Donnerstag, 21. Januar 2016

45 YEARS (Andrew Haigh, 2015)

It's funny how you forget the things in life that make you happy.

Geoffrey und Kate sind seit 45 Jahren verheiratet. Da sie ihren 40. Hochzeitstag wegen Geoffreys Bypass-Operation damals nicht feiern konnten, wollen sie das an ihrem 45. nachholen. Geplant ist eine große Feier in edlem und geschichtsträchtigem Ambiente. Wenige Tage vorher erhält Geoffrey einen Brief aus der Schweiz, der auf deutsch verfasst ist und durch den er erfährt, dass die Leiche seiner vor 50 Jahren tödlich verunglückten damaligen Freundin Tanya, die bei einer Wandertour in den Schweizer Alpen in einen Gletscher gestürzt ist, gefunden wurde. Nach Lektüre des Briefs eröffnet er seiner erstaunten Frau, dass die Behörden dort ihn als Tanyas nächsten Angehörigen betrachten, da die beiden damals vorgaben, verheiratet zu sein. Kate ist zwar erstaunt über diese Enthüllung, geht aber zunächst souverän damit um. Doch als sie merkt, dass Geoffrey die Sache mehr beschäftigt als er zugeben mag, keimen langsam Zweifel in ihr auf und sie fragt sich, wie gut sie ihren Mann nach 45 Jahren Gemeinsamkeit kennt.

Die Geschichte, die 45 Years erzählt, ist an sich undramatisch. Wer am Ende die große Zuspitzung oder spektakuläre Enthüllungen erwartet, wird enttäuscht. Umso faszinierender ist aber das psychologische Spiel, das sich zwischen beiden entfaltet. Kate beginnt, Geoffrey hinterher zu spionieren. Nachdem sie gemerkt hat, dass er nachts heimlich auf dem Dachboden nach alten Fotos von Tanya sucht, nutzt sie seine Abwesenheit, um seine Sachen zu durchsuchen. Dabei macht sie eine überraschende Entdeckung, die ihre Zweifel und ihre Unsicherheit noch weiter verstärken. Was genau Geoffrey umtreibt, erfährt der Zuschauer nicht. Ob es einfach nur die Erinnerungen sind, die in ihm hochkommen oder ob da noch mehr dahinter steckt, bleibt im Unklaren. Doch macht gerade dies den großen Reiz der Geschichte aus. Egal wie lange und wie gut man jemanden zu kennen glaubt: ein Stück weit bleibt der Andere doch ein Fremder.

Die größte Schau bei 45 Years sind natürlich die zwei Hauptdarsteller, Charlotte Rampling und Tom Courtenay. Ihr nuanciertes Spiel gewährt dem Zuschauer einen Einblick in ihr Seelenleben, lässt dabei immer noch genug im Verborgenen. Man kann beide verstehen, ohne sich auf eine Seite ziehen zu lassen. Am Ende hält Geoffrey auf der Feier eine bewegende Rede, die so wirkt, als seien ihm die Worte tatsächlich erst während des Sprechens eingefallen. Dadurch wirkt sie verblüffend ehrlich und echt. Und selbst hier gelingt es dem Film, jeden Anflug von Pathos oder Kitsch zu vermeiden. Obwohl Kate durch die Rede ein Stück weit versöhnt zu sein scheint, merkt man ihr die Verletzung immer noch deutlich an. Man weiß, es wird zwischen den Beiden nie mehr so sein, wie es vorher war. 45 Years ist bewegendes, ehrliches Gefühlskino, wie man es in dieser Qualität und Reinheit nur selten findet.


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