12 August 2015

THE HUNGER GAMES (Gary Ross, 2012)

Stephen King hat unter dem Pseudonym Richard Bachmann 1979 den phantastischen Roman The long Walk veröffentlicht, der meiner Meinung nach bis heute zu seinen besten Arbeiten zählt, und drei Jahre später The Running Man, zugleich Vorlage für gleichnamigen Film von Paul Michael Glaser aus den 80ern mit Arnold Schwarzenegger in der Hauptrolle. Beide Erzählungen spielen in einer autokratischen Gesellschaft, in der das Volk mit Spielen auf Leben und Tod bei Laune gehalten wird. Wenn man freundlich sein will, könnte man sagen, Suzanne Collins, die Autorin der Hunger-Games-Romane, habe sich von den genannten King’schen Vorlagen inspirieren lassen –  „dreist geklaut“ trifft es wahrscheinlich besser. Und dann ist da ja auch noch der dämliche Batoru rowaiaru (Battle Royale), ein japanischer Spielfilm aus dem Jahr 2000, in dem sich eine Horde Schüler gegenseitig töten muss. Auch dieser stand bei The Hunger Games ganz offensichtlich Pate.

Nun ist es ja nicht verwerflich, mit Versatzstücken von Erzählungen oder Filmen zu spielen und diese zusammenzusetzen, um etwas Neues zu schaffen. Es gibt in der Geschichte des Films genügend Beispiele, wo dies hervorragend funktioniert hat. Leider zählt die filmische Umsetzung von The Hunger Games nicht dazu. Die fehlende Inspiration der Macher sieht man dem fertigen Produkt förmlich an. Die Inszenierung wirkt billig und erinnert eher an eine TV-Produktion als an einen Kinofilm, was die Frage aufwirft, wofür die 78 Millionen Dollar verwendet wurden, die die Produktion verschlungen hat. Es fehlt an einer packenden Atmosphäre und so etwas wie Spannung kommt zu keinem Zeitpunkt auf. Wenn es Aspekte gibt, die eine positive Erwähnung verdienen, dann sind es die Darsteller, bei denen insbesondere Jennifer Lawrence hervorzuheben ist. Sie spielt die Heldin wider Willen sehr überzeugend und trägt den Film mit einer starken Leistung ganz alleine über die mehr als zwei Stunden. Damit macht sie die Ödnis einigermaßen erträglich. Und auch Woody Harrelson als der ihr zugeteilte Mentor Haymitch weiß ein paar Akzente zu setzen. Doch können die beiden die zahlreichen Mängel nur zum Teil aufwiegen. Vielleicht bin ich inzwischen auch einfach nur zu alt. The Hunger Games richtet sich erkennbar an ein sehr junges Publikum, vorzugsweise Teenager zwischen 12 und 20 Jahren. Nicht zuletzt macht sich dies bei den altersgerecht inszenierten Kampfszenen bemerkbar, die kurz geschnitten und sehr blutarm daherkommen. Außerdem gibt es noch eine aufgesetzt wirkende Liebesgeschichte, das kommt bei pubertierenden Jugendlichen immer gut an. Die anvisierte Zielgruppe ließ sich anscheinend in ausreichendem Maße begeistern – die Einspielergebnisse sprechen jedenfalls eine eindeutige Sprache. Und so kamen bisher zwei Fortsetzungen zustande, Teil 4 wird noch dieses Jahr folgen. Angesichts der Qualität des ersten Films werde ich auf die Sichtung derselben verzichten. Auch schön zu wissen, dass man wieder Zeit gespart hat.

30 Juli 2015

BIG EYES (Tim Burton, 2014)

Burtons Filme erzählen oft märchenhafte Geschichten, die meist der Phantasie entspringen. Auch die Geschichte von Big Eyes klingt märchenhaft, basiert aber doch auf einer wahren Begebenheit. 

Die frisch geschiedene Margaret verlässt zu Beginn der 50er Jahre ihren gewalttätigen Ehemann und geht mit ihrer Tochter nach San Francisco. Weil es ihr als geschiedene Frau nicht gelingt, eine Arbeitsstelle zu finden, verdingt sie sich als Straßenmalerin, indem sie die Kinder von Passanten gegen Geld porträtiert. Dabei malt sie alle Kinder mit übergroßen, traurigen Augen. Eines Tages lernt sie Walter Keane kennen, der sich ihr gegenüber ebenfalls als Maler ausgibt, sich in Wirklichkeit aber mit dem Verkauf von Bildern eines italienischen Künstlers über Wasser hält, bei denen er den Namen des Urhebers mit seinem eigenen übermalt. Er selbst hat keinerlei Talent zum Malen, ist aber ein begnadeter Verkäufer und erkennt das Potential, das in Margarets Bildern steckt. Nach ihrer Hochzeit beginnt er, ihre Bilder unter seinem Namen zu verkaufen. Als Margaret das mitbekommt, protestiert sie zunächst, fügt sich aber letztlich und malt weiter Bilder, die Walter mit immer größerem Erfolg verkauft.

Die Wohnsiedlung zu Beginn, aus der Margaret mit ihrer Tochter flüchtet, kommt dem Burton-Sympathisanten sofort bekannt vor. Irgendwie sehen die Wohngebiete in seinen Filmen immer gleich aus, der Inbegriff des kleinbürgerlichen, amerikanischen Spießertums. Interessant ist auch, dass Burtons eigene Zeichnungen und Puppen ebenfalls ausdrucksstarke, überproportional große Augen aufweisen – ähnlich wie die Margaret Keanes. Überhaupt hat Burton ja ein Herz für Künstler, und zwar auch für die, denen die große Anerkennung verwehrt geblieben ist. Das macht nicht zuletzt sein vor zwanzig Jahren entstandenes Porträt des erfolglosen Filmemachers Ed Wood deutlich. Seine quietschbunte, zuweilen ins theatralisch schweifende Art der Inszenierung, die oft zwischen Drama und Komödie hin- und her pendelt, ist wie geschaffen für eine Geschichte wie die, die Big Eyes erzählt. Eine Geschichte, die zeigt, dass auch ein mäßig talentierter Künstler mit der richtigen Vermarktung schon damals großen Erfolg haben konnte. Heutzutage gelingt dies dank youtube und der medialen Dauerpräsenz ja auch völlig talentfreien Menschen ohne Probleme.

Big Eyes erzählt vor allen Dingen aber auch die Geschichte einer Abhängigkeit. Die Abhängigkeit Margarets von ihren beiden Männern, vom Alkohol (was nur kurz angedeutet wird) und schließlich von den Zeugen Jehovas, die ihr – so zumindest die Darstellung im Film – jedoch auch helfen, sich gegen ihren Mann zur Wehr zu setzen und ihn schließlich in einem Gerichtsverfahren zu besiegen. Diese Abhängigkeit setzt Burton in Kontext zur damaligen Stellung der Frau in der Gesellschaft. Eine alleinerziehende, geschiedene Frau hatte damals keinen leichten Stand, und so manch andere Frau, der in jener Zeit ein selbstbestimmtes Leben verwehrt geblieben ist, wird sich womöglich in Margaret Keane ein Stück weit wiederfinden. Amy Adams spielt die verunsicherte, devote Frau ohne jedes Selbstvertrauen sehr nuanciert. Christoph Waltz hingegen spielt in erster Linie sich selbst, wobei zu vermuten ist, dass die völlig überzogene Darstellung, die schon aus den beiden letzten Tarantino-Filmen hinlänglich bekannt ist, beabsichtigt und von Burton so gewollt ist. Mir ging sein Getue nichtsdestotrotz ziemlich auf die Nerven. 

Darüber hinaus besticht Big Eyes mit seinen schönen Bildern, die überwiegend in zarten Pastellfarben gehalten sind, einer detailversessenen Ausstattung und Danny Elfmans stimmigem Score. Den beiden Songs, die Lana del Rey beigesteuert hat, wohnt eine melancholische Stimmung inne, die wunderbar den Ton des Films trifft. Big Eyes ist ein gutes Stück weit entfernt von Burtons besten Arbeiten; ein schöner Film ist er trotzdem geworden.

22 Juli 2015

INHERENT VICE (Paul Thomas Anderson, 2014)

Wenn die Coen Brothers ein Remake von Chinatown machen würden oder vielleicht auch von The Big Sleep, käme das Resultat womöglich Andersons neuestem Film ziemlich nahe. Die Handlung ist verwirrend und aufgrund der vielen verschieden Charaktere schwer zu durchschauen. In Gänze verstanden habe ich die Zusammenhänge nicht, wobei ich nicht sicher bin, ob dies auf meine Müdigkeit oder die absichtlich wirre Erzählweise zurückzuführen ist. 

Dies spielt aber auch alles keine Rolle, denn das Letzte, worum es Anderson bei der Realisierung von Inherent Vice ging, war das Erzählen einer spannenden Geschichte. Über weite Strecken wirkt das vielmehr wie ein Schaulaufen skurriler Figuren, die sich zum Teil in absurden Situationen wiederfinden. Mitten durch das ganze Chaos irrlichtert der meistens zugedröhnte Doc Sportello, großartig gespielt von Joaquin Phoenix. Die Frauen stehen auf ihn, obwohl er sich selten die Füße wäscht und es auch sonst mit der Körperhygiene nicht so genau nimmt. Toll auch Josh Brolin als sich stets am Rande der Legalität bewegender Polizeiermittler, der bei jeder Gelegenheit versucht, Doc unter Druck zu setzen. Daneben gibt es eine ganze Reihe weiterer bekannter Gesichter zu bewundern, teils in nur kleinen Nebenrollen. 

Das 70er-Jahre-Hippie-Feeling wurde sehr gut eingefangen und wird zudem durch die Musik kongenial unterstrichen. Ich weiß nicht, ob es hilfreich ist, Inherent Vice in bekifftem oder betrunkenem Zustand zu schauen, könnte mir aber vorstellen, dass dies der Sichtung einen Mehrwert verleiht. Ich hingegen war völlig nüchtern, fand aber durchaus Gefallen an dem grotesken Treiben, den völlig überzeichneten Figuren, der prachtvollen Ausstattung und den ausgesprochen schönen Bildern des Anderson-Stamm-Kameramannes Robert Elswit. Irgendwann ist der Film zu Ende und man weiß nicht genau, was eigentlich passiert ist, aber irgendwie ist das auch egal.

