie das Kaninchen aus dem Hut. Letztlich dient es nur dazu, den bis dahin sympathisch wirkenden Ryan, der drauf und dran ist, Cassies Herz zu erobern und sie aus ihrer Lethargie zu reißen, als Beteiligten zu entlarven. Darüber hinaus hat es keine Funktion.

Trotz dieser Taschenspielertricks ist das Ganze sehr spannend und darüber hinaus auch ausgesprochen stylisch inszeniert. Carey Mulligan in der Hauptrolle macht ihre Sache gut und in der letzten halben Stunde spitzen sich die Ereignisse nochmal deutlich zu. Das Ende kommt dann recht unerwartet und setzt einen gelungenen Schlusspunkt. Doch, hat mir gut gefallen.

Mittwoch, 11. Februar 2026

BOOGIE NIGHTS (Paul Thomas Anderson, 1997)

Everyone's blessed with one special thing.

Boogie Nights ist ein höchst unterhaltsames Porträt der goldenen Ära der amerikanischen Pornoszene der späten Siebziger, personifiziert durch den Aufstieg des jungen Eddie mit dem Künstlernamen Dirk Diggler, der über herausragende Steher-Qualitäten verfügt und von Mark Wahlberg perfekt verkörpert wird. Die Rolle scheint ihm wie auf den Leib geschneidert. Der Film wirkt dabei weniger wie ein Milieustück als wie ein Blick in eine Gemeinschaft, die sich selbst als eine bizarr anmutende Familie versteht und in vielen Szenen fühlt man sich tatsächlich wie bei einem schrillen, aber warmherzigen Familientreffen. Anderson enthält sich jeder Wertung bezüglich des Tuns seiner Protagonisten und zeigt sie als eine Gruppe liebenswerter und sympathischer Charaktere, die letztlich alle nur nach Erfolg und persönlichem Glück streben. Die Ausnahme bildet der pädophile Geldgeber "Colonel James", der aus der "Familie" verstoßen wird und im Gefängnis landet, nachdem seine Vorliebe bekannt geworden ist.

Gleich zu Beginn gibt Anderson den Rhythmus vor: die lange Kamerafahrt von der Straße hinein in die Disco führt uns an den wichtigsten Figuren vorbei und bringt sie dem Zuschauer näher. Nicht über Dialoge, sondern über Blicke, Bewegungen, kleine Gesten, Wortfetzen. Eine ähnliche Szene gibt es später nochmal bei der Poolparty. Bemerkenswert ist Andersons großes Interesse für diese Figuren, von denen keine auf ein oberflächlich gezeichnetes Abziehbild reduziert wird. Vielmehr werden sie als liebenswerte Menschen mit all ihren Stärken und Schwächen, ihren Problemen und Ängsten gezeichnet.

Ein wiederkehrendes Motiv in Andersons Filmen ist das Vater-Sohn-Verhältnis. Nachdem Eddie sich mit seiner Mutter überworfen hat - sein Vater nimmt das Zerwürfnis passiv hin und greift nicht ein - findet er in dem Pornoproduzenten Jack Horner (grandios: Burt Reynolds) eine Art Ersatzvater, der ihn unter seine Fittiche nimmt und ihn zu seinem Hauptdarsteller macht. Reynolds verleiht Jack eine Mischung aus Autorität, Fürsorge und leiser Melancholie, die den Film entscheidend mitprägt. Ohne Zweifel eine der besten Leistungen seiner Karriere. Auch das übrige Ensemble kann mit guten Leistungen überzeugen. Dass mit Nina Hartley und Ron Jeremy zwei reale Größen der damaligen Szene in Nebenrollen auftauchen, verstärkt den Eindruck, in eine Zeit einzutauchen, die Anderson mit viel Gespür rekonstruiert hat. Das Flair der späten Siebziger ist überall spürbar: in der Ausstattung, im Licht, im Rhythmus und nicht zuletzt im großartigen Score, der erheblich zur wunderbar melancholischen Atmosphäre beiträgt.

