Auch bei der jüngsten Sichtung hat sich gezeigt, wie tiefgreifend die Wirkung von C’era una volta il West ist. Obwohl ich den Film seit meiner Kindheit kenne, entfaltet er immer noch diese unwiderstehliche Sogkraft, die mich vom ersten Moment an in Leones Welt hineinzieht. Für mich ist dieses Werk nach wie vor der Höhepunkt des Westerns, ein Film, der das Genre nicht nur nutzt, sondern es zugleich hinter sich lässt. Seine früheren Western, so brillant sie sind, wirken im Rückblick wie meisterhafte Studien, als hätte Leone dort die Werkzeuge geschärft, die er hier endgültig beherrscht. C’era una volta il West ist sein vollendetes Gesellenstück, ein Film, in dem alles zusammenfindet, was er zuvor erprobt hat. Leone verabschiedet hier das von ihm selbst geprägte Subgenre des Spaghetti‑Westerns und schafft etwas, das eher einem mythischen Abgesang gleicht als einem klassischen Genrebeitrag.
Besonders eindrucksvoll bleibt die Eröffnung, diese rund fünfzehn Minuten Inszenierung von Zeit und Geräusch. Das quietschende Windrad, die Fliege auf Jack Elams Gesicht, die Tropfen auf Woody Strodes Hut – all diese Details wirken wie Bestandteile einer akustischen Komposition. Die Szene zwingt den Zuschauer, sich auf das Warten einzulassen, auf die Stille, auf die kleinsten Bewegungen. Zugleich ist sie eine subtile Verbeugung vor High Noon, ohne sich in Zitaten zu verlieren. Schon hier zeigt sich die opernhafte Qualität des Films: ein streng choreografiertes Zusammenspiel aus Rhythmus, Pausen und Blicken, das weniger an klassische Western erinnert als an eine dramatische Ouvertüre. Diese Sequenz ist für mich schlichtweg eine der beeindruckendsten der Filmgeschichte, und wer bei Harmonicas Erscheinen und der einsetzenden unverkennbaren Musik von Ennio Morricone keine Gänsehaut bekommt, dem ist nicht mehr zu helfen.
Interessant ist vor allem die Art und Weise, wie Leone den Fortschritt inszeniert. Die Eisenbahn ist nicht nur ein Symbol, sondern der Motor einer beginnenden Industrialisierung, die den Westen unwiderruflich verändert. Morton, der Eisenbahnbetreiber, verkörpert den Geist des Kapitalismus in einer besonders tragischen Form. Seine körperliche Gebrechlichkeit steht im Kontrast zu dem mechanischen Koloss, in dem er residiert. Der Zug ersetzt seine verlorene Mobilität, er wird zu einer Art künstlichem Körper, der ihn vorwärts trägt, während sein eigener versagt. In dieser Figur verdichtet Leone die Idee eines Fortschritts, der nicht aufzuhalten ist, selbst wenn diejenigen, die ihn vorantreiben, längst von ihm überholt wurden.
Mit dem Vorrücken der Zivilisation geht auch ein gesellschaftlicher Wandel einher. Jill ist die zentrale Figur dieser neuen Ordnung. Ihre Ankunft in Flagstone – grandios gefilmt – markiert einen Wendepunkt: Die Frau tritt aus der Randposition heraus und wird zu einer handelnden Kraft in einer Welt, die sich gerade selbst abschafft. Bemerkenswert ist, dass dies der einzige Leone‑Film ist, in dem eine starke Frauenfigur nicht nur präsent ist, sondern die Handlung strukturell trägt. Jill ist nicht nur Symbol, sondern ein entscheidender Bestandteil der neuen Ordnung, die den alten Westen ablöst. Bei Leone ist die Emanzipation der Frau untrennbar mit dem Ende des „Wilden Westens“ verbunden.
Leone überhöht all dies ins Mythische. Der Film ist nicht einfach ein Western, sondern ein Requiem auf ein ganzes Zeitalter. Die Eisenbahn frisst sich durch die Landschaft, die alten Helden – Harmonica, Cheyenne, Frank – wirken wie Relikte, die wissen, dass ihre Zeit vorbei ist. Die Züge haben bei Leone etwas Bedrohliches, etwas Unaufhaltsames. Der Fortschritt rollt heran, und niemand kann sich ihm entziehen.
Ein wesentlicher Grund für die Wirkung des Films ist der Score. Morricones Musik gehört zu den markantesten, die das Kino je hervorgebracht hat. Jede Figur besitzt ein eigenes musikalisches Thema, das sie nicht nur begleitet, sondern ein Stück weit auch charakterisiert. Die Symbiose zwischen Bild und Ton ist hier besonders stark ausgeprägt. Leone inszeniert nicht einfach Szenen, die Musik untermalt sie nicht einfach – beide Elemente greifen ineinander wie zwei Stimmen eines Duetts. Man hat das Gefühl, dass Leone und Morricone denselben Atem teilen, dass jede Einstellung und jeder Ton aus einem gemeinsamen kreativen Impuls entstanden ist.
Trotz der epischen Breite lässt Leone bewusst einige Fragen offen. Die Beziehung zwischen Frank und Jill etwa bleibt nur angedeutet und wird nicht vollständig erklärt. Diese Lücken sind letztlich Teil des Mythos, der nicht alles ausbuchstabiert. Der Film vertraut darauf, dass die Unklarheiten seine Wirkung verstärken, nicht mindern.
Am Ende bleibt für mich die Erkenntnis, dass dieses Werk auch nach Jahrzehnten nichts von seiner Kraft verloren hat. Jede Sichtung offenbart neue Facetten, neue Details, neue Bedeutungen. C’era una volta il West ist ein Monument des Kinos, ein Film, der den Westen nicht nur erzählt, sondern ihn endgültig verabschiedet. Sergio Leones ultimatives Meisterwerk und schlichtweg der beste Western aller Zeiten.
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