Donnerstag, 17. Januar 2019

12 STRONG (Nicolai Fuglsig, 2018)

Now you have killer eyes! 

12 Strong steht in einer Reihe mit Filmen wie Black Hawk Down, Lone Survivor, 13 Hours, etc. und ist ein typischer Vertreter seiner Art. Im Mittelpunkt steht jeweils eine amerikanische Spezialeinheit in einem fremden Land, die sich einer feindlichen Übermacht gegenüber sieht. Auch wenn die Hintergründe jeweils etwas anders gelagert sind, ist der Ablauf doch stets sehr ähnlich. Zu Beginn werden die Hintergründe des Konflikts kurz erklärt, bevor sich die Helden von ihren Familien verabschieden und ins Einsatzgebiet gebracht werden. Dort sehen sie sich einer Übermacht feindlicher Kämpfer gegenüber.

Ich mag solche Filme grundsätzlich gerne, auch wenn sie zumeist ein sehr einseitiges Loblied auf den amerikanischen Patriotismus singen und dabei an der Grenze zur Militärpropaganda nur knapp vorbeischrammen. 12 Strong ist dabei glücklicherweise ein eher zurückhaltender Vertreter, zumal von Anfang an klar ist, dass die Mission nur darin besteht, die Luftunterstützung für die Nord-Allianz zu koordinieren. Man ist also auf die Hilfe der Einheimischen dringend angewiesen. 

Die Handlung ist kurz nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 angesiedelt und basiert auf dem Buch Horse Soldiers des Journalisten Doug Stanton, das angeblich die wahre Geschichte einer zwölfköpfigen US-Spezialeinheit erzählt, die bei der Befreiung der Stadt Masar-e Scharif von der Herrschaft der Taliban im Rahmen der Operation Enduring Freedom die amerikanischen Luftschläge vom Boden aus koordinierte. Inwieweit die geschilderten Geschehnisse der Realität entsprechen sei dahingestellt, zumal die Authentizität derartiger „journalistischer“ Ergüsse ohnehin grundsätzlich bezweifelt werden muss. Ist aber völlig egal, denn wer eine Jerry-Bruckheimer-Produktion guckt, erwartet keine seriöse Geschichtsstunde sondern kurzweilige Unterhaltung und vor allem jede Menge Action, Schießereien und Explosionen. Und davon bietet 12 Strong reichlich. Der Subwoofer hat jedenfalls ordentlich zu tun. 

Für die Regie verpflichtete man den Dänen Nicolai Fuglsig, der mir völlig unbekannt ist. 12 Strong war sein Spielfilmdebut, und diese Aufgabe hat er sehr ordentlich gemeistert. Im Mittelpunkt der Handlung steht die von Zweifeln und Misstrauen geprägte Beziehung zwischen dem Hauptmann der Spezialeinheit, Nelson, und einem der untereinander zerstrittenen Führer der Nord-Allianz, General Dostum – inzwischen übrigens erster afghanischer Vizepräsident. Anfangs ignoriert Dostum Nelson geradezu, weil jener über keinerlei Kampferfahrung verfügt und Dostum ihm dies an den Augen ansieht. Im Laufe des Films entwickelt sich zwischen den beiden eine Art Freundschaft, was angeblich auch im echten Leben so war – so suggeriert es zumindest eine Einblendung am Ende des Films. In den Dialogen zwischen den beiden bemüht man sich redlich, auf die Beweggründe der Kämpfer einzugehen. Dennoch bleiben diese – abgesehen von ihrem General – eine gesichtslose Masse. Auch die Bösartigkeit der Taliban wird in mehreren, kleinen Szenen herausgestellt. Die Grenzerfahrung Nelsons, das erste Mal im Kampfeinsatz gegnerische Kämpfer zu töten, wird ebenfalls thematisiert, doch letztlich wird daraus zu wenig gemacht.

Das Hauptaugenmerk liegt klar auf den gut inszenierten Kampfszenen, denen man die Unerfahrenheit des Regisseurs nicht anmerkt. Wie durch ein Wunder überlebten alle 12 Mitglieder der Spezialeinheit die Mission – zumindest dies darf man als geschichtlich verbürgt ansehen. 12 Strong bietet kurzweilige Unterhaltung ohne großen Anspruch und bläst einem die Ohren ordentlich durch. Mehr durfte man auch nicht erwarten.

Dienstag, 15. Januar 2019

BRAWL IN CELL BLOCK 99 (S. Craig Zahler, 2017)

I’m more of a finisher.