Boogie Nights ist weniger ein Film über die Pornobranche als solche als vielmehr ein klassischer Ensemble-Film, der - wie auch der nachfolgende Magnolia - über eine ganze Armada an interessanten Figuren verfügt. Ein präzise beobachtetes, warmherziges und leichtfüßiges Zeitporträt, das wunderbar unterhält und die Zeit wie im Flug vergehen lässt.

 

Donnerstag, 5. Februar 2026

MAXXXINE (Ti West, 2024)

I always wanted to be famous.

Nach dem tollen Pearl und dem ordentlichen X war ich gespannt, ob Ti West auch mit dem abschließenden Teil der Reihe würde überzeugen können, doch leider ist MaXXXine eine ziemliche Enttäuschung. 

Die Story ist ebenso banal wie einfallslos. Während Pearl eine schöne Reflexion über Befreiung und die Sehnsucht nach einem besseren Leben war und X zumindest noch als gelungene Texas Chainsaw-Massacre-Hommage durchgeht, bietet MaXXXine nichts, was irgendwie erinnerungswürdig wäre, abgesehen von den zahlreichen Anspielungen und Zitaten diverser Hollywood-Filme respektive -Figuren. Mia Goth müht sich redlich, doch gegen das schwache Drehbuch kommt sie nicht an. Zwar wird - zumindest in der ersten Filmhälfte - ein gewisser Spannungsbogen gehalten, doch insbesondere im letzten Drittel verliert sich der Streifen in einem immer schwächer werdenden Plot, in dessen Mittelpunkt ein Exorzismus steht, um dann in einem ebenso platten wie vorhersehbaren 08/15-Finale zu enden. 

Man muss West allerdings zugute halten, dass das alles recht stylisch inszeniert ist. Der grelle Look in der Ästhetik der 80er-Jahre weiß durchaus zu gefallen, kann aber nicht kaschieren, dass der Film im Kern erstaunlich konventionell bleibt. So bleibt MaXXXine letztlich Stückwerk und eine halbgare Mischung zwischen ironischer Genre-Spielerei und wenig originellem Thriller mit einem unglaubwürdigen Plot. Die beiden Vorgängerfilme hätten einen besseren Abschluss der Reihe verdient gehabt.

Samstag, 31. Januar 2026

LICORICE PIZZA (Paul Thomas Anderson, 2021)

What does your penis look like?

Licorice Pizza ist ein Film ohne stringente Handlung, in dem aber trotzdem ständig etwas passiert. Paul Thomas Anderson wirft den Zuschauer mitten ins San Fernando Valley der frühen 70er. Statt einer fokussierten Handlung gibt es eher ein zielloses Herumstreifen — aber eines, das erstaunlich viel Spaß macht.

Die beiden Hauptdarsteller, Alana Haim und Cooper Hoffman, beide zum ersten Mal auf der großen Leinwand, sind absolut liebenswert. Die Chemie zwischen den beiden stimmt und die von ihnen verkörperten Figuren wirken glaubwürdig. Man kauft ihnen jede Unsicherheit, jede Überheblichkeit und jeden spontanen Einfall ab. Die Ähnlichkeit Hoffmanns zu seinem großen Vater ist frappierend und auch von dessen Talent scheint er eine Menge mitbekommen zu haben. In vielen Szenen hat man das Gefühl, einem sehr jungen Philip Seymour Hoffman zuzusehen.

Die Handlung mäandert fröhlich vor sich hin: mal eine clevere Geschäftsidee, mal ein schräger Nebencharakter, mal ein komplett überflüssiger, aber herrlich unterhaltsamer Subplot. Das wirkt oft beliebig aber nie langweilig. Im Gegenteil: Der Film lebt von diesen kleinen Abzweigungen, die sich anfühlen wie zufällige Erinnerungen, die einem plötzlich wieder einfallen. Der Vergleich zu Tarantinos Once Upon a Time in Hollywood drängt sich sofort auf. Weniger auf der inhaltlichen Ebene, sondern weil beide Filme dieses gemütliche Flanieren durch eine vergangene Ära zelebrieren. Bei Anderson ist das weniger cool und weniger stilisiert, dafür wärmer, verspielter und auch witziger.