21 Juli 2015

WHIPLASH (Damien Chazelle, 2014)

Chazelles zweiter Spielfilm ist nur oberflächlich betrachtet ein Musikfilm. In Wirklichkeit geht es um Leidenschaft, Hingabe und den totalen Willen, das Maximale aus sich herauszuholen und der Beste zu sein, Grenzen zu überwinden und die Bereitschaft, alles für den Erfolg zu opfern. Um der beste Schlagzeuger zu werden, erträgt Andrew die Demütigungen durch Fletcher und die Schmerzen seiner blutenden Hände, notdürftig mit ein paar Pflastern behandelt. Selbst seine Freundin gibt er auf, weil er der Meinung ist, ihre Beziehung könne sich nachteilig auf seine Musikerkarriere auswirken. Dabei hatte es ihn zuvor erhebliche Mühe gekostet, seine Schüchternheit zu überwinden und sie überhaupt anzusprechen. Die Parallelen zu Daronofskys Black Swan sind nicht von der Hand zu weisen, auch wenn dieser auf den ersten Blick ein anderes Thema zu haben scheint. Im Kern geht es in beiden Filmen aber um dasselbe. Wie in Black Swan sind die größten Stärken des Films die hervorragenden Darsteller, insbesondere die beiden Hauptakteure Miles Teller und J. K. Simmons, wobei Letzterer wie seinerzeit Portman für seine Leistung einen Oscar erhalten hat. Sein Terence Fletcher verfügt zwar offensichtlich über eine sadistische Ader, doch ist dies nicht sein eigentlicher Antrieb. Vielmehr geht es ihm darum, aus jedem seiner Schüler das Bestmögliche herauszuholen und sie dazu anzutreiben, ihre Grenzen zu überschreiten, um immer besser zu werden. Dabei ist er stets auf der Suche nach dem Einen, nach dem Buddy Rich oder Charlie Parker der Gegenwart. 

Positiv zu erwähnen sind unbedingt Chazelles straffe und schnörkellose Regie und das hervorragende Sound-Design, das insbesondere in der ausgedehnten Schlussszene zur Geltung kommt. Simmons läuft hier zur Hochform auf. Fletcher hatte Andrew ursprünglich für die Show engagiert, um sich an ihm zu rächen, indem er ihn vor den versammelten Fachleuten dadurch bloßstellte, dass er zur Eröffnung ein Stück spielen ließ, das Andrew nicht kannte und für das er keine Noten hatte. Sein Plan schien zunächst aufzugehen, doch erweist sich Andrew als stärker als gedacht und kehrt zurück, um seinerseits zurückzuschlagen. Man spürt Fletchers inneren Kampf, man kann an seiner Mimik ablesen, wie es in ihm arbeitet. Man sieht, wie die zunächst dominierende Wut über Andrews Verhalten und die Absicht, seinen Alleingang zu sabotieren, zunehmend Anerkennung und Bewunderung weichen, ob des von seinem ehemaligen Schüler Dargebotenem. Letzten Endes ist dies trotz aller Dissonanzen somit auch eine Bestätigung seiner Arbeit und der Beweis, dass er mit seiner ersten Einschätzung von Andrews Talent richtig gelegen hatte. Und so dirigiert er ihn schließlich zu einem furiosen Finale. Danach kurze Stille und de Abspann.

09 Juli 2015

CHAPPIE (Neill Blomkamp, 2015)

Heist is a crimes.

Nachdem der Südafrikaner Neill Blomkamp mich mit seinem originellen Debüt District 9 ziemlich begeistern konnte, bot der nachfolgende Elysium durchkalkuliertes starbesetztes Mainstream-Kino. Chappie hingegen kann wieder mit dem Esprit des Debüts aufwarten und bietet eine nahezu perfekte Mischung aus Komödie, Drama, Gangsterfilm und Sci-Fi-Thriller, die mich ziemlich aus den Socken gehauen hat. In den Kritiken kam das Werk nicht sonderlich gut weg, was irgendwo verständlich ist, denn für den Mainstream-Freund ist das Ganze zu abgefahren und der an tiefgründigen Stoffen Interessierte versucht womöglich, in Chappie eine Gesellschaftskritik zu sehen, die er nicht ist und nicht sein will.

Blomkamp ging es in erster Linie um die Frage, wie sich ein frisch erwachtes künstlich erzeugtes Bewusstsein verhalten würde, wie es ähnlich einem Neugeborenen die Welt erkunden und aus den gemachten Erfahrungen lernen würde, wenn auch bedeutend schneller als ein Mensch. Und dies ist hervorragend umgesetzt. Chappie erlebt seine ersten Momente in einer merkwürdig anmutenden Patchwork-Familie, die in einer alten Lagerhalle haust und ihren Lebensunterhalt mit Raubüberfällen und Drogenhandel bestreitet. Im Kern besteht die Familie aus dem (mir bis dato unbekannten) südafrikanischen Musiker-Duo Die Antwoord. Die beiden sehen aus wie Trottel und ihre Musik ist ziemlich schlecht, aber als abgefucktes Gangsterpärchen funktionieren sie ganz ausgezeichnet. Yolandi entwickelt spontan Muttergefühle für den anfangs hilflosen Androiden, während Ninja versucht, ihn u.a. mit Schießübungen zu einer effektiven Killermaschine auszubilden, damit er ihnen bei den Raubzügen zur Hand gehen kann. Dabei muss er zu allerlei Tricks greifen, denn sein Erschaffer (sehr gut: Dev Patel) hat ihm eingeimpft, keine Verbrechen zu begehen und insbesondere niemanden zu töten.

Zwei Stars von internationalem Format hat Chappie auch noch zu bieten: Sigourney Weaver spielt die Chefin des Waffenkonzerns Tetravaal, bleibt dabei aber ziemlich blass, wobei sie auch nicht allzu Screentime erhalten hat. Hugh Jackman gibt den Bösewicht, und das recht überzeugend. Und doch ist der wahre Star des Films der Roboter Chappie, der in seiner kindlich naiven Art das Herz des Zuschauers im Sturm erobert. Eine Blechdose, die man einfach gern haben muss.

Die Hintergrundstory um ein Johannisburg der Zukunft, in dem Polizei-Roboter über die öffentliche Sicherheit wachen, ist natürlich Verhoevens RoboCop entliehen. Der „Moose“ sieht sogar fast genauso aus wie der ED-209, der in den ersten Minuten von RoboCop aufgrund einer Fehlfunktion ein Blutbad anrichtet. Doch auch Scotts Blade Runner stand Pate, denn wie in jenem ist Chappies Lebensdauer begrenzt, weil seine Batterie irreparabel beschädigt ist. Und wie in Blade Runner verlangt auch er von seinem Erschaffer, ihm mehr Lebenszeit zu verschaffen. Die Lösung des Problems, auf die er schließlich selbst kommt, passt wunderbar zu der leichtfüßigen Stimmung, die dem Film innewohnt. Und so erzählt Chappie auch von der Überwindung der Vergänglichkeit. Insofern ist das Ende ein sehr tröstliches.

Zwischen all den lustigen und traurigen Szenen gibt es immer wieder harte Actionsequenzen, wobei vor allem der finale Kampf an der Lagerhalle begeistern kann. Die Spezialeffekte sind hervorragend gelungen. Unterlegt von Hans Zimmers brachialem Score ergeben die einzelnen Komponenten eine erstaunlich stimmige Mischung, sodass Chappie trotz der unterschiedlichen Genres wie aus einem Guss wirkt. Und nicht zuletzt kann der Film mit einem der sympathischsten Protagonisten seit langem aufwarten, dessen komplexe Gefühlswelt sich dem Zuschauer trotz der metallenen Oberfläche offenbart. Ein wunderbarer Film.

08 Juli 2015

THE GUNMAN (Pierre Morel, 2015)

Sean Penns Ausflug in das Actiongenre wurde von den Kritiken gnadenlos zerrissen. Dies mag verständlich sein, wenn man mit falschen Erwartungen an die Sichtung geht. Penn ist als linker Aktivist bekannt, und wenn er die Hauptrolle in einem Film übernimmt, der vor dem Hintergrund des kongolesischen Bürgerkriegs spielt, erwartet man unter Umständen einen kritischen Beitrag zur Rolle der westlichen Welt in diesem Konflikt, insbesondere im Hinblick auf die Ausbeutung der dort vorhandenen Rohstoffe. Genau dies ist The Gunman allerdings nicht geworden, und insofern ist eine daraus resultierende Enttäuschung ein Stück weit nachvollziehbar. Andererseits ist es durchaus fragwürdig, einem Film mit bestimmten Erwartungen gegenüberzutreten und dem fertigen Produkt dann vorzuwerfen, dass diese nicht erfüllt wurden. Pierre Morel und Sean Penn wollten einen harten Actionreißer drehen – und genau das ist The Gunman. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Die Grundkonstellation ist natürlich alles andere als originell oder neu. Ein ehemaliger Söldner, der mit seiner Vergangenheit abgeschlossen hat und inzwischen für eine wohltätige NGO tätig ist, soll von den Häschern seines ehemaligen Geschäftspartners liquidiert werden, weil er zu viel weiß und Interpol inzwischen gegen die Firma ermittelt. Kennt man alles schon.

Penn hat die letzten Jahre offensichtlich viel Zeit mit Trainingsgeräten und Hanteln verbracht und sorgsam auf seine Ernährung geachtet. Von den sich im Laufe der Handlung bietenden zahlreichen Gelegenheiten, seine beeindruckenden Oberarme zu zeigen, macht er ausgiebig Gebrauch. Und doch ist der von ihm verkörperte John Terrier alles andere als das eindimensionale Abziehbild, das sich durch so manchen Actionfilm prügelt, sondern ein von den Sünden seiner Vergangenheit gezeichneter Charakter, der unter Schwindel und Gedächtnisstörungen, hervorgerufen durch eine degenerative Hirnerkrankung, leidet. Er schläft schlecht, weil ihn die Geister der Vergangenheit nicht ruhen lassen, muss sich plötzlich übergeben oder wird zur unpassenden Zeit ohnmächtig. Um den Überblick zu behalten ist er gezwungen, sich ständig Notizen zu machen und alle relevanten Dinge aufzuschreiben, was wiederum die Ursache dafür ist, dass er so unbarmherzig gejagt wird. Ein äußerlich starker, innerlich aber gebrochener Mann, ein psychisches und seelisches Wrack. Dies alles wirkt in sich stimmig und glaubwürdig und so ist gerade die detailliert gezeichnete Figur des ehemaligen Auftragskillers eine der großen Stärken des Films.