Der frühere Boxer Bradley Thomas verliert seine Arbeit und arbeitet dann als Drogenkurier für seinen Freund und Auftraggeber Gil, um seiner Frau ein besseres Leben zu ermöglichen. Bei einem Auftrag geraten er und seine beiden Begleiter, die für einen dubiosen Partner von Gil arbeiten, in einen Polizeihinterhalt. Statt unerkannt zu fliehen, hilft er den Polizisten gegen seine schießwütigen Begleiter, wird verhaftet und anschließend zu 7 Jahren Gefängnis verurteilt.

Dass S. Craig Zahler ein wahres Multitalent ist, hat er durch seine vielfältigen Tätigkeiten als Schriftsteller, Drehbuchautor, Kameramann und Musiker hinlänglich unter Beweis gestellt. Sein Regie-Debut Bone Tomahawk hat mir seinerzeit ausgesprochen gut gefallen, weil es auf originelle Weise das Western-Genre mit dem Kannibalenfilm verband. Im Gedächtnis blieben vor allem die derben Splatterszenen und genau da macht Zahler mit seinem zweiten Film weiter. Denn auch Brawl in Cell Block 99 wird in der zweiten Hälfte des Films ziemlich splattrig, wobei es sich ansonsten um ein traditionelles Gefängnisdrama handelt. Wie schon beim Vorgänger zeichnete Zahler neben der Regie nicht nur für das Script sondern – zusammen mit seinem Kumpel Jeff Herriott – auch für den Score verantwortlich.

Vince Vaughn, dessen Namen ich bisher eher mit Komödien in Verbindung gebracht habe, ist eine erstklassige Wahl für die Hauptrolle. Sein Bradley Thomas verfügt nicht nur über eine beeindruckende Statur, sondern aufgrund seiner Vergangenheit als Boxer auch über herausragende kämpferische Fähigkeiten. Seine Kraft stellt er gleich zu Beginn eindrucksvoll unter Beweis, als er aus Wut über das Fremdgehen seiner Frau wie ein Berserker mit bloßen Händen auf deren Auto einschlägt. Dennoch verabscheut er körperliche Gewalt gegen Unschuldige. Dies bringt ihn letztlich erst ins Gefängnis, denn wäre er einfach geflohen statt den Polizisten zu helfen, hätte er unerkannt entkommen können. Erstmal im Gefängnis, dreht sich die Spirale der Gewalt unaufhaltsam weiter, denn Gils Partner Eleazar will sich für den begangenen Verrat rächen und lässt Bradleys schwangere Frau entführen.

Gut ausgearbeitete Charaktere zeichneten bereits Zahlers Debut aus. Und auch hier gelingt es ihm, ein recht detailliertes Bild des Protagonisten zu zeichnen, der gegen seinen Willen zu immer extremeren Gewaltexzessen getrieben wird. Darüber hinaus scheint Zahler ein Faible für altgediente Recken aus der zweiten Riege der Darsteller zu haben. Nachdem er bereits Kurt Russell zu einer tragenden Rolle in seinem Debut verholfen hatte, sind dieses Mal Don Johnson und Udo Kier mit von der Partie. Insbesondere Johnson merkt man die pure Freude darüber deutlich an, den sadistischen Gefängnisleiter spielen zu dürfen, und auch Udo Kier gefällt in einer undurchsichtigen, schmierigen Rolle.

Die Gewaltausbrüche kommen zum Teil ziemlich überraschend und werden etwas zartbesaitete Gemüter, die womöglich einfach einen spannenden Gefängnisfilm erwartet hatten, vermutlich vor den Kopf stoßen. Sie passen aber perfekt zu den düsteren, verdreckten Gefängnisräumen, in denen sich die Szenen abspielen. Insbesondere die Kammer mit den Folterutensilien weckt Assoziationen an einen mittelalterlichen Kerker zu Zeiten der Inquisition. Um eine Resozialisierung der Gefangenen mit dem Ziel, sie wieder in die Gesellschaft zu integrieren, geht es im Zellenblock 99 sowieso nicht mehr. Hier gilt es nur noch, die extremen Gewalttäter irgendwie unter Kontrolle zu halten. Bei Bradley versagen jedoch alle bewährten Mechanismen. 

Brawl in Cell Block 99 versprüht eine ungezügelte Kraft und kann mit seinem erfrischenden Ansatz, der Altbewährtes in ungewohnter Form kombiniert, überzeugen. Noch dazu beweist Vince Vaughn, dass er weit mehr kann als flache Komödien. Auf die weiteren Arbeiten des Herrn Zahler darf man sehr gespannt sein.