Das Setting der frühen 70er ist ganz wunderbar. Alles wirkt leicht verwaschen, sonnengebleicht, ein bisschen improvisiert. Dazu der tolle Score von Jonny Greenwood. Die Atmosphäre nimmt einen sofort gefangen und katapultiert den Zuschauer 50 Jahre zurück in eine Welt, die sich so ganz anders anfühlt als die Gegenwart. Ich glaube, dass es Anderson in erster Linie darum ging, dieses Gefühl einzufangen - und das gelingt ihm hervorragend. Licorice Pizza ist witzig, charmant, ziemlich chaotisch und herrlich unaufgeräumt. Ein Film wie ein warmer Sommertag.

Dienstag, 27. Januar 2026

UNSANE (Steven Soderbergh, 2018)

I'm not fucking crazy!

Steven Soderbergh hat mit Unsane wieder einmal bewiesen, dass er keine Angst vor formalen Experimenten hat. Gedreht mit einem iPhone, roh, körnig, nah an den Figuren – eigentlich genau das Setting, das einem psychologischen Thriller guttun sollte. Und doch bleibt der Film hinter seinem eigenen Anspruch zurück.

Das Thema ist grundsätzlich interessant und geht in eine ähnliche Richtung wie der einige Jahre zuvor entstandene Side Effects. Unsane behandelt die perfide Praxis, Patienten gegen ihren Willen einzuweisen, um über Krankenkassenabrechnungen Profit zu generieren. Die Szenen, in denen Claire sich gegen ein System wehrt, das sie nicht ernst nimmt und gleichzeitig finanziell ausschlachtet, gehören zu den eindringlichsten des Films. In diesen Momenten wirkt der Film fast dokumentarisch – und genau dann ist er am stärksten.

Weniger überzeugend ist dagegen der Subplot um den Stalker, der sich als Pfleger in die Anstalt einschmuggelt. Das wirkt wie ein Fremdkörper, als hätte jemand in einen halbwegs realistischen Albtraum plötzlich einen pulpigen Thriller-Bösewicht hineingeschrieben. Die Idee ist nicht nur konstruiert, sie untergräbt auch das eigentlich spannende Thema des institutionellen Missbrauchs. 

Trotzdem – das muss man Soderbergh lassen – bleibt Unsane die meiste Zeit über spannend. Die klaustrophobische Kameraarbeit, das hektische Tempo und die ständige Unsicherheit darüber, was real ist und was nicht, sorgen dafür, dass man trotz aller Ungereimtheiten dranbleibt.

Am Ende bleibt ein Film, der viel will, manches erreicht und anderes verschenkt. Unsane ist kein Totalausfall, aber auch weit entfernt von Soderberghs stärksten Arbeiten. Ein interessantes Experiment mit einem wichtigen Thema – nur leider verpackt in eine Geschichte, die sich selbst zu oft im Weg steht.

Sonntag, 25. Januar 2026

X (Ti West, 2022)

One day we're gonna be too old to fuck.

Bekanntlich erzählt X die Fortsetzung von Pearl und entstand quasi direkt im Anschluss an das Sequel. Zentrales Thema ist der Verlust der Jugend und die damit einhergehende Vergänglichkeit der körperlichen FItness und Schönheit. Dies verarbeitet Ti West in einem wunderbaren Slasher-Film im Texas-Chainsaw-Massacre-Stil, angesiedelt in den Südstaaten der USA in den 70er Jahren. 
 