Eine weitere ist die äußerst dynamische Inszenierung des Franzosen Morel, die durch hohes Tempo und eine präzise Schnittfolge gekennzeichnet ist. Dabei verzichtet er auf die üblichen Spielereien wie Jumpcuts und wackelnde Kameras. Das Ergebnis ist eine äußerst wohlgefällig dahinfließende Bilderfolge, die das Auge des Zuschauers erfreut und das Erzähltempo durchgehend hoch hält. Die Story gibt – wie schon erwähnt – nicht viel her und am fehlenden Realismus darf man sich auch nicht stören, aber alles in allem ist The Gunman ein spannender Actionthriller mit einem starken Hauptdarsteller, der über die gesamte Spielzeit ausgesprochen gut zu unterhalten weiß. Und mehr hatte ich – im Gegensatz zu manch anderem Rezensenten – auch nicht erwartet.

THE WATER DIVINER (Russell Crowe, 2014)

Russell Crowes Regie-Debüt basiert angeblich auf der wahren Geschichte eines australischen Vaters, der nach dem Ende des ersten Weltkrieges zur Halbinsel Gallipoli reiste, um nach den Leichen seiner dort gefallenen Söhne zu suchen. Ob die Geschichte nun wahr ist oder nicht – emotional weiß The Water Diviner in jedem Fall zu berühren. Und Crowe ist ein starker Hauptdarsteller, der den Zuschauer durch sein sparsames Spiel wie gewohnt schnell für sich einnimmt.

The Water Diviner  ist ein schöner Film mit ausdrucksstarken Bildern, aber auch einer, der ohne jegliches Risiko nach den gängigen Formeln inszeniert wurde. Alle bekannten Versatzstücke, die man aus derartigen Arbeiten kennt, wurden verwendet und in der üblichen Art und Weise zusammengesetzt. Überraschungen gibt es keine, die Handlung ist komplett vorhersehbar. Nicht einmal für eine zarte Liebesgeschichte zwischen der schönen türkischen Witwe, die im Gefecht um Gallipoli ihren Mann verloren hat, und dem australischen Witwer Connor ist sich Crowe zu schade. Und dennoch gibt es einige ganz wunderbare Momente, insbesondere dann, wenn die ehemals verfeindeten Briten und Türken gemeinsam nach den Leichen der Gefallenen suchen. Schnell zeigt sich, dass nicht alle mit der Situation so souverän umgehen wie die beiden Anführer der Gruppen. Doch trotz einiger Übergriffe und persönlicher Betroffenheit der Beteiligten gelingt es, die wenig freudvolle Aktion gemeinsam abzuwickeln. Bezeichnend ist, dass sich ausgerechnet der türkische Major für Connor einsetzt und dadurch dafür sorgt, dass er nach seinen Söhnen suchen darf.

Die Art der Inszenierung erinnert etwas an Ridley Scott, und das ist sicherlich kein Zufall, hat Crowe doch gleich in einer ganzen Reihe von dessen Filmen mitgespielt – und dies überwiegend sehr erfolgreich. Da lag es nahe, nicht nur inhaltlich auf altbewährte Muster zurückzugreifen, sondern sich auch in Sachen Dramaturgie und Bildgestaltung an ihm zu orientieren. Unterstützt wurde er dabei von Peter Jacksons langjährigem Kameramann Andrew Lesnie, der leider kürzlich verstorben ist. Insbesondere die zahlreichen Rückblenden auf die eigentliche Schlacht sind von einer beklemmenden Intensität. Darstellerisch hingegen wird eher Hausmannskost geboten. Neben Russell Crowe gelingt es vor allem dem charismatischen Yilmaz Erdogan ein paar Akzente zu setzen. Die weiblichen Rollen wurden offensichtlich in erster Linie nach optischen Gesichtspunkten ausgewählt. Ob Olga Kurylenko, Megan Gale oder die wunderschöne Isabel Lucas: es ist schon auffällig, wie ansehnlich sämtliche Damen daherkommen. Der junge Dylan Georgiades ist so etwas wie das Herzstück des Films und stiehlt mit seiner unbekümmerten Darstellung des kleinen Joshua den Etablierten die Show.

The Water Diviner ist ein Familiendrama vor einem interessanten geschichtlichen Hintergrund, das nicht sonderlich spannend, trotz seiner Formelhaftigkeit aber recht kurzweilig und zudem schön anzusehen ist. Und ein bisschen was fürs Herz wird auch geboten. Da passt es gut, dass Crowe seinen Film den unzähligen namenlosen Toten gewidmet hat, die irgendwo auf den Schlachtfeldern des ersten Weltkriegs ihr Leben gelassen haben.

30 Juni 2015

PREMIUM RUSH (David Koepp, 2012)

Ich schaue eigentlich nie Filme im Fernsehen. Zum einen wegen der ständigen Werbeunterbrechungen, zum anderen wegen des fehlenden O-Tons. An meine letzte Filmsichtung im Fernsehen kann ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnern. Das muss viele Jahre her sein. 

Umso erstaunlicher, dass ausgerechnet Premium Rush der Film ist, mit dem ich gegen meine Gewohnheiten verstoßen sollte. Nicht bewusst, sondern eher zufällig bin ich ob des interessanten Beginns hängengeblieben und habe den Film trotz dreier endlos langer Werbeunterbrechungen zu Ende geschaut. Und tatsächlich erwies sich Koepps Filmchen über einen New Yorker Fahrradkurier als recht kurzweiliges Vergnügen. Die Story ist eher nebensächlich, voller Logikfehler und hat weder Hand noch Fuß. Das macht aber gar nichts, denn der eigentliche Hauptdarsteller ist die Stadt New York mit ihrer bunt gemischten Bevölkerung, dem pulsierenden Leben und dem dichten Verkehr. Durch jenen schlängelt sich der Fahrradkurier Wilee (toll: Joseph Gordon-Levitt) mit einer bewundernswerten Zielsicherheit und Geschmeidigkeit. Die Fahrradstunts sind ganz hervorragend gelungen und lassen einem ein über's andere Mal den Atem stocken. Die Inszenierung ist infolgedessen sehr dynamisch, die Protagonisten sind ständig in Bewegung. Zur Auflockerung und gleichzeitigen Vertiefung der Geschichte gibt es verschiedene Rückblenden, die immer wieder eingestreut werden und nach und nach die Erklärung für Wilees merkwürdigen Auftrag liefern und dafür, warum er von der Polizei verfolgt wird. Das Ende ist ebenso platt wie vorhersehbar, irgendwie aber auch stimmig und den Ton des Films treffend.

Solide Unterhaltung bietet Premium Rush allemal – und mehr will er auch gar nicht. Und die Idee, einen Fahrradkurier ins Zentrum des Films zu stellen, ist zumindest originell. Mir fällt jedenfalls kein vergleichbarer Streifen ein. Und ganz nebenbei ist Dania Ramírez auch ziemlich heiß...

29 Juni 2015

MAD MAX: FURY ROAD (George Miller, 2015)

Mit einiger Verzögerung habe ich die berüchtigte Fortsetzung der Mad-Max-Trilogie nun auch gesehen – immerhin noch rechtzeitig, bevor sie aus den Kinos verschwunden sein wird. Die in vielen Kritiken verbreitete grenzenlose Euphorie, die der Film ausgelöst hat, kann ich jedoch nur bedingt nachvollziehen. Mad Max: Fury Road ist ein grandioser Actionkracher, eine irre Achterbahnfahrt, die dem Zuschauer zwei Stunden lang praktisch keine Pause gönnt. Der gesamte Film ist im Prinzip eine einzige lange Verfolgungsjagd. Das ist spektakulär, das ist mitreißend, das ist außerordentlich fesselnd, doch auf der emotionalen Ebene fehlte mir dennoch etwas. Eine gewisse Distanz zu den handelnden Personen lässt sich nicht leugnen. Die zentrale Figur ist nicht Max, der von Tom Hardy solide und unauffällig verkörpert wird, sondern die groß aufspielende Charlize Theron in der Rolle der einarmigen Imperator Furiosa. Neben ihr verkommt der titelgebende Max zur beinahe überflüssigen Randfigur. Trotzdem gelingt es Miller, die inhaltliche Leere so zu kaschieren, dass man sie kaum wahrnimmt. Fury Road strotzt nur so vor verrückten Ideen und witzigen Einfällen. Die Ödnis ist bevölkert von bizarren Figuren, die stellenweise an das Star-Wars-Universum erinnern wie z. B. Immortan Joe, der einige Ähnlichkeit mit Darth Vader aufweist oder den an Zombies erinnernden War Boys, die sich Chrom in den Mund sprühen, um sich aufzupushen. Daneben gibt es eine ganze Reihe skurriler Charaktere und äußerst phantasievoller Fahrzeuge, die zu effektiven Kriegsmaschinen umgebaut wurden.

Das Geschehen spielt sich dann auch hauptsächlich auf der visuellen Ebene ab. Narrativ hat Fury Road nicht allzu viel zu bieten. Dies lässt sich angesichts der vorgenannten Schauwerte allerdings leicht verschmerzen. Den ganzen Wahnsinn kleidet Miller in grobkörnige, überbelichtete Bilder, die eine ganz eigene Schönheit besitzen. Die Actionszenen und Stunts sind allesamt hervorragend gemacht und zudem sehr abwechslungsreich, sodass sich trotz der schieren Masse derartiger Szenen zu keiner Zeit das Gefühl einstellt, Ähnliches schon mal gesehen zu haben. Dabei legt Miller ein dermaßen irrwitziges Tempo vor, dass einem Hören und Sehen vergeht. Am Ende der 120-minütigen Hetzjagd ist man als Zuschauer ähnlich erschöpft wie Max, aber auch glücklich, so blendend unterhalten worden zu sein.

