Die Kinofassung konnte mich seinerzeit nicht vollends überzeugen, auch
wenn sie mir insgesamt recht gut gefallen hatte. An Einzelheiten kann
ich mich nicht mehr erinnern, aber ich weiß noch, dass mein Hauptproblem
in der nicht erkennbaren Motivation Alexanders für seine beispiellosen
Eroberungszüge lag. Diese kam in der Kinofassung nicht richtig zur
Geltung, ebenso wie die beinahe unglaublichen kriegerischen Erfolge ein
wenig ins Hintertreffen gerieten.
Ganz anders nun der Final Cut (den Director's Cut hatte ich mir in
weiser Voraussicht gleich geschenkt): Stone geht viel detaillierter auf
die Motive Alexanders ein und verleiht seinem Charakter durch zahlreiche
Rückblicke auf dessen Kindheit enorme Tiefe. Er zeichnet Alexander als
einen Mann, der ähnlich wie sein Streitross quasi Angst vor seinem
eigenen Schatten hat und auf der ständigen Flucht vor sich selbst ist.
Diese treibt ihn quer durch Europa bis nach Indien, wo er schließlich
nach einer schweren Verwundung die Heimreise antritt. Ob diese Motive
Alexanders den historischen Tatsachen entsprechen, sei mal dahingestellt
und wird sowieso nie geklärt werden – auf mich wirken sie glaubwürdig.
Damit enthält der Final Cut den entscheidenden Mosaikstein, der der
Kinofassung fehlte. Und nicht nur dass: die Kampfszenen wirken nun viel
realistischer und dynamischer und vermitteln dem Zuschauer ein Gefühl
dafür, wie eine solche Schlacht in Wirklichkeit ablief. Dazu gehören
auch die zahlreichen blutigen Details, die Stone eingefügt hat, wie
abgehackte Gliedmaßen und dergleichen. Ich bin nun wahrlich kein
Gorefreak, aber das viele zusätzliche Blut gibt den Kämpfen die Härte
und Brutalität, die die Kinofassung vermissen ließ.
Gut gefiel mir auch der neue dramaturgische Aufbau. Stone erzählt
Alexanders Leben in nichtchronologischer Reihenfolge und wechselt
ständig in der Zeit hin- und her, ohne dass dies übermäßig konstruiert
wirkt. Die Sets sind teilweise atemberaubend schön, insbesondere Babylon
ist hervorragend gelungen und lässt erkennen, wofür die 160 Mio, die
der Film gekostet hat, verwendet wurden. Makellos ist der Final Cut zwar
immer noch nicht, denn mit Angelina Jolie in der Rolle der Olympia kann
ich mich nach wie vor nicht anfreunden und auch das geschwätzige Ende
wäre entbehrlich gewesen. Ich hätte den Abspann direkt nach der
Sterbeszene Alexanders gestartet, mit dem Zerbrechen des Siegelrings.
Aber das sind angesichts der Stärken des Gesamtwerks eher Kleinigkeiten,
die den rundum positiven Eindruck nicht nachhaltig trüben können.
Alexander der Große war einer der größten Feldherrn aller Zeiten. Wirkte
er in der Kinofassung eher wie ein starker, aber historisch völlig
unbedeutender Kriegsfürst, ist es Stone nun mit dem Final Cut gelungen,
dem Zuschauer diese Größe Alexanders auch in Bildern zu vermitteln. Ein
mitreißendes Filmerlebnis, dass trotz der stattlichen Spieldauer von 3 ½
Stunden keine Minute langweilig wird.
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