30 Dezember 2024

COLOR OUT OF SPACE (Richard Stanley, 2019)

It was just a color out of space.

Der Anfang ist recht vielversprechend. Ein Sprecher verliest die ersten Sätze aus Lovecrafts Geschichte, die die Grundlage für den Film bildet, während die Kamera stimmungsvolle Aufnahmen der Wälder (vorgeblich) Arkhams einfängt. Doch leider ist das so ziemlich das einzig Positive, was sich über Color out of Space sagen lässt. Lovecraft zu verfilmen ist schwierig und so bin ich die Sichtung schon mit reduzierten Erwartungen angegangen. Stanley hat versucht, die Geschichte in die Gegenwart zu transferieren und diese zeitgemäß umzusetzen. Leider scheitert er dabei auf ganzer Linie.

Das Problem fängt schon mit der Wahl des Hauptdarstellers an. Nicolas Cage ist einer der bestbezahlten Schauspieler Hollywoods und dennoch mit vielen seiner Rollen hoffnungslos überfordert. So auch hier. Sein Nathan Gardner ist ein Psychopath durch und durch, wobei man im Gegensatz zu den anderen Darstellern bei ihm keinen Unterschied zwischen seiner wahren Persönlichkeit und der durch den Meteoriten beeinflussten merkt. In vielen Szenen wirkt er wie ein schlechter Schauspieler aus einer daily Soap. Deutlich besser machen die übrigen Darsteller ihre Sache, wobei die Figur der Lavinia, verkörpert durch Madeleine Arthur, in sich nicht stimmig ist. So frönt sie irgendwelchen Hexenritualen aus dem Necronomicon, das in ihrem Zimmer liegt, doch wirken diese Szenen eher wahllos eingestreut als sich folgerichtig aus der Handlung zu erschließen. Dies ist aber ein Problem des Drehbuchs und kann nicht der Kanadierin angelastet werden, die ihre Sache ordentlich macht.

Die Effekte mit den fluoreszierenden Farben, die die zentrale Rolle einnehmen, wirken zwar bemüht, erinnern aber eher an ein billiges Computerspiel. Hinzu kommen schlecht gemachte CGI bei den mutierten Wesen. Auch wenn die Story in ihren Grundzügen noch erkennbar ist, hat das alles wenig mit Lovecraft zu tun. Was für sich betrachtet kein Problem wäre, denn Prosa und Film sind unterschiedliche Kunstformen, die von einander losgelöst betrachtet und bewertet werden sollten. Doch auch als simples B-Movie funktioniert Color out of Space nicht, da der Film zu keiner Zeit in der Lage ist, so etwas wie eine bedrohliche Spannung aufzubauen. Mit zunehmender Spieldauer war ich von dem Treiben auf dem Bildschirm immer mehr genervt und spätestens nach 70 Minuten habe ich den Abspann herbeigesehnt.

27 Dezember 2024

PREY (Dan Trachtenberg, 2022)

Die Idee, ein Prequel zu den Predator-Filmen zu drehen und die Story in den Great Plains zu Beginn des 18. Jahrhunderts anzusiedeln hat durchaus Charme. Während die tollen Landschaftsaufnahmen allerhand Schauwerte bieten, lässt die Umsetzung leider arg zu wünschen übrig. Die CGI sind zum Teil erschreckend schlecht, vor allem der Grizzlybär und sein Kampf mit dem Predator sehen aus, als hätte man hier einen Nachwuchsprogrammierer mit der Arbeit beauftragt. Und nachdem dem Monster spätestens im Vorgänger die Bedrohlichkeit abhanden gekommen ist, wird es hier vollends der Lächerlichkeit preisgegeben. Zwar gelingt es ihm mühelos, einer ganzen Horde französischer Trapper (die natürlich furchtbar garstig sind und jedes gängige Klischee erfüllen) den Garaus zu machen, ist aber nicht in der Lage, mit einem 50 kg wiegenden Mädchen fertig zu werden, ja noch nicht einmal dieses von seiner Schulter zu werfen, um sich dann am Ende auch noch versehentlich mit seiner eigenen Waffe selbst zu erschießen. Nun könnte ich damit noch leben, wenn Trachtenberg seinen Film als Action-Komödie angelegt hätte, aber im Gegensatz zu Shane Blacks Vorgänger wird dies hier mit beinahe heiligem Ernst und völlig humorfrei vorgetragen. Doch damit nicht genug. Es gibt auch noch eine rätselhafte Pflanze, deren Verzehr die eigene Körpertemperatur so weit herunterkühlt, dass der Predator die Person mit seiner Wärmekamera nicht mehr orten kann. Diese Pflanze hat zugleich aber keinerlei Auswirkung auf die Agilität und Beweglichkeit der konsumierenden Person, obwohl vorher noch erklärt wird, dass die Pflanze den Blutfluss verlangsamt. Ganz abgesehen davon, dass der menschliche Körper eine Temperatur, die unterhalb der Wahrnehmung einer Wärmekamera liegt, wohl gar nicht überleben würde. 

So könnte ich noch lange weitermachen. Der ganze Film strotzt nur vor inhaltlichen Ungereimtheiten. Ich bin bei derartigen Dingen normalerweise recht großzügig und kann ein gewisses Maß an inhaltlichem Blödsinn ertragen, aber Prey haut dem Zuschauer dies derart geballt um die Ohren, dass einem Hören und Sehen vergeht. Zu allem Überfluss wird das Ganze noch in eine Coming-Of-Age-Geschichte verpackt in Kombination mit einem Diskurs über die Benachteiligung von Frauen in einer von Männern dominierten Gesellschaft. Vermutlich ein wichtiges Thema seinerzeit bei den Komantschen. Und während natürlich alle männlichen Krieger dem Predator zum Opfer fallen, ist die Protagonistin der Bestie an Reaktionsschnelligkeit und Cleverness haushoch überlegen. Zudem verfügt sie über beeindruckende Heilungskräfte. Die durch die ausgelegte Fußangel der Franzosen verursachten Verletzungen beeinträchtigen sie in keinster Weise. Eine Kräutersalbe draufgeschmiert und schon rennt sie wieder durch die Gegend als sei nichts gewesen.

Wie oben bereits erwähnt: das Setting hat mir durchaus gefallen, die Landschaftsaufnahmen sind toll und auch die Darstellung der Komantschen wirkt - von den Dialogen abgesehen - authentisch. Die Darsteller, viele davon indigener Herkunft, mühen sich redlich und machen ihre Sache auch nicht schlecht, vor allem Amber Midthunder in der Hauptrolle weiß zu gefallen, aber gegen das schwache Drehbuch kommen sie nicht an. Und so ist Prey zwar nicht völlig missraten und hat durchaus seine lichten Momente, letztlich ist es aber der bisher schwächste Beitrag der Predator-Reihe. Schade um das verschenkte Potential.

26 Dezember 2024

THE PREDATOR (Shane Black, 2018)

They're large, they're fast and fucking you up is their idea of tourism.

The Predator erschien in Deutschland unter dem (inhaltlich zwar durchaus passenden) Titel Predator - Upgrade, dennoch werde ich bis ans Ende meiner Tage nicht mehr verstehen, warum man für das deutsche Publikum den Namen eines Films ändert, vor allem dann, wenn man einen englischsprachigen Titel durch einen anderen englischsprachigen ersetzt. Sei's drum! 

Der Regisseur Shane Black, der zwar auch ein paar Filme gedreht hat, sich in der Vergangenheit aber eher einen Namen als Drehbuchautor gemacht hat, war Bestandteil des Söldnerteams aus dem Original-Predator und dort der Erste, der von dem Alien zerlegt wurde, hat also einschlägige Erfahrung. Im Vergleich mit den bisherigen Teilen der Reihe enthält The Predator deutlich mehr komödiantische Anteile. Es dominieren witzige Dialoge, die zum Teil Bezug nehmen auf die Einzeiler des Originals und die Prädatoren selbst (dieses Mal sind es zwei) wirken bei weitem nicht mehr so bedrohlich wie bei den Vorgängern. Wobei dies auch daran liegen mag, dass der "Predator" mittlerweile fester Bestandteil der Popkultur geworden ist und damit ein gewisser Coolness-Faktor einhergeht. Über die einzelnen Charaktere des im Zentrum der Erzählung stehenden Teams erfährt man relativ wenig, dennoch werden sie ausreichend distinguiert gezeichnet. Die Darsteller sind mir allesamt unbekannt, machen ihre Sache aber ganz ordentlich, und Boyd Holbrook gibt einen respektablen Quasi-Anführer der Truppe ab. Die Story ist natürlich völliger Blödsinn und hat weder Hand noch Fuß und so wird hier eine bunte Mischung aus (durchaus sehr blutiger) Action - der Film hat immerhin ein R-Rating erhalten - und witzigen Dialogen geboten, die über die sehr überschaubare Spielzeit von 107 Minuten gut unterhält. Hat mir Spaß gemacht.

24 Dezember 2024

PREDATORS (Nimród Antal, 2010)

Your ass is awesome.

