16 September 2026

LE JOURNAL D'UNE FEMME DE CHAMBRE (Luis Buñuel, 1964)

Ein wunderbarer Film des spanischen Regisseurs, in dem er wieder einmal die Bourgeoisie und ihre Konventionen durch den Kakao zieht. Die junge Pariserin Célestine tritt eine Stelle als Dienstmädchen auf dem Land an und muss sich in der Folge mit den teils absonderlichen Gepflogenheiten der herrschaftlichen Familie vertraut machen.
 
Diese wird angeführt von der frigiden Hausherrin, die ihren dauergeilen Ehemann (Michel Piccoli - wunderbar!) aufgrund von Schmerzen beim Geschlechtsakt nicht zufrieden stellen kann. Dieser wiederum ist hinter allem her, was einen Rock trägt. Der Vater der Hausherrin frönt derweil seinem Schuhfetisch und bittet Célestine, ihre Waden berühren zu dürfen, während der Wildhüter Joseph sich in der faschistischen Bewegung engagiert, keine Juden mag und zudem pädophile Neigungen zu haben scheint. Darüber hinaus gibt es noch eine Reihe weiterer skurriler Figuren in der Nachbarschaft. Und dann wird eines Tages noch die kleine Claire ermordet und vergewaltigt im Wald aufgefunden. Célestine glaubt zu wissen, wer der Mörder ist, und setzt alles daran, ihn der Gerechtigkeit zuzuführen. Dabei schreckt sie auch vor extremen Mitteln nicht zurück.

So grotesk die Figuren auch anmuten, handelt es sich doch um einen eher schnörkellosen Film, zu dem man leicht Zugang findet. Dies ist nicht zuletzt dem Verzicht auf jegliche surreale Elemente geschuldet. Die großartigen Darsteller machen es dem Zuschauer leicht, sich auf das Geschehen einzulassen. Das Ergebnis ist ein äußerst kurzweiliger und höchst vergnüglicher Film, der die Demontage der Oberschicht und ihrer Manierismen mit diebischer Freude zelebriert.

Das Ende ist dann wieder typisch für Buñuel und widersetzt sich der Erwartung des Zuschauers. Ob Joseph tatsächlich die kleine Claire ermordet hat, bleibt offen. Er selbst wird am Ende aus Mangel an Beweisen freigelassen. Célestines großer Einsatz war also umsonst und Joseph darf - statt in einer Zelle sein Dasein zu fristen - mit dem faschistischen Mob grölend durch die Straßen ziehen.

Le Journal d'une femme de chambre ist das bisherige Highlight in meiner kleinen Buñuel-Reihe. Ich hatte den Film vor rund 20 Jahren mal im Fernsehen gesehen und wusste seinerzeit nicht recht, was ich davon halten sollte, was sicherlich auch meiner mangelnden Erfahrung mit dem künstlerischen Wirken des spanischen Regisseurs geschuldet war. Mit entsprechender Erfahrung und dem gereiften Blick des Alters entfaltete sich die ganze Pracht dieses Juwels. Zweifelsohne eine der beeindruckendsten Arbeiten des eigenwilligen Spaniers.

 

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