Sonntag, 13. Januar 2019

PEPPERMINT (Pierre Morel, 2018)

You didn't serve justice, Your Honor. But I will.

Irgendwo habe ich gelesen, Peppermint sei „Death Wish on steroids“ und das trifft den Nagel auf den Kopf. Jennifer Garner pflügt mit eiskalter Präzision als Rächerin Riley North durch die gut 100 Minuten und lässt die Schergen des lokalen Drogenhändlers Diego zu Dutzenden über die Klinge springen. Wobei – genauer gesagt – ein sauberer Kopfschuss ihre bevorzugte Hinrichtungsmethode ist. Im Vergleich dazu wirkt Paul Kersey wie ein Waisenknabe. Der Härtegrad ist deftig, die Inszenierung rasant und die Bilder sind ausgesprochen stylisch. Egal, ob ein versifftes Armenviertel oder die prachtvoll ausgestattete Luxusvilla des Drogenbarons – ein Gefühl für ansehnliche Bildkompositionen kann man Pierre Morel und seinem Kameramann David Lanzenberg nicht absprechen.

Die Charakterzeichnung bleibt dabei erwartungsgemäß auf der Strecke. Obwohl man Riley den gesamten Film über folgt, weiß man am Ende fast nichts über sie. Auch die fünf Jahre zwischen dem Mord an ihrer Familie und dem Beginn ihres Rachefeldzugs bleiben komplett im Dunkeln. Man erfährt lediglich, dass sie sich zwischendurch als MMA-Kämpferin verdingte, um sich auf die kommende Kämpfe körperlich und psychisch vorzubereiten.

Diese inhaltliche Leere fällt jedoch überhaupt nicht negativ ins Gewicht. Man erfährt immerhin genug, um mit ihr auf ihrer Mission mitfiebern zu können, zumal die Dialoge überwiegend gut auf den Punkt kommen. Ein paar kernige One-Liner dürfen dabei natürlich auch nicht fehlen. Garners schauspielerische Leistung ist tadellos. Die von Verlustschmerz und Rachedurst zerfressene Frau spielt sie sehr überzeugend und sieht dabei sogar noch gut aus. Eine kritische Bewertung ihrer Taten findet lediglich durch die Polizei statt, die aber – abgesehen von der finalen Konfrontation – immer einen Schritt zu spät kommt. In den sozialen Medien hingegen wird sie als Schutzengel der Schwachen regelrecht gefeiert, und auch die Obdachlosen fühlen sich dank Riley wieder sicher. Ihre Identität ist allen Beteiligten praktisch von Anfang an bekannt. Trotzdem gelingt es weder Diegos Häschern noch dem FBI, ihrer habhaft zu werden.

Wer einen intelligenten und halbwegs glaubhaften Actionfilm sehen will, ist hier komplett fehl am Platz. Gegen die eher zierliche Jennifer Garner sind selbst die durchtrainiertesten Auftragskiller völlig chancenlos. Bevor sie wissen, was los ist, spritzt ihre Hirnmasse schon durch die Gegend. Freunde von comichaft überzeichneter Gewalt und stylisch inszenierten Hinrichtungen kriegen hier hingegen die Vollbedienung. Peppermint scheißt einen riesengroßen Haufen auf die allgegenwärtige political correctness und reibt dem pikierten Publikum seine „Selbstjustiz-ist-geil“-Message mit ausgestrecktem Stinkefinger unter die Nase. Und das gelungene Ende setzt auf den Haufen dann noch das Sahnehäubchen oben drauf. Sehr schön.

Donnerstag, 10. Januar 2019

BLUE RUIN (Jeremy Saulnier, 2013)

I'm not used to talking this much.

Zu Beginn des Films beobachten wir den Obdachlosen Dwight Evans dabei, wie er in ein fremdes Haus einbricht, um dort ein Bad zu nehmen und auf einem Jahrmarkt die Müllsäcke nach verwertbaren Dingen durchsucht. Nachts hält er sich in seinem alten, verrosteten blauen Pontiac auf, den er am Strand geparkt hat. Als ihm eines Tages die Polizei mitteilt, dass der Mörder seiner Eltern freigelassen werden soll, beschließt er spontan, sich an ihm zu rächen. Obwohl seine Versuche, sich eine Schusswaffe zu besorgen, scheitern, gelingt es ihm, den Mörder zu richten.