Acht Menschen werden mit Fallschirmen ausgestattet aus einem Flugzeug geworfen und finden sich in einem Dschungel auf einem unbekannten Planeten wieder. Sie wissen nicht, wie sie dort hingekommen sind, merken aber sehr bald, dass sie einer Gruppe von außerirdischen Jägern als künftige Jagdbeute dienen sollen.  

John McTiernans Predator zählt unbestritten zu den besten Actionfilmen überhaupt und war an den Kinokassen erfolgreich genug, um als Inspiration für zunächst eine Fortsetzung und im Laufe der Zeit für eine ganze Filmreihe zu dienen. Das Setting von Predators ähnelt sehr dem des Originals: Eine Gruppe von Menschen wird von einem unsichtbaren Gegner durch einen Urwald gejagt. War es anno 1987 ein Söldnerkommando in einer verdeckten Mission, ist es hier eine bunt zusammengewürfelte Truppe, deren Mitglieder auf verschiedene Art und Weise alle Mörder sind, also quasi selbst Jäger. Wie schon im Original wird die Gruppe nach und nach dezimiert, wobei hier gleich drei Prädatoren am Werk sind, die zudem noch eine Hundemeute zur Jagd mitgebracht haben. Adrien Brody gibt den toughen Anführer, ein rücksichtsloser Söldner, der zielstrebig seinen eigenen Interessen nachgeht. Über die einzelnen Figuren erfährt man nicht allzu viel, was aber nicht negativ ins Gewicht fällt, da die Darsteller ihnen dessen ungeachtet in ausreichendem Maß Kontur verleihen. Über ein Wiedersehen mit Danny Trejo freue ich mich jedes Mal besonders, auch wenn er hier der Erste ist, der ins Gras beißen muss und Laurence Fishburne, der zu einem bemerkenswerten Kurzauftritt kommt, ist sowieso immer toll.

Obwohl Predators letztlich nur ein Aufguss des Originals ist und sich stets strikt innerhalb der Genre-Grenzen bewegt, hat er mich außerordentlich gut unterhalten. Zahlreiche Einstellungen des Originals werden kopiert oder zitiert, ohne dass die selbstzweckhaft wirkt. Nur die guten Sprüche fehlen. Dennoch: gute, kurzweilige Unterhaltung.

23 Dezember 2024

TERMINATOR: DARK FATE (Tim Miller, 2019)

You are the future.

Nach dem grottigen Terminator Genisys, der den Tiefpunkt der Terminator-Reihe markierte, konnte es nicht mehr schlimmer werden. Nun ist der sechste Film keine weitere Fortsetzung im eigentlichen Sinne, sondern ein alternativer Erzählstrang zum dritten Teil, also quasi eine Fortsetzung des zweiten Teils. Zudem ist James Cameron als Produzent wieder mit an Bord und auch Linda Hamilton konnte reaktiviert werden. Insgesamt also ganz gute Voraussetzungen. Natürlich hat auch Terminator: Dark Fate damit zu kämpfen, dass das eigentliche Thema längst totgeritten ist. Wo The Terminator anno 1984 ein visionäres Meisterwerk war, das ein ebenso düsteres wie realisitisches Zukunftsszenario zeichnete (wenn man den Zeitreise-Aspekt mal außen vor lässt), waren die Fortsetzungen im Grunde immer nur Variationen der gleichen Geschichte. Einzig Terminator Salvation fällt storytechnisch im positiven Sinne etwas aus der Reihe und natürlich setzte Terminator 2: Judgment Day mit den seinerzeit sensationellen Spezialeffekten neue Maßstäbe, ohne jedoch die Klasse des Originals zu erreichen.

Auch Terminator: Dark Fate erfindet erwartungsgemäß das Rad nicht neu. Die zahlreichen Verfolgungsjagden kennt man schon zur Genüge, trotzdem machen sie immer wieder Spaß, wie hier vor allem die ausgedehnte Szene mit dem Bulldozer zu Beginn. Ein großes Plus sind die tollen Darsteller. Linda Hamilton gibt die in die Jahre gekommene Kriegerin, die nur noch von Rachegelüsten am Leben gehalten wird, sehr überzeugend, Gabriel Luna spielt den Rev-9 mit eleganter Bedrohlichkeit und auch Natalia Reyes als Objekt der Terminator-Begierde weiß zu gefallen. Mackenzie Davis wirkt etwas spröde, macht ihre Sache aber auch nicht schlecht und Arnie ist eben Arnie. Sein alternder Terminator, der versucht, sich menschliche Züge anzueignen und ein normales Familienleben zu führen, ist eine Schau. Dabei entwickelt er auf seine alten Tage so etwas wie ein Gewissen und opfert sich am Ende quasi als Wiedergutmachung für den Mord an John Connor.

Tim Miller inszeniert das überwiegend souverän, lediglich der Kampf im Flugzeug wirkt etwas unübersichtlich. Ansonsten wird hier gute und kurzweilige Unterhaltung geboten, das Sounddesign ist ebenfalls gelungen und insbesondere die Varationen des markanten Terminator-Themas wissen zu gefallen.

FURIOSA: A MAD MAX SAGA (George Miller, 2024)

The question is: do you have it in you to make it epic?

Nachdem George Miller vor knapp zehn Jahren die Max-Max-Reihe mit dem gelungenen Mad Max: Fury Road wiederbelebt hatte, erzählt er in Furiosa nun die Vorgeschichte der titelgebenden Kriegerin. Die Machart ist erwartungsgemäß sehr ähnlich. Es gibt wieder wahnwitzige Action bis zum Abwinken, PS-starke Vehikel, bizarre Gestalten, absurde Einfälle, äußerst brutale Hinrichtungen und eine extrem stilisierte Inszenierung. Beinahe der ganze Film ist eine einzige Tiefbass-Orgie. Das alles natürlich angesiedelt in der australischen Wüste, im "Wasteland", wo das Recht des Stärkeren gilt und zwischen allen Bewohnern, meist organisiert in rivalisierenden Clans, ein immer währender Kampf um Treibstoff, Nahrung und Wasser tobt.

Im direkten Vergleich mit Fury Road ist Furiosa der deutlich reifere und komplettere Film. Über weite Strecken wird auch hier wieder ein irrwitziges Tempo geboten, das aber immer mal wieder stark gedrosselt wird, um der Entwicklung der Charaktere den nötigen Raum zu geben. Und das ist gut so, denn mein Hauptkritikpunkt beim Vorgänger war die fehlende emotionale Tiefe. Viele Figuren kamen nicht über den Status eines Abziehbildes hinaus. Dies ist hier ganz anders. Im Zentrum der Entwicklung steht natürlich die junge und langsam heranwachsende Furiosa, die einerseits auf Rache für ihre auf brutalste Weise getötete Mutter aus ist, andererseits lernen muss, in dieser grausamen Welt zurecht zu kommen und nicht unter zu gehen. Anya Taylor-Joy macht ihre Sache ganz hervorragend und hat zudem mit dem narzisstischen Clanführer Dementus (ebenfalls toll: Chris Hemsworth) einen ebenbürtigen Widerpart. Und der Darth Vader des Wastelands, Immortan Joe, ist natürlich auch wieder dabei.

Unter dem Strich ist Furiosa über fast 150 Minuten eine irre Achterbahnfahrt, ein Höllenritt par excellence und ein Adrenalin-Kick erster Güte und damit dem Vorgänger mindestens ebenbürtig. Nach dem Abspann fühlt man sich wie frisch gebadet.

22 Dezember 2024

KINGDOM OF THE PLANET OF THE APES (Wes Ball, 2024)

Can ape and human live together?

War for the Planet of the Apes wäre eigentlich ein guter Schlusspunkt der Reihe gewesen, aber ganz offensichtlich wollte man die Kuh noch weiter melken und so hat man einen vierten Teil produziert, der viele Generationen nach seinem Vorgänger spielt in einer postapokalyptischen Welt, die von intelligenten Affen dominiert wird. Ein Großteil der Menschen hat das Sprechen verlernt und lebt versteckt in den Wäldern. Das Ausgangsszenario ähnelt also dem aus Schaffners Original aus dem Jahr 1968.

