Freitag, 20. März 2026

THE KILLING OF A SACRED DEER (Yorgos Lanthimos, 2017)

I don’t know if what is happening is fair, but it’s the only thing I can think of that’s close to justice.

The Killing of a sacred Deer ist für Lanthimos-Verhältnisse ein vergleichsweise straighter Film, der sich über weite Strecken fast wie ein konventioneller Horrorfilm anfühlt, wobei die Kälte und Präzision seiner Inszenierung jede Szene mit einer schwer zu greifenden Beklemmung aufladen. Die vielfach eingesetzten Weitwinkel-Aufnahmen erzeugen gleichzeitig eine klinische Nüchternheit und Distanz, die perfekt die moralische Ausweglosigkeit des Protagonisten unterstreicht.

Lanthimos erzählt eine Geschichte um Schuld und Sühne und legt dabei ein derart archaisches Verständnis an den Tag, dass ich mich phasenweise an die Werke Kim Ki-duks erinnert fühlte. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Barry Keoghan, der mich bereits bei Saltburn tief beeindruckt hatte, spielt die Figur des Martin verletztlich und bedrohlich zugleich und personifiziert den Racheengel auf ideale Art und Weise. Die Szene mit Nicole Kidman, in der er die Spaghetti isst, zählt zu den eindringlichsten des Films und erlaubt einen tiefen Einblick in sein von Rache und Verlustschmerz geprägtes Seelenleben.

The Killing of a sacred Deer ist sehr spannend, aber auch schwer auszuhalten und wahrlich nichts für Zartbesaitete. Man mag sich gar nicht erst in Stevens ausweglose Situation versetzen, in der er nur alles falsch machen kann, egal was er tut. Seine Versuche, anhand objektiver Kriterien seine Auswahl zu treffen - wunderbar auf den Punkt gebracht in dem Gespräch mit dem Lehrer - sind zum Scheitern verurteilt und schmerzhaft anzusehen. Dies mündet letztlich in einer besonders fiesen Variante des Russisches Roulette, wobei schon vorher feststeht, dass er in jedem Fall verlieren wird. Ein faszinierender Film, mitreißend und abstoßend zugleich.

Donnerstag, 19. März 2026

THE LOBSTER (Yorgos Lanthimos, 2015)

I always swallow after fellatio and I've got absolutely no problem with anal sex.

The Lobster war nach drei Filmen in griechischer Sprache und mit griechischen Darstellern Lanthimos erste internationale Produktion mit vorwiegend britischen/irischen Schauspielern, wobei Angeliki Papoulia, die Hauptdarstellerin der beiden Vorgängerfilme, hier auch wieder in einer wunderbar überzeichneten Rolle dabei ist. Gedreht wurde in Irland in englischer Sprache. Dieser Schritt trug letztlich dazu bei, Lanthimos' Filme einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Seinem Stil blieb er dabei treu. The Lobster ist eine bitterböse Groteske, die - ähnlich wie der einige Jahre später entstandene Poor Things - gängige gesellschaftliche Normen entlarvt und durch gezielte Zuspitzung ad absurdum führt.

Die Story ist ebenso originell wie bizarr: In einer dystopischen Zukunft werden Singles in ein Hotel gebracht, wo sie innerhalb von 45 Tagen einen Partner finden müssen. Gelingt dies nicht, werden sie in ein Tier ihrer Wahl verwandelt. Zusätzliche Zeit können sie sich dadurch erkaufen, dass sie bei den regelmäßig veranstalteten Jagden in den umliegenden Wald geflohene Singles mit einem Betäubungsgewehr außer Gefecht setzen. Für jeden "erlegten" Single gibt es einen Extra-Tag.