Blöderweise muss er dabei sein Auto zurücklassen, was dessen Brüdern Rückschlüsse auf seine Identität erlaubt. Dadurch setzt er eine unaufhaltsame Spirale der Gewalt in Gang, denn das Auto ist unter der Adresse seiner toten Eltern registriert, wo nun seine Schwester mit ihren kleinen Kindern residiert. Und so wird aus dem ursprünglich geplanten singulären Vergeltungsakt schnell eine veritable Familienfehde. Keiner der Beteiligten informiert die Polizei. Vielmehr will man das nach alter Tradition selbst regeln, gemäß dem biblischen Motto „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. 

Selten bin ich die Sichtung eines Films so unvorbereitet angegangen wie die von Blue Ruin. Ich wusste vorher nicht, worum es in dem Film geht, von dem Regisseur hatte ich noch nie etwas gehört und sämtliche Darsteller waren mir völlig unbekannt. Lediglich Amy Hargreaves habe ich schon mal in irgendeinem Film gesehen, ansonsten allesamt unbeschriebene Blätter. Umso erfreulicher, dass die Sichtung bei mir einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat.

Jeremy Saultier ist mit seiner zweiten Regiearbeit ein ganz ausgezeichneter kleiner Film gelungen, der mich durch seine ruhige und unaufgeregte Erzählweise regelrecht begeisterte. Dialoge werden nur sparsam eingesetzt, teilweise wird minutenlang gar nichts gesprochen. Auch die Vorgeschichte – der Mord an den Eltern – wird nur kurz angerissen. Filmen, die den Zuschauer nicht vollquasseln und mit Informationen überfluten, bin ich seit jeher gewogen. Blue Ruin ist dafür ein Musterbeispiel: Der Zuschauer erfährt nach und nach alles was er wissen muss, zusätzliche Details dienen allenfalls der stimmungsvollen Ausgestaltung einzelner Szenen.

Das geringe Budget von gut 400.000 Dollar sieht man dem Film zwar an, jedoch macht es sich nicht negativ bemerkbar, sondern lässt die Macher aufgrund des bei der Produktion an den Tag gelegten Enthusiasmus nur noch sympathischer erscheinen. Das beschauliche Hinterland Virginias, in dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint, bildet den perfekten Rahmen für die Geschichte und der mir bislang völlig unbekannte Macon Blair, bei dem es sich um einen Freund des Regisseurs handelt, trägt den Film souverän auf seinen schmächtigen Schultern.

Das Ende mündet dann in die zu erwartende Eskalation und lässt alle Beteiligten als Verlierer zurück. Aber immerhin ist der Rachedurst gestillt.

Mittwoch, 9. Januar 2019

HEREDITARY (Ari Aster, 2018)

Hereditary ist das Spielfilmdebut des amerikanischen Regisseurs Ari Aster und wurde von den Kritiken regelrecht abgefeiert. Ein bemerkenswerter Film ist Hereditary sicherlich, aber auch weit davon entfernt, der Meilenstein des Horrorgenres zu sein, zu dem er in der Presse zum Teil stilisiert wurde. Dennoch ist nicht zu übersehen, dass Aster über die Gabe verfügt, eine unheilvolle Stimmung zu erzeugen und diese langsam aber stetig in eine beinahe unerträgliche Intensität zu steigern. Die erste Stunde von Hereditary ist in ihrer andeutungsschwangeren, beklemmenden Atmosphäre wirklich meisterhaft. Man fühlt das Unheil unaufhaltsam näherkommen, kann es aber nicht greifen.

Dem Zuschauer wird ziemlich schnell klar, dass es sich bei der Familie Graham um eine Ansammlung neurotischer Charaktere handelt. Keines der Familienmitglieder – vielleicht mit Ausnahme des Vaters – verhält sich auch nur annähernd normal. Den Vogel schießt die offensichtlich verhaltensgestörte Tochter Charlie ab, die am offenen Sarg ihrer Großmutter genüsslich eine Tafel Schokolade verzehrt und in der Pause des Schulunterrichts nicht Besseres zu tun hat, als einer toten Taube den Kopf abzuschneiden. Deutlich spürbar ist auch das Misstrauen der Familienmitglieder untereinander, dessen Hintergründe erst im späteren Verlauf erklärt werden. Als Zuschauer hat man das Gefühl, niemandem trauen zu können, wobei insbesondere von Charlie eine diffuse Bedrohung auszugehen scheint. Diesen Trumpf gibt Aster jedoch durch ihr frühes Ableben schnell aus der Hand. 