Visuell ist Balls Film überwältigend. Die Landschaften sind von betörender Schönheit, die Reste der menschlichen Zivilisation von der Vegetation überwuchert, die Erde als Paradies. Auch die Animation der Affen ist über jeden Zweifel erhaben. Wie schon beim Vorgänger gelang es, die Mimik der Protagonisten - hier nun einmal überwiegend Affen - so darzustellen, dass die Emotionen transportiert werden, ohne dass dies zu menschlich wirkt. Dies gilt allerdings nicht für die Kommunikation der Affen, die in sich nicht stimmig ist und zwischen einfachen kindlichen Sätzen, Gebärdensprache und komplexen Satzstrukturen mit Fremdworten lateinischen Ursprungs wechselt. Und wo wir gerade von Stimmigkeit reden: größter Schwachpunkt des Films ist die Story, die bei nüchterner Betrachtung weder Hand noch Fuß hat. Hier von Logikfehlern zu sprechen ist schon beinahe euphemistisch. Hinzu kommt die schwache Charakterzeichnung, die hier von der besonderen Herausforderung geprägt war, dass die handelnden Personen größtenteils Affen sind. Aber auch der Charakter der menschlichen Mae ist völlig unglaubwürdig und ihre beinahe übermenschlichen Fähigkeiten und ihr unendlich erscheinendes Wissen passen überhaupt nicht zu dem ansonsten vermittelten Bild vom degenerierten Menschen, auch wenn man es dadurch zu erklären versucht, dass sie bzw. ihre Vorfahren gegen das Virus immun waren, das die Menschen hat verdummen lassen. Und je länger der Film dauert, desto größer werden die Kapriolen, die die Story schlägt. Die letzte halbe Stunde ist dann an inhaltlichem Schwachsinn kaum zu überbieten.

Und dennoch: so unsinnig die Story auch ist: Kingdom of the Planet of the Apes verfügt über eine Menge an Schauwerten, die den Film dann doch einigermaßen sehenswert machen. Vor allem die Darstellung der von der menschlichen Zivilisation "befreiten" Welt ist atemberaubend. Optisch hui, inhaltlich pfui - so könnte man das Ganze treffend zusammen fassen. Kann man sich also durchaus anschauen, muss man aber nicht.

JURASSIC WORLD: DOMINION - Extended Edition (Colin Trevorrow, 2022)

We don't apologize for our mistakes. We erase them.

Die vom Vorgängerfilme hinterlassene Ausgangssituation hätte eigentlich Stoff für eine spannende Geschichte geboten. Doch leider schafft es Trevorrow, dessen Wiederbelebung des Franchise mit Jurassic World anno 2015 mir richtig gut gefallen hatte, die unsinnige Story des Vorgängers noch zu unterbieten. Hier hilft also nur Hirn ausschalten, entspannt zurücklehnen und nur ja nicht über die ganzen Logiklöcher nachdenken. Und bei dieser Betrachtungsweise kann Jurassic World Dominion durchaus Spaß machen. Ich interessiere mich seit meiner frühesten Kindheit für Dinosaurier und es erfüllt mich auch heute noch mit Freude, realistisch animierte Exemplare dieser Urzeitviecher über die Leinwand laufen zu sehen. Da ist mir das Drumherum meist gar nicht so wichtig und ich glaube, dass ich damit nicht alleine dastehe. Alleine die tolle Eröffnungssequenz im Jura, gefolgt von der Einblendung "65 million years later" macht schon Lust auf mehr.

Ein weiterer großer Pluspunkt ist die Versammlung der Altdarsteller aus dem Originalfilm, die wie ein Klassentreffen der besonderen Art wirkt. Sam Neill, Laura Dern (die erschreckend alt aussieht) und Jeff Goldblum sind neben den Dinosauriern die Hauptattraktion. Vor allem die Chemie zwischen den beiden Erstgenannten stimmt und so wirkt die Andeutung einer gemeinsamen Zukunft am Ende durchaus passend. Chris Pratt fügt sich in die Riege gut ein, Bryce Dallas Howard hingegen wirkt etwas hölzern und hat immer noch keine Ausstrahlung. DeWanda Wise sorgt in der Rolle der toughen Pilotin Kayla für ein paar optische Highlights und auch Campbell Scott kann als Biosyn-CEO überzeugen.

Bei den gezeigten Dinosauriern wird dieses Mal viel Abwechslung geboten und mit dem Giganotosaurus kann man einen neuen Superlativ bieten, wird er doch gleich mehrfach als das größte bekannte Landraubtier angepriesen, wobei dieser Status nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft durchaus zweifelhaft ist. Das Ganze Drumherum um den Velociraptor und seinen entführten Baby-Klon ist an Schwachsinn nur schwer zu überbieten, aber wie gesagt: Hirn ausschalten ist ganz wichtig! Die zahlreichen Actionsequenzen sind rasant inszeniert und wirken zum Teil auch etwas selbstzweckhaft, wobei mir die Verfolgungsjagden durch die Straßen Vallettas irgendwie James-Bond-Vibes verschafften. Eine ziemlich bunte Mischung also, die aber - vor allem dank der tollen Darsteller - trotz der langen Spielzeit recht gut unterhält.

21 Dezember 2024

ALIEN: ROMULUS (Fede Alvarez, 2024)

Die motherfucker!

Die Handlung ist zeitlich zwischen Alien und dem (von mir nicht sonderlich geschätzten) Aliens angesiedelt. Der Regisseuer Fede Alvarez ist für mich ein unbeschriebenes Blatt. Ich kenne keinen seiner bisherigen Filme. Wikipedia verriet mir immerhin, dass er aus Uruguay stammt. Optimistisch stimmte mich die Tatsache, dass Alien: Romulus von Ridley Scott und Walter Hill produziert wurde, zwei Namen, die normalerweise für Qualität stehen.

Der Beginn der Handlung in der Minenkolonie sagte mir atmosphärisch sehr zu und weckte Erinnerungen an Verhoevens Total Recall. Nachdem die Protagonisten aus der Kolonie geflüchtet sind und die Raumstation erreicht haben, entwickelt sich schnell die übliche Belagerungssituation. Viel Neues gibt es nicht. Im Grunde beschränkt sich Alvarez darauf, Versatzstücke und Zitate der bisherigen Alien-Filme recht gekonnt zusammenzusetzen. Dabei schafft er eine dichte, beklemmende Atmosphäre. Die tollen Sets, das hervorragende Sounddesign und die guten Spezialeffekte tun das ihre. Ein Schwachpunkt sind die farblosen Darsteller, denen es nur mühsam gelingt, ihren Figuren wenigstens etwas Kontur zu geben. Cailee Spaeny macht ihre Sache nicht so schlecht, hat aber nicht im Ansatz die Ausstrahlung einer Sigourney Weaver. Einzig positive Ausnahme ist der Brite David Jonsson, der in der Rolle des Androiden Andy rundum überzeugen kann. Und die digitale Wiederauferstehung des vor vier Jahren verstorbenen Ian Holm als Androide Rook ist ebenfalls sehr gelungen.

Unter dem Strich bietet Alien: Romulus spannende und sehr kurzweilige Unterhaltung. Ein gelungener Film, der aber natürlich nicht einmal ansatzweise an Ridley Scotts Meisterwerk heranreichen kann. Das - soviel Fairness muss sein - konnten alle anderen Filme der Reihe aber auch nicht. Und deutlich besser als der völlig misslungene Alien: Resurrection ist er allemal.


16 November 2024

BONES AND ALL (Luca Guadagnino, 2022)

The world of love wants no monsters in it.

Es kann vielfältige Anlässe geben, einen bestimmten Film zu schauen. In diesem speziellen Fall war es der Titel, der mich auf magische Weise anzog. Ein Film, der Bones and all heißt, kann nur gut sein, so meine Schlußfolgerung. Und tatsächlich entpuppte sich Bones and all als ziemlich kranker Film genau nach meinem Geschmack.

Angesiedelt ist die Handlung in den 80er Jahren, was der Atmosphäre ungemein zuträglich ist. Im Mittelpunkt des Geschehens steht die 18jährige Maren, die eine rätselhafte Lust nach menschlichem Fleisch verspürt, die sie nur für eine gewisse Zeit unterdrücken kann, bevor sie wieder "hungrig" wird. Nachdem sie in ihrem aktuellen Wohnort verhaltsauffällig geworden ist, muss sie mit ihrem Vater (der dieses Verlangen nicht verspürt, aber um die Situation seiner Tochter weiß) Hals über Kopf fliehen. Zu allem Überfluss macht sich ihr Vater während sie schläft aus dem Staub und hinterlässt ihr lediglich ein Bündel Geldscheine, ihre Geburtsurkunde und eine Nachricht in Form einer besprochenen Tonband-Kassette. Da sie nicht weiß, wohin sie gehen soll, beschließt sie, ihre Mutter zu suchen, die sie kurz nach ihrer Geburt verlassen hat. Auf ihrer Reise lernt sie den jungen Lee kennen, der die gleiche kannibalistischen Gelüste hat wie sie.

Ich bin die Sichtung natürlich mal wieder völlig unvorbereitet angegangen und hatte keine Ahnung, was mich erwartet. Daher hat mich die Szene zu Beginn, als Maren völlig unvermittelt ihrer Klassenkameradin das Fleisch vom Finger beißt, fast aus dem Sessel gehauen. Trotz dieser Ausgangslage ist Guadagninos Film alles andere als ein plakativer Splatterfilm, sondern eher eine Mischung aus romantischem Roadmovie und Coming-Of-Age-Drama. Dazwischen gibt es immer mal wieder sehr drastische Szenen, die zartbesaiteten Gemütern einiges abverlangen, und einige wenige gut sitzende Schockmomente. Vor allem das Treffen zwischen Maren und ihrer Mutter wird mir nachhaltig in Erinnerung bleiben. Während der Sichtung fühlte ich mich mehrfach an Bigelows Near Dark erinnert, obgleich dieser eine völlig andere Stimmung verbreitet und darüber hinaus auch von Vampiren handelt. Gewisse Parallelen gibt es aber durchaus.