Lanthimos nutzt diese Ausgangslage weniger dafür, eine düstere Zukunftsvision zu entwerfen (die The Lobster natürlich auch ist), sondern in erster Linie, um vertraute Verhaltensmuster zu karikieren. Die Regeln des Hotels sind absurd, folgen aber einer Logik, die man aus dem Alltag kennt: Partnerschaft als gesellschaftliche Pflicht, eine Gemeinsamkeit als Grundlage für die Beziehung, ein Kind als Rettungsanker. Die Flüchtlinge im Wald verkehren diese Regeln ins Gegenteil und sind dabei keinen Deut besser als das System, das sie kritisieren. Ihre Regeln sind mindestens genauso streng, die Strafen für Verstöße ebenso drastisch. Einige dieser Regeln porträtieren die heutzutage gerne angeführten Vorteile des Single-Daseins, die in der von Lanthimos dargestellten Überspitzung genauso lächerlich sind, wobei das im Film thematisierte Verbot von Zärtlichkeiten unter den Singles im realen Leben natürlich nicht dazu gehört. Aber der Rest passt. Der Protagonist David bricht dabei gleich alle Regeln: nach seiner Flucht in den Wald verliebt er sich in eine kurzsichtige Frau, die seine Liebe erwidert und für dieses Vergehen auf brutalste Weise von der Anführerin der Flüchtlinge bestraft wird. Um ihre Liebe zu retten und wieder eine Gemeinsamkeit zu haben - die nach den Regeln beider Systeme unabdingbar für eine stabile Beziehung zu sein scheint - entschließt er sich zu einem drastischen Schritt, wobei Lanthimos am Ende offen lässt, ob David dies tatsächlich vollzieht.

The Lobster ist trotz allem kein Film, der schlechte Stimmung macht oder deprimiert. Dafür ist er in seiner beißenden Gesellschaftskritik einfach zu überdreht und komisch. In jedem Fall aber ein Film, der - wie praktisch alle Filme des Griechen - den Zuschauer auch nach dem Abspann noch eine Weile beschäftigt.

Montag, 16. März 2026

ALPEIS (Yorgos Lanthimos, 2011)

Ein weiterer höchst bizarrer Film des Griechen, der wie ein Gegenentwurf zu Kynodontas wirkt und dabei doch völlig anders ist. Eine Gruppe bestehend aus zwei Frauen und zwei Männern bieten Familienangehörigen kürzlich Verstorbener an, gegen Bezahlung in die Rolle der Verstorbenen zu schlüpfen und sie damit bei der Trauerbewältigung zu unterstützen. Der Anführer der Gruppe, der hauptberuflich als Rettungssanitäter tätig ist, hat klare Regeln aufgestellt, an die sich alle zu halten haben. Dazu gehört neben der Verwendung von Decknamen der Grundsatz, keine sexuellen Beziehungen mit den "Klienten" einzugehen. Wenig überraschend wird diese Regel schon bald gebrochen. Auch darüber hinaus kommen die ersten Zersetzungstendenzen auf, die sich im weiteren Verlauf zunehmend manifestieren. Dabei steht eine Krankenschwester im Mittelpunkt, die körperliche Nähe und Zuneigung sucht und darüber hinaus unter einer starken Persönlichkeitsstörung leidet. 
 
Auch hier wieder harter Stoff von Lanthimos. Der Film kommt etwas schwer in die Gänge - erklärt wird natürlich wieder nur das Nötigste - wird aber mit zunehmender Dauer merklich intensiver. Je weiter der Film voranschreitet, desto stärker verschiebt sich der Fokus von der Gruppendynamik hin zur inneren Erosion der Krankenschwester, deren Bedürfnis nach Nähe in einem System aus Regeln und Rollenspielen zwangsläufig scheitern muss. Die Kamera bleibt dabei distanziert und beobachtend, was eine beklemmende Atmosphäre erzeugt, ähnlich wie beim Vorgänger.

Im letzten Drittel lösen sich die Grenzen zwischen Rolle und Realität vollends auf. Die Krankenschwester steigert sich immer mehr in die Identitäten der Verstorbenen hinein bis zu dem Punkt, an dem diese mit ihrer eigenen Persönlichkeit verschmelzen und letztere fast gar nicht mehr wahrnehmbar ist. Am Ende ist die Protagonistin im emotionalen Niemandsland angekommen, aus dem es kein Zurück mehr gibt.