Im Mittelpunkt steht eine Gruppe junger Leute, die ein abgelegenes Farmhaus mieten, um dort einen Porno zu drehen. Auch wenn von Anfang an ziemlich klar ist, in welche Richtung sich die Handlung entwickeln wird, ist X sehr unterhaltsam, zumal West einige witzige Ideen und auch die ein oder andere Überraschung eingebaut hat. Mia Goth ist hier in einer Doppelrolle zu sehen und spielt sowohl die junge Maxine als auch die vom Alterungsprozess gezeichnete Pearl sehr überzeugend. Und auch wenn X nicht an die Klasse von Pearl herankommt, ist Ti West unter dem Strich doch ein äußerst kurzweiliger Slasher gelungen, der ausgezeichnet unterhält und die Zeit wie im Flug vergehen lässt. 

Mittwoch, 14. Januar 2026

PEARL (Ti West, 2022)

I made such a mess of things.

Ein in höchstem Maße fesselnder Mix aus Charakterstudie und Horrorthriller mit einer starken Mia Goth in der Hauptrolle. Hatte ich bei Frankenstein noch ihre mangelnde Ausstrahlung bemängelt, scheint ihr die Rolle der träumerischen Pearl wie auf den Leib geschneidert. Im Laufe der 100 Minuten läuft sie zu großer Form auf und gibt eine wahrlich beängstigende Vorstellung. Zu loben ist unbedingt die tolle Kamera-Arbeit von Eliot Rockett, der Pearls Umgebung als eine märchenhafte Welt erscheinen lässt, in der sie quasi die böse Hexe ist. Dabei ist ihre Sehnsucht nach einem besseren Leben, nach sexueller Befreiung, nach Ruhm und Anerkennung, die sie in ihrer angestrebten Karriere als Tänzerin zu finden glaubt, absolut nachvollziehbar. Sie fühlt sich wie eine Gefangene auf der heimischen Farm, wartend auf ihren Ehemann, der in Europa für sein Land im Krieg ist, unterdrückt und gegängelt von ihrer strengen, vom Leben verhärmten Mutter, ihren schwerkranken Vater aufopferungsvoll pflegend. Da ist es nur eine Frage der Zeit bis das Fass zum Überlaufen kommt und Pearl auf ihre sehr eigene Art und Weise aus ihrem Gefängnis ausbricht.
 
Zeitlich angesiedelt in den letzten Monaten des Ersten Weltkrieges erzählt Ti West eine mitreißende Schauermär um eine einsame junge Frau, die ihrem tristen Alltag mit allen Mitteln entkommen will. Ganz witzig sind die Verweise auf das zur Drehzeit noch allgegenwärtige Corona-Virus, hier thematisiert in Form der Spanischen Grippe, die seinerzeit mehr als 20 Millionen Menschen dahinraffte. Ob die Menschen in den USA damals tatsächlich im Alltag mit Gesichtsmasken herumgelaufen sind, entzieht sich meiner Kenntnis und ist wohl eher als Seitenhieb zu verstehen. Hervorragend gelungen ist auch das Ende, das den Film auf perfekte Weise abrundet. Ganz toll!

Dienstag, 13. Januar 2026

SINNERS (Ryan Coogler, 2025)

They're vampires.

Müder Abklatsch von From Dusk till Dawn, an dessen Struktur sich Coogler erkennbar orientiert. Wie auch beim großen Bruder werden in der ersten Hälfte die Charaktere vorgestellt, die allesamt uninteressant sind und nicht mehr als oberflächlich angelegte Abziehbilder bleiben. In der zweiten Hälfte kommt es dann in einer alten Mühle zum Showdown mit den Vampiren, der von hektischen Schnittfolgen und einer unübersichtlichen Choreographie geprägt ist.