Hervorzuheben ist die Leistung der beiden Hauptdarsteller, der Kanadierin Taylor Russell, die beim Dreh schon 27 Jahre alt war aber deutlich jünger wirkt, und des ein Jahr jüngeren US-Amerikaners Timothée Chalamet. Die Chemie zwischen den beiden stimmt und beide verkörpern ihre Außenseiter-Rollen und die sich daraus ergebenden inneren Konflikte äußerst glaubhaft. Und die Szene, in der Maren merkt, dass ihr Vater sie verlassen hat, ist wirklich herzzerreißend.

Bones and all ist ein mitreißender Genre-Bastard, der über die gesamte Spieldauer zu fesseln weiß und mich nach 130 Minuten begeistert entließ. Sehr gut!


MEN (Alex Garland, 2022)

Men do strike women sometimes.

Nach dem Selbstmord ihres Mannes James mietet Harper für zwei Wochen ein abgelegenes Landhaus in der Grafschaft Herefordshire im Westen Englands, um den Kopf freizubekommen und die traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten. Doch bald wird aus der anfänglichen Idylle ein Albtraum.

Garlands dritter Film hat mich zunächst ziemlich verstört und ratlos zurückgelassen. Auch hier wird die Zuschauererwartung wieder gnadenlos unterlaufen und so ist Men ein völlig anderer Film als er zunächst zu sein scheint. Äußerlich ins Gewand eines Horrorfilms gekleidet, ist er in Wahrheit die Selbstfindungsreise einer Frau, die von unterschwelligen Schuldgefühlen geplagt wird, dahingehend, ihren Mann in den Selbstmord getrieben zu haben. Als Zuschauer weiß man, dass dies so nicht stimmt, da man in den mehrfach in nicht chronologischer Reihenfolge eingestreuten Rückblenden erfährt, dass James seine Frau zuvor massiv bedrängt und ins Gesicht geschlagen hat. Sehr oberflächlich betrachtet könnte man sagen, Men sei ein misogyner Film, weil er Harper die Schuld an den Geschehnissen zuzuweisen scheint. Der Pfarrer, dem sie ihre Geschichte erzählt, spricht dies ausdrücklich an, indem er sie fragt, ob sie ihrem Mann denn Gelegenheit gegeben habe, sich zu entschuldigen. Die Tatsache, dass er sie geschlagen hat, spielt er hingegen mit dem oben stehenden Zitat herunter.

Tatsächlich ist Men aber genau das Gegenteil eines frauenfeindlichen Films. Vielmehr treibt er die männlichen Argumentationsmuster auf die Spitze, indem er Harpers Schuldkomplexe in Form körperlicher und psychischer Bedrohungen manifestiert. Sehr bezeichnend ist die Diskussion mit dem Polizisten, in der dieser Harper erklärt, warum er den Mann, der sie bedroht hat, nach der Verhaftung wieder freigelassen hat. Schließlich sei es nicht so, dass er etwas Wertvolles gestohlen habe. Er habe lediglich einen Apfel entwendet. Ihren Beteuerungen, dass er sie verfolgt und bedroht habe, schenkt er keinen Glauben. Eine Situation, der sich in unserer "zivilisierten" Gesellschaft wahrscheinlich viele Frauen ausgesetzt sehen.

Im Laufe der Handlung fügt Harper dem Angreifer, der sich ihr gegenüber in Gestalt mehrerer Personen zeigt, die letztlich aber alle derselbe ("grüne") Mann sind (hervorragend verkörpert von Rory Kinnear) genau die Verletzungen zu, die James bei seinem Sprung aus dem Fenster erlitten hat. Dabei handelt sie jedoch stets in Notwehr bzw. im Falle von Geoffrey handelt es sich um einen Unfall. Die wahrlich ekelhafte und für meine Begriffe zu sehr in die Länge gezogene "Geburtszene" stellt die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau auf den Kopf und mündet schließlich in das vorhersehbare Ergebnis. Am Ende rückt Garland dann das Bild wieder zurecht als Harpers Freundin Riley am Landhaus ankommt und der Zuschauer erkennt, dass sie hochschwanger ist, nachdem man zuvor immer nur ihr Gesicht gesehen hat.

Men ist ein Film, der mich nach der Sichtung noch lange beschäftigt hat. Die genaue Bedeutung des "Grünen Mannes" und der Sheela-na-gig-Skulptur sind mir immer noch nicht ganz klar, wobei letztere natürlich die Fruchtbarkeit symbolisiert. Der Film schreit geradezu nach einer Zweitsichtung, die dann womöglich die Zusammenhänge noch etwas deutlich werden lässt. Am Ende bleibt das etwas unbefriedigende Gefühl, den Kern des Films nicht in Gänze durchdrungen zu haben. In jedem Fall aber untermauert er meinen bisherigen Eindruck, dass Alex Garland einer der interessantesten Filmemacher der Gegenwart ist.

09 November 2024

ANNIHILATION (Alex Garland, 2018)

 I think you're confusing suicide with self-destruction. 

Nach einem Meteoriteneinschlag hat sich in unmittelbarer Nähe eines Leuchturms in einem Naturschutzgebiet an der Westküste Floridas eine merkwürdige Zone gebildet, sie sich immer weiter ausbreitet und ihre Umgebung zu bizarren Mutationen veranlasst. Nachdem alle Versuche scheiterten, das Innere der Zone zu erforschen, weil keiner der entsandten Soldaten zurückkehrte, wird ein Team weiblicher Wissenschaftler in die Zone geschickt.

Alex Garlands zweite Arbeit widersetzt sich den gängigen Zuschauererwartungen ebenso wie Ex Machina und Civil War dies tun (seinen dritten Film Men kenne ich noch nicht) und alleine deswegen hat der Brite einen Stein bei mir im Brett. Inwieweit er sich bei der Umsetzung nach der geleichnamigen literarischen Vorlage richtete, kann ich nicht beurteilen, da ich diese nicht kenne. Die Frage ist für mich ohnehin nicht relevant, da Film und Literatur zwei Kunstformen sind, die nach meiner Auffassung losgelöst voneinander zu betrachten sind.

Vermutlich wäre es ein leichtes gewesen, aus der Vorlage einen der üblichen Mutanten-Monster-Horrorfilme zu machen, und ich bin sicher, damit wäre Annihilation an den Kinokassen weitaus erfolgreicher gewesen als er es tatsächlich war. So aber ist Garlands zweite Regie-Arbeit in erster Linie eine Reflexion über Identität und das eigene Ich. Dabei vermengt er durchaus geschickt Elemente diverser Science-Fiction-Filme wie 2001, Alien, The Bodysnatchers oder auch Soderberghs Solaris zu einem wilden Mix, der mich außerordentlich gut unterhalten hat. Vor allem aber macht er nicht den Fehler, die Geschehnisse bis ins Detail erklären zu wollen, sondern überlässt vieles der Interpretation des Zuschauers. Das Ende ist dennoch recht eindeutig und auch ziemlich vorhersehbar, aber das tut dem Vergnügen keinen Abbruch. Bei den Darstellerinnen können insbesondere Natalie Portman und Jennifer Jason Leigh überzeugen.

04 November 2024

THE LIGHTHOUSE (Robert Eggers, 2019)

Bad luck to kill a sea bird.

Verstörendes Kammerspiel um zwei Leuchtturmwärter, die aufgrund des Wetters und des wilden Seegangs auf einem kleinen Felsen vor der Küste von Nova Scotia von der Zivilisation abgeschnitten sind und langsam aber sicher dem Wahnsinn verfallen. Im Gegensatz zu seinen beiden anderen Filmen verzichtet Eggers hier auf den Einfluss des Übernatürlichen und beschränkt sich auf bizarre Visionen, die insbesondere den jungen Thomas Howard heimsuchen. Als Zuschauer ahnt man früh, dass die Geschichte kein gutes Ende nehmen kann und so nehmen die Dinge ihren unheilvollen Lauf. Gegen Ende wird es immer schwieriger zwischen realen Geschehnissen und dem Delirium der Protagonisten zu unterscheiden.

Die düsteren Schwarzweißbilder im beinahe quadratischen Seitenverhältnis 1,19:1 verleihen dem Ganzen eine außergewöhnliche Atmosphäre und das groteske Klangbild, maßgeblich beeinflusst vom Tosen der See und dem peitschenden Regen, unterstreicht dies perfekt. Abgesehen von der jungen Dame, die die Meerjungfrau verkörpert, gibt es nur die beiden Hauptdarsteller Willem Dafoe und Robert Pattinson, die ihre jeweiligen Aufgaben hervoragend meistern.