Samstag, 14. März 2026

KYNODONTAS (Yorgos Lanthimos, 2009)

Ein zutiefst verstörender Film über einen Vater, der seine drei erwachsenen, namenlosen Kinder - ein Sohn und zwei Töchter - auf einem abgeschotteten Grundstück in der Nähe des Flughafens, in dem er arbeitet, gefangen hält. Seine Frau und Mutter der Kinder ist die Komplizin, die das böse Spiel konsequent mitspielt. Um ihren Nachwuchs vor den schlechten Einflüssen der Außenwelt zu schützen, haben die beiden eine Welt erschaffen ohne moderne Technik, mit absurden Regeln, einem merkwürdigen Belohnungssystem und emotionaler Isolation. Der Vergleich mit Shyamalans The Village drängt sich geradezu auf. Auch wenn das alles im Detail nicht immer logisch ist, fällt dies kaum ins Gewicht. Die innere Konsistenz dieser abgeschlossenen kleinen Welt ergibt sich weniger aus rationalen Zusammenhängen als aus der Konsequenz, mit der Lanthimos das durchzieht.

Die Darsteller bewegen sich durch diese Szenerie mit einer gewissen Hölzernheit, die vermutlich zum Konzept gehört, und wirken dabei wie Marionetten, ihre Dialoge wie auswendig gelernte Phrasen, denen jede natürliche Regung abtrainiert wurde. Auch sexuelle Bedürfnisse scheinen sie kaum zu verspüren, wobei der Vater interessanterweise für seinen Sohn eine Sexpartnerin in Person einer Kollegin organisiert hat, die er regelmäßig für ihre Dienste an seinem Sohn bezahlt. Diese wiederum nutzt die Naivität der älteren Tochter aus, indem sie sich von ihr oral befriedigen lässt.

Mit fortschreitender Laufzeit zieht Lanthimos die Schraube langsam, aber unerbittlich an. Besonders schockierend sind die immer wieder völlig unvermittelt auftretenden Gewaltausbrüche, die ohne Vorankündigung über den Zuschauer hereinbrechen. Die Dramaturgie spitzt sich in dem Moment merklich zu, in dem die ältere Tochter heimlich die beiden Videokassetten mit den Kinofilmen Rocky und Jaws sieht und dadurch merkt, dass es noch eine andere Welt gibt als die von ihrem Vater geschaffene. Die logische Konsequenz: die Flucht aus dieser künstlichen Welt, die ihr Gefängnis ist.

Kynodontas ist kein schöner Film. Kein Film, dessen Sichtung man genießt und an dem man sich erfreut. Es ist ein Film, den man aushält, beobachtet und verarbeitet. Lanthimos zeigte hier zum ersten Mal, über welch immensen Fähigkeiten er als Filmemacher verfügt und setzte ein Statement, das nach dem Abspann noch lange nachhallt.

Donnerstag, 12. März 2026

KINETTA (Yorgos Lanthimos, 2005)

In jüngster Zeit habe ich die Arbeiten des griechischen Regisseurs Yorgos Lanthimos zu schätzen gelernt und so sah ich auch der Sichtung seines zweiten Spielfilms Kinetta mit Vorfreude entgegen. Leider ist der in hohem Maße experimentelle Film eine ziemliche Enttäuschung. Die Schwächen liegen dabei nicht nur im formalen Bereich. Die oft unerträglich wackelnde Handkamera macht insbesondere die ersten Minuten zu einer regelrechten Tortur und die zahlreichen Nahaufnahmen, bei denen die Kamera wiederholt sekundenlang den Fokus sucht, stellen eine ähnlich große Herausforderung dar. Dies wirkt schlichtweg dilettantisch. Gesprochen wird fast nichts. 