Und auch sonst macht Aster aus der vielversprechenden Ausgangslage zu wenig. Das anfangs unerklärliche Verhalten der Familienmitglieder will irgendwie plausibel gemacht, die Ursachen wollen offengelegt werden. Dabei griff er auf einen der ältesten und abgeschmacktesten Tricks des Genres zurück, nämlich das Heraufbeschwören eines bösen Dämons im Rahmen einer Séance. Nachdem die Katze aus dem Sack ist, geht es mit dem Film auch zügig bergab. In der zweiten Filmhälfte verspielt Hereditary einen Großteil des Kredits, den er sich zu Beginn erarbeitet hat. Die letzte Szene, in der eine schwarze Messe zelebriert wird, wirkt dann überhaupt nicht mehr unheimlich sondern nur noch lächerlich. Viel cleverer wäre es gewesen, den Film nach dem Fenstersturz zu beenden. Dies hätte Hereditary zumindest einen einigermaßen würdigen Abgang beschert.

Zu loben ist neben den überzeugenden Darsteller-Leistungen vor allem das hervorragende Sounddesign von Colin Stetson, das ganz erheblich zu der bedrohlichen Stimmung beiträgt. Gabriel Byrne habe ich seit einer gefühlten Ewigkeit in keinem Film mehr gesehen. Dabei war der Mann durchaus aktiv in den letzten Jahren, nur kenne ich keinen der Filme, in denen er mitgespielt hat. Der von ihm gespielte Familienvater verhält sich noch am rationalsten und versucht ebenso mühsam wie erfolglos, die immer weiter auseinander driftende Familie zusammenzuhalten. Letztlich bleibt er aber nur die ungehört verhallende Stimme der Vernunft in einer Kakophonie des Wahnsinns. Toni Colette bietet eine geradezu beängstigende Vorstellung. Der von ihr verkörperten Annie möchte man nicht mal im hellen Tageslicht begegnen.  

Die Zutaten passen also, und mit einem besseren Drehbuch hätte Hereditary sicherlich ein herausragender Film werden können. Durch die blödsinnige Dämonengeschichte wird viel Potential unnötig verschenkt. Sehenswert ist Ari Asters Debut aber allemal.

Freitag, 4. Januar 2019

ALL THE MONEY IN THE WORLD (Ridley Scott, 2017)

If you can count your money, you are not a billionaire.

Scotts filmische Umsetzung der Entführung des Getty-Enkels Paul 1973 in Rom war vor allem dadurch in den Schlagzeilen, dass Kevin Spacey, der ursprünglich den Öl-Magnaten Getty gespielt hatte, im Zuge der unsäglich verlogenen #MeToo-Debatte gefeuert und durch Christopher Plummer ersetzt worden war, mit dem die jeweiligen Szenen dann nachgedreht wurden. Inwieweit sich dieser Besetzungswechsel auf den Film ausgewirkt hat, ist natürlich schwer zu beurteilen. Klar ist jedoch, dass der fast 90-jährige Plummer eine derart mitreißende Performance abliefert, dass dies alleine schon Grund genug für eine Sichtung des Films ist. Im Übrigen passt er schon vom Alter her viel besser, denn der deutlich jüngere Spacey hatte spezielles Make-up benötigt, um seine Rolle glaubhaft darstellen zu können.

Mit Scotts Filmen ist das ja meist so eine Sache: insbesondere seine letzten Werke weisen bei kritischer Betrachtung häufig eine Reihe von Schwachstellen auf. Dazu zählen regelmäßig die Charakterzeichnung der Figuren und die Dialoge. Dies ist bei All the Money in the World ganz anders. Auch ohne die bei mir immer bereit liegende rosarote Ridley-Scott-Brille – ich mag seine Filme einfach – gibt es hier wenig auszusetzen.

Soweit ich das nachvollziehen konnte, hielt man sich weitgehend an die tatsächlichen Ereignisse. Mit der Figur des von Mark Wahlberg verkörperten ehemaligen CIA-Agenten Fletcher Chase etablierte man neben Pauls Mutter eine weitere Identifikationsfigur, die dabei hilft, Struktur in die Erzählung zu bringen. Diese Maßnahme wurde wohl als nötig angesehen, denn – und da wären wir beim einzigen Schwachpunkt des Films – Michelle Williams kann nur in Teilen überzeugen und wirkt mit der Rolle von Pauls Mutter zum Teil überfordert, was – und das ist dann wieder ganz witzig – auch irgendwie zur Rolle passt, denn wer wäre in der Situation, in der sich ihre Figur befand, nicht überfordert? Dennoch eine bestenfalls durchschnittliche Leistung, für die sie merkwürdigerweise sogar eine Golden-Globe-Nominierung erhalten hat. 