The Lighthouse ist kein Horrorfilm im eigentlichen Sinne, eher eine Schauergeschichte im Lovecraft'schen Stil, gepaart mit Einflüssen alter Seefahrergeschichten. Ein Erlebnis der besonderen Art und ganz weit weg vom Mainstream-Kino der Gegenwart.

03 November 2024

THE VVITCH (Robert Eggers, 2015)

Did ye make some unholy bond with that goat?

Ein sehr guter Horrorfilm, angesiedelt im Neuengland des 17. Jahrhunderts. Gute Horrorfilme sind ähnlich selten wie gelungene Remakes. Das hier ist einer, wobei der Horror eher subtil ist und sich vorwiegend im Kopf des Zuschauers abspielt. Bemerkenswert in jedem Fall die Detailversessenheit, mit der Eggers hier zu Werke geht und ähnlich wie später bei The Northman den Zuschauer ein paar hundert Jahre zurück in eine längst vergangene Epoche katapultiert. Dabei schafft er eine immens dichte und durchweg beklemmende Atmosphäre, die mich von den ersten Minuten an in ihren Bann zog. Die guten Darsteller tun das ihre. 
 
Das Setting erinnert im weitesten Sinne an ein Kammerspiel, obwohl viele Szenen in freier Natur spielen und die räumliche Enge somit nicht gegeben ist. Dennoch verfestigt sich rasch nach dem rätselhaften Verschwinden des Säuglings der Eindruck, dass die Protagonisten den Umständen mehr oder weniger hilflos ausgeliefert sind, wobei die räumliche Begrenzung eher durch die Abgeschiedenheit der Familie fernab der Zivilisation erzeugt wird. Neben der schwer greifbaren Bedrohung, die von dem nahegelegenen Wald auszugehen scheint, und dem zunehmenden Hunger, dem sich die Protagonisten aufgrund der verdorbenen Ernte ausgesetzt sehen, beginnt die anfangs funktionale Familie sich nach und nach innerlich zu zersetzen. Vom anfänglichen Zusammenhalt ist bald nicht mehr viel übrig. Stattdessen dominieren zunehmend Argwohn und Misstrauen unter den Mitgliedern der Familie, die sich alsbald gegenseitig beschuldigen, für die Geschehnisse verantwortlich und/oder vom Teufel besessen zu sein. William, das Familienoberhaupt, versucht nach Kräften, den Auflösungserscheinungen entgegenzuwirken, sehr schön symbolisiert durch seine immer grimmigeren Holzhack-Aktionen.

Die Tatsache, dass der komplette Film in altenglischer Sprache gedreht wurde, trägt enorm zur Authentizität bei, wobei ich gestehen muss, dass das die Sichtung für jemanden wie mich, dessen Muttersprache nicht englisch ist, etwas anstrengend macht. Wortwahl und Satzbau unterscheiden sich doch erheblich vom heute gängigen Englisch. Sich darauf dennoch einzulassen ist aber in jedem Fall lohnenswert, zumal dies enorm zur ohnehin schon dichten Atmosphäre beiträgt. Ein toller Film!

02 November 2024

THE NORTHMAN (Robert Eggers, 2022)

I will avenge you, Father!

Der 10jährige Amleth, Sohn des Wikingerkönigs Aurvandil, muss mitansehen, wie sein Vater von dessen Halbbruder getötet und seine Mutter verschleppt wird. Ihm selbst gelingt die Flucht vor seinen Häschern und er schört blutige Rache.
 
Atmosphärisch dichte und sehr intensive Rache-Geschichte, angesiedelt im Skandinavien des 10. Jahrhunderts und basierend auf der Amleth-Sage, die u.a. auch die Grundlage für Shakespeares Hamlet war. Hervorzuheben ist die detailverliebte Ausstattung: die tollen Kulissen und Kostüme tragen maßgeblich zu einer authentischen Darstellung der Epoche bei, in der die Handlung angesiedelt ist. Überzeugende Darsteller, phantastische Landschaftsaufnahmen (größtenteils gedreht auf Island) und ein deftiger Gewaltgrad sind ebenfalls auf der Haben-Seite zu vermerken. Alexander Skarsgård in der Titelrolle kannte ich bisher nur aus Legend of Tarzan, wo er mir nicht sonderlich gefiel. Hier macht er seine Sache aber ausgesprochen gut und verkörpert den nach Rache dürstenden Königssohn sehr überzeugend.

Die starke Verwebung der Erzählebene mit zahlreichen Elementen der nordischen Mythologie und die wiederkehrenden Ausflüge ins Phantastische sind vermutlich nicht jedermanns Sache. Mir gefiel das durchaus und weckte Erinnerungen an den fabelhaften Valhalla Rising des von mir sehr geschätzten dänischen Filmemachers Nicolas Winding Refn.

27 Oktober 2024

CIVIL WAR (Alex Garland, 2024)

 I've never been scared like that before. And I've never felt more alive.

In einer zeitlich nicht näher bestimmten Zukunft herrscht in den USA ein Bürgerkrieg, in dem sich das vom Präsidenten, der sich in einer irregulären dritten Amtszeit befindet, geführte Militär und eine Bürgerwehr aus kalifornischen und texanischen Streitkräften gegenüberstehen und um die Vorherrschaft im Land kämpfen. Die genauen Hintergründe werden im Unklaren und damit der Fanstasie des Zuschauers überlassen, und das ist auch gut so.

Die Ausgangslage ist also schon äußerst vielversprechend und weckt natürlich - untermauert durch den Filmtitel - Assoziationen an den amerikanischen Sezessionskrieg in den 1860er Jahren, in dem sich wie quasi auch hier Nord- und Südstaaten feindlich gegenüber standen. Folgerichtig werden auch die rebellierenden Südstaaten vom Präsidenten als "secessionists" bezeichnet. Für mich überraschend - ich hatte nur den Trailer gesehen und im Vorfeld sonst keine Infos über den Film - stehen hier nicht die kriegerischen Handlungen im Vordergrund, sondern ein Reporterteam, das bis zum Präsidenten vordringen will, um diesen zu interviewen. 

Garlands Film ist viel mehr ein dystopisches Roadmovie als ein Kriegsfilm. Im Zentrum steht dabei die junge ehrgeizige Fotografin Jessie, der es gelingt, ihrem Idol, der erfahrenen Kriegsfotografin Lee Smith (souverän: Kirsten Dunst) nahezukommen und diese gegen deren Willen auf der Reise nach Washington zu begleiten. Garland erzählt dies als klassiche Coming-of-Age-Geschichte, eingebettet in das Szenario eines amerikanischen Bürgerkrieges. Während der Reise macht Jessie eine Wandlung durch vom zurückhaltenden, ängstlichen Mädchen, das sich im Angesicht der ersten Morde übergibt, hin zur abgebrühten professionellen Fotografin, die unbeirrt draufhält, wenn sich ein lohnenswertes Motiv bietet. Und ganz nebenbei verursacht sie dabei durch ihr ungestümes Verhalten nach und nach das Ableben all ihrer Begleiter.

Am Ende übertreibt Garland es vielleicht etwas, rundet andererseits jedoch die Geschichte auf passende Weise ab. Insgesamt eine runde Sache.

26 Oktober 2023

UNFORGIVEN (Clint Eastwood, 1992)

He should've armed himself if he's going to decorate his saloon with my friend.

Ich kann mich noch gut an meine Begeisterung erinnern, als ich damals, 1992, mit meinem damals besten Freund im Kino war und Unforgiven erstmals gesehen habe. Seither hatte ich viele Begegnungen mit ihm und bis heute hat Eastwoods finale Abrechnung mit dem Western nichts von ihrer Faszination verloren. Er korrigiert hier auf drastische Weise das Bild des wortkargen, kaltblütigen Revolverhelden, den er selbst jahrzehntelang verkörpert hatte, u.a. in den Dollar-Filmen Sergio Leones. Nicht umsonst ist Unforgiven Don Siegel und dem italienischen Großmeister gewidmet, die beide so etwas wie Eastwoods Mentoren waren. Ich bin überzeugt, sie hätten ihre helle Freude an Eastwoods Meisterwerk gehabt, hätten sie die Veröffentlichung noch erlebt.

Darstellerisch griff er dabei in die Vollen: mit Gene Hackman, Richard Harris und Morgan Freeman versammelte er eine beeindruckende Riege in die Jahre gekommener Recken, die allesamt Gala-Vorstellungen abliefern. Und auch der junge TV-Darsteller Jaimz Woolvett fügt sich in der Rolle des "Schofield Kid" prima in die illustre Schar ein. Den größten Schauwert bieten aber die wundervollen Landschaftsaufnahmen der kanadischen Provinz Alberta, in der der Film größtenteils gedreht wurde.

Unforgiven ist ein durch und durch großartiges Werk, Eastwoods beste Regie-Arbeit und ganz nebenbei der beste Western der letzten 50 Jahre. 