Das Setting im Süden der USA zur Zeit der Prohibition in den 30er Jahren ist ganz nett und sorgt für einige schöne Aufnahmen. Die Darsteller machen ihre Sache ganz ordentlich. Zwischendurch muss man zahlreiche Gesangs- und Tanzeinlagen ertragen, was Sinners zu einer Mischung aus Horrorfilm und Musical macht. Blues-Fans kommen hier sicherlich auf ihre Kosten. Ich empfand das eher als anstrengend. Der Score von Ludwig Göransson vermittelt zwar eine gewisse Dynamik, ist aber in vielen Szenen völlig unpassend. So quält man sich durch überlange 138 Minuten in der Hoffnung, Zugang zu dem belanglosen Treiben zu finden. Ich habe bereits nach einer Stunde den Abspann herbeigesehnt. Das war leider nichts.  

 

Montag, 12. Januar 2026

THE KILLER (David Fincher, 2023)

Leave no loose ends, nothing to dangle.

Ein schnörkelloser, aufs Wesentliche reduzierter Thriller mit einer klassischen Rachestory, die weder sonderlich originell noch übermässig spannend ist. Und doch ist es faszinierend, dem Protagonisten dabei zuzusehen, wie er alles genau plant, jeden gegnerischen Zug zu antizipieren versucht und es dennoch nicht schafft, sich an seine selbst auferlegten Regeln, die er mantra-artig wiederholt, zu halten. Michael Fassbender ist stark wie immer und erwartungsgemäß ist The Killer eine einzige One-Man-Show. Zumindest bis zu dem Moment, in dem Tilda Swinton auf den Plan tritt, aber da ist der Film schon fast zu Ende. 

Fincher kleidet das in die gewohnt schönen Bilder und er schafft es einmal mehr, vergleichsweise belanglose Alltagssituationen durch ausnehmend elegante Kamerafahrten und eine raffinierte Schnitt-Technik zu etwas Besonderem zu machen. Für die passende akustische Untermalung sorgte Trent Reznor, mit dem Fincher schon mehrfach zusammengearbeitet hat. Zugespitzt könnte man sagen, dass bei The Killer Style over Substance regiert, denn es ist weniger eine fesselnde Story, die begeistert, sondern die formale Eleganz und formvollendete Schönheit des Dargebotenen. Das ist zweifellos einer der größten Stärken des Mannes aus Colorado. Kaum einer beherrscht das so wie er. Und doch würde man dem Film damit Unrecht tun, denn zwei Stunden spannende und kurzweilige Unterhaltung bietet er allemal. Eine herausragende Stellung unter Finchers Filmen wird ihm indes nicht zuteil. Eine routinierte Standardarbeit und doch besser als Vieles, was Jahr für Jahr das Licht der Leinwand erblickt. Und nebenbei bemerkt habe ich schon lange keinen Film mehr mit derart penetrantem Product-Placement gesehen. Zumindest in dieser Hinsicht sticht The Killer heraus. 

Samstag, 10. Januar 2026

BAD LIEUTENANT (Abel Ferrara, 1992)

I'm a fucking Catholic!

Uninspirierte und ziemlich langweilige Charakterstudie mit einem souveränen Harvey Keitel als drogenabhängiger und korrupter Polizist, der statt seiner Arbeit nachzugehen, ziellos durch New York mäandert, sich dabei betrinkt, Drogen konsumiert, Sex hat, seine Macht missbraucht und immer tiefer in Wettschulden versinkt. Im Grunde sucht er Erlösung aus seinem elenden Dasein, die ihm dann in der letzten Szene endlich zuteil wird. 

Abel Ferrara macht aus der grundsätzlich spannenden Idee einen langatmigen und ziemlich drögen Film, dessen Sichtung alles andere als ein Vergnügen ist. Es fehlt schlichtweg an einer vernünftigen Story oder zumindest einer klaren Struktur. Bad Lieutenant bietet eine lose Aufeinanderfolge unzusammenhängender Szenen, die vor allem den Sinn zu haben scheinen, den Zuschauer zu schocken und vor den Kopf zu stoßen. Das ist anfangs noch interessant, wirkt aber zunehmend repetitiv und ermüdend. Keitel ist stark wie immer, kann den Film aber trotz einer äußerst intensiven Vorstellung auch nicht retten.