24 Juni 2015

JURASSIC WORLD (Colin Trevorrow, 2015)

We need more teeth.

Der Wiederbelebung der Jurassic-Park-Reihe mehr als zwanzig Jahre nach ihrem Beginn habe ich mit einiger Vorfreude entgegen gesehen, zumal ich die bisherige Trilogie erst kürzlich wieder gesichtet hatte. Und Jurassic World liefert genau das, was ich im Vorfeld erwartet hatte: spannungsgeladene Action, deren Hauptattraktion nicht die Schauspieler sondern die Dinosaurier sind, und vor allem atemberaubende Spezialeffekte, die dem Zuschauer die lange Zeitspanne, die seit dem ersten Film vergangen ist, bewusst machen. War der digitale Ursprung der Viecher bei jenem noch in einigen Szenen erkennbar (wobei auch damals zum Teil Modelle und Puppen verwendet wurden), sehen sie dieses Mal dermaßen echt aus, dass man meinen könnte, es handele sich um lebende Tiere. Glücklicherweise macht Trevorrow nicht den Fehler, die Saurier zu oft zu zeigen. Ein Beispiel dafür ist das erste Auftreten des künstlich geschaffenen Indominus Rex, dessen Präsenz man zunächst nur daran erkennen kann, dass sich die Äste der Bäume bewegen, durch die er sich zwängt. Wobei gerade die Kreation dieses Phantasie-Sauriers eine witzige Anspielung auf das Schneller-Höher-Weiter-Prinzip ist, nach dem Hollywood-Blockbuster funktionieren. Der Tyrannosaurus Rex ist nicht mehr furchteinflößend genug, die Menschen haben sich an ihn gewöhnt. Folglich muss ein neuer Saurier her, der noch größer und noch furchteinflößender ist. Doch auch der Tyrannosaurus Rex hat noch nicht ausgedient. Am Ende hat er seinen großen Auftritt.

Etwas ärgerlich ist die tragende Rolle, die der historisch völlig unbedeutenden und zudem in der im Film gezeigten Form niemals existent gewesenen Spezies der Velociraptoren nun bereits zum vierten Mal beigemessen wird. Ich persönlich würde mir einmal einen Vertreter der Reihe wünschen, der ohne Velociraptor auskommt. Richtig cool hingegen sind die Flugsaurier, die auf die Parkbesucher losgelassen werden. Ein weiteres Highlight ist der riesige Mosasaurus, der leider nur zu zwei kurzen Auftritten kommt, wobei insbesondere die Fütterung mit dem weißen Hai – eine witzige Anspielung auf Jaws – erinnerungswürdig ist. Über die Ungereimtheit, dass ein solches Tier in dem Becken, in dem es im Film gepflegt wird, unmöglich unter Kontrolle zu halten wäre und wahrscheinlich schon lange vor dem Indominus Rex sein Gehege verlassen hätte, muss man großzügig hinwegsehen.

Wie schon bei den Vorgängerfilmen kommen auch bei Jurassic World Schauspieler aus der zweiten Reihe zum Einsatz. Dies sicherlich einerseits aus Budget-Gründen, andererseits um nicht zu sehr von der Hauptattraktion abzulenken. Dennoch ist es gelungen, mit Chris Pratt, der übrigens aussieht wie der Fernsehkoch Steffen Henssler, einen starken Hauptdarsteller zu verpflichten, der zudem über eine charismatische Ausstrahlung verfügt. Weniger überzeugend ist Bryce Dallas Howard, deren stereotyper Charakter der oberflächlichen Geschäftsfrau, die im Laufe der Handlung geläutert wird, nicht sonderlich überzeugend ist. Immerhin demonstriert sie, dass man auch in High Heels über Stock und Stein rennen kann, bis sie irgendwann plötzlich flachere Schuhe trägt. Wer Jurassic World auf Logikfehler prüft, wird sie reichlich finden. Dies tut dem hohen Unterhaltungswert indes keinen Abbruch, und angesichts des überwältigenden Erfolgs an den Kinokassen darf sich das Volk mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf weitere Fortsetzungen freuen. Vielleicht dann auch mal eine ohne Velociraptor.

23 Juni 2015

EL ORFANATO (Juan Antonio Bayona, 2007)

El Orfanato ist ein klassischer Gruselfilm traditioneller Machart, der keinen Preis für Originalität gewinnt. Die Story ist gut durchdacht und kann mit einem kleinen Twist aufwarten, den man so nicht unbedingt erwarten musste. Das alles ist spannend erzählt und in ästhetischen Bildern inszeniert. Bayona bedient sich der bewährten Stilmittel und setzt die Schockeffekte sparsam und wohldosiert ein. Dabei verzichtet er fast gänzlich auf blutige Details, sieht man von Benignas scheußlichem Unfall ab. Von dem alten Landhaus geht von Anfang an eine diffuse Bedrohung aus, die sich nie richtig greifen lässt. Mit zunehmender Spieldauer macht sich ein Gefühl von Unwohlsein breit, das sich immer weiter verstärkt. Und auch das Ende kann überzeugen – spätestens hier versagen bekanntlich viele Horrorfilme. Negativ aufgestoßen ist mir hingegen der Aspekt, dass Laura Ewigkeiten braucht, um zu verstehen, dass die Kinder mit ihr spielen wollen, während dem Zuschauer das aufgrund der vorherigen Geschehnisse in dem Moment klar wird, in dem sie die Puppe in Simóns Bett findet. Dies ist aber nur ein kleiner Makel, der sich leicht verschmerzen lässt. Darstellerisch gibt es jedenfalls nichts zu beanstanden, insbesondere Belén Rueda liefert eine starke Vorstellung und sieht dabei auch noch recht ansprechend aus.

El Orfanato ist ganz gewiss kein Film, der einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt oder gar das Genre revolutioniert. Neues hat er im Grunde genommen nicht zu bieten, vielmehr vermengt er die bekannten Zutaten nach altbewährten Rezepten und kredenzt daraus eine Mischung, die einem sofort bekannt vorkommt, dessen ungeachtet aber wohlbekömmlich ist. Und für spannende und atmosphärisch dichte 100 Minuten mit leichtem Gruselfaktor ist er allemal gut.

21 Juni 2015

IN THE BLOOD (John Stockwell, 2014)

When all the bastards are gone and dead, only then rest your head.

Ava und Derek, die beide auf eine bewegte Vergangenheit zurückblicken und sich während des Drogenentzugs kennen gelernt haben, verbringen ihre Flitterwochen auf einer Karibikinsel (weiß gar nicht, ob gesagt wird, auf welcher Insel sie sich befinden – hab's jedenfalls nicht mitbekommen und ist im Prinzip auch egal). Jedenfalls hat Derek einen schlimmen Unfall und verschwindet auf dem Weg ins Krankenhaus. Ava, die nur wenig Unterstützung durch die örtliche Polizei erfährt, macht sich auf die Suche nach ihrem Mann.

In the Blood ist ein günstig produziertes B-Movie mit zum Teil amateurhafter Kameraführung, schlechtem Schnitt und abenteuerlicher Story. Und dennoch hatte ich meine Freude daran, denn das Ganze ist spannend und in recht hohem Tempo erzählt, der Gewaltgrad ist deftig und einige bekannte Gesichter sind auch dabei. Luis Guzman, Danny Trejo und Treat Williams zum Beispiel. Die Rolle des Derek spielt Cam Gigandet, dessen Gesichtszüge mich stark an den jungen Steve McQueen erinnerten. Die Hauptattraktion ist aber die ehemalige Mixed-Martial-Arts-Kämpferin Gina Carano, die zwar nur über wenig schauspielerisches Talent verfügt, dafür aber über eine starke erotische Ausstrahlung. Dass sie zudem äußerst „schlagfertig“ ist, hat sie in Soderberghs Haywire eindrucksvoll bewiesen, wobei sie im Vergleich zu jenem hier etwas mehr Gewicht auf die Waage bringt. Dies mögen dem asketisch veranlagten Zuschauer vermutlich fünf Kilo zu viel sein, ich hingegen finde, dass die zusätzlichen Pfunde ihre Rundungen umso besser zur Geltung bringen. In der Wahl ihrer Mittel ist sie – wie auch schon im vorgenannten Film – wenig zimperlich. Ob Waterboarding auf einer öffentlichen Toilette, gezielte Stiche in verschiedene Organe eines ihrer Opfer oder Erstickungssimulationen mit einer Plastiktüte – hier wird schnell klar, dass mit der Frau nicht zu spaßen ist. Gnadenlos bringt sie jeden zur Strecke, der mit dem vermeintlichen Tod ihres Mannes irgendwie in Verbindung steht. Sei es die Krankenschwester an der Rezeption, die sie angelogen hat oder der korrupte Polizeichef. Darüber hinaus ist sie auch noch hart im Nehmen. Mit Handschellen auf dem Rücken gefesselt in einem Streifenwagen? Kein Problem für die Dame – mal eben schnell das Handgelenk ausgerenkt, aus den Handschellen geschlüpft, Gelenk wieder eingerenkt und 20 Sekunden später mit derselben Hand dem Gegner die Fresse poliert – so einfach geht das. In ihrer rasenden Wut lässt sie sich weder von einem Schuss in die Schulter noch einem Messerschnitt quer über den Bauch aufhalten. Was beim Lesen wahrscheinlich lächerlich klingt, wirkt im Film aber gar nicht so schlimm, weil man ihr abnimmt, dass sie so unter Adrenalin steht, dass sie das kaum wahrnimmt.