05 Februar 2020

THE MULE (Clint Eastwood, 2018)

Eastwoods Film ist inspiriert von der wahren Geschichte des Drogenkuriers Leo Sharp, der 2011 im Alter von 87 Jahren verhaftet wurde. Dabei handelt es sich keineswegs um eine Biographie. Eastwood nimmt lediglich die Ausgangssituation als Grundlage für seinen Film um den fiktiven Earl Stone, einen Pflanzenzüchter, dessen Liebe zu seinen Blumen größer ist als die zu seiner Familie. Dies führt u. a. dazu, dass seine Tochter Iris seit Jahren nicht mehr mit ihm spricht. The Mule ist in erster Linie ein Familiendrama, wobei die zentrale Bedeutung der Vater-Tochter-Beziehung auch dadurch untermauert wird, dass die Rolle der Tochter von Eastwoods leiblicher Tochter verkörpert wird, die in der Vergangenheit schon mehrfach mit ihm zusammengearbeitet hat.

Earl ist ein lebender Anachronismus, ein alter Mann, der aus der Zeit gefallen ist, der Probleme hat, mit den neuen Medien und den Errungenschaften der Technik mitzuhalten. Seine Ignoranz gegenüber dem Internet und speziell dem Online-Handel trägt letztlich mit dazu bei, ihn in den finanziellen Ruin zu treiben, was wiederum dazu führt, dass er sich als Drogenkurier anheuern lässt. Während seine mexikanisch-stämmigen Kontaktleute ihn anfangs misstrauisch beäugen, entwickelt sich zunehmend ein beinahe freundschaftliches Verhältnis zwischen ihnen. 

Dabei stellt sich im Verlauf des Films heraus, dass Earl gar nicht so unbeholfen und unbedarft ist, wie es zu Beginn den Anschein hat. So gelingt es ihm beispielsweise, ein für ihn äußerst bedrohliches Zusammentreffen auf einer einsamen Landstraße mit einem Polizisten und seinem Drogenhund auf elegante Art und Weise zu lösen. Oder er erzählt locker beim Frühstück in einem Motel einem Drogenfahnder von seinem schwierigen Verhältnis zu seiner Tochter, wohl wissend, dass dieser auf der Suche nach ihm ist, ihn aber aufgrund seines Alters nicht im Verdacht hat, der Gesuchte zu sein.

Was The Mule aber vor allen Dingen auszeichnet, ist die für seinen Regisseur so typische unaufgeregte Erzählweise. Die seinem Alter und seiner großen Lebenserfahrung geschuldete Gelassenheit, die Earl selbst in für ihn sehr bedrohlichen Situationen stets bewahrt, überträgt sich auf den Zuschauer und macht die Sichtung des Films zu einem sehr entspannten Erlebnis, was nicht heißen soll, dass es an der nötigen Spannung mangele. Und Clint Eastwood ist auch im stolzen Alter von 88 Jahren noch eine Schau. In den Nebenrollen finden sich zudem namhafte Darsteller wie Laurence Fishburne, Bradley Cooper oder Andy Garcia, auch wenn deren Charakteren nicht viel Raum zur Entfaltung geboten wird.

The Mule ist ein weiterer wunderbarer Film, der wieder einmal vom durchgehend hohen Niveau der Arbeiten eines der größten amerikanischen Regisseure der Gegenwart zeugt und der erfreulicherweise auch im hohen Alter nichts von seiner Umtriebigkeit, was das Filmemachen angeht, verloren zu haben scheint.

10 Januar 2020

RAMBO: LAST BLOOD (Adrian Grunberg, 2019)

All the ones I‘ve loved are now ghosts

Die Frage, ob es eines weiteren Rambo-Films bedurft hätte, kann man ohne großes Nachdenken mit nein beantworten. Dies gilt aber im Grunde genommen auch schon für die drei Vorgänger, denn Rambos Geschichte war schon am Ende von First Blood auserzählt. Keiner der Nachfolger erreichte dessen Intensität und Klasse auch nur im Ansatz. Das sieht erwartungsgemäß auch bei Last Blood nicht anders aus, was nun aber keineswegs bedeuten soll, dass es sich um einen schlechten Film handelt. 

Grunberg hatte zuvor mit Get the Gringo, der mir seinerzeit gut gefallen hat, erst einen echten Film vorzuweisen. Schon der Titel seines zweiten Films klingt wie eine Reminiszenz an Ted Kotcheffs Film von 1979 und auch die Tatsache, dass die finale Konfrontation in Rambos Heimat spielt – genauer gesagt sogar auf seiner eigenen Farm – soll natürlich einen Bogen schlagen zu den Anfängen in den Wäldern Washingtons, während die drei anderen Filme allesamt in Asien angesiedelt waren. 

Rambo ist alt geworden und grunzt und brummt inzwischen in einer derart tiefen Tonlage, dass man sich teilweise schon etwas anstrengen muss, um die Dialoge zu verstehen. Und auch in kämpferischer Hinsicht scheint er müde geworden zu sein. Seine völlig überstürzte und planlose Rettungsaktion in Mexiko ist derart stümperhaft umgesetzt, dass er sich schon bei der Beobachtung des Hauses bald einer hoffnungslosen Übermacht gegenüber sieht und deftige Prügel bezieht. Seine Mission geht schief und er kann seine geliebte Pflegetochter Gabriella nur noch tot nach Hause bringen. Bevor er sich endgültig zur Ruhe setzt – sehr schön repräsentiert durch den Schaukelstuhl auf der Veranda – will der alte Mann nur noch eins: blutige Rache. 

Während es bei den drei Vorgängern letztlich immer darum ging, irgendwelche Geiseln zu befreien und heimzubringen, besteht Rambos Mission hier ausschließlich darin, die Mörder Gabriellas zur Strecke zu bringen. Zu diesem Zweck lockt er sie auf seine Farm nach Arizona, wo er über die Jahre ein riesiges unterirdisches Tunnelsystem angelegt hat, das er für die Ankunft seiner Gäste sorgsam mit allerlei schönen Fallen präpariert. Der Einfallsreichtum, mit dem die mexikanischen Menschenräuber dann in der letzten halben Stunde zur Strecke gebracht werden, ist ebenso beachtlich wie der extrem hohe Gore-Faktor. Die rote Suppe spritzt, dass es eine wahre Freude ist. Die Tötung des Anführers wird schließlich wie eine Kreuzigung zelebriert, bevor Rambo ihm mit bloßen Händen das Herz aus der Brust reißt.  

Ernstnehmen konnte man schon die drei Vorgänger nicht, und das gilt natürlich genauso für Last Blood. Unterhaltsam und kurzweilig ist das Ganze ist in jedem Fall, und mehr war auch nicht zu erwarten. Ich hatte jedenfalls meinen Spaß.

31 Dezember 2019

ANNA (Luc Besson, 2019)

Bitch! 

Sehr stylisch inszenierter Action-Reißer, der mit seinen ständigen Rückblenden anfangs etwas verwirrt. Der Aufbau folgt dem immer gleichen Muster: irgendetwas geschieht, das erklärungsbedürftig ist oder zumindest von Besson dafür gehalten wird, dann folgt eine Rückblende, die die Erklärung dazu liefert oder auch einfach nur eine Vorgeschichte erzählt. Dieses Stilmittel hilft dabei, die eigentlich sehr geradlinige Geschichte nach mehr aussehen zu lassen als sie tatsächlich ist. Dies funktioniert dann aber erstaunlich gut und trägt dazu bei, die Spannung über die gesamten 120 Minuten hoch zu halten. 

Die Hauptdarstellerin Sasha Luss war mir bis dato völlig unbekannt (Valerian habe ich noch nicht gesehen), sieht aber ganz nett aus und meistert auch die – natürlich völlig überzogenen – Kampfsequenzen ganz ordentlich. Ihre sehr begrenzte Mimik verleiht ihr etwas Unnahbares und ist womöglich ihren ebensolchen schauspielerischen Fähigkeiten geschuldet. Zugleich gibt dies aber ihrer Figur auch eine Verletzlichkeit, die in krassem Gegensatz zur eiskalten Ausführung ihrer Mordaufträge steht, und sie umso interessanter macht. Der eigentliche Star des Films ist aber ohne Zweifel Helen Mirren, die ich anfangs gar nicht erkannt habe, als mit allen Wassern gewaschen ranghohe KGB-Offizierin, die nach anfänglicher Ablehnung im Laufe der Zeit fast so etwas wie Muttergefühle für die junge Agentin zu entwickeln scheint.

Vielmehr gibt es über Anna nicht zu sagen. Ein typischer Luc-Besson-Film eben mit jeder Menge Action, rasantem Schnitt, makelloser Inszenierung, hohem Bodycount, ein paar mehr oder weniger überraschenden Wendungen und einer attraktiven Dame in der Hauptrolle. Ähnliches hat man schon oft gesehen, macht aber trotzdem immer wieder Spaß. Kurzweilige Unterhaltung allemal.

