Nachdem der Postmann mir gestern die David-Lean-Vollbedienung in Form
eines 9 DVDs umfassenden Boxsets gebracht hat, habe ich mich
entschlossen, das Werk David Leans einer systematischen
Betrachtung zu unterziehen - in chronologischer Reihenfolge
selbstverständlich. Dabei kommt mir die Tatsache zugute, dass mir mit
Ausnahme von In which we serve, wo er neben Noel Coward nur die zweite Geige spielte und Summertime
alle seine Filme auf DVD vorliegen. Letzteren werde ich noch
rechtzeitig besorgen, bei ersterem muss ich mal schauen, ob es eine
brauchbare DVD gibt. Seine beiden letzten Filme Ryan’s Daughter und A Passage to India
lasse ich unberücksichtigt, da ich sie kürzlich erst gesichtet und besprochen habe. Erwähnenswert ist noch, dass ich
von Leans Frühwerk bisher nur Oliver Twist kenne. Dementsprechend gespannt blicke ich den Sichtungen der kommenden Wochen entgegen.
Los geht's also mit Leans erstem eigenen Film, einer Adaption des
gleichnamigen Bühnenstücks seines Freundes und Partners Noel Coward, der
den Film auch produziert hat. Erzählt wird die Geschichte der Familie
Gibbons, die nach dem Ende des 1. Weltkriegs und der Rückkehr des
Familienoberhaupts ein neues Haus bezieht, das sie bei Ausbruch des 2.
Weltkrieges 20 Jahre später wieder verlässt. Lean behielt die
Charakteristika des Bühnenstücks bei seiner Umsetzung weitgehend bei,
der überwiegende Teil der Handlung spielt sich im Haus oder der direkten
Umgebung ab. Lediglich zu Beginn gibt es einige Szenen, die nicht im
Haus, dem dazugehörigen Garten oder dem davorliegenden Straßenabschnitt
spielen.
Ich war einigermaßen überrascht, dass der Film in Technicolor gedreht
wurde, war ich doch immer der Meinung, Leans erster Farbfilm sei
Summertime gewesen. Da habe ich mich wohl geirrt. Inzwischen weiß ich, dass auch Blithe Spirit noch in Farbe gedreht wurde, bevor Lean in Schwarzweiß weitermachte.
This happy Breed bietet einen interessanten
Einblick in das Leben einer typischen britischen Mittelklassenfamilie,
die zwar noch unter den Auswirkungen des Kriegs zu leiden hat, diesen
aber vergleichsweise gut und weitgehend unbeschadet überstanden hat. Die
wirklich tragischen Ereignisse treten erst in den Folgejahren ein,
beispielsweise der Tod einer Tochter und ihres Ehemannes durch einen
Unfall mit einem LKW. Dabei hat der Film mit den Problemen zu kämpfen,
die Bühnenstückadaptionen üblicherweise mit sich bringen. Die
Beschränkung auf einen Handlungsort hat zur Folge, dass man die
zahlreichen Ereignisse meist nur erzählt bekommt, es bleibt also der
eigenen Phantasie überlassen, sich deren Hergang im Detail auszumalen.
Dies kann man natürlich auch als Vorteil ansehen, ich persönlich
bevorzuge jedoch eine visuelle Umsetzung. Doch auch wenn hier nicht die
ganz großen Emotionen geweckt werden, ist das Ganze alles andere als
langweilig. Man erfährt viel über die Denkweise der Menschen damals,
ihre Ängste, geschürt durch die Verunsicherung und Verluste des
vergangenen Krieges, der ungewissen Zukunft und der Angst vor einem
neuen Krieg. Auch die sozialen und wirtschaftlichen Probleme und
Ungerechtigkeiten werden thematisiert, obwohl sie angesichts der
einigermaßen komfortablen Lage, in der sich die Familie Gibbons
befindet, keine zentrale Rolle einnehmen.
Am Ende schließt sich dann der Kreis: der neue Krieg beginnt, die
Familie zieht aus und der Film endet mit der gleichen Einstellung des
leeren, unbewohnten Hauses, mit der er begann.
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