Amaury Nolasco gibt im Übrigen einen durchaus charismatischen Gegenspieler ab und ist ebenfalls ein harter Bursche. Obwohl er schwer krebskrank ist – was man ihm überhaupt nicht ansieht, prügelt und schießt er sich durch die Gegend wie ein junger Gott. Ein Treffer in den eigenen Oberschenkel lässt ihn ein paar Minuten humpeln, bevor er relativ schnell wieder rund läuft und sich schließlich einen fast ebenbürtigen Kampf mit der wilden Gina liefert. Über einen Mangel an Logikfehlern und Ungereimtheiten kann man sich wirklich nicht beschweren, aber der Unterhaltungsfaktor ist hoch genug, um sich dadurch den Spaß nicht verderben zu lassen. Für Freunde anspruchsloser und kurzweiliger Unterhaltung, die man mit im Ruhemodus befindlichen Hirn genießen kann, durchaus sehenswert. Alle anderen sollten einen großen Bogen um In the Blood machen.

19 Juni 2015

EX MACHINA (Alex Garland, 2015)

Isn't it strange, to create something that hates you?
 
Eine der besten Szenen des Films ist jene, in der der (weiblich aussehende) Android Ava vor den Schränken mit den anderen Androiden steht wie eine Frau vor ihrem Kleiderschrank, die sich fragt, was sie heute anziehen soll. Der Blick beinhaltet berechnendes Kalkül, was wohl von größtem Nutzen sein würde, gepaart mit einem Hauch von weiblicher Eitelkeit.

Alex Garland, der sich seine Meriten bisher hauptsächlich als Autor und Drehbuchschreiber (u. A. Für Danny Boyle) erworben hat, gibt mit Ex Machina sein Debüt als Regisseur. Der Inszenierung sieht man dies allerdings nicht an, höchst professionell und abgeklärt wirken die kalten, überaus stylischen Bilder, mit denen die Geschichte erzählt wird. Das zugrunde liegende Thema, nämlich was den Menschen von einer Maschine unterscheidet und die sich daraus ergebenden philosophischen Fragen nach dem, was Menschlichkeit ausmacht und der Existenz echter künstlicher Intelligenz, sind alles andere als neu und schon Grundlage diverser Filme gewesen, doch ist Garlands Herangehensweise an das Thema höchst interessant. Mehr als einmal werden Parallelen zu Ridley Scotts Meisterwerk Blade Runner deutlich, auch wenn Atmosphäre und Inszenierung sich stark von jenem unterscheiden. Die kargen, fabrikartigen Räume, die der Internet-Milliardär Nathan bewohnt, wirken lebensfeindlich und steril. Das Bauwerk erinnert eher an ein Krankenhaus oder gar ein Gefängnis als eine heimelige Wohnung. Umso interessanter der Kontrast zu den wunderschönen Naturaufnahmen der unmittelbaren Umgebung, die den Eindruck eines Gefängnisses noch verstärken. Die eigentliche Story ist relativ simpel und wirkt – vermutlich gerade deshalb – gar nicht weit hergeholt, wobei es allerdings die ein oder andere durchaus überraschende Wendung gibt, die man so nicht unbedingt vorhersehen kann. Die Inszenierung ist sehr zurückhaltend und minimalistisch, was zum Teil sicherlich dem geringen Budget von 11 Millionen Dollar geschuldet ist. Dieses ist offensichtlich zum größten Teil in die Effekte geflossen, denn diese sind ganz hervorragend gelungen. 

Ex Machina ist ein ebenso faszinierender wie fesselnder Film, der den Zuschauer von Beginn an in seinen Bann zieht. Ein Debüt, das mich nachhaltig beeindruckt hat.

07 Juni 2015

CALVARY (John Michael McDonagh, 2014)

Your friend is just an enemy you haven't made yet.

Calvary bezeichnet im englischsprachigen Raum den Hügel, auf dem Jesus gekreuzigt wurde. Diese Tatsache war demjenigen, der für den deutschen Titel verantwortlich war, anscheinend nicht bekannt oder wie sonst ist es zu erklären, dass der Film in Deutschland unter dem unsäglich platten Titel Am Sonntag bist du tot erschienen ist? Dabei ist der Originaltitel durchaus treffend, denn die Parallelen zwischen der Handlung und der Kreuzigung Jesu sind nicht zu übersehen. Erzählt werden die Geschehnisse der letzten Woche im Leben des Pfarrers James Lavelle, der in einem kleinen irischen Küstenort über seine Gemeinde wacht. Dies tut er mit viel Hingabe. Stets hat er ein offenes Ohr für die Nöte der Menschen, von denen jeder sein Päckchen zu tragen hat. Und so wie Jesus für die Sünden der Menschheit ans Kreuz geschlagen wurde, soll auch Pfarrer James für die Sünden Anderer sterben. Er ist ein guter Mensch und doch soll er büßen für die bösen Taten eines Anderen, der eines der Mitglieder seiner Gemeinde im Kindesalter jahrelang missbraucht hat. There's no point in killing a bad priest, sagt sein angehender Mörder zu ihm im Beichtstuhl. Killing a good one? That would be a shock!

Calvary greift das ebenso schwierige wie aktuelle Thema des Missbrauchs von Kindern durch die Katholische Kirche auf, macht dies jedoch auf eine höchst gefühlvolle und dezente Art und Weise. Seine zentralen Themen sind Sünde, Schuld und Vergebung. Wiedergutmachung gibt es nicht – das wird bei jeder einzelnen der erzählten Geschichten deutlich, und so bleibt den Sündern nur Vergebung und Versöhnung – im besten Fall.

Wie man im Laufe des Films erfährt, hat auch Vater James schwere Fehler gemacht, die sich in seiner nicht ganz unproblematischen Beziehung zu seiner Tochter äußern. Zwar wird kein direkter Zusammenhang zwischen ihren wiederholten Selbstmordversuchen – die in Wahrheit eher Hilfeschreie sind – und seinem Weggang nach dem Tod ihrer Mutter hergestellt, doch liegt die Vermutung nahe, dass Fiona aufgrund dieser einschneidenden Erfahrung nicht in der Lage ist, ihre Beziehungsprobleme im normalen Rahmen zu lösen. Auch hier gibt es keine Wiedergutmachung, aber er schafft es am Ende, mit ihr ins Reine zu kommen.

Das eigentlich Faszinierende an Calvary ist weniger die Frage, wer den Priester ermorden will – er selbst weiß ohnehin von Anfang an, um wen es sich handelt, weil er ihn an der Stimme erkennt – und ob ihm dies gelingt, sondern Vater James bei seinen Gesprächen mit den Angehörigen seiner Gemeinde zu beobachten. Diese haben alle ihre Probleme, und so werden im Laufe der 100 Minuten verschiedene kleine Geschichten erzählt, die in der Person des Pfarrers ein Bindeglied haben. Dabei tun sich zum Teil menschliche Abgründe auf, die man hinter der unscheinbaren Fassade zunächst nicht vermutet. Die wunderschönen Landschaftaufnahmen des britischen Kameramannes Larry Smith, der schon mit seiner Arbeit für Refns Only God forgives zu begeistern wusste, tun Ihr Übriges. Über Calvary liegt eine resignative Grundstimmung, ein Hauch von Schwermut, gepaart mit einer Prise schwarzen Humors. Und wie Jesus ergibt sich Vater James seinem Schicksal. Die zuvor besorgte Waffe wirft er ins Meer, seine Flucht bricht er am Flughafen ab und kehrt nach Hause zurück.

Calvary ist ein feiner kleiner Film, der bewegt und zugleich ausgezeichnet unterhält. Brendan Gleeson trägt den Film mit einer bärenstarken Leistung souverän über die 100 Minuten und auch die übrigen Darsteller können überzeugen. Erstklassige Dialoge und ein gewitztes Drehbuch runden den positiven Gesamteindruck ab. Toll!

31 Mai 2015

AMERICAN SNIPER (Clint Eastwood, 2014)

The thing that haunts me are all the guys that I couldn't save.

American Sniper ist das perfekte Beispiel dafür, wie herrlich unbeschwert die Amerikaner mit ihren kriegerischen Auseinandersetzungen umgehen. Da können wir in unserer typisch deutschen Befangenheit nur neidisch werden. Chris Kyle ist ein Kriegsheld, und als solchen inszeniert Eastwood ihn auch. Wenn er Unbehagen empfindet, dann nicht etwa dabei, während seiner Einsätze Menschen zu töten, sondern allenfalls angesichts dessen, dass es ihm nicht gelingt, noch mehr Kameraden durch seine Abschüsse das Leben zu retten. Während der Einsätze strahlt er stets eine stoische Ruhe aus und funktioniert wie eine gut gewartete Maschine. Selbst ein minderjähriger Junge, der im Verdacht steht, ein Attentäter zu sein, lässt ihn nur für Sekundenbruchteile zögern, bevor er ihm das Lebenslicht löscht. Im Film dauert das freilich viel länger, weil Eastwood noch eine längere Rückblende mit prägenden Momenten in Kyles Kindheit einschiebt.

American Sniper ist geradlinig, direkt und wie ein gezielter Schlag in die Fresse. Oder ein Schuss in den Kopf, um im Bild zu bleiben. Etwas merkwürdig mutet allenfalls der erfundene Scharfschütze der Gegenseite namens Mustafa an, ein Kniff, um Kyle einen halbwegs würdigen Gegenspieler zu verschaffen. Wobei die Vorstellung, dass zwei gegnerische Scharfschützen über Monate hinweg versuchen, sich gegenseitig zu eliminieren bei genauer Betrachtung doch reichlich albern ist. Doch im dramaturgischen Sinne hat die Idee durchaus Charme und sorgt für zusätzliche Spannungsmomente.

Eastwood inszeniert die Geschichte in der ihm eigenen Souveränität und mit den bei vielen seiner letzten Filmen üblichen Rückblenden. Bradley Cooper, der übrigens dem echten Chris Kyle erstaunlich ähnlich sieht und der mir bis dato völlig unbekannt war, weil ich keinen seiner bisherigen Filme kenne, liefert eine starke Vorstellung ab. Ihm gelingt es, Kyles innere Zerrissenheit überzeugend darzustellen, seine Probleme im sozialen Miteinander zuhause einerseits und seine eiskalte, präzise Ausführung der Aufträge im Krieg andererseits. Die zahlreichen Gefechtsszenen sind großartig inszeniert und vermitteln einen hervorragenden Eindruck davon wie es sich anfühlt, mitten im irakischen Kampfgebiet zu sein.