30 Dezember 2019

HUSTLERS (Lorene Scafaria, 2019)

Angeblich basierend auf einer wahren Begebenheit, erzählt Hustlers die Geschichte von vier Stripperinnen, die Männer mit einem selbst gemixten Drogencocktail außer Gefecht setzen, um dann ihre Kreditkarte zu plündern. Geschaut habe ich den Film in erster Linie wegen JLo, die dann auch der eigentliche Star des Films ist, auch wenn Constance Wu nominell die Hauptrolle spielt. Lopez dominiert mit Leichtigkeit alle Szenen, in denen sie auftaucht, was jedoch weniger ihren schauspielerischen Fähigkeiten als vielmehr ihrer Aura und der raumverdrängenden Präsenz zuzuschreiben ist. Und trotz ihrer mittlerweile 50 Lenze sieht sie dabei noch verdammt gut aus.  

Hustlers bedient jedes gängige Klischee. Schon alleine die Besetzung des weiblichen Quartetts mit einer Latina (Lopez), einer Asiatin (Wu), einer Schwarzen (Palmer) sowie einer blonden Weißen (Reinhard) zeigt, wo der Hase langläuft. Für die Opfer-Perspektive interessiert sich der Film überhaupt nicht. Die Männer bleiben austauschbare, reiche, meist verheiratete Statisten, die den Raub letztlich hinnehmen, sei es aus Scham, Mangel an Beweisen oder schlicht Angst vor der Ehefrau. Eine Ausnahme bildet lediglich einer der letzten Kunden, der so viel Geld verloren hat, dass er nicht mehr in der Lage ist, das Darlehen für sein Haus zu zahlen und seinen Sohn zu versorgen. Er appelliert jedoch erfolglos an die Gnade der profitgeilen Damen.

Erzählerisch scheint sich Scafaria an Martin Scorsese zu orientieren, natürlich ohne dessen Klasse auch nur im Ansatz zu erreichen. Dennoch erinnert Hustlers von Struktur und Aufbau an Filme wie Casino oder Goodfellas, auch wenn Scafaria erkennbar in erster Linie auf optische Reize setzt. Muss ja auch nicht das Schlechteste sein. Gefällig in jedem Fall die leichtfüßige Inszenierung, die einem hilft, gnädig über die zahlreichen Logiklöcher und die eindimensionalen Charaktere hinwegzusehen. Unter dem Strich ein biederes Gute-Laune-Filmchen, das außer einer Vielzahl von attraktiven Darstellerinnen und einer mitreißenden Performance von JLo nicht viel zu bieten hat. Trotzdem ganz nett anzuschauen.

23 Dezember 2019

ONCE UPON A TIME IN... HOLLYWOOD (Quentin Tarantino, 2019)

Want me to suck your cock while driving?

Bereits mit dem tollen The hateful Eight zeigte sich Tarantino zurück in alter Form, nachdem die drei Vorgänger doch etwas hinter seinen ersten vier Filmen zurückgeblieben waren. Und viel Zeit bleibt ihm ja auch nicht mehr. Wenn er seine Ankündigung wahr macht, nach zehn Filmen aufzuhören, dann war Once upon a Time in... Hollywood seine vorletzte Arbeit. Umso erfreulicher, dass er qualitativ da weiter macht, wo er mit seinem Western-Kammerspiel aufgehört hat. 

Stilistisch erinnert Tarantinos neuester Film an Pulp Fiction und Jackie Brown. An den Erstgenannten wegen der episodenhaften Erzählweise und der beiläufig dahinplätschernden Handlung, die keinem richtigen Ziel zu folgen scheint. Und auch hier steht ein grandios aufspielendes Darsteller-Duo im Mittelpunkt. Anstelle zweier Profikiller darf man hier den abgehalfterten Serienstar Rick Dalton (Leonardo DiCaprio) begleiten, der seine besten Tage hinter sich hat, und seinen Stuntman, Freund und Mann für alles, Cliff Booth (Brad Pitt), der an den Filmsets auch deswegen eine gewisse Achtung genießt, weil er damit ungestraft davon kam, seine Frau getötet zu haben. Von Jackie Brown – für mich nach wie vor Tarantinos Bester – hat Once upon a Time in... Hollywood die ungeheure Coolness, die die Sichtung trotz der stattlichen Laufzeit zu einem großen Vergnügen macht. Als Zuschauer könnte man stundenlang mit Booth durch das L.A. des Jahres 1969 fahren, vorbei an unzähligen Filmplakaten und Kinos und sich an den überwiegend attraktiven umher lungernden Manson-Girls erfreuen oder Dalton bei seinen Dreharbeiten und den Alkohol getränkten Selbstmitleidsausbrüchen zuschauen. Und wenn Jackie Brown Tarantinos Liebeserklärung an den Blaxploitation-Film ist, dann begleitet Once… den Niedergang des traditionellen Hollywood. Verkörpert wird dies nicht zuletzt durch seine beiden Protagonisten, die ebenfalls auf dem absteigenden Ast sind, während im Nachbarhaus Roman Polanski mit seiner Frau Sharon Tate einzieht, die wiederum für das neue Hollywood stehen.

Im Vorfeld war zu lesen, dass der Film den brutalen Mord der Manson-Family an Sharon Tate thematisieren würde. Dies tut er irgendwie auch, aber obwohl die wiederholten Datums- und Uhrzeit-Einblendungen eine gewisse Dramatik vorgaukeln, spielt die Figur der von Margot Robbie bezaubernd dargestellten Sharon Tate nur eine Nebenrolle. Sie taucht immer mal wieder auf, sagt belanglose Sachen, tut belanglose Dinge und hat ihre längste und beste Szene, wenn sie ihren eigenen Film in einem Kino anschaut, was Tarantino wiederum die Gelegenheit bietet, Robbies nackte Füße ausführlich in Großaufnahme zu zeigen. Ihre Unbedarftheit und fröhliche Unbekümmertheit, die sie nicht nur in der Szene im Kino an den Tag legt, hinterlassen insbesondere deswegen ein flaues Gefühl, weil man ja weiß, welch grausames Schicksal sie wenig später ereilen sollte.

Doch nicht so bei Tarantino: der märchenhafte Charakter des Films wird ja schon im Titel angedeutet, und so schreibt Tarantino die Geschichte einfach um, wie er dies zuvor schon bei Inglourious Basterds getan hattte. Er rettet Tate genau dadurch, dass er sie von der zentralen Figur zur Nebenfigur degradiert. Die Manson-Jünger dringen dann auch folgerichtig entgegen ihrem Auftrag nicht in das Tate/Polanski-Haus ein, sondern in das Nachbarhaus, in dem der völlig zugedröhnte Dalton im Pool mit Kopfhörern Musik hört und sein ebenso derangierter Kumpel gerade seinen Hund füttert. Ob sie das mit Absicht machen oder ob es sich um ein Versehen handelt, bleibt offen. In jedem Fall hat dies für die verhinderte Mörderbande äußerst drastische Konsequenzen und kulminiert in einem mitreißenden und extrem blutigen Finale.

Wie bereits erwähnt ist Once upon a Time in... Hollywood eine zutiefst entspannte Angelegenheit. Die Liebe zum Detail und die große Verehrung, die Tarantino dem Kino entgegenbringt, springt dem Zuschauer aus jedem einzelnen Bild entgegen. Sets, Kostüme und Musik lassen einen eintauchen in diese faszinierende Zeit des Umbruchs und man verspürt schnell den Wunsch, noch länger in dieser Welt verweilen zu können. Meinetwegen hätte der Film noch eine Stunde länger dauern können. Die Handlung mäandert meist wenig zielführend umher, aber angesichts des grandiosen Settings nimmt man das kaum wahr. Die zahlreichen Verweise und Filmzitate, die man bei einer Sichtung wahrscheinlich gar nicht alle erfassen kann – grandios übrigens die Szene, in der sich Dalton vorstellt, er hätte McQueens Rolle bei The great Escape erhalten und dies durch digitale Nachbearbeitung der Originalsequenzen untermauert wird – und die geschickte Einbindung realer Personen in fiktive Szenen ergeben in Kombination mit den witzigen Dialogen eine faszinierende Mischung aus Fiktion und Wahrheit, der man sich als Filmliebhaber einfach nicht entziehen kann.

Und nicht zuletzt ist ein Tarantino-Film auch irgendwie immer wie ein Familientreffen. Neben den Hauptdarstellern gibt es viele bekannte Gesichter aus seinen vorherigen Filmen, die zum Teil nur kurz zu sehen sind (Michael Madsen, Bruce Dern, Kurt Russell, Zoë Bell, etc.). Und am Ende, wenn schon der Abspann läuft, ist DiCaprio tatsächlich noch beim Dreh eines Werbespots für Red-Apple-Zigaretten zu sehen. Ein ganz wunderbarer Film.

29 April 2019

WORLD WAR Z (Marc Forster, 2013)

 There is nowhere to evacuate you to.

