Sonntag, 3. Mai 2015

THE BEGUILED (Don Siegel, 1971)

Die Sichtung des Films bin ich völlig unvorbereitet angegangen, d. h. ich hatte vorher weder etwas darüber gelesen noch wusste ich, worum es überhaupt geht. Dies erwies sich als Glücksfall, denn The Beguiled nimmt sowohl im Œuvre seines Hauptdarstellers als auch in dem seines Regisseurs eine Sonderstellung ein.

Das Filmplakat führt den Zuschauer auf eine falsche Fährte, wobei es mal dahingestellt sei, aus welchen Motiven die Gestaltung derart erfolgte. Nachdem Eastwood sich mit seinen vorherigen Filmen einen Namen als harter Hund gemacht hatte, ist er hier in einer für ihn ungewöhnlichen Opferrolle zu sehen: als Soldat der Unionisten wird er im Süden des Landes schwer verletzt und in einem Mädcheninternat gesund gepflegt. Obwohl schnell klar wird, dass die Leiterin des Internats beabsichtigt, ihn den Südstaatenpatrouillen zu übergeben, sobald er sich einigermaßen erholt hat, sieht die Lage für McBurney zunächst nicht sehr bedrohlich aus. Ihm gelingt es, die Damen nach und nach um den Finger zu wickeln, was weniger auf seinen Charme zurückzuführen ist als auf die lange Absenz von Männern und der daraus resultierende Mangel an männlicher Zuneigung. Doch je stärker die Dinge zu seinen Gunsten laufen, desto unvorsichtiger wird McBurney. Er merkt nicht, dass er den Bogen überspannt, obwohl ihm spätestens der Verrat der nymphomanen Carol Warnung genug hätte sein müssen. Und so nehmen die Dinge ihren Lauf – mit einer höchst unerfreulichen Wendung für McBurney. Doch auch nach der Amputation – ob sie medizinisch tatsächlich notwendig war oder aus Rache erfolgte, lässt Siegel bewusst im Dunkeln – meint er noch, die Lage im Griff zu haben. Statt zu versuchen, ohne weitere Schäden den Fängen der Damen zu entkommen, geht er immer weiter seinem Verhängnis entgegen. In seiner grenzenlosen Hybris bringt er alle gegen sich auf, selbst das Sklavenmädchen stößt er mit einer in Aussicht gestellten Vergewaltigung vor den Kopf. Und so bekommt er schließlich das, wonach er regelrecht gebettelt zu haben scheint...

The Beguiled ist eine etwas eigenartige, nichtsdestotrotz aber äußerst gelungene Mischung aus Bürgerkriegsfilm, Südstaatendrama, Kammerspiel und Psychothriller. Angesichts meiner bisherigen Begegnungen mit Siegels Werken hatte ich ihm Vieles zugetraut – einen solchen Film gewiss nicht. Umso erfreulicher, wie gut alles zusammenpasst und welch stimmiger Film The Beguiled geworden ist. Einen erheblichen Anteil daran haben die hervorragenden weiblichen Darsteller, von Geraldine Page über die spröde Elizabeth Hartman bis zur damals erst 12-jährigen Pamelyn Ferdin. Der Titel, der übersetzt so viel wie Der Getäuschte bedeutet, ist ebenso treffend wie vielsagend: McBurney schätzt die ganze Zeit über seine Lage völlig falsch ein; eine Kette von Irrtümern, die ihm schließlich zum Verhängnis wird. Wenn man unbedingt will, kann man The Beguiled natürlich auch als Demontage des von Eastwood bis dahin gepflegten Images des harten Mannes interpretieren. Muss man aber nicht. Doch klar ist: dem Mann ohne Namen wäre das nicht passiert...

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