Sonntag, 7. Juni 2015

CALVARY (John Michael McDonagh, 2014)

Your friend is just an enemy you haven't made yet.

Calvary bezeichnet im englischsprachigen Raum den Hügel, auf dem Jesus gekreuzigt wurde. Diese Tatsache war demjenigen, der für den deutschen Titel verantwortlich war, anscheinend nicht bekannt oder wie sonst ist es zu erklären, dass der Film in Deutschland unter dem unsäglich platten Titel Am Sonntag bist du tot erschienen ist? Dabei ist der Originaltitel durchaus treffend, denn die Parallelen zwischen der Handlung und der Kreuzigung Jesu sind nicht zu übersehen. Erzählt werden die Geschehnisse der letzten Woche im Leben des Pfarrers James Lavelle, der in einem kleinen irischen Küstenort über seine Gemeinde wacht. Dies tut er mit viel Hingabe. Stets hat er ein offenes Ohr für die Nöte der Menschen, von denen jeder sein Päckchen zu tragen hat. Und so wie Jesus für die Sünden der Menschheit ans Kreuz geschlagen wurde, soll auch Pfarrer James für die Sünden Anderer sterben. Er ist ein guter Mensch und doch soll er büßen für die bösen Taten eines Anderen, der eines der Mitglieder seiner Gemeinde im Kindesalter jahrelang missbraucht hat. There's no point in killing a bad priest, sagt sein angehender Mörder zu ihm im Beichtstuhl. Killing a good one? That would be a shock!

Calvary greift das ebenso schwierige wie aktuelle Thema des Missbrauchs von Kindern durch die Katholische Kirche auf, macht dies jedoch auf eine höchst gefühlvolle und dezente Art und Weise. Seine zentralen Themen sind Sünde, Schuld und Vergebung. Wiedergutmachung gibt es nicht – das wird bei jeder einzelnen der erzählten Geschichten deutlich, und so bleibt den Sündern nur Vergebung und Versöhnung – im besten Fall.

Wie man im Laufe des Films erfährt, hat auch Vater James schwere Fehler gemacht, die sich in seiner nicht ganz unproblematischen Beziehung zu seiner Tochter äußern. Zwar wird kein direkter Zusammenhang zwischen ihren wiederholten Selbstmordversuchen – die in Wahrheit eher Hilfeschreie sind – und seinem Weggang nach dem Tod ihrer Mutter hergestellt, doch liegt die Vermutung nahe, dass Fiona aufgrund dieser einschneidenden Erfahrung nicht in der Lage ist, ihre Beziehungsprobleme im normalen Rahmen zu lösen. Auch hier gibt es keine Wiedergutmachung, aber er schafft es am Ende, mit ihr ins Reine zu kommen.

Das eigentlich Faszinierende an Calvary ist weniger die Frage, wer den Priester ermorden will – er selbst weiß ohnehin von Anfang an, um wen es sich handelt, weil er ihn an der Stimme erkennt – und ob ihm dies gelingt, sondern Vater James bei seinen Gesprächen mit den Angehörigen seiner Gemeinde zu beobachten. Diese haben alle ihre Probleme, und so werden im Laufe der 100 Minuten verschiedene kleine Geschichten erzählt, die in der Person des Pfarrers ein Bindeglied haben. Dabei tun sich zum Teil menschliche Abgründe auf, die man hinter der unscheinbaren Fassade zunächst nicht vermutet. Die wunderschönen Landschaftaufnahmen des britischen Kameramannes Larry Smith, der schon mit seiner Arbeit für Refns Only God forgives zu begeistern wusste, tun Ihr Übriges. Über Calvary liegt eine resignative Grundstimmung, ein Hauch von Schwermut, gepaart mit einer Prise schwarzen Humors. Und wie Jesus ergibt sich Vater James seinem Schicksal. Die zuvor besorgte Waffe wirft er ins Meer, seine Flucht bricht er am Flughafen ab und kehrt nach Hause zurück.

Calvary ist ein feiner kleiner Film, der bewegt und zugleich ausgezeichnet unterhält. Brendan Gleeson trägt den Film mit einer bärenstarken Leistung souverän über die 100 Minuten und auch die übrigen Darsteller können überzeugen. Erstklassige Dialoge und ein gewitztes Drehbuch runden den positiven Gesamteindruck ab. Toll!

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