Ein durch und durch familientauglicher Zombie-Endzeitfilm, der zudem mit Brad Pitt eine starke Identifikationsfigur bereit hält. Viel Neues bietet Forster nicht, letztlich handelt es sich um einen typischen Dawn-of-the-Dead-Ableger, nur eben kinderfreundlich um Blut und Gedärme bereinigt. So wie Resident Evil, nur noch steriler. Und dabei habe ich schon die "unrated"-Fassung von World War Z gesehen, die dem Vernehmen nach immerhin etwas härter ausgefallen sein soll als die Kinofassung. Der Anfang in Philadelphia ist in jedem Fall höchst beeindruckend in Szene gesetzt, gelang es doch den Zustand des Ausgeliefertseins gegenüber dem totalen Chaos und dem Verlust der öffentlichen Ordnung bis hin zur Anarchie treffend einzufangen. 

Der Rest des Films kann mit dem grandiosen Beginn nicht mehr ganz mithalten - spannend ist das Gebotene allemal. Ganz witzig auch die Ideen, mit denen einzelne Staaten versuchen, der Zombie-Plage Herr zu werden, sei es indem man sämtlichen Einwohnern in einer Hauruck-Aktion die Zähne ziehen lässt (Nordkorea) oder eine riesige Mauer um das eigene Staatsgebiet baut (Israel). Wobei Letzteres heute natürlich sofort als Anspielung auf Trumps Mauer interpretiert werden würde, die anno 2013 zur Entstehungszeit des Films noch kein Thema war. Im Übrigen zeigt sich ja auch recht schnell, dass die Idee mit der Mauer nicht funktioniert. Am Ende ist es die eigene Überheblichkeit, die die Israeliten dazu verleitet, sich in falscher Sicherheit zu wiegen, die sie schließlich ans Messer liefert.

World War Z ist ein solide inszenierter Actionthriller ohne große Schwächen, der über weite Strecken gut unterhält und schön anzuschauen ist. Die Idee, die letztlich die Immunität gegen die Zombies bringt, fand ich sogar recht originell. Das Ende deutet auf eine Fortsetzung hin, die aber bisher nicht zustande kam und meines Wissens inzwischen komplett verworfen wurde.

26 März 2019

OVERLORD (Julius Avery, 2018)

In Overlord verbindet Julius Avery geschickt das Genre des Kriegs- mit dem des Horrorfilms und lässt deutsche Ärzte in einem unterirdischen Labor einem französischen Dorf für den Führer an einem Serum forschen, das nicht nur übermenschliche Kräfte verleihen, sondern auch Tote als Zombies wiederauferstehen lassen kann. Dabei lässt sich zunächst alles wie ein herkömmlicher Kriegsfilm an: in Vorbereitung der Landung amerikanischer Bodentruppen an den Stränden der Normandie soll eine Fallschirmjäger-Einheit eine Radarstation zu zerstören, die in dem Kirchturm eines französischen Dorfes angebracht ist. Das Flugzeug wird von der gegnerischen Flugabwehr in Stücke zerlegt, bevor ein geordneter Absprung der Soldaten möglich war, und die Gruppe der Überlebenden wird zusätzlich von den deutschen Soldaten dezimiert. Angekommen in dem französischen Dorf kommen sie bei der adretten Chloe unter, die zusammen mit ihrer unter den Experimenten der Nazis mutierten Großmutter und ihrem 8-jährigen Bruder ein Haus bewohnt.

Overlord ist ein großer Spaß, der ganz ausgezeichnet unterhält. Natürlich kann man die klischeehaften Figuren bemängeln oder die reißbrettartigen Handlungsstränge, die alle bereits unzählige Male in ähnlicher Art und Weise verwurstet wurden. Doch ist zumindest die Idee mit dem Zombie-Serum recht originell. Zwar kennt man Nazi-Zombies schon aus diversen B-Movies, doch so hochwertig und kompetent und zudem mit einem ordentlichen Budget versehen wurden derartige Ideen bisher noch nicht umgesetzt.

Overlord bietet rasante Action, garniert mit einigen recht derben Splatterszenen und sieht dabei einfach verdammt gut aus. Alleine die ausgedehnte Eröffnungssequenz, in der das amerikanische Flugzeug mit den Fallschirmspringern an Bord ins Visier der deutschen FLAKs gerät, ist hervorragend gefilmt und an Intensität nur schwer zu übertreffen. Dabei werden gar Erinnerungen an Steven Spielbergs Saving Private Ryan wach, respektive die dort gezeigte Landung der Boote an den Stränden der Normandie. Sicherlich nicht ganz zufällig, denn die Handlung von Overlord ist ja am Vorabend des D-Day angesiedelt.

Natürlich hält Avery dieses Tempo nicht den ganzen Film über aufrecht. Im Dorf angekommen, müssen sich die Soldaten vor den deutschen Patrouillen verstecken, was alleine schon eine deutlich entschleunigte Erzählweise zur Folge hat. Damit verschiebt sich auch der Schwerpunkt zunehmend in Richtung Thriller mit stimmungsvollen Horrorelementen, bevor es am Ende dann zum großen Showdown kommt. Insgesamt eine runde Sache.

19 März 2019

AFTERMATH (Elliott Lester, 2017)

Inzwischen ist Arnold Schwarzenegger im Bereich der DTV-Produktionen angekommen. Aftermath ist aber auch sonst ein untypischer Film für den Österrreicher, weil es sich in erster Linie um eine Mischung zwischen Charakterstudie und Drama handelt. Die Handlung basiert auf der Kollision zweier Flugzeuge bei Überlingen im Jahr 2002, bei der Besatzung und Passagiere beider Flugzeuge getötet wurden. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen der von Schwarzenegger verkörperte Roman Melnyk, der bei dem Unglück seine Frau und seine schwangere Tochter verliert sowie der diensthabende Fluglotse Jacob Bonanos, den kein direktes Verschulden an dem Zusammenstoß trifft, der sich aber selbst große Vorwürfe macht. Die von Unbekannten angebrachten Schmierereien an seinem Haus, die ihn als Mörder brandmarken, scheinen ihn darin zu bestätigen.

Aftermath ist ein ruhig und zurückhaltend erzählter Film, der sich auf das Unvermögen seiner beiden Hauptfiguren konzentriert, mit der jeweiligen Situation umzugehen. Dabei überrascht Schwarzenegger mit einer rundum überzeugenden Darbietung, bei der er auch nicht davor zurückscheut, seinen inzwischen merklich aus der Form geratenen Oberkörper zu entblößen. Sein Roman ist ein alter Mann, Schwarzenegger – mit struppigem, grauem Vollbart bemüht sich gar nicht erst, dies zu verbergen. Sein Schmerz und seine Verzweiflung wirken absolut authentisch. Und dass er auch ernste Rollen beherrscht, hat er ja bereits mit Maggie vor einigen Jahren bewiesen.

Noch besser ist die Vorstellung seines Gegenübers Scoot McNairy. Es bereitet beinahe körperliche Schmerzen ihm dabei zuzusehen, wie sein Jacob leidet, während sein komplettes Leben inklusive seiner Ehe und dem Verhältnis zu seinem Sohn zu Staub zerfällt. Eine fatale Fehlentscheidung während seines Dienstes, deren Konsequenzen er aufgrund der Umstände (Ausfall der Telefonanlage, Abwesenheit seines Kollegen) nicht absehen konnte, hatte den Tod von 271 Menschen zur Folge – da kann man schon den Boden unter den Füßen verlieren.

Trotz der hervorragenden Darsteller macht Aftermath aus der interessanten Konstellation letztlich aber zu wenig. Mit zunehmender Spieldauer stellt sich das Gefühl der Beliebigkeit ein, die einzelnen Szenen wirken zum Teil unmotiviert aneinandergereiht. Ein roter Faden ist allenfalls mit viel gutem Willen erkennbar. Zudem gelingt es Lester nicht, den Zuschauer in die Lage zu versetzen, die Zeitabläufe zwischen den Szenen richtig einzuordnen. Die Eskalation am Ende, die relativ nah an den wahren Begebenheiten ist, kommt ziemlich überraschend, jedenfalls dann, wenn man sich im Vorfeld nicht mit dem Film beschäftigt hat. Wobei der saudämliche deutsche Titel Vendetta – Alles was ihm blieb war Rache dies natürlich in gewisser Weise vorwegnimmt. Ich frage mich ja immer wieder, welche Menschen sich diese bekloppten deutschen Titel ausdenken und dafür womöglich sogar noch Geld kriegen. Wie auch immer – die Motivation Romans, Jakob mit Hilfe einer Journalistin ausfindig zu machen und anschließend zu töten, konnte ich nicht recht nachvollziehen, auch wenn man unterstellt, dass er ursprünglich keine Tötungsabsicht verfolgte, sondern ihn lediglich in einem Gespräch zur Rede stellen wollte. Die Konfrontation schließlich zwischen Jakobs inzwischen erwachsenem Sohn und dem aus dem Gefängnis entlassenen Roman fand ich hingegen wieder stimmig.

Unter dem Strich ist Aftermath ein durchaus sehenswerter Film, der einiges richtig macht, dabei jedoch insbesondere mit einer nicht immer schlüssigen Handlung zu kämpfen hat. Letztlich verschenkt er zu viel Potential, das die vielversprechende Ausgangssituation geboten hätte.