American Sniper ist sicherlich ein Film, über den man kontrovers diskutieren kann, wobei die zum Teil erhobenen Vorwürfe, er würde den Krieg glorifizieren, ins Leere gehen. Ein patriotischer Film zweifellos, aber eben keiner, der im Pathos ertrinkt. Ich jedenfalls habe den unbekümmerten Umgang mit dem Thema als höchst erfrischend empfunden und American Sniper als einen durch und durch großartigen Film – einer von so vielen im qualitativ hochwertigen und an Höhepunkten reichen Alterswerk des kalifornischen Regisseurs. Möge er uns noch lange erhalten bleiben und noch möglichst viele Filme dieser Qualität abliefern!

20 Mai 2015

SPARTACUS (Stanley Kubrick, 1960)

Ein Monumentalfilm klassischer Prägung, den Kubrick als Auftragsarbeit inszeniert hat, nachdem der eigentlich vorgesehene Regisseur Anthony Mann kurz nach Drehbeginn gefeuert worden war. Ich habe grundsätzlich ein eher schwieriges Verhältnis zu Kubricks Werk, denn neben einigen hervorragenden Arbeiten hat er auch Filme gemacht, zu denen ich gar keinen Zugang finde. Die bedingungslose Verehrung, die viele Filmfreunde ihm zuteil werden lassen, konnte ich mir nie zueigen machen. Für die Sichtung von Spartacus spielt das jedoch eine untergeordnete Rolle, da Kubrick aufgrund der oben beschriebenen Umstände nur wenig Einfluss auf die inhaltliche Ausgestaltung hatte.

Während der für derartige Filme üblichen sehr üppigen Spieldauer von knapp 200 Minuten (inklusive Ouvertüre und Intermission) gilt es fast schon zwangsläufig die ein oder andere Länge zu überstehen. Dazu zählt nicht zuletzt die nachträglich eingefügte schwule Badeszene, die dem Film keinerlei Mehrwert bietet, sondern wie ein Fremdkörper wirkt. Die Entscheidung, sie zu entfernen, war in jedem Fall richtig und man würde sich wünschen, die Verantwortlichen für die Restauration hätten das genauso gesehen und sie einfach weggelassen.

Darüber hinaus gibt es Einiges, was man Spartacus als Schwäche ankreiden kann. Dabei meine ich weniger die historischen Ungenauigkeiten, die man getrost vernachlässigen kann. Ärgerlich ist vor allem die Einbindung der Sklavin Varinia als Spartacus Frau – eine Figur, die schlichtweg überflüssig ist. Die Ränkespiele im römischen Senat sind an sich ganz gut umgesetzt, jedoch ist das Handeln des Volkstribuns Gracchus völlig unglaubwürdig und in sich nicht schlüssig – da kann Charles Laughton noch so charmant aufspielen. Ein weiteres Problem liegt in der Besetzung der Hauptrolle mit Kirk Douglas (der den Film mit produziert hat), der nun mal ein eher unsympathischer Bursche ist – im Gegensatz zu seinem Sohn Michael – und es dadurch dem Zuschauer schwer macht, sich mit ihm und seinem Anliegen zu identifizieren. Wobei die emotionale Einbindung des Zuschauers ohnehin nie eine Stärke Kubricks war. Und das melodramatische Ende, bei dem der am Kreuz hängende Spartacus auf seinen neugeborenen Sohn herabblickt, hätte ich erst recht nicht gebraucht. Hier wird Spartacus zur Jesusfigur stilisiert, nachdem der Film bis dahin einen nicht zu übersehenden marxistischen Grundton hatte, was zumindest im ersten Augenblick ein Widerspruch zu sein scheint.

Allerdings werden all diese Schwachpunkte durch die höchst imposanten Massenszenen und die beeindruckende Ausstattung mehr als wettgemacht. Die Inszenierung ist jederzeit souverän und die Kamera verliert auch bei Szenen mit hunderten von Darstellern nie den Überblick. Die Geschichte ist spannend, auch wenn der Ausgang allgemein bekannt ist. Auch was die Besetzung angeht, wird hier ordentlich geklotzt: neben Kirk Douglas kommen u. a. Laurence Olivier, Peter Ustinov, Tony Curtis und Charles Laughton zum Einsatz, die allesamt in ihren Rollen überzeugen. So ist am Ende ein über weite Strecken unterhaltsamer Film mit vielen Schauwerten, aber auch nicht zu übersehenden Schwächen entstanden, der unter den Monumentalfilm keine herausragende Stellung einnimmt. Sehenswert ist er dennoch.

18 Mai 2015

BLACKHAT (Michael Mann, 2014)

You can call me "chica" any time you want.

Nachdem Michael Mann mehr als zwanzig Jahre lang einen tollen Film nach dem anderen gedreht hatte – ok, Ali war nicht ganz so toll wie die anderen, aber auch noch ordentlich – konnten mich seine beiden letzten Arbeiten nicht recht überzeugen. Auf den belanglosen Miami Vice folgten der noch belanglosere Public Enemies und eine mehrjährige Schaffenspause, die mit der Veröffentlichung von Blackhat nun zu Ende gegangen ist. Und auch wenn er damit nicht an seine ganz großen Zeiten anknüpfen kann, ist ein klarer Aufwärtstrend festzustellen. Blackhat ist wohl das, was man als Cyber-Thriller bezeichnen kann, doch macht Mann keinen Hehl daraus, dass ihm die Story im Grunde genommen egal ist. Ihm geht es vielmehr darum, urbane Landschaften stilgerecht in Szene zu setzen, vorzugsweise nachts natürlich. Und dies gelingt ihm wie immer ganz ausgezeichnet. Durch die vielen Ortswechsel wähnt man sich phasenweise in einem Agententhriller, und tatsächlich sieht Blackhat wie die Michael-Mann-Variante eines James-Bond-Films aus.

Das Tempo ist durchgehend hoch und erzeugt eine enorme Spannung. Da fällt es nicht weiter ins Gewicht, dass die Story einige Kapriolen schlägt und die ein oder andere Logiklücke aufweist, denn bei der atemlosen Hatz bleibt kaum Zeit, darüber nachzudenken. Chris Hemsworth, von dessen Filmen ich aufgrund meiner Aversion gegen Comic-Verfilmungen nur Rush kenne, macht seine Sache ausgezeichnet und gibt eine ebenso starke wie sympathische Identifikationsfigur ab. Dabei mutiert er allerdings zu einem Superhelden, den man eher in einer der erwähnten Comic-Umsetzungen als in einem Michael-Mann-Film vermuten würde. Nicht nur, dass er sich in sämtliche Computer und Systeme hacken, schießen, kämpfen und es mit vier Mann gleichzeitig aufnehmen kann, hat er auch als Einziger den Durchblick und ist in der Lage, die einzelnen Puzzleteile zum großen Ganzen zusammenzusetzen. Und über den Showdown am Ende will ich erst gar nicht reden. Aber über die fehlende Realitätsnähe von Blackhat habe ich mich ja schon weiter oben ausgelassen, also sei's drum.

Höhepunkte sind nach meinem Dafürhalten die beiden räumlich sehr breit angelegten Schießereien, von denen die zweite starke Parallelen zu dem großen Shootout in Heat aufweist, im direkten Vergleich allerdings den Kürzeren zieht. Das Sounddesign ist dabei äußerst dynamisch und vermittelt eine räumliche Tiefe, die ihresgleichen sucht. Blackhat ist sicherlich kein filmischer Meilenstein und verfügt über genügend Schwächen, die man kritisieren kann. In Manns Schaffen nimmt er dennoch einen Platz im soliden Mittelfeld ein und gibt zur Hoffnung Anlass, dass der Filmemacher aus Chicago sein Pulver noch nicht verschossen hat. Bleibt zu hoffen, dass er sich für seine nächste Arbeit nicht ganz so viel Zeit lässt - schließlich wird er nicht jünger.

10 Mai 2015

BIRDMAN: OR (THE UNEXPECTED VIRTUE OF IGNORANCE) (Alejandro González Iñárritu, 2014)

Sixty's the new thirty, motherfucker!

Iñárritus fünfter Spielfilm ist eine höchst kurzweilige und amüsante Satire, die das Showbusiness und den Umgang mit dem Älterwerden gekonnt auf's Korn nimmt. Die Selbstironie beginnt schon bei der Besetzung der Hauptrolle mit Michael Keaton. Er spielt Riggan Thomson, einen Schauspieler, dessen verblassender Ruhm aus seiner Rolle als Superheld Birdman vor mehr als zwanzig Jahren resultiert und der nun versucht, mit der Inszenierung eines Theaterstückes zu neuerlichem Ruhm zu gelangen. Ausgerechnet Keaton also, der etwa zur gleichen Zeit wie Riggan im Film in Burtons Batman-Filmen die Hauptrolle übernommen hatte, und so sind die Ähnlichkeiten zwischen den Superhelden Batman und Birdman natürlich kein Zufall. Doch während er nach außen den starken Macher gibt, der alles im Griff zu haben scheint, ist Riggan in Wahrheit von Unsicherheit und Selbstzweifeln geplagt. Die überdimensionale Comic-Figur des Birdman hat so etwas wie ein Eigenleben entwickelt und verfolgt ihn ständig als seine stets präsente innere Stimme. Auch ist Riggan in seinem Streben nach Ruhm und Anerkennung nicht alleine, denn wie sich im weiteren Verlauf der Handlung herausstellt, sind auch die übrigen Darsteller von Selbstzweifeln geplagt. Insbesondere der Broadway-Star Mike (großartig: Edward Norton) eifert mit Riggan darum, wem die größte Aufmerksamkeit zu teil wird. Und dann gibt es noch Riggans orientierungslose Tochter Sam (auch toll: Emma Stone), der er nach ihrem gerade absolvierten Drogenentzug eine Assistenzstelle verschafft hat. Und so ist Birdman nicht nur Satire, sondern beinhaltet neben komischen Elementen auch viele tragische Aspekte. Im Zentrum steht dabei natürlich Riggan, der sich immer mehr in die Sache hineinsteigert und zunehmend die Kontrolle über sich verliert. Dabei begibt er sich auf einen Selbstzerstörungstrip, der von gewalttätigen Wutausbrüchen, heftigen Stimmungsschwankungen, unkontrollierten Saufgelagen und Wahnvorstellungen geprägt ist, wobei Realität und Einbildung für den Zuschauer schon zu Beginn kaum auseinander zu halten sind und im weiteren Verlauf immer mehr miteinander verschmelzen.

