Sonntag, 16. Oktober 2011

BIG FISH (Tim Burton, 2003)

 Dying is the worst thing that ever happened to me.

Big Fish ist Tim Burtons Liebeserklärung an die Kunst des Geschichtenerzählens, die er selbst so gut beherrscht. In den Erzählungen Edward Blooms verschwimmen Dichtung und Wahrheit zu einem phantastischen Ganzen, doch enthält beinahe jede noch so aberwitzige Geschichte auch einen Funken Wahrheit. Dies zu erkennen ist ein Prozess, den Blooms Sohn William durchläuft und an dessen Ende er sich mit seinem sterbenden Vater versöhnt, nachdem die beiden zuvor drei Jahre lang nicht miteinander gesprochen haben. 

Burton verarbeitete mit diesem Film auch den Tod seines eigenen Vaters, den er während der Schaffensphase zu verkraften hatte. Von daher ist Big Fish vielleicht Burtons persönlichster Film. 

Im direkten Vergleich mit dem gestern gesichteten Alice in Wonderland wirkt Big Fish erstaunlich bodenständig, was nicht nur auf die storybedingt realistischeren Charaktere sondern vor allem auch darauf zurückzuführen ist, dass hier weitgehend auf CGI verzichtet wurde.

Samstag, 15. Oktober 2011

ALICE IN WONDERLAND (Tim Burton, 2010)

Off with the head!

Burtons Adaption des Carroll-Romans hat mit der Vorlage nicht sonderlich viel zu tun. Zwar hat er viele der Figuren übernommen, daraus jedoch eine eigene Geschichte um die pubertierende Alice gebastelt, die den Übergang vom Kind zur Frau in einer Art Selbstfindungsprozess vollzieht. 

Das Ergebnis ist ein äußerst witziger und geistreicher Film, bei dem es soviel zu entdecken gibt, dass man bei einer Sichtung gar nicht alles erfassen kann. Die Inszenierung ist ähnlich schrill und bunt wie bei seinem Remake Charlie and the Chocolate Factory, den ich ebenfalls sehr mag. Und wie dieser ist Alice in Wonderland in hohem Maße familientauglich, ohne dass er deswegen gleich als Kinderfilm gelten muss. Meine Favoritin unter den Figuren ist die von Helena Bonham Carter hinreißend verkörperte Figur der roten Königin, die erkennbar an die „Virgin Queen“ Elisabeth I. angelehnt ist.

Freitag, 14. Oktober 2011

THE WAY BACK (Peter Weir, 2010)

We've all done terrible things to survive. But don't ever lie to me again.

Nach seinem letzten Film Master and Commander nahm sich Peter Weir sieben Jahre Zeit, bevor er die Flucht von sieben Häftlingen aus einem sibirischen Gulag ins 6.500 km entfernte Indien verfilmte. Der Wahrheitsgehalt der Romanvorlage des Polen Slawomir Rawicz ist umstritten, doch scheint zumindest Weir davon überzeugt zu sein, widmet er seinen Film doch den drei Häftlingen, die 1941 Indien erreichten. Für das Funktionieren des Films ist die Frage, wieviel von der Geschichte letztlich wahr ist, nicht von Belang.

In seinen besten Zeiten stand Weir für unkonventionelle Filme, die den gängigen Hollywood-Konventionen trotzten, auch wenn dies auf seine Arbeiten ab Ende der 80er Jahre nur noch bedingt zutrifft. Doch schon mit Master and Commander besann er sich auf alte Tugenden, und The Way back macht genau da weiter. Die Inszenierung ist betont leise und zurückhaltend. Abgesehen von der kurzen Ausbruchssequenz aus dem Gulag gibt es keine Actionszenen, Musik wird nur selten und dosiert eingesetzt. Gesprochen wird wenig, was die Erschöpfung der Protagonisten umso greifbarer macht. Der eigentliche Hauptdarsteller jedoch ist die Natur. Weir zeigt ihre betörende Schönheit in ausladenden Bildern, die jedoch nicht darüber hinwegtäuschen können, dass sie die einzigen Gefahrenquellen für die Flüchtlinge bereitstellt. Und hier gibt’s die volle Breitseite: Kälte und Hitze, Sandsturm und Schneesturm, selbst Moskitos quälen die Flüchtenden. Hunger und Durst sind ohnehin ständige Begleiter. Eine der besten Szenen des Films ist jene, in der die Flüchtlinge die mongolische Grenze überschritten haben, sich zunächst in Sicherheit wähnen um dann zu erkennen, dass inzwischen auch hier der Kommunismus Einzug gehalten hat.