Die besten Szenen des Films sind alle, in denen Christopher Plummer präsent ist. Sein John Paul Getty ist ein eiskalt berechnender Machtmensch, der womöglich – dies wird in einer Szene am Anfang angedeutet – gerne mehr Familienmensch wäre, seinen geschäftlichen Aktivitäten jedoch alles andere unterordnet. Dabei fühlt man sich mehr als einmal an Orson Welles‘ Porträt des Verlegers Charles Foster Kane erinnert. Auch wenn viele Details und ein Großteil der Dialoge erfunden wurden, scheint die Figur nicht allzu weit vom echten Getty entfernt zu sein. Immerhin ist überliefert, dass er sich nach der Freilassung seines Enkels weigerte, dessen Dank für die Bezahlung des Lösegelds entgegen zu nehmen und von seinem Sohn anschließend 800.000 Dollar mit Zinsen als Ausgleich für das Lösegeld zurückforderte.

All the Money in the World ist also nicht nur Entführungsgeschichte und Familiendrama, sondern vor allem eine faszinierende Charakterstudie des damals wohl reichsten Menschen der Welt. Die Inszenierung ist gewohnt souverän, die Dialoge sind pointiert, die Sets wirken authentisch und die Darsteller machen ihre Sache – mit Ausnahme von Michelle Williams – allesamt gut. Insgesamt eine runde Sache.

Montag, 31. Dezember 2018

A QUIET PLACE (John Krasinski, 2018)

Die Handlung von A quiet Place ist in einer Zukunft angesiedelt, in der eine schwer gepanzerte Alienrasse die Herrschaft über die Erde an sich gerissen hat. Die Aliens sind blind, verfügen jedoch über ein außerordentlich gutes Gehör. Demzufolge heißt es für die noch lebenden Menschen, dass sie ein Leben in absoluter Lautlosigkeit fristen müssen, denn jedes Geräusch hätte den sofortigen todbringenden Angriff eines Aliens zur Folge. Dem Zuschauer wird dies gleich zu Beginn drastisch vor Augen geführt, als der jüngste Sohn der im Mittelpunkt des Films stehenden Familie Abbott in Stücke gerissen wird, nachdem er mit einer Piepstöne von sich gebenden Spielzeugrakete gespielt hatte.

Diese recht originelle Ausgangslage schafft eine beklemmende Atmosphäre, in der Naturgeräuschen und Soundeffkekten eine tragende Rolle zukommt. Gesprochen wird fast nichts, die Protagonisten unterhalten sich ganz überwiegend in Gebärdensprache. Eine der wenigen Ausnahmen ist ein Dialog zwischen Vater und Sohn vor einem rauschenden Wasserfall, der lauter ist als die menschlichen Stimmen und daher vor der Entdeckung schützt. Einen weiteren interessanten Aspekt steuert die Tatsache bei, dass die Tochter der Familie taubstumm ist. Während ihr Vater ständig versucht, ein funktionstüchtiges Hörgerät zu bauen, fühlt sie sich für den Tod ihres Bruders verantwortlich, weil sie ihm die Rakete zum Spielen gegeben hat.

Der weitere Handlungsverlauf folgt den innerhalb des Horror-Genres üblichen Mustern. Auch die Schockeffekte, die allerdings verdammt gut sitzen, folgen den bekannten Regeln. Nicht einmal für den abgeschmackten Effekt, in dem plötzlich zunächst nicht zuzuordnende Geräusche auftauchen, deren Urheber sich dann als harmlose Tiere erweisen - hier zwei Ratten - ist man sich zu schade. Das alles mindert das Sehvergnügen aber in keiner Weise, denn schon durch das originelle Setting alleine hebt sich A quiet Place deutlich von der Masse der Genre-Vertreter ab. Dabei bewegt sich das Team um Regisseur und Hauptdarsteller John Krasinski auch technisch auf höchstem Niveau. Neben dem phantastischen Sounddesign sind auch die hervorragende Fotografie sowie der dynamische Schnitt hervorzuheben. Auch die Effekte, insbesondere das Design der Aliens, können überzeugen, wobei die Außerirdischen schon stark an ihre Kollegen aus Ridley Scotts Meisterwerk bzw. dessen Nachfolger erinnern. Hinzu kommt, dass der Film einfach sauspannend ist und mit einer Laufzeit von 90 Minuten auch knackig kurz. Vor allem aber macht Krasinski nicht den Fehler, alles erklären zu wollen. Vom Zuschauer ist also ein Mindestmaß an Aufmerksamkeit gefordert und dennoch bleiben am Ende viele Fragen unbeantwortet.