Das gewitzte Drehbuch hält das Tempo die ganze Zeit über hoch und gönnt dem Zuschauer kaum eine Verschnaufpause. Die dadurch entstehende Unruhe spiegelt zugleich Riggans Gemütszustand sehr treffend wieder. Unterstützt wird dies durch den originellen Score, der ganz überwiegend aus Drum-Soli besteht. Verantwortlich dafür zeichnet der mexikanische Jazz-Drummer Antonio Sanchez, der die Felle virtuos bearbeitet und vielen Szenen durch sein Spiel eine zusätzliche Unruhe verleiht. So überlagern die Drums zum Teil die Dialoge so sehr, dass man sich anstrengen muss, um alles mitzubekommen. 

Die Kameraführung ist brillant und erweckt den Eindruck, der Großteil des Films (abgesehen von der Eröffnungssequenz und den Szenen vor Riggans Erwachen im Krankenzimmer) sei in einem einzigen Take entstanden, zumindest sind keine wahrnehmbaren Schnitte vorhanden. Ein oft verwendetes Hilfsmittel, um diesen Effekt zu erreichen, ist der Einsatz von Spiegelungen in Dialogszenen, insbesondere in den Umkleidekabinen. So sind beide Gesprächsteilnehmer auch dann zusammen im Bild, wenn sie nicht direkt nebeneinander stehen, ohne dass dafür ein Wechsel der Kameraperspektive notwendig wird. Häufig kommt auch eine Handkamera zum Einsatz, die den jeweiligen Protagonisten – meistens Riggan – aus der Verfolgerperspektive zeigt. Die Art der Inszenierung sorgt für einen beständigen Fluss, immer ist alles in Bewegung. Stillstand gibt es nicht, aber eben auch keine Erholungspause für die Protagonisten, keine Gelegenheit, zur Ruhe zu kommen. In Kombination mit den pointierten Dialogen und den überzeugenden Darstellerleistungen ergibt dies bei aller inhärenten Tragik eine leichtfüßige, homogene Mischung, die ausgesprochen gut unterhält.

06 Mai 2015

IL COLOSSO DI RODI (Sergio Leone, 1961)

Bei Il Colosso di Rodi (Der Koloss von Rhodos) handelt es sich um das Regiedebüt des großen Sergio Leone, nachdem er bis dahin in zahlreichen Filmen als Regieassistent und Second-Unit-Director etc. gearbeitet hatte. Wer mein Geschreibsel schon etwas länger verfolgt, dem dürfte nicht entgangen sein, dass der Italiener zu meinen absoluten Lieblingsregisseuren zählt und ich den Mann zutiefst verehre. Und das schon seit mehreren Jahrzehnten, denn bereits als Heranwachsender habe ich insbesondere seine Western geliebt.

Sein Spielfilmdebüt fällt im Vergleich mit seinen späteren Filmen doch deutlich ab und dies liegt nicht nur daran, dass er hier noch nicht auf die Dienste Ennio Morricones zurückgreifen konnte, dessen großartige Musik ein stilbildendes Element der übrigen Leone-Filme ist. Schon bei früheren Sichtungen konnte ich auch große inszenatorische Unterschiede ausmachen zu seinen sechs darauf folgenden Filmen. Im Vergleich zu jenen wirkt Il Colosso di Rodi beinahe identitätslos und beliebig. Im Grunde genommen handelt es sich um einen typischen Sandalenfilm, wie sie in den 60er Jahren zuhauf in Italien produziert wurden. Am ehesten ist Leones Handschrift noch bei den ausgedehnten Folterszenen zu erkennen, die er regelrecht zelebrierte und deren Inszenierung ihm offenkundig großen Spaß bereitete. Beispielhaft seien das Tröpfeln der Säure auf die Rücken der gefesselten Männer genannt oder auch die Verhörszene, in der dem Anführer der Aufständischen eine gusseiserne Glocke über den Körper gestülpt und diese so lange bearbeitet wird, bis dem armen Kerl das Blut aus den Ohren läuft. 

Ansonsten hat Il Colosso di Rodi nicht sonderlich viel zu bieten. Die Entwicklung der Geschichte ist weder originell noch zwingend, die Handlung mäandert eher ziellos umher. Auch darstellerisch wird bestenfalls Mittelmaß geboten. Die Hauptrolle spielt Rory Calhoun, der sich bis dahin vor allem als Western-Darsteller hervorgetan hatte. Die Kulissen hingegen sind ganz ansehnlich und auch die zahlreichen Massenszenen verfehlen ihre Wirkung nicht. So richtig monumental wird’s aber nie – der Abstand zu den Hollywood-Streifen jener Zeit ist dann doch gewaltig. Eine positive Erwähnung sind allerdings die Effekte wert. Das große Erdbeben zum Schluss wurde sehr effektvoll in Szene gesetzt und bringt Leones Debüt dann doch noch zu einem versöhnlichen Abschluss. Und so ist Il Colosso di Rodi ein zwar recht unterhaltsamer, aber auch mit großem Abstand Leones schwächster Film. Eine Auftragsarbeit, die ihm jedoch den Weg zu einer außergewöhnlichen, wenn auch leider nicht übermäßig produktiven Karriere ebnete. Dies alleine ist Grund genug, ihn immer mal wieder einer Sichtung zu unterziehen.

03 Mai 2015

THE BEGUILED (Don Siegel, 1971)

Die Sichtung des Films bin ich völlig unvorbereitet angegangen, d. h. ich hatte vorher weder etwas darüber gelesen noch wusste ich, worum es überhaupt geht. Dies erwies sich als Glücksfall, denn The Beguiled nimmt sowohl im Œuvre seines Hauptdarstellers als auch in dem seines Regisseurs eine Sonderstellung ein.

Das Filmplakat führt den Zuschauer auf eine falsche Fährte, wobei es mal dahingestellt sei, aus welchen Motiven die Gestaltung derart erfolgte. Nachdem Eastwood sich mit seinen vorherigen Filmen einen Namen als harter Hund gemacht hatte, ist er hier in einer für ihn ungewöhnlichen Opferrolle zu sehen: als Soldat der Unionisten wird er im Süden des Landes schwer verletzt und in einem Mädcheninternat gesund gepflegt. Obwohl schnell klar wird, dass die Leiterin des Internats beabsichtigt, ihn den Südstaatenpatrouillen zu übergeben, sobald er sich einigermaßen erholt hat, sieht die Lage für McBurney zunächst nicht sehr bedrohlich aus. Ihm gelingt es, die Damen nach und nach um den Finger zu wickeln, was weniger auf seinen Charme zurückzuführen ist als auf die lange Absenz von Männern und der daraus resultierende Mangel an männlicher Zuneigung. Doch je stärker die Dinge zu seinen Gunsten laufen, desto unvorsichtiger wird McBurney. Er merkt nicht, dass er den Bogen überspannt, obwohl ihm spätestens der Verrat der nymphomanen Carol Warnung genug hätte sein müssen. Und so nehmen die Dinge ihren Lauf – mit einer höchst unerfreulichen Wendung für McBurney. Doch auch nach der Amputation – ob sie medizinisch tatsächlich notwendig war oder aus Rache erfolgte, lässt Siegel bewusst im Dunkeln – meint er noch, die Lage im Griff zu haben. Statt zu versuchen, ohne weitere Schäden den Fängen der Damen zu entkommen, geht er immer weiter seinem Verhängnis entgegen. In seiner grenzenlosen Hybris bringt er alle gegen sich auf, selbst das Sklavenmädchen stößt er mit einer in Aussicht gestellten Vergewaltigung vor den Kopf. Und so bekommt er schließlich das, wonach er regelrecht gebettelt zu haben scheint...

The Beguiled ist eine etwas eigenartige, nichtsdestotrotz aber äußerst gelungene Mischung aus Bürgerkriegsfilm, Südstaatendrama, Kammerspiel und Psychothriller. Angesichts meiner bisherigen Begegnungen mit Siegels Werken hatte ich ihm Vieles zugetraut – einen solchen Film gewiss nicht. Umso erfreulicher, wie gut alles zusammenpasst und welch stimmiger Film The Beguiled geworden ist. Einen erheblichen Anteil daran haben die hervorragenden weiblichen Darsteller, von Geraldine Page über die spröde Elizabeth Hartman bis zur damals erst 12-jährigen Pamelyn Ferdin. Der Titel, der übersetzt so viel wie Der Getäuschte bedeutet, ist ebenso treffend wie vielsagend: McBurney schätzt die ganze Zeit über seine Lage völlig falsch ein; eine Kette von Irrtümern, die ihm schließlich zum Verhängnis wird. Wenn man unbedingt will, kann man The Beguiled natürlich auch als Demontage des von Eastwood bis dahin gepflegten Images des harten Mannes interpretieren. Muss man aber nicht. Doch klar ist: dem Mann ohne Namen wäre das nicht passiert...

01 Mai 2015

THE KILLERS (Robert Siodmak, 1946)

I'm through with all that runnin' around.

The Killers basiert ebenso wie der gleichnamige Siegel-Film, über den ich mich hier bereits ausgelassen habe, auf einer Kurzgeschichte Ernest Hemingways. Während die Sichtung des Siegel-Films damals in Unkenntnis der literarischen Vorlage erfolgte, habe ich die Geschichte inzwischen gelesen. Allerdings ist sie nur wenige Seiten lang, und so ist es umso interessanter zu sehen, was die beiden Regisseure daraus gemacht haben. Im Ergebnis sind beide Filme nämlich grundverschieden und verfolgen völlig unterschiedliche Ansätze. Während Siegel nur die Grundkonstellation – zwei Profikiller kommen in eine Stadt, um einen Mann zu töten, der dies gleichgültig hinnimmt – übernommen hat und die Geschichte aus Sicht der beiden Killer erzählt, hält sich Siodmak streng an die Vorlage. Die ersten 11 Minuten entsprechen nahezu 1:1 Hemingways Geschichte, selbst die Dialoge wurden größtenteils wörtlich übernommen. Im Anschluss daran entfaltet sich ein klassischer Film noir, der die Handlung aus Sicht des Versicherungsermittlers Jim Reardon schildert. Die Erzählung der Vorgeschichte erfolgt dabei nicht chronologisch, sondern in zahlreichen Rückblenden, und zwar jeweils aus der Perspektive des Zeugen, den Reardon gerade vernimmt. Als Zuschauer weiß man immer so viel wie der Ermittler. So setzt sich das Puzzle Stück für Stück zusammen und ergibt am Ende eine durchdachte und schlüssige Geschichte, die die Vorlage auf glaubwürdige Weise fortsetzt.