Auf der inhaltlichen Ebene werden die Leben dreier Menschen beleuchtet, die außerhalb der Saison im namensgebenden Ferienort leben: ein Polizist - ob es sich tatsächlich um einen solchen handelt, wird nicht ganz klar - mit einer Vorliebe für üppige russische Frauen und BMWs, ein Fotograf, der in einem Fotogeschäft arbeitet, und ein Zimmermädchen. Die drei treffen sich mehr oder weniger regelmäßig, um Mordfälle nachzustellen. Warum sie das tun, in welcher Beziehung sie zueinander stehen und welche Motivation sie jeweils antreibt, überlässt Lanthimos der Fantasie des Zuschauers. Am offensichtlichsten ist das Motiv noch beim Polizisten. Der Fotograf hat anscheinend ein Faible für bizarre Motive und Situationen, gut zu erkennen auch daran, dass er nach dem Selbstmordversuch des Zimmermädchens zuerst dessen leblos da liegenden Körper fotografiert, bevor er ihm hilft. Die bizarre Eröffnungssequenz lässt sich eventuell so deuten, dass der Auslöser für diese Faszination möglicherweise der Unfalltod eines nahen Angehörigen war. Beim Zimmermädchen wiederum macht sich nicht nur ein allgemeiner Lebensüberdruss bemerkbar, sondern auch eine Vorliebe dafür, gedemütigt zu werden und körperlicher Gewalt ausgesetzt zu sein. Mehrfach "übt" sie in ihrem Zimmer für sich alleine Szenen, in denen sie gewürgt oder geschlagen wird. Auch trägt sie bei jeder nachgestellten Szene eine Verletzung davon, was sie aber nicht davon abhält, sich erneut mit den beiden Männern für eine weitere Szene zu treffen.

Von der Idee her ist das alles nicht uninteressant, doch neben den zahlreichen handwerklichen Schwächen schafft Lanthimos es auch nicht, ein tieferes Interesse des Zuschauers für seine Figuren zu wecken. Darüber hinaus gibt es immer wieder völlig belanglose Szenen, die keinerlei Bedeutung haben, und das ohnehin schon träge Tempo weiter entschleunigen. Die Darsteller machen ihre Sache hingegen nicht schlecht. Unter dem Strich dann doch ein ziemlich belangloser Film, der in jeder Hinsicht meilenweit von den aktuellen Werken des Regisseurs entfernt ist.

Dienstag, 3. März 2026

THE FAVOURITE (Yorgos Lanthimos, 2018)

I like it when she puts her tongue inside me.

The Favourite markiert die erste Zusammenarbeit des griechischen Regisseurs mit seiner Muse Emma Stone, und seither ist die Frau aus Arizona fester Bestandteil des Lanthimos-Ensembles. Die Geschichte ist den realen Erlebnissen der englischen Königin Anne Stuart nachempfunden, die zu Beginn des 18. Jahrhunderts für einige Jahre an der Spitze des britischen Empire stand. Auch wenn es sich der Geschichtsschreibung nach zu urteilen wohl tatsächlich um eine physisch und psychisch sehr labile Persönlichkeit handelte, zeichnet Lanthimos ein stark überspitztes Porträt der Monarchin.

Das Setting sagte mir nicht sonderlich zu. Dennoch ist der Film in seiner schrägen Art durchaus witzig und amüsant. Die höfischen Intrigen wirken wie ein bewusst überdrehtes Kammerspiel, das sich weniger für historische Genauigkeit interessiert als für die Dynamik zwischen den drei Frauen, die alle auf ihre Weise um Nähe, Macht und Aufmerksamkeit ringen. Getragen wird das Ganze von den hervorragenden Darstellerinnen. Neben Emma Stone kann vor allem Olivia Colman überzeugen, die für die Rolle der Queen Anne zu Recht einen Oscar erhalten hat. Rachel Weisz komplettiert das Trio und sorgt dafür, dass die Machtspiele nie ins rein Groteske abrutschen, sondern immer eine menschliche Note behalten.

Trotz meiner Distanz zum barocken Ambiente bleibt The Favourite ein Film, der durch seine Mischung aus Boshaftigkeit, Melancholie und trockenem Humor nachhallt. Nicht zuletzt deshalb, weil Lanthimos die historische Vorlage nicht ehrfürchtig behandelt, sondern sie mit sichtbarem Vergnügen in seinem Sinne verbiegt.