Freitag, 9. Januar 2026

FRANKENSTEIN (Guillermo del Toro, 2025)

What manner of creature is that?

An Verfilmungen des berühmten Romans von Mary Shelley mangelt es wahrlich nicht. Daher stellt sich die Frage, was del Toro daran reizte, seine eigene Version auf die Leinwand zu bringen. Kurz gesagt räumt er den Gefühlen der Kreatur deutlich mehr Raum ein als das in den bisherigen Umsetzungen der Fall war, auch wenn Branaghs Version von 1994 sich bereits bemühte, ein differenziertes Bild der Kreatur zu zeichnen. Allerdings ging er nicht so weit wie jetzt der mexikanische Regisseur, der die Story aus zwei Perspektiven erzählt. Dies wird schon zu Beginn direkt nach dem Prolog deutlich, wenn die Einblendung "Victor's Tale" den Schluss nahelegt, dass nach der Geschichte aus Frankensteins Sicht auch die Sichtweise der Kreatur dargelegt wird. 
 
Diesen Ansatz fand ich durchaus originell. Die Umsetzung lässt leider zu wünschen übrig. Das fängt schon bei der unglücklichen Wahl der Darsteller an und setzt sich bei den schwachen CGI fort. Beispielhaft sei hier der Kampf mit den Wölfen genannt, der den Eindruck vermittelt, man sei in Sachen Technik auf den Stand der 90er Jahre zurück katapultiert worden. Oscar Isaac kann in der Titelrolle nur in Ansätzen überzeugen. Meist wirkt er wie eine billige Kenneth-Branagh-Kopie. Der Australier Jacob Elordi macht seine Sache als Kreatur recht ordentlich, dafür verfügt Mia Goth in der Rolle der Elizabeth über keinerlei Ausstrahlung. Zu allem Überfluss taucht irgendwann auch noch Christoph Waltz auf, der in meinen Augen einer der nervigsten und meist überschätzten Schauspieler der Gegenwart ist. Er spielt immer nur sich selbst, unabhängig davon, was die Rolle verlangt. So auch hier. Zum Glück segnet sein Charakter hier recht zügig das Zeitliche. 

Unter dem Strich ist Guillermo del Toros Frankenstein eine entbehrliche Neuverfilmung, die zwar über einen originellen Ansatz verfügt, letztlich aber zu viele handwerkliche Schwächen aufweist und zudem mit einer Spielzeit von 150 Minuten viel zu lang geraten ist.

Dienstag, 6. Januar 2026

PHANTOM THREAD (Paul Thomas Anderson, 2017)

I think it's the expectations and assumptions of others that cause heartache. 

Normalerweise schätze ich Anderson Filme sehr, aber Phantom Thread macht es dem Zuschauer sehr schwer, ihn richtig zu mögen. In Erinnerung wird er vor allem deshalb bleiben, weil es lange Zeit offiziell der letzte Film von Daniel Day-Lewis war, wobei dies inzwischen dadurch überholt ist, dass er im vergangenen Jahr die Hauptrolle im Regidebüt seines Sohnes übernommen hat. 

Phantom Thread erzählt die durchaus interessante Geschichte einer kranken Liebe zwischen dem berühmten Modedesigner Reynolds Woodcock und der Kellnerin Alma Elson, die zunächst seine Muse, dann seine Geliebte und schließlich seine Ehefrau wird. Da der hochsensible und feingeistige Reynolds nicht zu der Art von Beziehung fähig ist, die Alma sich wünscht, versucht sie zunächst ihn durch Manipulation zu ändern, kommt dabei aber schnell an ihre Grenzen. Schließlich stößt sie mehr oder weniger zufällig auf eine elegante Möglichkeit, ihn in eine Lage zu versetzen, in der er ihr völlig ausgeliefert ist und sich ihrer Liebe und Fürsorge gar nicht entziehen kann. "I want you flat on your back. Helpless, tender, open with only me to help" sagt sie einmal.