Die Art der Inszenierung verleiht The Killers eine dokumentarische Note und das geschickte Spiel mit Licht und Schatten erzeugt eine Atmosphäre, die zum Greifen dicht ist. Die Rolle der Femme fatale übernimmt Ava Gardner, die hier in ihrer ersten größeren Rolle zu sehen ist und u. a. Burt Lancaster (ebenfalls in seiner ersten Rolle) den Kopf verdreht. Punkten kann sie vor allem mit ihrer sinnlichen Ausstrahlung.

The Killers ist ein packender und höchst unterhaltsamer Film, der Siegels Version in nichts nachsteht. Wobei es sich aufgrund der vollkommen unterschiedlichen Ansätze ohnehin verbietet, Siegels Film als Remake des Siodmak-Werks zu bezeichnen. Und so sind aus Hemingways knapper Vorlage zwei ganz hervorragende Filme entstanden, wobei ich mich noch nicht mal festlegen könnte, welcher von beiden nun der Bessere ist.

30 April 2015

RIOT IN CELL BLOCK 11 (Don Siegel, 1954)


Eine frühe Regiearbeit von Don Siegel – übrigens mit Sam Peckinpah als Produktionsassistenten – die die Missstände in US-Gefängnissen in den 50er Jahren thematisiert und dies geschickt in einen spannenden Thriller verpackt.

Dass es sich dabei um eine Low-Budget-Produktion handelt, merkt man dem Film nicht an, wobei Siegel ja ohnehin für seine effiziente und kostengünstige Arbeitsweise bekannt war. Bei den Darstellern (wie auch dem Produzenten Walter Wanger) handelt es sich zum Teil um ehemalige Sträflinge. Gedreht wurde im bekannten Folsom State Prison, teilweise sogar mit echten Insassen und Wärtern in den Nebenrollen. Dies alles trägt erheblich zur Authentizität bei. Ungeachtet der Tatsache, dass in der Darstellerriege keine ganz großen Namen vertreten sind, macht diese ihre Sache durchgehend sehr ordentlich, allen voran Neville Brand als Rädelsführer und Emile Meyer als Gefängnisdirektor, der nicht zuletzt deshalb ein gewisses Verständnis für die Forderungen seiner Insassen hat, weil sie zum Teil seinen eigenen Forderungen gegenüber dem Land entsprechen, bei deren Durchsetzung er in der Vergangenheit gescheitert war. Infolgedessen steht man als Zuschauer dem Anliegen der Strafgefangenen offen gegenüber, ohne dass Siegel den Fehler macht, sich völlig auf deren Seite zu schlagen. So lässt er keinen Zweifel daran, dass die angewendeten Mittel zu verurteilen sind, macht jedoch auch klar, dass das Vorgehen der Aufständischen in erster Linie der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit geschuldet ist, die aus ihrem Dasein erwächst, beschäftigungslos in einem völlig überfüllten Gefängnis ohne Trennung zwischen Soziopathen, psychisch Kranken und sonstigen Straftätern dahinzuvegetieren. We're rotting to death – wie Dunn es ausdrückt.

Natürlich ist Siegel nicht als Fachmann für sozialpolitische Dramen bekannt und so überwiegen bei Riot in Cell Block 11 erwartungsgemäß die Thriller- und Actionelemente, die sich u. a. auch daraus ergeben, dass es unter den Aufständischen unterschiedliche Auffassungen hinsichtlich der Vorgehensweise und der Behandlung der Geiseln gibt. Die gewohnt geradlinige und schnörkellose Inszenierung und die sehr überschaubare Spielzeit von gerade mal 80 Minuten sorgen für äußerst kurzweilige Unterhaltung vor einem sozialpolitisch interessanten Hintergrund.

08 April 2015

EXODUS: GODS AND KINGS (Ridley Scott, 2014)

God is with US!

Exodus wurde von der Kritik einhellig zerrissen, doch lässt mich das völlig unbeeindruckt, zumal es angesichts des Regisseurs schon im Vorfeld klar war, dass der Film die für dessen Alterswerk fast schon typischen Schwächen aufweisen würde. Und so ist es dann auch: schwächelnde Dialoge und eine nicht immer schlüssige Story sind ja schon fast Standard bei Scott. Hinzu kommen historische Ungenauigkeiten, die sich angesichts der Tatsache, dass es sich bei Moses nicht um eine geschichtliche sondern nur um eine biblische Figur handelt, relativ leicht verschmerzen lassen. Schwerer fällt das schon mit Scotts Entscheidung, Gott als kleinen Jungen darzustellen. Und Christian Bales Moses ist auch nicht unbedingt das, was man als charismatischen Anführer bezeichnen würde. Auch der teilweise etwas schwülstige Score von Alberto Iglesias kann nicht völlig überzeugen. So weit, so schwach.

Und dennoch: Ich mag Ridley Scotts überheblichen, selbstgefälligen Inszenierungsstil, den er natürlich auch hier wieder bis zum Anschlag ausreizt. Im Gegensatz zu DeMilles Schinken bleibt man hier auch von christlichem Fundamentalismus verschont, soweit die Story dies zulässt. Exodus kommt jedenfalls deutlich bodenständiger daher und alleine deswegen schon weitaus sympathischer. Zudem hat er ungeachtet seiner zahlreichen Angriffspunkte auch nicht zu leugnende Stärken, wie z. B. die anfängliche Schlacht zwischen den Ägyptern und Hethitern, die überaus effektvolle Inszenierung der biblischen Plagen oder die mitreißende Verfolgungsjagd am Schluss, die den gewogenen Zuschauer über die sonstigen Defizite großzügig hinwegsehen lassen. Dies wird sicher nicht jedem gelingen, dazu muss man Scotts Stil schon mögen. Ich jedenfalls fühlte mich trotz einiger Längen drei Stunden lang recht gut unterhalten. 

03 April 2015

THE TEN COMMANDMENTS (Cecil B. DeMille, 1956)

Als ich heute beim morgendlichen Stuhlgang die Fernseh-Zeitschrift studierte und sah, dass DeMilles Monumentalschinken heute Abend gezeigt wird, fiel mir ein, dass der auch noch ungesehen bei mir rumliegt. 

Und da eine Sichtung dieses knapp vierstündigen Films im Privatfernsehen, vermutlich unterbrochen von zahllosen Werbepausen und dann auch noch synchronisiert, nur etwas für echte Masochisten ist, landete die Scheibe gleich heute Nachmittag im Player. Doch auch ohne Werbepausen war die Sichtung schon ermüdend genug. Als der Abspann kam, fühlte ich mich völlig erschöpft. Die erste Hälfte des Films ist sogar noch ganz ansehnlich und recht spannend erzählt, wenn auch mit etlichen Längen behaftet. In der zweiten Hälfte jedoch wird die fundamental-christliche Botschaft derart dick aufgetragen, dass es stellenweise kaum noch zu ertragen ist. Und so ertappte ich mich irgendwann dabei, dass ich mich auf die Seite der Ägypter geschlagen hatte, auch wenn meine Bibelkenntnisse immerhin so gefestigt sind, dass mir der Ausgang der Geschichte bekannt war. Wobei ich die Verkündung der zehn Gebote dann schon wieder witzig fand, insbesondere wenn es dann nach tausenden von Toten irgendwann heißt: Thou shalt not kill. Da konnte ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Bei allen Schwächen verfügt The Ten Commandments aber auch über eine Reihe von Schauwerten, die ihn zumindest noch in die Kategorie sehenswert einstufen. Dies sind in erster Linie natürlich die verschwenderisch prachtvollen Kulissen, Kostüme und Requisiten, die man heutzutage so nicht mehr zu sehen kriegt. Höchst beeindruckend auch die Verfolgungsszene mit 50 oder mehr echten Streitwagen, die eine ganz andere Wirkung entfaltet als die heute bei solchen Szenen üblichen CGI. Erstaunlich gut sieht auch die Teilung des Roten Meeres aus. Insgesamt nötigt einem der immense Aufwand, der für die Realisierung der Geschichte betrieben wurde und der dem Film auch jederzeit anzusehen ist, schon Respekt ab. Richtig genießen kann man es aufgrund der penetrant vorgetragenen Botschaften trotzdem nicht. Irgendwie schade.

01 April 2015

LA VÈNUS À LA FOURRURE (Roman Polanski, 2013)

Amüsante, kleine Komödie vom heimlichen Meister des Kammerspiels, der seine diesbezüglichen Fertigkeiten zuletzt mit dem hervorragenden Carnage nachgewiesen hat oder auch schon früher mit dem nunmehr zwanzig Jahre alten Death and the Maiden

La Vénus à la fourrure ist ein ziemlich braver Film, niemals schlüpfrig oder anzüglich, nie richtig böse, aber eben auch alles andere als platt. Getragen von zwei souveränen Darstellern – wobei der Franzose Mathieu Amalric lustigerweise genauso aussieht wie Roman Polanski in jüngeren Jahren (Zufall oder Absicht?) – und einer gehörigen Portion Dialogwitz vergeht die Zeit wie im Flug. Emmanuelle Seigner verfügt über eine erotische Ausstrahlung, wie sie nur eine Frau mit einer gewissen Reife und Lebenserfahrung haben kann, und so ist es nicht verwunderlich, dass der arme Thomas ihr bald mit Haut und Haar verfallen ist. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen den gespielten Rollen und den echten Personen zusehends, bis am Ende eine Differenzierung kaum noch möglich ist. Sehr unterhaltsam.