Über den Schluss kann man geteilter Meinung sein. Natürlich ist er kitschig, doch mit fortschreitendem Alter scheint bei mir auch die Bereitschaft zuzunehmen, mich auf derartige Dinge einzulassen. Vor zwanzig Jahren hätte ich mich wahrscheinlich geärgert, heute sehe ich milde darüber hinweg. Vielleicht erste Anzeichen einer einsetzenden Altersweisheit? Darstellerisch gibt es nichts zu beanstanden, auch wenn ich ein gewisses Unbehagen im Vorfeld angesichts solcher Namen wie Colin Farrell und Ed Harris nicht leugnen will. Doch gerade Farrell gefiel mir ausgesprochen gut in der Rolle des russischen Kriminellen Valka. Da ist es auch stimmig, dass er, der einzige nicht politische Sträfling und zudem überzeugter Stalin-Anhänger, an der russisch-mongolischen Grenze kehrtmacht und in Russland bleibt, auch auf die Gefahr hin, bald wieder in einem Arbeitslager zu landen.

Mit The Way back ist Weir ein ebenso leidenschaftliches wie überzeugendes Plädoyer für die Freiheit und gegen den Kommunismus gelungen, dessen Bildgewalt den Zuschauer die Leiden der Protagonisten beinahe physisch spüren lässt. Bleibt zu hoffen, dass sein nächster Film nicht wieder sieben Jahre auf sich warten lässt.

Sonntag, 9. Oktober 2011

THE SOCIAL NETWORK (David Fincher, 2010)

I'm CEO, bitch!

Nach The curious Case of Benjamin Button ist dies nun schon der zweite Film Finchers, der mich thematisch überhaupt nicht interessiert und den ich nur deswegen gesichtet habe, weil Fincher der Regisseur ist. Hätte irgendein Nobody oder ein von mir nicht so geschätzter Filmemacher den Stoff verfilmt - es wäre mir nicht im Traum eingefallen ihn anzuschauen. Der Grund liegt vor allem darin, dass ich mit sozialen Netzwerken wie Facebook überhaupt nichts anfangen kann, sie nicht nutze, ja die meisten nicht einmal kenne. Warum sollte mich dann ein Film über den Facebook-Gründer interessieren?

Umso erstaunlicher ist es, dass es Fincher auch hier wieder gelingt, mich positiv zu überraschen, sogar mehr noch als bei dem unerwartet guten Vorgänger. The Social Network ist ein ganz hervorragender Film geworden, wobei die Tatsache, dass es eben kein Film über Facebook ist, für mich hilfreich war. Vielmehr erzählt Fincher eine Geschichte über echte und falsche Freundschaften und vom rasanten Aufstieg eines Computer-Nerds zu einem der reichsten Unternehmer der Welt. 

Maßgeblichen Anteil am Gelingen haben die erstklassigen messerscharfen Dialoge Aaron Sorkins, die den Film souverän über die zwei Stunden Laufzeit tragen. Ebenfalls hervorragend sind die Darsteller, allen voran Jesse Eisenberg, der Zuckerberg als eigenwilligen, rücksichtslosen, irgendwo aber auch sympathischen Zeitgenossen spielt. Richtig gut auch Justin Timberlake, der meines Wissens in erster Linie Musiker ist. 

Fincher hält sich in seinem Inszenierungsstil angenehm zurück (wie schon bei Zodiac) und verzichtet auf unnötige technische Spielereien. Dennoch oder gerade deswegen ist The Social Network eine absolute Augenweide. Kongenial ergänzt wird das durch den grandiosen Score des Nine-Inch-Nails-Kopfes Trent Reznor. Großes Kino.