Dies kleidet Anderson in betörend schöne Bilder, die das London der 50er Jahre in all seiner Schönheit auf die Leinwand bringen. Auch darstellerisch gibt es wenig zu meckern. Daniel Day-Lewis ist ohne Zweifel einer der besten Schauspieler seiner Zeit und dominiert jeden Film, in dem er mitspielt. So auch hier. Dagegen kommt Vicky Krieps als Alma naturgemäß nicht an, kann aber dennoch überzeugen, ebenso wie Lesley Manville als Reynolds dominante Schwester Cyril. Natürlich wird auch hier wieder das für Anderson so typische Thema der dysfunktionalen Familie behandelt, dieses Mal hauptsächlich in Person von Reynolds verstorbener Mutter. Die Erinnerung an sie lässt ihn nicht los und ohne seine Schwester Cyril, die mit ihm zusammenlebt und alles Wichtige regelt, scheint er kaum lebensfähig zu sein.

Soweit ist das alle stimmig und doch wollte keine richtige Begeisterung bei mir aufkommen, weil alles so furchtbar träge und langatmig erzählt wird. Phantom Thread ist mit einer Spieldauer von etwas mehr als zwei Stunden einer der kürzesten Filme Andersons, wirkt aber deutlich länger als beispielsweise Magnolia, bei dem die drei Stunden wie im Flug vergehen. Als der Abspann lief, fühlte ich mich regelrecht erschöpft. Irgendwie schade, denn die Geschichte ist durchaus interessant und formal gibt es auch nichts zu beanstanden. 

Sonntag, 4. Januar 2026

ONE BATTLE AFTER ANOTHER (Paul Thomas Anderson, 2025)

No more lunatics!

Andersons aktuelles Werk ist eine Mischung aus bissiger Satire und Thriller, in deren Mittelpunkt einmal mehr eine Vater-Kind-Geschichte steht. Meist geht es bei Anderson um eine Vater-Sohn-Beziehung, hier geht es um die Beziehung zwischen einer jungen Frau und ihren beiden Vätern: einmal ihrem leiblichen Vater, von dessen Existenz sie zunächst nichts weiß und ihrem Ziehvater, der sie schon als Säugling unter seine Fittiche genommen hat, in der Meinung, ihr leiblicher Vater zu sein, nachdem ihre Mutter sich aus dem Staub gemacht hatte.

Das Ganze spielt vor dem politischen Hintergrund der Einwanderungsproblematik an der Südgrenze der USA und thematisiert dabei den allgegenwärtigen Kampf zwischen links und rechts ebenso wie den Missbrauch der Staatsgewalt. Und auch wenn diese Themen nach wie vor aktuell sind, hat man den Eindruck, dass sich Anderson dafür nur am Rande interessiert und er dies vielmehr als Aufhänger nutzt, um eine etwas wirre Geschichte um eine linke Terroristengruppe zu erzählen, die in einer nicht genau zu verortenden Zeit Anschläge auf staatliche Institutionen verübt. Die Story basiert zudem lose auf einem mir unbekannten Roman aus den 90er Jahren und ist letztlich ziemlich belanglos. One Battle after another lebt vielmehr von seinem skurrilen Humor und den schrillen Charakteren, wobei Sean Penn den Vogel abschießt. Sein Colonel Steven J. Lockjaw verkommt zu einer reinen Comicfigur, was dem Unterhaltungsfaktor äußerst zuträglich ist. Großartig auch Leonardo DiCaprio in der Rolle des etwas ungeschickten, aber aufopferungsvoll kämpfenden Vaters, der verzweifelt versucht, seine Tochter zu retten.

Während der 2½ Stunden fragt man sich immer wieder, was das Ganze soll, nimmt das bisweilen recht bizarre Geschehen aufgrund des enorm hohen Unterhaltungsfaktors aber dennoch gerne an. Ich habe mich jedenfalls köstlich amüsiert. PTA beweist damit einmal mehr, dass er einer der ganz großen Hollywood-Regisseure ist.