Unter dem Strich ist A quiet Place ein origineller, wahnsinnig spannender und seine Grundidee konsequent zu Ende führender Horrorfilm, der trotz seiner formelhaften Handlung ganz ausgezeichnet unterhält.

Samstag, 29. Dezember 2018

Death Wish (Eli Roth, 2018)

Dass Michael Winners Klassiker, der immerhin vier Fortsetzungen nach sich zog, erst jetzt ein Remake erfährt, ist auf den ersten Blick verwunderlich angesichts der Remake-Flut der letzten Jahre, bei genauerer Betrachtung aber mit der chaotischen, sich über viele Jahre hinziehenden Produktionsgeschichte mit wechselnden Regisseuren, Autoren und Darstellern erklärbar. Letztlich erhielt Eli Roth den Auftrag, dessen Namen ich vorwiegend mit blutgetränkten B-Movies verbinde.

Hinsichtlich der Story nimmt sich die Neuauflage recht große Freiheiten, wobei das Grundmotiv des Protagonisten nahezu unverändert übernommen wurde. Wie im Original geht es Paul Kersey, der dieses Mal kein Architekt sondern Chirurg ist, auch hier zunächst weniger um direkte Rache an den Mördern seiner Frau, die er im Übrigen gar nicht kennt, sondern darum, Schwerverbrecher quasi stellvertretend hinzurichten. Dass er dabei dann doch relativ schnell auf die Mörder seiner Frau stößt, ist eher dem Zufall geschuldet, weil einer aus der Bande schwerverletzt auf seinem OP-Tisch landet.

Wenn Charles Bronson sich anno 1974 noch unbeobachtet auf der Suche nach Opfern durch New York bewegen konnte, ist dies Bruce Willis heute kaum noch möglich. Direkt bei seiner ersten Aktion wird er von einer Passantin gefilmt und das Video ist schneller bei youtube hochgeladen als die Polizei die Produzentin verhören kann. Wobei ganz grundsätzlich festzustellen ist, dass die Übertragung der Story in die Gegenwart und die damit verbundene weitaus stärkere Einbindung der Medien äußerst gut gelungen ist. Während ein Teil der Journalisten und Radiomoderatoren Kerseys Vorgehen verurteilt, wird er von vielen anderen als Grim Reaper regelrecht gefeiert.

Bruce Willis ist als Hauptdarsteller eine gute Wahl und macht es dem Zuschauer leicht, sich mit ihm zu solidarisieren. Dabei wird auf eine beinahe putzige Art und Weise detailliert dargelegt, wie Kersey angesichts der mit den vielen Morden überforderten Polizei nach und nach zu dem Punkt kommt, an dem er das Gesetz selbst in die Hand nimmt. Erst als seine Tochter nach Wochen überraschend aus dem Koma erwacht, beendet er seine Mission. Da trifft es sich gut, dass der Hauptäter ihn schließlich zu Hause aufsucht und sich ebenfalls von ihm zur Strecke bringen lässt.

Bei den Kritikern kam Death Wish nicht sonderlich gut weg, wobei mir die Gründe nicht ganz klar sind. Insbesondere die Kritik an der Leistung von Bruce Willis geht ins Leere. In meinen Augen ist Roth ein erfrischender und äußerst kurzweiliger Rachethriller gelungen, der das Original gekonnt in die Gegenwart transportiert. Vielleicht ist es die Enttäuschung, weil man bei einem Regisseur wie Eli Roth deutlich mehr Gewalt erwartet hätte, als der Film dann zu bieten hat? Andererseits wurden Filme mit dem Thema Selbstjustiz seit jeher kritisch gesehen, auch Winners Film wurde seinerzeit vielfach ablehnend aufgenommen. Vermutlich ist das auf ein allgemeines Unwohlsein zurückzuführen, weil Selbstjustiz dem etablierten Rechtsverständnis zuwider läuft und eine daraus resultierende mangelnde Fähigkeit, sich mit dem Protagonisten zu identifizieren. Mir sind derlei Probleme fremd. Death Wish hat mir einfach Spaß gemacht.

Donnerstag, 20. Dezember 2018

CHILD 44 (Daniél Espinosa, 2015)

Homosexuality is a serious crime!

Der der Verfilmung zugrunde liegende Roman ist mir gänzlich unbekannt. Das erschwert mir die Einordnung, denn für sich betrachtet ist Child 44 ein etwas kruder Mix aus Familiendrama, Historienepos und Thriller, der sich nicht entscheiden kann, was er nun sein möchte. Wobei darin auch ein gewisser Reiz liegt, denn durch die heterogene Struktur lässt man den Zuschauer über weite Strecken im Unklaren, wohin sich die Handlung entwickeln wird. Was zunächst wie eine klassische Geschichte von Aufstieg und Fall des MGB-Offiziers Leo aussieht – angesiedelt in der stalinistischen Sowjetunion – wandelt sich im weiteren Verlauf zunehmend in die Hatz auf einen Serienkiller, der es auf junge Knaben abgesehen hat. Das Problem dabei ist, dass Espinosa respektive sein Drehbuchschreiber Richard Price zu viel Stoff in gut zwei Stunden Film gepresst haben und am Ende viele Fragen offen bleiben, deren Beantwortung man sich als Zuschauer gewünscht hätte.

Unklar bleibt vor allem Leos Motiv, den Mörder unbedingt finden zu wollen. Er ist regelrecht besessen davon den Fall aufzuklären. Durch die heimliche Reise nach Moskau geht er mit seiner Frau sogar das Risiko ein, in ein Straflager gesteckt zu werden, was die beiden nur durch ihre rechtzeitige Flucht verhindern können. Letztlich zahlt sich Leos Beharrlichkeit sogar aus, weil er den Mörder stellt und am Ende rehabilitiert wird. Nur war dies von ihm ja kaum in dieser Art und Weise vorhersehbar, geschweige denn geplant. Und auch die Tatsache, dass er rehabilitiert wird dafür, einen Serienmörder zur Strecke gebracht zu haben, dessen Existenz zuvor vom Regime hartnäckig geleugnet wurde, will nicht ganz einleuchten.

Trotz dieser Ungereimtheiten hat mir Child 44 insgesamt doch recht gut gefallen. Die Stärken des Films liegen in seiner beklemmenden Atmosphäre, die den Schrecken des Stalin-Terrors treffend einfängt, den gelungenen Sets und Kostümen sowie den starken Darstellerleistungen, allen voran Tom Hardy und Gary Oldman. Dies alles lässt einen über die inhaltlichen Schwächen hinwegsehen. Dennoch schade, denn mit etwas mehr Finesse hätte Child 44 ein richtig guter Film werden können. So bietet er zumindest ordentliche Unterhaltung.

Dienstag, 9. Oktober 2018

LOGAN LUCKY (Steven Soderbergh, 2017)

You sucked my arm off!

Nach einer längeren Pause meldet sich Soderbergh mit Logan Lucky auf höchst eindrucksvolle Weise zurück im Filmgeschäft - und dabei befürchtete ich schon aufgrund seiner damaligen Ankündigung, sich künftig auf die Malerei zu konzentrieren, dass er gar keine Kinofilme mehr drehen würde. Später relativierte er diese Aussage. Statt einem vollständigen Rückzug folgte letztlich glücklicherweise nur eine mehrjährige Auszeit, wobei eine kreative Schaffenspause ja auch was Gutes für sich haben kann.

Nimmt man Logan Lucky als Maßstab, trifft dies auf jeden Fall zu. Dabei wirkt der FIlm wie ein Gegenentwurf zu den Ocean-Filmen. Perfekt durchgeplante und mit spielerischer Eleganz von schönen Menschen, die allesamt Meister ihres Fachs sind, umgesetzte Raubzüge dort, der chaotische, von Unzulänglichkeiten geprägte Überfall einer Horde von - zumindest zum Teil - etwas minderbemittelten Südstaatlern hier. Die Figuren könnten auch dem Coen-Universum entsprungen sein, wobei man überhaupt während der Sichtung von Logan Lucky den Eindruck gewinnen könnte, Soderbergh habe ein Skript der Coens verfilmt. Ich gehe aber davon aus, dass er das Drehbuch selbst geschrieben hat, denn bei der angeblich Autorin Rebecca Blunt handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um ein Pseudonym.

Wie auch immer: das Ergebnis ist in jedem Fall äußerst kurzweilig und unterhaltsam. Skurrile Charaktere, griffige Dialoge und wunderbare Darsteller (ganz großartig :Daniel Craig) sorgen für beste Unterhaltung. Und die anfangs so unbeholfen wirkenden Ganoven erweisen sich am Ende - zumindest ihre beiden kreativen Köpfe - als durchaus gewiefte Strategen, die einen bis ins letzte Detail ausgearbeiteten Plan erfolgreich in die Tat umsetzen konnten. Womit sich der Kreis zu Ocean's Eleven doch wieder schließt.